Einen Teil meiner Kindheit & meine Jugend habe ich - wie schon oft erwähnt - in Bonn verbracht. Und wie das so ist, wenn man einen von der Fliegerei begeisterten Vater hat: Man kommt um Besuche des kleinen Flugplatzes auf der anderen Rheinseite, in Hangelar, nicht vorbei. Dass in den Anfangstagen dieses Flugplatzes zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Frau eine nicht unwesentliche Rolle spielte, war mir bis vor ein paar Monaten nicht bekannt. Nur durch Zufall bin ich auf diese Frau gestoßen, deren Todestag sich heute zum 63. Mal jährt: Tony Werntgen.
![]() |
| Source |
![]() |
| Source |
![]() |
| Bruno & Tony Werntgen ( undatiert ) Copyright: Ullstein Bild/ Timeline Images |
Am 20. Juli 1910 gegen 8 Uhr abends glückt dem Sohn mit seinem Eindecker aus eigener Produktion, der mit einem Drei-Zylinder-Motor mit einer Stärke von 30 PS ausgestattet ist, bei Windstille ein bemerkenswerter Flug - übrigens sein erster Alleinflug!
„Ein Erfolg deutscher Flugtechnik. Gestern Abend konnte auf dem Flugfeld in Köppern ein anerkennenswerter Flug beobachtet werden. Dieses Ereignis verdient umsomehr Beachtung, da der Eindecker aus deutschem Material und der Apparat in dem deutschen flugtechnischen Institut in Köppern hergestellt wurde.“
![]() |
| Source |
Auf dem Gelände des erwähnten Vereins in Köln-Niehl ( damals noch Merheim geheißen ) gründet Tony ein neues Flugunternehmen. Sie erhält bald viele Anfragen aus den Städten an Rhein und Ruhr, ob sie & ihr Sohn dort Schauflüge veranstalten könnten, und schließt entsprechende Verträge über die Abhaltung von Flugtagen ab.
Doch mit welchem Flugzeug sollten sie starten? Seit der Zwangsversteigerung der zwei selbst konstruierten Maschinen des „Deutschen Flugtechnischen Instituts“ in Köppern steht dem Paar ja kein Flugzeug mehr zur Verfügung.
Wie überzeugt & begeistert Tony vom Fliegen ist - und wie sehr sie damit andere anstecken kann - , lässt sich daran ablesen, dass es ihr recht schnell gelingt, bei wohlhabenden Verwandten das nötige Geld für die Anschaffung eines neuen Flugzeuges locker zu machen: Schon im März 1911 kann Bruno in Johannisthal bei Berlin einen Dorner-Eindecker mit Körtingmotor kaufen. ( Bei Hermann Dorner hat er seinerzeit seine Ausbildung zum Piloten absolviert. ) Und bereits am 1. Mai 1911 startet Bruno mit diesem neuen Flieger auf dem Exerzierplatz Merheim, um sich in eine Höhe von hundert Metern aufzuschwingen und einige Runden zu fliegen. Tony ist bald als Copilotin mit von der Partie.
Ein erster Schauflug findet dann zwei Wochen später in Holten bei Oberhausen statt. Und einen Tag später gewinnt Bruno schon seinen ersten Preis in Höhe von 500 Mark. Dafür musste er den Rathausturm der Stadt Hamborn umfliegen und dann nach Holten zurückkehren. Dieser Flug macht die Werntgens im Rheinland noch berühmter.
Doch es schlägt ihnen auch Neid & Missgunst entgegen: Vor der Teilnahme am „Deutschen Zuverlässigkeitsflug am Oberrhein" wird bei der Überführung des Flugzeuges das Höhensteuer gestohlen. Aber Bruno weiß sich zu helfen und schafft selbst Ersatz. Beim Start schlagen dann noch Flammen aus dem Motor!
![]() |
| Bruno & Tony im Sommer 1911 in Gräfrath Source |
Tony scheint auf ihrem Gebiet ebenso versiert zu sein, denn die Kauffrau weiß aus der Flugbegeisterung jener Tage Kapital zu schlagen: Wer eine Ausbildung bis zur Flugzeugführerprüfung bei ihr ablegen will, muss insgesamt 3000 Mark hinblättern. Und Bruno trägt zusätzlich zum Einkommen bei, indem er alleine im Jahr 1911 40 Prozent der ausgesetzten Preisgelder einheimst.
Solche Schauflüge sind übrigens in jener Zeit ein beliebtes "Event", mit all den Auswüchsen, die wir heutzutage bei ähnlich begehrten Ereignissen beobachten können. So kommen alleine zum Schaufliegen am 15. Oktober 1911 in der Hangelarer Heide 30 000 Zuschauer!
Die Erfolge der Werntgens erregen denn auch die Aufmerksamkeit des Militärs: Ab September 1911 unternimmt Bruno auch militärische Flüge. Das „Politische Tageblatt“ in Aachen beurteilt diese allerdings so: „Das Beobachtungsresultat war gleich 0."
Richtig unerfreulich für die Firma ist aber die Nachricht, die Tony am 6. Dezember 1911 lesen kann:
„Aus Köln wird gemeldet: Der Flieger Werntgen, der gegen das Verbot der Militärverwaltung die Festung Köln ohne Genehmigung des Gouvernements überflogen hatte, darf in Köln nicht mehr fliegen. Während die Militärverwaltung bisher den Exerzierplatz Merheim-Niehl für Flugübungen kostenlos zur Verfügung stellte, soll dieses Entgegenkommen mit Ende dieses Jahres aufgehoben werden. Die städtische Verwaltung wurde in diesem Sinne durch die Militärverwaltung verständigt.“Typisch Tony Werntgen: Stante pede spricht sie beim zuständigen Gouverneur vor und macht ihm klar, dass bei den Flügen der Werntgens keine Spionagegefahr bestehe. Er könne sich bei einem Mitflug selbst davon überzeugen. Leider hält der Mann gar nichts vom Fliegen und lehnt das Angebot entrüstet ab. Am nächsten Morgen erhält Tony dann auch schon das offizielle Schreiben mit dem Verbot der Flugübungen über dem Festungsgebiet von Köln.
Ein harter Schlag: Der Brief des Gouverneurs bedeutet für Tony den vollkommenen Zusammenbruch ihrer zweiten Firma, denn sie hat laufende Verpflichtungen zu erfüllen:
„Wir vergaben tausende Aufträge, die immer aus den Eingängen bezahlt werden mussten. Wenn die Eingänge nun aber aufhörten? Keiner streckte uns den geringsten Betrag vor, denn es gab ja genug Unfälle in der Fliegerei und wenn ich einmal einen von den Geschäftsleuten bat, mit der Rechnung den nächsten Tag wiederzukommen, sagte er wohl: Nä, Madam, dat jet nit. Mer wisse nit, ob er morje noch do sit. Et wären et ja schad, äwwr wat machen we dan?“ schreibt sie später dazu.Tony reist daraufhin ( mit Empfehlungen rheinischer Adeliger in der Tasche ) nach Berlin, um beim Kriegsminister selbst vorzusprechen. Dort sagt man ihr: „Fahren Sie unbesorgt nach Köln zurück und fliegen Sie einstweilen weiter.“
Zuversichtlich kehrt sie also heim und soll sogar übermütig einen Alleinflug mit ihrem Dorner - Eindecker gewagt haben. Doch eine Böe bringt die Maschine zum Absturz, und Tony muss ins Krankenhaus. Ihre Abwesenheit ist dem Geschäft nicht sehr zuträglich, und sie muss vom Krankenbett aus alles tun, um einen erneuten Untergang ihres Flugunternehmens zu verhindern. Doch die Probleme werden immer größer.
Da bietet sich überraschend eine Lösung an: Der Bruder des deutschen Kaisers Wilhelm II., Heinrich Prinz von Preußen, Besitzer von Pilotenschein Nr. 38, unterstützt "Fliegerkameraden", wo er kann, und er lässt Tony per Telefon das Angebot unterbreiten, nach Bonn umzuziehen, um auf dem Truppenübungsplatz auf der Hangelarer Heide ihre Flugversuche & die Weiterentwicklung der Flugapparate fortzusetzen.
Das Angebot, das man ihr 1912 unterbreitet, ist großzügig:
Der Platz auf der Hangelarer Heide soll den Werntgens 20 Jahre zur Verfügung stehen, mit der einzigen Bedingung, ihn einmal im Jahr für kurze Zeit der Truppe zu überlassen und mit ihren Flugzeugen bei Manövern mitzuwirken. Auch eine Platzmiete ist nicht zu zahlen. Dankbar nimmt Tony an.
Am 20. April 1912 treffen die ersten Flugzeuge der Werntgens in Hangelar ein. Weil diese Maschinen aber nicht im Freien stehen können, sich der Bau einer neuen Flugzeughalle allerdings verzögert, stellen die Bonner Husaren gar ein großes Pferdezelt für sie auf. Tony selbst residiert vorübergehend im Bonner Hotel "Zum goldenen Stern" und nimmt dort die Anmeldungen für die Pilotenschule oder Passagierflüge auf - der Flugbetrieb der Werntgens soll keinen Tag unterbrochen werden!
Sie investiert viel Geld in den Bau einer Werkstatt, einer Flugschule und eines Sportflugplatzes. 1912 entsteht in ihrem Unternehmen auch ein Wasserflugzeug mit einem 100 PS starken Motor. Sie requiriert finanzielle Unterstützung für ihre Flugschauen, z.B. von der Stadt Bonn. Im Gegenzug dürfen Stadtverordnete mitfliegen, aber auch Journalisten, die mit ihren Berichten die Flugbegeisterung bei der Bevölkerung weiter anheizen. Aber auch sie selbst fliegt nun regelmäßig mit, um aus der Luft den Fortschritt ihrer Baumaßnahmen zu betrachten. Ein ungutes Gefühl scheint sie aber zu beschleichen, wenn sie an die Höhe ihrer Kredite denkt.
Bruno fliegt von Erfolg zu Erfolg, muss aber auch viele Unfälle & technische Misslichkeiten hinnehmen. Die machen ihm und seiner Mutter immer wieder deutlich, wie weit sie von der Vollendung entfernt sind, nach der alle Flugbegeisterten streben.
Anfang 1913 erfolgt die Gründung der "Werntgen Flugunternehmen GmbH", einer Gesellschaft zum Bau von Flugzeugen. Im Februar 1913 ist das neue Flugzeug namens „PK102“, das Bruno Werntgen zusammen mit seiner Belegschaft produziert hat, fertig. Auf diese Maschine setzt das Paar große Hoffnungen, denn es soll der fliegenden Truppe zum Kauf angeboten werden. Um die Bauaktivitäten auf dem Flugplatz finanzieren zu können, ist man auf solche Einkünfte dringend angewiesen.
Doch dieses Flugzeug mit einem 106 PS starken Motor und eine Höchstgeschwindigkeit von 170 Stundenkilometern wird dem jungen Piloten zum Verhängnis:
![]() |
| Source |
Erst zweieinhalb Monate nach dem tödlichen Absturz startet auf der Hangelarer Heide erstmals wieder ein Flugzeug: Am Steuer sitzt ein Flugschüler Brunos.
Doch ohne ihren Sohn kann Tony Werntgen das Unternehmen nicht weiter betreiben. Sie kommt in Zahlungsschwierigkeiten und im November 1913 erfährt sie erneut eine weitere Zwangsversteigerung. Sie lebt noch eine Weile in Bonn ( was ein Angebot an die Armeeverwaltung zu Beginn des 1. Weltkrieges belegt, der sie sich als Kraftfahrzeugfahrerin zu Verfügung stellt ), bevor sie - nunmehr 41 jährig - den Bankbeamten und Opernsänger Josef Johannes Lindlar aus Koblenz am 25. August 1916 in Bad Ems heiratet. Zwölf Jahre später wird diese Ehe in Köln wieder geschieden. Sie zieht nach Berlin, wo auch ihr zweiter Sohn Erik lebt.
![]() |
| Source |
Im November 1943 wird ihr Sohn Erik bei einem Luftangriff auf Berlin schwer verletzt, als er in einem Luftschutzkeller verschüttet wird. Wie seine Mutter gelangt er aber noch in die Gegend des Attersees in Oberösterreich, wo er am 1. April 1944 stirbt.
Bis zum Kriegsende erhält Tony für ihre Verdienste in der Luftfahrtindustrie einen kleinen Ehrensold. Nach dem Zweiten Weltkrieg fällt dieser weg, und Tony lebt verarmt in der Nähe ihres Bruders Wilhelm in einer kleinen Dachstube in Johannisberg im Rheingau.
![]() |
| Tony Werntgen rechts Source |
Am 23. Juli 1953 wird ihr in Wiesbaden für ihren Beitrag zur frühen Luftfahrt das Bundesverdienstkreuz verliehen. Nach langer Krankheit stirbt Tony Werntgen am 5. Januar 1954 im Heilig-Geist-Krankenhaus in Bingen am Rhein. Die Urne der "Fliegermutter" wird im Ehrengrab ihres Sohnes auf dem Bonner Nordfriedhof beigesetzt.
Zum 80. Geburtstag des Flugplatzes Bonn-Hangelar wird 1989 an der südöstlichen Außenwand der alten Flugzeughalle eine Gedenktafel für Bruno Werntgen angebracht.
2009, zum hundertjährigen Jubiläum des „Deutschen Flugtechnischen Instituts“, wird an seinem ehemaligen Standort in Köppern ein Gedenkstein für beide Werntgens aufgestellt. An sie erinnern heute auch Straßennamen in St. Augustin, Köln, Duisburg und Koblenz.
Tony Werntgens Beitrag zur Verwirklichung des uralten Menschheitstraumes vom Fliegen mit all den Mitteln, die ihr aufgrund ihrer Persönlichkeit zur Verfügung gestanden haben, möchte ich mit diesem Post endlich einmal würdigen. Ihren Traum habe ich immer geteilt, und Ausdauer, Leidenschaft & Engagement für eine Herzenssache ist mir nicht fremd, so dass ich mich in sie gut hineinversetzen kann.










guten morgen astrid. hatte gar nicht vor, das alles zu lesen ;o) nun doch. ging ja gar nicht anders. mensch. interessant. was für ein leben. ich bin nicht so. hätte es an mir gelegen, es gäbe kein einziges flugzeug. unvorstellbar also diese geschichte. hast du fein geschrieben!
AntwortenLöschendie tabea grüßt
Liebe Astrid
AntwortenLöschenWas für eine bewundernswerte und starke Frau. Bis heute hatte ich keine Ahnung, dass eine Frau so viel für die Fliegerei getan hat. Vielen Dank für deinen tollen Post.
Liebe Grüsse
Barbara
Und sie ist nicht die einzige! Über eine, die Gräfin Schenk von Stauffenberg, habe ich ja auch schon geschrieben...
LöschenGLG
Wirklich beeindruckend solche Frauen,ich hätte den Mut leider nicht,interessanter Post.
AntwortenLöschenLG Sigi
Heute mal anonym, da per Handy.
Dass Frauen zu den tollkühnsten Fliegern gehören, wußte ich, aber nicht, dass eine Frau auch an der Entwicklung der Fliegerei beteiligt war. Erstaunlich, diese Frau.
AntwortenLöschenWar wieder ein sehr interessanter Post.
Lieben Gruß
Katala
Wie immer sehr interessant. Wie mutig und unerschrocken. Bewundernswert. Danke für das Recherchieren und Aufschreiben. Schöne Erinnerung.
AntwortenLöschenWieder eine spannende Geschichte einer innovativen Frau. Wie schön, dass sie nicht vergessen ist.
AntwortenLöschenLiebe Grüße
Andrea
Das hat mich jetzt total gefesselt. Spannende Frau. Danke fürs vorstellen. Eisige grüße aus Wien Martina
AntwortenLöschenHallo Astrid,
AntwortenLöschenwieder mal eine interessante "Great Women" die du uns da vorgestellt hast.
Liebe Grüße, Kerstin
Was für eine interessante Entdeckung! Obwohl Lokalpatriotin und sehr flugaffin, hatte ich von Tony Werntgen noch nie gehört. Vielen Dank für diese Geschichte.
AntwortenLöschenLG, Bele
Liebe Astrid, diese Frau ist für mich jetzt eine Entdeckung. Wieder was gelernt bei Dir.
AntwortenLöschenLG
Magdalena
wow
AntwortenLöschenwas für eine willensstarke und bemerkenswerte Frau..
ich habe nie etwas von ihr gehört..
dabei ist sie ganz in meiner Nähe gestorben..
liebe Grüße
Rosi