Donnerstag, 1. Februar 2018

Great Women # 129: Fatou Bensouda


Wenn man mir etwas in Bezug auf meiner Auswahl an bemerkenswerten Frauen vorwerfen kann, dann die Beschränkung auf Porträts von Frauen der westlichen Hemisphäre. Doch meine Ausflüge in den asiatischen Raum ( Sirimavo Bandaranaike, Banana Yoshimoto und in eingeschränktem Maße auch noch Leiko Ikemura ), den afrikanischen Kontinent ( Cesária Évora ) oder Lateinamerika ( Omara Portuondo, Astrud Gilberto ) fanden nie das große Interesse, das viele andere Frauen ( und vor allem bildende Künstlerinnen ) auszulösen vermochten. Doch überall auf unserer Erde sind sie zu finden, diese Great Women. Und ich gebe nicht auf. Afrika ist ein Kontinent, der mir am Herzen liegt, ein Kontinent der starken Frauen, die allen Katastrophen & Krisen dort zum Trotz die Bewältigung des Alltags ihrer Familien gewährleisten. Manche von ihnen geraten dann auch schon mal ins Scheinwerferlicht europäischer Medien. So eine ist Fatou Bensouda.

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Fatou Bensouda kommt am 31. Januar 1961 als Fatou Bom Nyang in Bathurst ( seit 1973 Banjul ) im westafrikanischen Gambia zur Welt, einem kleinen Land von heute 2 Millionen Einwohnern nördlich und südlich des Gambiaflusses gelegen, das sich wie eine Art Wurm in den Senegal "gebohrt" hat. Zur Zeit ihrer Geburt ist das Land noch eine englische Kolonie, die 1965 als konstitutionelle Monarchie ins Commonwealth aufgenommen und 1970 in eine Republik umgewandelt wird. Englisch ist bis heute die Amtssprache.

Hafen von Bathurst/Banjul
Fatous Vater, Omar Gaye Nyang, ein Regierungsbeamter ( und der prominenteste Wrestling-Promoter des Landes ) hat zwei Frauen, was ihm sein muslimischer Glaube gestattet, und gehört der Ethnie der Wolof an. Fatou wächst also in einer Großfamilie auf mit einem Dutzend Geschwistern & Halbgeschwistern.
"Mein größter Mentor war meine Mutter. Aber auch meine älteste Halbschwester hat mich immer unterstützt. Und sie waren nicht die einzigen, das ist ja gerade das Schöne in Afrika: die großen Gemeinschaften, in denen die Menschen dort leben. Da ist die Familie nicht auf Eltern und Geschwister begrenzt, da gehören auch sämtliche Onkel und Tanten dazu. Als Kind fühlt man sich in diesen Gemeinschaften sehr beschützt und geborgen, das macht einen stark." ( Quelle hier )
Fatous Eltern ist wichtig, dass all ihren Kindern die gleichen Ausbildungsmöglichkeiten offen stehen, Jungen wie Mädchen. Das ist in Gambia nicht selbstverständlich, wo ein Mädchen, selbst wenn es eine Schule besucht hat, nachher meistens wieder an den Herd zurückkehrt. In ihrer Kindheit ist die Schule nicht unerschwinglich, und nicht nur der Vater verdient Geld, sondern auch Mutter und Stiefmutter: Letztere verkauft viel auf dem Touristenmarkt, unter anderem wunderschöne, selbst gebatikte Stoffe. Auch die eigene Mutter ist Händlerin und kann Geld zur Seite legen für die Ausbildung der Kinder.

Als sie 12, 13 Jahre alt ist, erliegt der Vater seinem Diabetes - Leiden. Fatou verliert damit einen wichtigen Stützpfeiler, der vor allem verstanden hat, die Familie zusammenzuhalten: "Meine Familie war der Nährboden, der mir das Selbstvertrauen vermittelte, über mich hinauszuwachsen."

Ein wichtiges Erziehungsziel ist, ein nützliches Mitglied der Gesellschaft zu werden. "Sei kein Yafus", sagt man in Wolof, was heisst, dass man nicht nutzlos und faul sein und seinen Beitrag zur Gemeinschaft beitragen soll. Als ein einschneidendes Erlebnis wird Fatou später auch eine Begebenheit bezeichnen, als sie mitbekommt, wie der Vater eines Mitschülers diesen wegen seiner schlechteren Noten ( im Vergleich zu ihr ) beschimpft: "Wie kannst du es zulassen, dass ein Mädchen besser ist als du?" Die Erniedrigung, die sie dabei empfunden hat, münzt sie um und entwickelt den Ehrgeiz, niemals anhören zu müssen, sie sei eben schlechter, weil sie ein Mädchen ist.

Bildung betrachtet Fatou als ihre Rettung. Nach dem Besuch der Grund-, Sekundarschule und Highschool macht sie ihren Abschluss 1982 in Banjul  und bekommt ein Regierungsstipendium, um in Nigeria zu studieren ( bis 1998 hat Gambia keine eigene Universität ). Fatou entscheidet sich für die University of Ife und für das Fach Jura:
"In meiner Kindheit musste ich immer wieder miterleben, wie Menschen Unrecht angetan wurde, häusliche Gewalt zum Beispiel. Nicht in meiner eigenen Familie, aber in meiner Umgebung. Die Opfer konnten sich nicht wehren, und ich konnte nichts tun. Schon als Kind fasste ich deshalb den Entschluss: Wenn Du größer bist, musst du dafür sorgen, in eine Position zu kommen, in der du nicht mehr hilflos zuschauen musst, sondern helfen kannst. Das hat mich immer angetrieben." ( Quelle hier )
"Schon als Mädchen, das als Gerichtsschreiberin beim Obersten Gerichtshof Gambias arbeitete", erzählt sie heute, "hatte ich erlebt, wie sich mutige Frauen im gambischen Rechtssystem gegen sexuelle Gewalt wehrten." Dass Frauen "the protective embrace of the law" fehlt, ist ihr Motivation, ein solches Studium aufzunehmen.

An der University of Ife erwirbt sie den Bachelor of Law, ein Jahr später an der Nigeria Law School in Bwari die Befähigung zur Rechtsanwältin.

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1987 ernennt sie der damalige gambische Präsident Dawda Jawara zur Staatsanwältin, Oberstaatsanwältin und später dann zur stellvertretenden Leiterin der Staatsanwaltschaft.

Einer ihrer ersten Fälle ist die Vergewaltigung einer Schülerin auf der Schultoilette durch ihren Lehrer. Sie geht mit großer Leidenschaft diesen Fall an, um alle Beweise zusammenzubekommen und verliert die nötige Distanz, bis ihr ein erfahrener Kollege den Rat gibt, auch wenn die Sache schlimm ist, sie könne sie nicht ungeschehen machen. Und um ihre Aufgabe gut erfüllen zu können, benötige sie professionellen Abstand.

Schließlich spezialisiert sich die junge Juristin auf Internationales Seefahrtsrecht und geht dazu zum Studium am International Maritime Law Institute der IMO (International Maritime Organization), einer Institution der UNO, nach Malta. Dieses Aufbaustudium schließt sie 1991 mit einem Master ab und ist damit die erste Expertin ihres Landes auf diesem Gebiet.

Das ist alles recht beeindruckend, wenn man bedenkt, dass auch in ihrem Privatleben viel passiert, sie den Geschäftsmann Phillip ( Faisal Ben Gahli ) Bensouda noch während ihrer Studienzeit heiratet, der aus einer bedeutenden Familie mit marokkanisch - jüdischen Wurzeln kommt, und zwei Söhne zur Welt bringt ( später wird sie noch die Tochter ihrer Schwester adoptieren ).
"In vielen afrikanischen Ländern gab es damals eine Art populistische Hoffnung darauf, dass junge, nicht-korrumpierbare Militäroffiziere Schluss machen mit den Big Men, die jahrzehntelang ihre Länder heruntergewirtschaftet hatten. Diese Hoffnung lag anfangs auch auf dem gambischen Offizier Yahya Jammeh, der 1994 putschte und die langjährige Herrschaft des demokratisch gewählten, aber korrupten Präsidenten David Jawara beendete. Der Putschist war 29 Jahre alt." ( Quelle hier )
Der durch den Putsch an die Macht gekommene Jammeh beruft noch im gleichen Jahr Fatou als Rechtsberaterin, setzt die gerade mal 37jährige 1998 an die Spitze aller Staatsanwälte des Landes und macht sie so zur obersten Anklägerin und gleichzeitig Justizministerin Gambias. Damit sitzt Fatou auch am Kabinettstisch.

Formal lässt Jammeh Wahlen abhalten, faktisch befindet sich das kleinste Land Afrikas unter einer Militärdiktatur, die harsch gegen ihre Gegner vorgeht. Amnesty International erhebt alsbald - eine wohl fundierte - Kritik. Offensichtlich wehren sich auch einzelne Richter des Landes gegen den Gewaltmissbrauch der Sicherheitskräfte und der Regierung. Die Regierung beanstandet aber ihre Urteile und besteht auf harten Strafen für ihre Gegner. Diese Forderungen werden von den Staatsanwälten vertreten, deren Chefin Fatou Bensouda ist. "Es gab nie eine politische Einmischung in meine Arbeit", wird sie später dazu sagen. "Ich habe versucht, meine Unabhängigkeit zu bewahren, denn ich bin überzeugt davon, dass man in einer solchen Funktion nicht dem Präsidenten zu dienen hat, sondern dem Volk."

Bis heute bleibt von jenen zwei Jahren in der Regierung Jammehs aber ein schwarzer Fleck auf ihrer sonst so weißen Weste: Da sind einmal die Vorkommnisse um den Freispruch eines populären Imams, der sich mit Regimkritikern getroffen hat, den ihre Staatsanwälte immer wieder in Frage stellen und wovon sie erst auf internationale Intervention ablassen ( der Richter geht schließlich ins Exil ). Und zum anderen ihr Verhalten nach der von Jammeh angeordneten Ermordung seines früheren Gefährten, Leutnant Almamo Manneh, das wohl verhindert hat, dass seine Familie den Toten beerdigen konnte.

Fatou und Phillip Bensouda
Es gibt aber auch Menschenrechtsgruppen, die hervorheben,  dass Fatou strenge Maßnahmen ergriffen und Verbrechen gegen Frauen und Kinder verfolgt hat.

Letztendlich entlässt der umstrittene Herrscher seine Justizministerin, während sie sich im Ausland aufhält, im Jahr 2000. Kritisch wird sie sich nie dazu wie zu seiner Person äußern.

Auch ihr Mann Phillip Bensouda steht hoch in der Gunst des Staatschefs, er wickelt nämlich einen millionenschweren Rohöl-Deal für ihn ab. Zwei Jahre später kommt es zu einem heftigen öffentlichen Streit,  genau zu dem Zeitpunkt, als auch Fatou aus ihrem Amt entlassen wird.

Es folgt ein kurzes Intermezzo in der Privatwirtschaft - sie arbeitet als Geschäftsführerin der Internationalen Handels- und Industriebank in Gambia - und in einer eigenen Kanzlei, bevor Fatou Bensouda 2002 nach Kigali zieht, der Hauptstadt Ruandas, um Rechtsberaterin am Ruandatribunal des Internationalen Strafgerichtshofs,  welches den Völkermord an den Tutsis im Jahre 1994 ahndet, zu werden. Später wird sie dort Prozessanwältin und anschließend Senior Legal Adviser und Leiterin der Rechtsberatungsstelle.
"Während ich in Gambia war, habe ich viele sehr ernste Fälle verfolgt, Morde und Vergewaltigungen und so weiter, aber ich muss sagen, dass mich nichts auf die Ungeheuerlichkeit der Verbrechen vorbereitet hat, mit denen ich in Ruanda zu tun hatte. Es umfasste eine massive Anzahl von Opfern, eine große Zahl von Tätern, sehr schwere Gräueltaten, Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord." ( Quelle hier )
Eine Installation von Bildern von Opfern des Genozids in Ruanda von 1994
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Im Jahr 2004 wählt die Versammlung der Vertragsstaaten des Internationalen Strafgerichtshofs Fatou Bensouda zur stellvertretenden Staatsanwältin unter dem damaligen Chefankläger Luis Moreno Ocampo.

Was ist der Internationale Strafgerichtshof, kurz IStGH, ICC oder CPI ?

Dazu ein etwas ausführlicherer Exkurs:
Der Internationale Strafgerichtshof ist eine internationale Organisation im völkerrechtlichen Sinn, aber kein Teil der Vereinten Nationen. Seine juristische Grundlage ist das multilaterale Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs vom 17. Juli 1998. Am 1. Juli 2002 nahm dieses Gericht seine Tätigkeit auf und verfolgt Verbrechen des Völkerstrafrechts wie Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen, wenn sie nach 1998 geschehen sind. Der Internationale Strafgerichtshof besitzt keine universelle, jedoch eine weitreichende Zuständigkeit, die im Statut festgeschrieben ist. Seine Kompetenz hat gegenüber der nationalen Gerichtsbarkeit einen nachgeordneten Rang, das heißt, dass Gericht kann eine Tat nur verfolgen, wenn die nationale Strafverfolgung nicht möglich oder staatlich nicht gewollt ist. Sein Sitz ist in Den Haag. 
In nur fünf Wochen haben die damals 5000 Delegierte aus 160 Ländern einen Meilenstein in der Geschichte des Völkerrechts erreicht und eines der gewagtesten politischen Experimente seit den Nürnberger Prozessen angeleiert. Es sollten in Zukunft also nicht nur belanglose Verbrechen "kleiner Leute" verfolgt werden können, sondern auch die Verbrechen derjenigen, die im Besitz großer Macht sind und diese vorsätzlich und gezielt missbrauchen. Unter den 160 Staaten befanden sich alle europäischen, aber auch 34 aus Afrika, 120 davon stimmten dem Statut zu. Russland, China, die Vereinigten Staaten, Israel, Sudan, Syrien und die Türkei waren nicht dabei. Angeklagt werden kann nur ein Täter, der einem Land angehört, das das Statut ratifiziert hat.
Der erste Fall, mit dem sich der Gerichtshof zu befassen hat, ist der des Josef Kony und seiner Rebellen - "Afrikas brutalste Miliz" -, die die ugandische Regierung stürzen und einen christlich - fundamentalistischen Gottesstaat errichten wollten. 2002 massakrieren sie aufs Grausamste im Norden Ugandas die Volksgruppe der Acholi. Der ugandische Präsident Yoweri Museveni schickt Ende 2003 Unterlagen an den Strafgerichtshof zwecks Überprüfung, Anfang 2004 eröffnet das Gericht seine Untersuchung, im Juli 2005 lässt das Gericht über ugandische Lokalsender Haftbefehle gegen Josef Kony und einige seiner Kommandeure verkünden. Kaum ist das geschehen, hagelt es Kritik von vielen Seiten, weil die Vergehen der ugandischen Armee und der Milizen nicht geahndet werden.
Der Strafgerichtshof ist allerdings ein "Gigant ohne Beine" ( Klaus Cress ) und kann diese Haftbefehle nicht selbst vollstrecken - Josef Kony befindet sich heute unter sudanesischem Schutz in Dschanub Darfur. Ein weiterer Fall ist der des sudanesischen Staatspräsidenten Omar al-Bashir, der wegen der vielen Toten in Darfur und der 3 Millionen Vertriebenen zur Rechenschaft gezogen werden soll. 2009 wird ein Haftbefehl ausgestellt, 2010 sogar wegen Völkermords - aber bis heute kann al-Bashir unbehelligt reisen, auch in Unterzeichnerstaaten des Römischen Statuts wie Südafrika und Uganda. 2014 setzt Fatou Bensouda die Ermittlungen bis auf weiteres aus...

2004 kommt Fatou Bensouda also als Vizechefanklägerin von Kigali nach Den Haag. Von Carla del Ponte wird sie mit den Worten eingeführt: "Es wird deine Aufgabe sein, Fatou, die Idee des Völkerstrafrechts weiterzuentwickeln."

Sieben Fälle allein aus afrikanischen Staaten hat sie zu bearbeiten, darunter den des oben erwähnten sudanesischen Präsidenten Omar al-Baschir, außerdem stehen Milizenchefs aus der Demokratischen Republik Kongo, kenianische Politiker, der Sohn von Libyens früherem Machthaber Muammar al-Gaddafi, Seif al-Islam, und der ehemalige Staatschef der Elfenbeinküste, Laurent Gbagbo, auf der Liste der IStGH-Ankläger. Sie weiß:
"Man wird uns Steine in den Weg legen. Man wird versuchen, unsere Zeugen einzuschüchtern. Man wird alles unternehmen, um uns an unserer Arbeit zu hindern. Aber genau das motiviert mich weiterzumachen. Es kann mich nicht stoppen. Ich bin überzeugt, dass jedes Opfer, das Gerechtigkeit widerfährt, diese Welt verändert."
Fatou Bensouda auf dem Weg zum Gerichtshof
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Wie steckt sie all die Kritik, all die Niederlagen, all die Anfeindungen, die sie vor allem auch von afrikanischer Seite erhält, weg?

Vor allem seit der Anklage des sudanesischen Präsidenten al - Baschir sind viele afrikanische Regierungen nicht gut zu sprechen auf den Internationalen Strafgerichtshof, weil zum ersten Mal ein amtierender Regierungschef auf die Anklagebank soll. Man beschimpft das Gericht als "rassistisch" und "neo-kolonial" und nennt seine Anklagevertreterin "einschüchternd". ( Dass alleine fünf der zehn Verfahren, die Afrikaner betreffen, auf Initiative des betroffenen Landes eingeleitet worden sind, verdrängt man geflissentlich. )

Es ist ihr Optimismus ( "Wer es in diesem Beruf nicht ist, der ist am falschen Platz.") und ihre tiefe Überzeugung, dass der Erfolg des Internationalen Strafrechts immer größer werden wird, der Fatou Bensouda aufrecht hält. Sie beeindruckt in Den Haag außerdem mit ihrem Wissen und ihrer sachlichen, besonnenen Art, die so ganz anders ist als die ihres Chefs, des aufbrausenden Argentiniers Louis Moreno Ocampo, der nicht nur mit seinem Führungsstil aneckt, sondern auch seinen unkonventionellen Ermittlungsmethoden.

So erstaunt es nicht, dass die afrikanische Juristin am 12. Dezember 2011 ohne Gegenkandidaten in das Amt der Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofes gewählt wird, als Nachfolgerin des umstrittenen Louis Moreno Ocampo. Im Jahr darauf, im Juni 2012, nimmt sie diese Arbeit auf.

Als erste Anklage erwägt sie, einen Vorfall auf dem Schiff Mavi Marmara, bei dem 2010 acht unbewaffnete Türken und ein Amerikaner mit türkischen Wurzel getötet und mehrere andere Aktivisten von israelischen Kommandos verletzt worden sind, als Kriegsverbrechen vor das Gericht zu bringen, entscheidet letztendlich aber nach ihren Vorermittlungen, dass der Fall eine Untersuchung des Internationalen Strafgerichtshofs nicht rechtfertigt.

Spektakulär kommt auch ihr Vorstoß vom November 2017 an, als Fatou dem Gericht empfiehlt, eine Anklage wegen Menschenrechtsverstößen während des Afghanistankriegs zu erwägen, aufgrund von Vergewaltigungen und Folterungen durch die Streitkräfte der Vereinigten Staaten und der CIA, aber auch Verbrechen gegen die Menschlichkeit durch die Taliban und Kriegsverbrechen der afghanischen Sicherheitskräfte.  Der amerikanische Botschafter bei den Vereinten Nationen,  John Bolton,  lehnt diese Klage mit der Begründung ab, dass das Internationale Strafgericht nicht über die USA zu Gericht sitzen kann, da diese den Vertrag von Rom nicht ratifiziert haben.

"Letztendlich haben wir also nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Denn wir müssen handeln, wenn Verbrechen auf dem Territorium eines Vertragsstaates geschehen und dieser Staat nichts dagegen unternimmt. Zum anderen müssen wir dann aber auch sicherstellen, dass wir das durchziehen können, haben aber manchmal gar nicht die Ressourcen dazu. Ich denke nicht, dass eine Anklägerin sich in der Situation wiederfinden sollte, in der sie das Mandat, das sie von den Staaten selbst erhalten hat, aus Etatgründen nicht ausüben kann. Das beeinträchtigt nicht nur meine Arbeit, sondern auch meine Unabhängigkeit", erklärt sie die Hintergründe für manche Entscheidung, die oft nicht auf Gegenliebe stoßen.

Kritiker an Fatou Bensoudas Arbeit sollten sich aber einmal auch die materiellen & personellen Bedingungen klar machen, unter denen diese stattfinden:

Der Internationale Strafgerichtshof
in einem Dokumentarfilm von 2013
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Der Internationale Gerichtshof hat 2017 über ein Jahresbudget von 144, 6 Millionen Euro verfügt - 15 Millionen bezahlt davon die Bundesrepublik, das sind 18 Cent pro deutscher Bürger - und ist damit eine recht preiswerte Organisation. Was das aber für konkrete Auswirkungen hat, kann man am Beispiel der Ermittler deutlich machen: Das Internationale Strafgericht bräuchte pro Fall prinzipiell 16 Ermittler, hat aber meist nur 9 zur Verfügung. Zur Klärung des Falls des norwegischen Massenmörders Anders Breivik mit 77 Toten wurden 100 Ermittler eingesetzt, für die Klärung des Flugzeugabsturzes der Malaysia Airlines 2014 über der Ukraine mit 298 getöteten Menschen gar 900!

"Mit Afrikanern in wichtigen Positionen können wir Vorurteile zerstreuen, das Gericht würde nur afrikanische Fälle verfolgen", hat sie bei Antritt ihrer Funktion als Chefanklägerin verkündet. "Ich bin Anklägerin von 121 Staaten, nicht nur der afrikanischen." Doch immer wieder wird versucht, Fatou Bensouda Voreingenommenheit vorzuwerfen, ironischerweise gerade von afrikanischer Seite. Dort kursieren Missverständnisse und "haarsträubende Lügen, wie das Gericht werde von den USA finanziert, obwohl die nicht einmal Vertragspartner sind." Im Oktober 2016 kündigen Burundi, Südafrika und Gambia an, ihren Beitritt rückgängig zu machen. Doch nach dem Machtwechsel in Gambia verspricht der neue Präsident, weiter Mitglied zu bleiben. Es folgen klare Bekenntnisse von Nigeria, Senegal, Botswana oder Sierra Leone zum Internationalen Strafgerichtshof in 2017, so dass die Krise vorerst überstanden zu sein scheint.
"Dieser Kontinent liegt mir sehr am Herzen. Ich bin zutiefst besorgt über die ungewisse Zukunft unserer Kinder. Ich bin zutiefst besorgt über das Unrecht, das hier herrscht. Ich möchte wirklich erleben, wie sich der Kontinent aus der jetzigen Situation erhebt. Es kann keine Entwicklung geben auf der Basis von Unrecht. Es kann keine Entwicklung geben auf der Basis von Ungewissheit. Ohne Rechtsstaatlichkeit kann es keine Verantwortlichkeit geben. Das gehört zusammen", sagt sie bei einem Interview im Rundfunk.
Viele - nicht nur afrikanische - Kritiker, bringen auch immer wieder aufs Tapet, warum das Gericht sich nicht mit den offensichtlichen Kriegsverbrechen in Syrien oder anderen nahöstlichen Ländern beschäftigt. Die Antwort ist einfach, scheint aber gerne überhört zu werden und kann nicht der Chefanklägerin angelastet werden: Syrien, Jemen und fast alle Staaten des Nahen und Mittleren Ostens haben das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs von 1998 nicht mitgetragen, fallen also nicht in seine Zuständigkeit. Dass der UN-Sicherheitsrat Syrien als Fall an den ICC überweist, ist unwahrscheinlich, da sowohl Russland als auch die USA dies mit ihrem Veto zu verhindern wissen.

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Fatou Bensouda, vor der sich afrikanische Diktatoren zu fürchten scheinen und die deshalb auch immer wieder angegangen wird, auch von europäischen Medien, ist eine leise Chefanklägerin, eine besonnene Juristin, wohl überlegt und eine Persönlichkeit ausstrahlend, die weiß was sie will. Sie will einzig mit ihrer sorgfältigen Arbeit überzeugen, nicht mit ihrem Auftreten oder indiskreten Einblicken in ihr Privatleben.

In den Statements ihrer Mitarbeiter wird immer wieder hervorgehoben, dass sie mutig und integer ist und dass ihre Mitarbeiter voll und ganz hinter ihr stehen. James Stewart, stellvertretender Chefankläger aus Kanada, bestätigt ihr, dass sie ein Arbeitsklima zu schaffen vermag, in dem die Menschen verschiedenster Herkunft und Vorbildung das Gefühl haben, an einem Strang zu ziehen: "Wenn man es wie wir mit derart schrecklichen Situationen zu tun hat, ist es um so wichtiger, dass wir uns untereinander unterstützen."

Ihr Auftreten in den von ihr einmal jährlich veranstalteten "Town Hall Meetings" mit all ihren Mitarbeitern gleicht tatsächlich - auch wenn es ganz das Klischee der afrikanischen Frau ist - dem einer "Big Mama", einer, die lange freundlich bleibt und wenn es ernst wird, sich vor ihre Schützlinge stellt. Eine, die nicht zurückweicht.

Fahndungsplakat des ICC
"Es geht in diesem Prozess um Gewalt und Elend, die das Leben von Millionen von Menschen, die in Nord Uganda lebten, zerstörten."
Mit diesen Worten hat Fatou Bensouda als Chefanklägerin am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag am 6. Dezember 2016  ihre Anklagevorwürfe gegen Dominic Ongwen eingeleitet - ihr derzeit wichtigster Fall.

Ongwen soll als ein Anführer der ugandischen Terrorgruppe LRA des Josef Kony Kinder aus ihren Familien verschleppt, als Soldaten missbraucht und zum Töten gezwungen haben. Mädchen und junge Frauen wurden entführt und als Sklavinnen gehalten, vergewaltigt und gefoltert, erschossen, totgeschlagen mit Knüppeln oder Macheten.

Die Taten, die die Chefanklägerin in ihrer Anklage schildert, sind unvorstellbar brutal. Als Brigadegeneral sei Ongwen dafür verantwortlich. Zwei Verhandlungstage benötigt sie, um die Vorwürfe in ihrem ganzen Ausmaß zu darzustellen. Der Prozess hält bis heute an.

Fatou Bensouda begrüßt  zu Prozessbeginn
einen Verteidiger Ongwens
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Mit dem Verfahren betritt das Gericht Neuland, denn Ongwen ist selbst Opfer gewesen, bevor er zum Täter wurde. Der Internationale Gerichtshof hat einst entschieden, dass Kinder unter 18 Jahren, die entführt worden sind und Kriegsverbrechen begehen, als Opfer angesehen werden.

Zehn Jahre alt ist Ongwen gewesen, als die LRA ihn gekidnappt, zweiunddreißig, als er sich gestellt hat. Das Gericht muss erst einmal klären, ob und inwieweit er sich für seine Taten verantworten muss. 74 Zeugen und 5.800 Beweisstücke wie Funkmitschnitte, Fotos und Videos werden dazu herangezogen.

Möge es durch diesen Prozess gelingen, dass die internationale Gerichtsbarkeit weiter an Kraft gewinnt! Und ich hoffe, liebe Leserinnen, lieber Leser, dass es mir mit diesem Post über Fatou Bensouda geglückt ist, einen umfassenderen Einblick in diese, ihre Arbeit in all ihrer Kompliziertheit zu geben...







Kommentare:

  1. Liebe Astrid,
    danke für den sehr interessanten Bericht über diese beeindruckende Frau! Lieben Gruß
    Gabi

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  2. So gut zusammengefasst, liebe Astrid. Und so wichtig. Gut, dass es solche unnachlässigen Frauen gibt. Danke, Taija

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  3. Auch von mir ein großes Dankeschön liebe Astrid. Sicher kennt man das ein oder andere, doch nicht in Verbindung mit dieser beeindruckenden Frdu, die es zurecht in deine „Great Woman“ geschafft hat. Toller Post ❤️
    Liebste Grüße
    Christel

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  4. Eine starke Frau! Vielen Dank für den so informativen Bericht. Grüße von Rela

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  5. Wow. Was für ein Einsatz. Wahrscheinlich hat sie Recht und es ist eine Menge Optimismus nötig, um so einen Job zu machen - mit so wenigen Ermittlern, Staaten, die nicht mitspielen wollen usw. Beeindruckend!

    Liebe Grüße
    Sabrina

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  6. So viel Recherche! Die Zeit musste ich mir jetzt nehmen. Ich kann mir vorstellen, wie viel Arbeit hinter solchen posts steckt.
    Eine beeindruckende Frau. Für mich persönlich sind europäische Frauen nicht interessanter. Es geht ja um die Geschichte hinter den Frauen - egal wo sie geboren wurden oder leben. Im Gegenteil, solche eher seltenen Einblicke finde ich besonders spannend.
    Liebe Grüße

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  7. Ein wirklich sehr umfassender, spannender Bericht!
    Liebe Grüße
    Andrea

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  8. Eindrucksvoll Dein Bericht über diese spannende Frau und auch über den Internationalen Gerichtshof. In diesen Zusammenhängen kannte ich das noch nicht so. Du hast einfach toll herausgearbeitet.
    Dass jemand nicht nur eine reine Weste hat, finde ich ganz besonders interessant. Darüber kann man etwas spekulieren, was da wohl war während dieser Zeit und welche Beweggründe sie da hatte.
    Toller Post, Danke!
    GLG Sieglinde

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  9. "Vorwerfen" und dieswe Serie... das geht irgendwie nicht zusammen!
    Ich finde es logisch, dass man in seinem Umfeld über so tolle Frauen stolpert, dass man einfach mal damit beginnt was offensichtlich vor einem liegt. Du blickst natürlich gerne über den Tellerrand uns suchst dir auch Damen von weiter her... fein so! Freut mich!

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  10. Danke, liebe Astrid!
    Es bleibt eine Ausnahme, noch immer, dass eine Frau, erst recht eine Frau aus Afrika, eine so wichtige internationale Rolle spielt.
    Das mit der weißen Weste ist ja so eine Sache. Wer kann nach so vielen Jahren ergründen und beweisen, was ihre Beweggründe waren, wem sie vielleicht helfen konnte durch evt. Stillhalten der Diktatur gegenüber. Dafür gibt es in der Geschichte unseres Landes auch genug Beispiele. Jemanden für Schatten auf seinem Leben zu verurteilen geht ja immer sehr schnell.
    Was mich auch sehr berührt ist die Geschichte des brutalen Konyanhängers Ongwen. Welches Unrecht ist an ihm begangen worden, wie grauenhaft ist es, dass Kinder zu Folterknechten und Mordmaschinen gemacht werden. Hier ist aus Schuld und Opfertum ein furchtbares Monstrum entstanden. Unentwirrbar. Dies trotzdem weiter zu verfolgen nötigt mir größten Respekt ab.

    Lieben Lisagruß!

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  11. eine sehr interessante Frau
    die sich durch all das Elend und die Grusamkeiten die sie begutachten und auch verhandeln muss
    nicht hat beugen und verbittern lassen
    leider gibt es in diesen Ländern sehr wenige Frauen die es doch schaffen aus ihrer "Rolle" auszubrechen
    sie sollten den anderen Mut machen
    liebe Grüße
    Rosi

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  12. ein so spannender bericht! ich habe ihn fast atemlos gelesen und bin tief beeindruckt von dieser frau. all die grausamen taten der menschheit immer im blick zu haben, ohne verrückt zu werden und immer weiter zu verfolgen, ist schon eine enorme leistung.
    lg, mano

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  13. Beeindruckend - sowohl die Dame als auch Dein Bericht darüber.
    Ich freue mich auch sehr über eine Person des aktuellen Zeitgeschehens zu lesen.

    Vielen Dank dafür
    Astrid rechtsrheinisch

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  14. Eine beeindruckende Frau, ein bedrückender Beruf, eine so wichtige Stellung, die sie innehat. Größte Hochachtung. Ich danke Dir für den interessanten Bericht, Deine Recherchen. Lieben Abendgruß, Eva

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