Montag, 9. April 2018

Stadt - Land im April: Die Menschen I


"Ein sehr komplexes aber auch hochinteressantes Thema im April: DIE MENSCHEN!", schreibt Susanne in diesem Post in ihrem April - Beitrag im Rahmen der Reihe "Stadt - Land". Das kann man wohl sagen! Etliches habe ich zu diesem Thema ja auch schon an dieser Stelle zu meinem Stadtviertel versucht. Heute will ich es einmal in Bezug auf meine ganze Stadt probieren...

Wie meinte mein französischer Schwiegersohn vor ein paar Tagen? Die Kölner sind wie die Amerikaner, freundlich, aufgeschlossen, an dir interessiert, dich integrierend. Doch sie können am nächsten Tag auch an dir vorbei gehen und dich gar nicht mehr erkennen. Uuups!


Aber zutreffend ist es irgendwie schon: Im benachbarten Bonn aufgewachsen, der damaligen Bundeshauptstadt, geprägt von Beamten aus allen Ecken der Republik, ist mir die zwanglose Kontaktaufnahme auf der Straße, im Geschäft, in der U-Bahn usw. nie so geglückt wie in Köln. Da gab es keinen Dünkel, kein Hochnäsigkeit, keine Berührungsangst ( und bei einem selbst war die so dann auch schnellstens verflogen )! Und das nicht nur an Karneval! Allerdings waren die so geschlossenen Kontakte auch nicht die tragfähigsten, wenn man mal auf Unterstützung, Zuverlässigkeit, Engagement angewiesen war. So what! Es war unterhaltsam, angenehm wie ein warmer Sommerregen, und gab einem das Gefühl erwünscht zu sein und dazu zu gehören.



Ich finde allerdings, dass diese dem anderen zugewandte Art in den über vierzig Jahren, die ich nun in dieser Millionenstadt lebe, zuletzt immer mehr verloren gegangen ist, sei es, weil echte Kölner eine aussterbende Spezies sind, sei es, dass ich zu alt bin, um für jüngere interessant zu sein ( obwohl das umgekehrt vor 40 Jahren kein Thema war: unsere Hausmitbewohner waren damals so alt wie wir heute und es war eine tolle Hausgemeinschaft ), sei es, dass die Leute beruflich & familiär viel mehr unter Druck stehen als unsereins und mit Scheuklappen herumrennen, dass sie aus anderen Gegenden der Republik kommen oder aus dem Ausland zugezogen und mental zugeknöpfter sind - ich weiß es einfach nicht.

( Aber kaum habe ich das so beschrieben, passiert es mir nun wieder: Beispielsweise überholt mich eine junge Frau und meint: "Da haben sie aber ein paar schöne Blümchen erstanden" zu den Hornveilchen in meinem Arm. Oder ich werde angesprochen auf meine farbenfrohe Kleidung am frühlingshaften vergangenen Samstag... )



Köln ist tatsächlich eine Stadt, die in den vergangenen fünf Jahren einen Bevölkerungszuwachs von 4,6 Prozent zu verzeichnen hatte. Ein Drittel der Bevölkerung ist inzwischen tatsächlich unter 30 Jahre alt und 47 Prozent der Einwohner haben irgendwie ausländische Wurzeln. Vertreten sind bei uns Menschen aus 180 Nationen ( darunter als größte Gruppe mit fast 94 000 Menschen die Türken, die auch die größte Gruppe mit doppelter Staatsbürgerschaft mit 26 379 Personen bilden ). In Köln hat der Wanderungssaldo der ausländischen Bevölkerung im Alter zwischen 18 und 30 Jahren in den letzten Jahren besonders stark zugenommen. Ob das alles meine Beobachtung erklären kann?



Andererseits weiß ich, seit ich mich bei meinem Geschichtsstudium vor fast fünfzig Jahren ( gezwungernermaßen damals, heute mit Gefühlen der Dankbarkeit ) mit "Ausgewählten Kapiteln aus der Stadtgeschichte Kölns" beschäftigen musste, dass sich die Bevölkerung dieser Stadt immer wieder durch Zuwanderung verändert & immer wieder - produktiv - erneuert hat:

Auf die von den Römern geschlagenen & vertriebenen keltischen Eburonen folgte die Ansiedlung der angeblich zivilisierteren germanischen Ubier, ließen sich römische Veteranen aus allen Regionen des großen, weitläufigen Reiches in der römisch begründeten Colonia nieder, deren Ende zu Beginn des 5. Jahrhunderts durch die Franken eingeläutet wurde. Vorher hatten sich schon Juden unter Kaiser Konstantin nach dem Fall Jerusalems in der Stadt angesiedelt. Auch sonst gab es in diesem Völkergemisch diverse Religionen, bis zu Beginn des 7. Jahrhunderts die Komplett - Christianisierung durchgesetzt worden ist.



Aufgemischt wurde diese religiöse Monokultur dann im 16. Jahrhundert, als protestantische Glaubensflüchtlinge aus Frankreich und vor allem den Niederlanden ( die sog. Geusen ) in die Stadt kamen. 1794 besetzten französische Truppen die Reichsstadt Köln und das linke Rheinufer wurde zeitweilig gar französisches Staatsgebiet. Sie brachten neben ihrer Sprache & ihrer Lebensart auch ihre Hygiene- & Ordnungsvorstellungen ein ( Hausnummern! ) und säkularisierten das bis dahin "Hillige Kölle". Schließlich fiel die Stadt 1814 in die Hände der Preußen, die einen kräftigen Schuss preußisch - protestantischer Mentalität dem bisherigen Gemisch zufügten ( und außerdem den Dombau vollendeten und eine Eisenbahnanbindung installierten ).

Und nach 1945 bekam die Stadt auch ihren Anteil ab an den 14 Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen aus den östlichen Gebieten des ehemaligen Reiches ( im Kölner Karneval gab es Spottlieder auf die "polnischen Kaczmareks" ). Sie alle haben ihre mehr oder weniger deutlichen Spuren, auch teilweise in der "Kölsch" genannten Sprache, hinterlassen, die übrigens auf eine nordmittelfränkische Mundart ( auch ripuarisch genannt ) zurückgeht. Mit einem gewissen Stolz wird diese Stadtbevölkerung immer wieder öffentlich mit diesem Lied besungen:


Ja, wie es im Lied auch schon anklingt, kamen in der Nachkriegszeit bald die "Gastarbeiter" dazu:

1961 waren das in Köln schon über 20 000, damals vor allem noch Italiener, Griechen und Spanier. Neun Jahre später waren es dann schon mehr als doppelt so viele - insgesamt fast 50 000 - darunter 17 500 mit türkischer Herkunft, 11 600 waren Italiener. Und noch einmal zehn Jahre später zählte die Statistik über 141 000 Ausländer in Köln, darunter rund 62 000 Türken und rund 23 000 Italiener. ( Über den millionsten Gastarbeiter in Deutschland, der damals in Köln in Empfang genommen wurde, ist hier die interessante Geschichte zu lesen. ) Und die alle brachten der Stadt den Ruf der südlichsten Stadt nördlich der Alpen ein.


Und auch die älteste nachgewiesene jüdische Gemeinschaft in Deutschland, die nach der Shoa Anfang der 1950er Jahre nur noch etwa 60 - 80 Personen zählte, ist vor allem durch Emigration aus Ost-Europa wieder auf etwa 3 500 Mitglieder angewachsen...

Wenn man dem Kölner Kabarettisten Jürgen Becker glaubt, dann hat das alles so seine Auswirkungen:
"Die Zugereisten sind die Vitaminspritzen gegen den Kater der Selbstbesoffenheit. So wurde auch der Dom letztlich von den Preußen zu Ende gebaut, deren Arbeitseifer die deutsche Geschichte geprägt hat. Wer hat denn vor 48 Jahren in nur wenigen Stunden eine halbe Stadt zugemauert? Die protestantischen Preußen in Berlin. In Köln hat man für eine einzige Kirche mehr als 600 Jahre gebraucht. Heute, (...) nach dem Mauerfall, muss man sagen: In Köln hätte man die Mauer niemals eingerissen - die wäre noch gar nicht fertig!" ( Quelle hier )


Seine Meinung - Köln ist als Gemeinwesen immer noch fröhlicher und lebendiger als andere deutsche Städte, weshalb der Zuzug in den rheinischen Kosmos stetig zunimmt - wird auch vom Stadtpsychologen, dem gebürtigen Niederrheiner Stephan Grünewald, der die Stadt auf seine Couch gelegt hat, geteilt:
"Köln hat im positiven Sinne Züge eines gallischen Dorfes. In Deutschland gibt es eine Tendenz zur coolen Gleichgültigkeit. Die Menschen betrachten das Leben wie eine Fernsehsendung, sind teilnahmslos und empfindungslos. Die Kölner sind nicht cool, sie sind immer mit der Seele dabei. Aber sie agieren nur schwerfällig. Im Land gibt es eine Tendenz, sich kalt zu machen, um mehr bewegen zu können. Zum Beispiel Leute entlassen oder ein ehrgeiziges Ziel durchboxen. Das will und kann der Kölner nicht. Die Kölner haben eindeutig das beglückendere Lebensmodell als der Rest der Republik. Die Deutschen laufen sich immer mehr im Hamsterrad des Alltags fest. Diese besinnungslose Betriebsamkeit birgt die Gefahr, eine ganz zentrale Lebenskompetenz zu verlieren." ( Quelle hier )


Das hat der Stadt und ihren Bewohnern natürlich auf Dauer ( und wegen diverser Katastrophen & Kataströphchen in den letzten Jahrzehnten ) auch den Ruch eingebracht, so etwas "wie Lothar Matthäus, aber eben als Stadt", zu sein:
"Seit Silvester ( 2015; Erg. durch mich ) steht die Stadt Köln in der Außen- und mehr und mehr auch in der Innenwahrnehmung für Inkompetenz und sexuelle Übergriffe. .... Köln kann keine Oper, keine U-Bahn, keine Polizei und erst recht keine Verwaltung – Köln kann Karneval." ( Quelle hier )
Doch wie der Psychologe auch weiß: "Der Zweifel an sich selbst fördert die Abschottung." Ist das vielleicht der Grund für meine Beobachtung? Nehmen die Menschen meiner Stadt die Haltung der Zugezogenen mit ihrem Hang zu Perfektion, zum Immer-Funktionieren an, statt der ( ehrlichen & abwartenden ) Kölner Maxime treu zu bleiben: "Et hätt noch emmer joot jejange."?

Hätt et doch!



... fragt Susanne und hat gleich einen ganzen Fragenkatalog parat. Ob ich mir den in diesem Monat noch weiter vorknöpfe, kann ich noch nicht voraussagen. Zu erzählen wäre da sicher noch Vieles...








Kommentare:

  1. Liebe Astrid, ich gestehe, ich war noch nie in Köln, aber vielleicht sollte ich das schnellstens nachholen..nur nicht im Fasching:-))
    glg Susanne

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  2. Liebe Astrid
    Ich war auch noch nie in Köln. Mag aber die Musik von Bap und Bläck Föös. Vor allem wegen der Mundart.
    Eines ist sicher, Köln ist eine Reise wert.
    Liebe Grüsse
    Barbara

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  3. Vor einigen Jahren war ich drei Tage in Köln. Vom Bahnhof kommend mit Koffer hat mir im Aufzug auf die Domplatte eine mir völlig unbekannte Frau ihre ganze Lebensgeschichte erzählt in geschätzten 10 Sekunden. Ich war platt! Das also ist Köln!?
    Aus Franken kommend, wo man das Herz nicht unbedingt auf der Zunge hat, war das für mich höchst überraschend.
    Meine Stadt Nürnberg, in der ich seit 45 Jahren lebe, ist da etwas anders gestrickt. Die Menschen sind hilfbereit und weltoffen, aber man merkt es nicht so leicht... man muss sie ansprechen, sie sprechen einen eher nicht an. Aber dann kommt man leicht ins Gespräch.
    Es gibt bei einer halben Million Einwohnern ca. 45000 russisch sprechende MitbewohnerInnen. Das ist eine ganz eigene Sphäre. Sie sind Deutsche, aber eben am liebsten unter sich. Russisch ist die am meisten gesprochene Fremdsprache bei uns. Und sie wird paradoxerweise von Deutschen gesprochen. Natürlich haben wir aber auch viele sonstige Nationalitäten hier bei uns und das Zusammenleben ist in den meisten Fällen gut und von großer Toleranz geprägt.
    Die Nazi-Vergangenheit wurde gründlich aufgearbeitet, das ist ein großes Verdienst dieser Stadt.
    Früher war unsere Stadt evangelisch und ganz früher auch ein Pfeiler der Reformation. Heute ist jeweils ein Drittel ev. , kath. und anders- oder nichtgläubig.
    Franken wurde vor gut 200 Jahren von Napoleon an Bayern geschenkt und damit annektiert. Das verzeiht der Franke nicht. Die erfinderischen und gewitzten Franken - und damit auch NürnbergerInnen - sind auch ein wenig gallisches Dorf, aber eben in Bayern.
    Das waren so ein paar Schlaglichter über die Menschen und ihre Situation hier.
    Mein Sohn hat über 10 Jahre in München gelebt und ist nun zurückgezogen nach Nürnberg. Er war total überrascht, welch weltoffene, kulturell lebendige und dennoch gemütliche Stadt er vorfand.

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  4. In Hamburg ist man natürlich korrekt und ordentlich und vertraut eher weniger darauf, dass es schon irgendwie gut gehen wird :) .

    P.S:
    Deine Frage zur DSVGO habe ich Dir bei deinem Kommentar bei mir im Blog ausführlich beantwortet.

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  5. Die Abschottung mag sehr gut her von der Überforderung rühren. Die Arbeitswelt ist heute nicht mehr die vor 40 Jahren. Kindererziehung ist geradezu pervers kompliziert geworden. Die Ansprüche von außen an die einzelne Person sind vom Marketing getrieben ... da darf man schon überfordert sein.

    Ruhe zum Nachdenken und zum Sich-selber-finden hat heute fast keiner, der gerade Vollgas im Leben steht. Und damit wird es dann auch zwischen den Menschen stiller.
    Beobachtend erlebt man das als Abschottung.

    Ich bin mit der Wirtschaft und der Arbeitswelt ziemlich böse, weil ich zuschaue, wie die Leute kämpfen um den Kopf über Wasser zu halten. Speziell in der "Rush hour" des Lebens.

    Ansonsten stimme ich dir ehrlich zu.
    Köln und Wien haben etwas gemeinsam. In Wien dauert auch immer alles 50 Jahre länger als anderswo. Man kommuniziert ins Blaue und läßt die Dinge gerne mal laufen: "Schau ma mal!"

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    1. Das sehe ich allerdings auch so, diese Überbeanspruchung durch berufliche Dinge, dieser Stress, wenn man Kinder hat, für die die Zeit fehlt. Wir Kolleginnen & Kollegen mit kleinen Kindern haben uns vor 35 Jahren gerne getroffen und nicht nur über die Arbeit kommuniziert...
      LG

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  6. Wieder einmal habe ich Interessantes über Köln erfahren. Ich bin wohl in den letzten Jahrzehnten zu Kleinstädter mutiert. Ob Köln oder die alte Heimat, der Ruhrpott, es ist mir zu groß, zu laut, zu voll. Selbst die Leute reden immer so ungewohnt laut, dass ich erst mal verschreckt einen Schritt zurück trete. Nee, liegt nicht am Alter, dieses Gefühl hatte ich schon mit Ende Zwanzig, nachdem ich an den See gezogen bin. Dafür bleibt man hier ewig ein Nei'schmeckter...
    Aber auch das ändert sich, weil zunehmend wohlhabendere Neubürger die alteingesessenen Familien wegen überhöhter Mieten und extrem hohen Grundstückspreisen verdrängen.
    Liebe Grüße
    Andrea

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    1. Nein, laut ist es hier wirklich nicht. Darüber wunderte sich auch die Tochter aus München wieder einmal, als sie vorletzte Nacht hier bei uns schlief. Wir hatten mal zeitweilig eine Nachbarin, die mit lauten Parties nervte und sich da sehr unzugänglich zeigte. Jetzt wohnt da der Sohn der Eigentümerin mit drei kleinen Kindern. Die hört man höchstens mal trappeln. Und an lauen Sommernächten bekommt man das Quatschen der Leute auf ihren Balkonen oder in den Gärten mit. Aber das ist eben: Summer in the City.
      LG

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  7. Ein super Beitrag. Jeden Satz hab ich gerne gelesen und viel geschmunzelt. Danke. Köln war die erste richtige Großstadt im Westen, die ich näher kennenlernen durfte. Das bleibt immer im Gedächtnis. Liebe Grüße

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