Freitag, 30. September 2016

Von Raif, allerhand Preisen, Infos & einem Aufschrei


Nach wie vor habe ich keine Neuigkeiten zum Zustand Raif Badawis und dem Stand der Dinge. Ich weiß nur, dass Ensaf Haidar unaufhörlich in seiner Sache unterwegs ist ( zuletzt in Schweden ) und die österreichischen Grünen wieder etwas über ein Dutzend Menschen für die 92. Mahnwache mobilisieren konnten. Über den Blogger selbst findet man nichts mehr im Netz. 


Allerdings ist Anfang der Woche bekannt geworden, wer die Preisträgerinnen des Raif Badawi Awards 2016 sind: Ausgewählt wurden die Frauen der Radiostation "Dange Nwe Halabja" ( Kurdisch für "Neue Stimme aus Halabja" ) - Hevy Izat Ahmed, Hanine Hassan, Suzan Yahya, Layla Mohammed. Als ehemalige Flüchtlinge betreiben sie im Irak/Syrien ihren Sender und kümmern sich in der durch die kriegerischen Auseinandersetzungen destabilisierten Region um die alltäglichen Probleme der Menschen dort ( hier habe ich über die Nominierten gepostet ).

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Bekannt geworden ist vor einer Woche auch, wer in diesem Jahr den Sacharow Preis des Europaparlaments erhalten wird, der im Vorjahr Raif Badawi verliehen worden ist. Mit dem türkischen Journalisten Can Dündar ist wiederum ein Preisträger aus der momentanen Hauptkrisenregion der Welt erwählt worden.

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Gegen Dündar, Ex-Chefredakteur der regierungskritischen türkischen Zeitung "Cumhuriyet", hat gerade ein Prozess in Istanbul wegen angeblicher Terrorunterstützung in seiner Abwesenheit begonnen.
Er ist gemeinsam mit dem "Cumhuriyet"-Hauptstadtbüroleiter Erdem Gül angeklagt, "eine bewaffnete Terrororganisation vorsätzlich und willentlich unterstützt" zu haben. Die Anklage fordert bis zu zehn Jahre Haft für die Beiden. Dündar hatte sich im Juli aber bereits ins europäische Ausland abgesetzt. Dieser Prozess ist abgetrennt von einem Verfahren, bei dem Dündar und Gül im Mai wegen Geheimnisverrats zu fünf Jahren und zehn Monaten beziehungsweise fünf Jahren Haft verurteilt worden waren.
Grundlage für beide Prozesse ist die Veröffentlichung geheimer Dokumente in der "Cumhuriyet", die türkische Waffenlieferungen an Islamisten in Syrien 2015 belegen. Gegen das Urteil haben Dündar und Gül Berufung eingelegt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen nun vor, gemeinsame Sache mit der Bewegung des Predigers Fethullah Gülen zu machen, den die Regierung für den Putschversuch in der Türkei Mitte Juli verantwortlich macht.
In Deutschland hatte Dündar den Kurs der Bundesregierung gegenüber der Türkei scharf kritisiert und ihr vorgeworfen, militärische oder staatliche Interessen auf Kosten der demokratischen Entwicklung den Vorzug zu geben.


Die Zeitung "Cumhuriyet" ist gerade auch mit dem Alternativen Nobelpreis 2016 gewürdigt worden für ihren Einsatz für Menschenrechte und Meinungsfreiheit. Die Zeitung - mit einer Auflage von 53.000 Exemplaren täglich - ist seit 1993 als Stiftung registriert und finanziert sich hauptsächlich über ihre Leser. Fünf Mitarbeiter der Zeitung sind im Laufe der Jahre ermordet, etliche vor Gericht gestellt worden. Während des versuchten Militärputsches gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan Mitte Juli 2016 wurden viele Kolumnisten der Zeitung verhaftet. Chefredakteur Can Dündar trat nach dem Prozess gegen ihn im August 2016 von seinem Posten zurück.


Ach ja, bleiben wir noch ein wenig bei der Türkei, die zuletzt wieder völlig aus den Schlagzeilen und dem westlichen Blick geraten ist:

Zweieinhalb Monate nach der Niederschlagung des Putschversuches vermeldete der Justizminister Bekir Bozdag am Mittwoch: "Um die 32.000 Menschen wurden verhaftet, und der Prozess geht weiter. So, wie es neue Verhaftungen geben kann, könnten Inhaftierte unter Auflagen entlassen oder freigelassen werden." Mehr als 50.000 Menschen wurden per Notstandsdekret aus dem öffentlichen Dienst entlassen, weil ihnen eine Verbindung zu Gülen unterstellt wird. Ihre Namen wurden im Amtsanzeiger veröffentlicht, ohne dass sie verurteilt worden wären. Per Dekret wurden zudem Dutzende Medien geschlossen.
"Die Schrauben der Unterdrückung werden immer stärker angezogen. Am Mittwochabend, nach einem sechsstündigen Treffen, wurde verkündet, dass der Nationale Sicherheitsrat, dessen Vorsitzender Präsident Erdoğan ist, beschlossen habe, eine Verlängerung des Ausnahmezustands zu empfehlen", berichtet Yavuz Baydar an dieser Stelle. Und  weiter: "Wie sollen sie  ( die Medien - Erg. durch mich ) gegen die Korruption kämpfen, wenn sie selbst ihre Geisel sind? Das ist einer der beunruhigendsten Aspekte des Niedergangs der Türkei."

In dieser Woche wurde ja auch der Jahrestag der bundesrepublikanischen Islamkonferenz gefeiert. Auf die DITIB, die hierzulande die Interessen des türkischen Präsidenten vertritt, sich aber auch als Interessenvertreterin von vier Millionen Muslimen in Deutschland in der Islamkonferenz versteht, ( obwohl nur ein Viertel der hier lebenden Muslime in den diversen Islamverbänden organisiert sind ) bin ich ja schon öfter zu sprechen gekommen und habe das Thema auch vor einer Woche aufgegriffen. Hier ist ein Beitrag von Aziz Bozkurt nachzulesen, der die Argumentation noch einmal vertieft.

Durch unsere Verfassung ist so etwas wie die Islamkonferenz übrigens gar nicht abgedeckt, denn nach dem Verständnis des Grundgesetzes von Zivilgesellschaft sollen sich staatliche Behörden NICHT in religiöse Angelegenheiten mischen. Das sei hier nur noch einmal ausdrücklich betont...


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Eigentlich kotzt mich aber das ganze Kreisen um uns hier im sicheren Europa an angesichts der Hölle auf Erden namens Aleppo...

Darüber müsste ich eigentlich schreiben. Die Tatsachen verschlagen mir die Sprache...

Meine Gewissheit, dass wir Menschen aus den großen Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts gelernt und unter Einsatz ganz Vieler seit dem letzten Weltkrieg Einrichtungen & Vereinbarungen geschaffen haben, die ein friedlicheres Miteinander für möglichst alle auf dieser Erde garantieren sollten, ist völlig implodiert, und ich fühle mich völlig hilflos.

Ich vermisse auch einen Aufschrei in dieser, meiner Bloggerwelt, die doch sonst nicht ohne Empathie ist...



Kommentare:

  1. ich fühle mich genauso hilflos wie du - ich kann nichtmehr schreien.
    und von empathiebekundungen wird die lage ja nicht besser. nur "machen" ist in dieser situation ja nicht drin so 1:1. da sind kräfte am werke denen ist es völlig wurscht ob der rest der weltbevölkerung gegen sie ist.
    wer olympiaden nach china und russland verschiebt blinzelt auch nicht wenn in aleppo die menschen draufgehen. und terroranschläge in der westlichen welt sind ein willkommener anlass die leute von ihren wahren problemen abzulenken und helfen ausserdem beim wahlkampf.
    ich kann gar nicht so viel fressen...etc...
    xxx

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  2. Aleppo war für mich das Stichwort: ich bin immer wieder fassungslos was dort geschieht ohne das wir alles mitbekommen; wochenlang hören wir nichts und es scheint in Vergessenheit geraten und dann- Waffenruhe und ein Hoffnungsschimmer für wie lange??? keine Acht Tage und dann ist das Elend der Menschen vor Ort nicht mehr wichtig ??? !! Ich verstehe es nicht - nichts dazu gelernt in der Menschheit !!! Den alternativen Nobelpreis habe ich sehr wohl mitverfolgt und bin froh das er an die Journalisten geht, sie sind diejenigen die sich vor Ort für die Menschenrechte einsetzen- genau wie der ermordete Journalist Hrant Dink von dem ich mal berichtet habe.
    Ich bin froh, dass du unermüdlich über kritische Themen berichtest, denn es ermutigt mich ( und hoffentlich auch andere Bloggerinnen ) nicht nur über < seichte und heile< Welt zu erzählen.
    Danke und Gruß zu dir
    heiDE

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  3. bei mir wollen sich die Nackenhaare gar nicht mehr bei legen bei all dem Schrecklichen war ich lesen und hören muss..
    vor allem dsas es tatsächlich Menschen gibt die so tun als gänge sie das alles gar nichts an..
    die Respektlosigkeit vor Mensch und Umwelt wird immer größer..
    und ich fürchte.. irgendwann werden wir den Preis dafür zahlen müssen..
    auch die die nichts dafür können..
    was kommt hier nur für eine Menschheit an die "Oberfläche"
    ich habe gestern eine Sendung gesehen in der Moderatorinnen beschrieben haben wie sie im Net beschimpft werden..
    haben diese Leute keine Kinderstube genossen??
    Aleppo ist besonders schlimm.. und es wird nur geredet und geredet..wer traut sich denn endlich den Russen richtig auf die Füße zu treten
    aber was können wir tun.. leider gar nichts..
    nur die Erinnerung hochhalten ..
    wie armelsig ist es z.B. dass ein reiches Land wie Dänemark sich vor 21 000 Flüchtlingen fürchtet..
    oder Ungarn vor ein paar Hundert..
    was ist nur los mit der Menschheit..
    ach.. es ist einfach zu erbärmlich..
    ich geh jetzt erst mal wieder schöne Bilder schauen :(
    liebe Grüße
    Rosi

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  4. Man sollte sich vielleicht von der Illusion verabschieden, der Mensch an sich sei edel, hilfreich und gut. Friedensbewegte Worte helfen da auch nicht weiter und militärische Eingriffe sind verpönt.
    Bleibt noch das:
    https://www.change.org/p/merkel-und-obama-handeln-sie-jetzt-und-retten-sie-unsere-leben-in-aleppo
    https://www.change.org/p/syrien-hunderttausende-zivilisten-brauchen-lebensmittel-und-medizinische-hilfe
    Gute Nacht

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  5. der Mensch ist meistens so wie er erzogen wurde
    und da ist in den letzten Jahren der Geiz ist geil Generation wohl Einiges schief gelaufen
    auch viele Ältere.. die es eigentlich besser wissen müssten
    beharren auf der Theorie..
    ich hab mir alles selber schaffen müssen.. ich geb nichts her..
    darüber dass auch die Leute die sie jetzt ablehnen ihre Renten zahlen werden denken die Wenigsten nach
    LG
    Rosi

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  6. Ich bezweifele, dass es wirklich Jahre der Ruhe und den Friedens waren, die hinter uns liegen, sondern dass das Grauen einfach nur geografisch weiter von uns entfernt geschah und wir es noch einfacher von uns wegschieben konnten.
    All unser Wohlstand, den wir mit Zähnen und Klauen verteidigen, gründet sich doch eigentlich nur auf Ausbeutung, Unterdrückung in anderen Ländern, Zusammenarbeit mit diktatorischen Regimen, Waffenhandel etc.
    Doch, ich habe auch mal gehofft, dass die Menschen aus den Katastrophen der Vergangenheit lernen würden. Dem ist aber leider nicht so. Im Gegenteil.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  7. ja.. Kriege und Unterdrückung gab es schon immer.. aber ich glaube es hat sich doch gehäuft..
    habe gestern einen Bericht gesehen über die Kinder im Irak..
    sie werden mit schwersten Missbildungen geboren.. grauenhaft..
    bekommen schon mit einem Jahr Krebs oder sterben gleich bei der Geburt
    man nimmt an dass es die Munition der Amerikaner war ..
    sie war mit abgereichertem Uran gefertigt..
    solche Kinder habe ich noch nicht gesehen ..einfach grauenvoll
    und diese Mumition soll immer noch eingesetzt werden
    http://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/sendung/swr/2013/irak-uranmunition-100.html

    da in Aleppo auch bunkerbrechende Bomben eingesetzt werden fürchte ich dass dort auch so eine "Schweinerei" passiert..
    es ist einfach nur noch zum kübeln.. :(
    Rosi

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  8. ich träume inzwischen von diesem grauen in aleppo, wache auf, kann nicht mehr schlafen und fühle mich so extrem hilflos. ja, auf change.org kann man unterschreiben (getan), aber das ist nicht mal ein tropfen auf den heißen stein. kein aufschrei, weil allen alles zu viel ist? weil man es nicht mehr ertragen kann?
    trotz alledem wünsche ich dir persönlich ein erfülltes wochenende.
    lg, mano

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  9. Zunächst einmal: die richtigen haben die Preise bekommen. Dann: hilft das ? Was den Aufschrei betrifft: ich könnte hier des öfteren schreiben, habe es ja auch mehrfach getan, aber die Reaktionen sind eher zurückhaltend. Ich habe inzwischen auch Zweifel, ob die Menschheit lernfähig ist. Am meisten ärgert mich, dass dem lauten Gegröle so wenig entgegengesetzt wird. Es gibt nur eine Sprache, die der Mob versteht, das ist eine klare Ansage, dass Straftaten nicht geduldet werden. Lassen wir uns überraschen, wie das Wochenende in Dresden verläuft.
    LG
    Magdalena

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  10. Ich seufze gerade tief auf... Freue mich über die Preisträger! Und frage mich so oft, was ich mit meinen Möglichkeiten tun kann, bei change.org, attac usw. bin ich regelmäßig Gast. Es ist so ernüchternd, wenn man immer wieder erlebt, wie insbesondere wirtschaftspolitisches Kalkül immer wieder Umstände und Zustände duldet (oder gar verursacht) und wir das einfach nicht wahrhaben wollen, zumindest nicht bei unseren Schnäppchenjagden. Erstaunt bin ich auch, wie wenig fremdes Leid interessiert, solange es weit genug weg ist. Auf FB berichtet ein deutscher Arzt regelmäßig über die katastrophalen Zustände in griechischen Flüchtlingslagern. Er ist dort seit Monaten mobil tätig und es sind dennoch nur Tropfen auf den heißen Stein, was er allein mit seiner Mannschaft tun kann. Aber wir haben sie aus den Augen, und damit aus dem Sinn? Und jammern vor uns hin. Ich versuche mit meinen Mitteln aufzuklären und immer wieder auch andere Perspektiven in den Blick zu nehmen, die uns die Mainstream-Medien vorenthalten. Aber manchmal verlässt mich die Energie... Zu solch umfangreichen Recherchen und messerscharfen Interpretationen wie du fehlt mir irgendwie die innere Kraft. Hab Dank, du Liebe, dass du uns nicht in Ruhe lässt. Ich finde das gut. Auch wenn es manche vielleicht nervt oder es ihnen "Wurscht" ist, es ist einfach gut, wenn eine Bloggerin wie du auch so ein Stachel im Fleisch ist! Herzlich Ghislana

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Der Kommentar ist für den Blogger wie der Applaus im Theater - also: worauf wartest du?

Aber bitte nicht vollkommen anonym - ein Name ist erwünscht! Und ein gewisses Maß an Herzensbildung auch - ansonsten schalte ich den Kommentar nicht mehr frei. Das kann auch schon mal dauern - dann bin ich vom Schreiben neuer Posts gefesselt!

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