Montag, 8. September 2014

{ Familien- } Erinnerungen



Bei ihrem letzten Besuch bei meinen Eltern vor über einer Woche hat meine Schwester die Schränke der Mutter aufgeräumt und dabei die ( überaus zahlreiche ) Bettwäsche so organisiert, dass sie oder ihre Helfer gut an die Sachen herankommen.

Dabei ist ihr ein kleiner, vergilbter & löchriger Kissenbezug mit dem Monogramm der Mutter in die Hände gefallen - ein Relikt aus vergangenen Tagen.



Unsere Mutter war sehr gerührt...

Es ist ein Kissenbezug, den ihr ihre Mutter hastig angefertigt hatte ( das schließe ich aus der wenig sorgfältigen Stickerei, die so gar nicht aussieht wie die, die ich von meiner Großmutter sonst so kenne ), bevor die Tochter gegen Ende des Krieges vor dem Herannahen der Front aus der großen östlichen Industriestadt aufs Land geschickt wurde.

Die Großmutter & die Mutter haben sich gottseidank  in den Wirren des Kriegsendes wiedergefunden, waren jahrelang unterwegs, weil keiner sie haben wollte, bis sie letztendlich in Badisch Sibirien untergebracht wurden.




Meine Mutter hatte als 16jährige alles verloren: ihr Zuhause, ein Leben in bürgerlichem Wohlstand, eine abgeschlossene Schulausbildung. Ein paar ( materielle ) Dinge sind ihr geblieben und kamen auch mir als Kind immer wie ein großer Schatz vor ( ihr schönes Poesiealbum, eine Literaturgeschichte, ein silbernes Kinderarmband, Vergissmeinnicht - Ohrringe, Windmühlen mit Glimmer bestreut für den Weihnachtsbaum, eine überschaubare Anzahl von Fotos und eben ein paar bestickte Wäschestücke wie das Kissen ).

Meine Schwester bat mich, die Stickerei & die böhmischen Glasknöpfe zu retten und ein neues Kissen damit anzufertigen. Das habe ich dann auch getan, dabei immer im Kopf die Geschichten der geliebten Oma & der Mutter. Im Internet habe ich mir dann Fotos der Landschaft gesucht, in der meine Mutter glückliche Kindertage verbracht hat (ganz oben rechts & auf der 2. Collage oben links via ) und festgestellt, dass es doch auch für mich einmal an der Zeit wäre, auf den Spuren meiner mütterlichen Vorfahren zu reisen...

Kombiniert habe ich die Fotos mit aktuellen aus Bad. Sibirien. Und das Monogramm habe ich mittels dieser Stickdatei mit einer Damastserviette der Mülheimer Großmutter des Herrn K. "vermählt", die die Familie bei mir abgelegt hatte ( "Du interessierst dich doch für so was..." ).

Ja, mir bedeuten solche Lebensspuren etwas...



Kommentare:

  1. Wie schön, das ist ja so ein wertvolles Kissen!
    Ja, Krieg ist so sinnlos! Meine Mutter hat auch alles verloren, inkl. Brüdern...
    Was Menschen einander seit Jahrhunderten antun ist erschreckend! erst gestern habe ich mich noch gewundert, dass bei all dem Gemetzel und Krankheiten, sich die Gattung Mensch noch nicht selber ausgerottet hat.

    Nachdenkliche, aber ganz herzliche Grüße
    Martina

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  2. wundervoll von dir bewahrt- familiengeschichte und "rettungsaktion". ich bin mütterlicherseits auch eine "vertriebene" und müsste auch mal wieder nach breslau fahren...
    liebst birgit

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  3. Das sind Wurzel liebe Astrid. Eine Geschichte die zu Deiner gehört.
    Das rührt.
    Ich habe den Verlobungsring meiner Großmutter und immer wenn ich ihn anschaue macht sich eine Kiste mit Erinnerungen auf und Geschichten die ich nicht erlebt habe aber die zu mir gehören.

    Ganz liebe Grüße von Annette

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    1. Das hast du schön in Worte gefasst, Annette! Liebe Grüße!

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  4. Wie schön, so etwas Altes zum Anfassen und Erinnern noch zu haben. Und dein Post dazu berührt... Ich mag auch alte Spuren..., zwei habe auch ich in den letzten Tagen gefunden und in meine Mandalas gelegt... Lieben Gruß Ghislana

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  5. Waaaaah, Gänsehaut. Ich habe von meiner verstorbenen Mutter noch alle ihre gemalten Bilder in unserer Wohnung, schaffe es aber nicht ein einziges bis jetzt aufzuhängen. Ein Glück ist sie wenigstens nach dem Krieg geboren.
    LG
    Maiga

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  6. Ich bin sehr gerührt....und berührt ... ja sogar betroffen.
    Das Kissen ist super schön geworden und auch deine Kinder und Enkelkinder können später von der großen handwerklichen Fähigkeit von ihrer Mutter/ Großmutter erzählen und werden dieses Kissen hüten wie ihren Augapfel.
    Drücker....Yvonne

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  7. Oh wie wunderbar, liebe Astrid. Du bringst mich immer zum Innehalten und Nachdenklichwerden... Das Kissen ist ganz einzigartig geworden! Ich bin immer wieder überrascht, wie gut sich alte Küchentücher meiner vor mittlerweile bald sechszig Jahren verstorbenen Oma in die Küche meiner Eltern einfügen mit ihren Initial-Stickereien. <3

    Viele liebe Grüße
    Steffi

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  8. Wie interessant. Wenn wir hier so vor uns hinleben, vergessen wir ja zu schnell solche Geschichten/Schicksale (die es heute in naderer Form ja durchaus auch noch gibt). Vielleicht auch weil sie so wenig vorstellbar, greifbar sind. Meine eigenen Großeltern waren auch sogenannte Flüchtlinge und wenn ich mir versuche vorzustellen, wie ich mit meinen zwei Kinder auf der Flucht wäre... grässlich, da wird's mir ganz anders.
    Deine Bilder sind wunderschön und der Post sehr berührend.
    Schöne Grüße
    Jutta

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    1. Ja genau, an Flüchtlinge (Berichte darüber sind ja momentan wieder stärker in den Medien vertreten) habe ich auch gedacht. Wie ablehnend "man" ihnen meist gegenübersteht und dass man früher meine Omas ganz genau so negativ behandelte.
      Gestern habe ich erst mit meiner Tochter über Flüchtlinge gesprochen und versucht ihr dabei ein "menschliches" Bild zu vermitteln. Kann man nicht früh genug damit anfangen.
      Schöne Grüße nichmals
      Jutta

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  9. Was für einen Wert diese kleinen geretteten Schätze gewinnen! Meine Mutter hat sich nach der Vertreibung mit den Eltern und Geschwistern mit 16 Jahren allein gewagt, den gefährlichen Weg in den Westen zu wählen. Geblieben sind ihr nur ein paar Fotos, deren Kopien nun bei uns an der Wand hängen, und Erinnerungen. Ich finde deine Idee wunderschön! Deine Mutter hat es sicherlich sehr bewegt!
    Liebe Grüße
    Andrea

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  10. kleine dinge beinhalten so vieles - diese sind ein teil der quelle unseres lebens und wir schätzen sie weil sie unsere geschichte besser zu verstehen verhelfen - ich habe ein für mich wertvolles küchentuch mit dem A gestickt von Anna meine grossmutter aus Schlesien (die jetzt ur ur grossmutter wäre). danke für deine bilder und worten. liebe grüsse
    Monique

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  11. Das finde ich echt toll, dass du mit den überlassenen Schätzen, böhmische Stickerei und Glasknöpfe, ein neues Kissen angefertigt hast, liebe Astrid. Es ist wirklich wunderschön geworden.

    Solche Sachen der Vorfahren sind wirklich Schätze und man sollte sie hüten und einfach den nächsten Generationen weiter geben.
    Ich habe auch noch viele Handarbeiten von meiner Mutter und Groß- und Urgroßmutter und hüte diese auch wie einen richtigen Schatz.

    Vielleicht klappt es ja und du kannst dich auf die Pfade deiner Vorfahren mütterlicherseits doch mal begeben. Leicht hatten sie es damals in den Kriegszeiten wirklich nicht.

    Liebe Grüße und eine schöne neue Woche für dich
    Christa

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  12. ein ganz und gar wunderbarer post! ich habe leider so gut wie gar nichts mehr aus altem familienbesitz. mutter- als auch vaterfamilie wurden in kassel völlig ausgebombt. da ist nichts übrig geblieben außer einer wunderschönen granatkette, die ich wie einen schatz hüte und einige wenige fotos. die näh-, klöppel- und stickarbeiten meiner großtante (sie war darin eine echte künstlerin) wurden nach ihrem tod in den 60er jahren vermutlich alle weggeworfen. so so schade!
    deine bilder haben viele erinnerungen hervorgeholt!
    liebe grüße von mano

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  13. Ein Teil auch deiner Geschichte,
    einfach wunderbar geschrieben!
    Ich liebe solche Dinge, die die eigene Geschichte weitererzählen...
    VlG
    Birgit

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  14. auf den spuren der verwandten - bringt einen doch auch oft zu sich selbst. das gerettete kissen mit geschichte - und erinnerungen zum ankuscheln und auch festhalten...
    herzlichste grüße
    eine sehr gerührte dania

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  15. Deine Bilder, deine Worte, sie vermitteln eine große Liebe und einen großen Respekt vor der Geschichte deiner Familie, und damit auch deiner Wurzeln.
    Den Kissenbezug hast du wunderbar neugestaltet und soviel Liebe darauf verwandt.
    Anhand der Geschichte deiner Mutter ist mir wieder mal bewusst geworden, was dieser zweite Weltkrieg mit der gesamten Menschheit angestellt hat, welche Völkerwanderungen stattgefunden haben, wieviel Schicksale so ganz anders verlaufen wären, hätte es ihn nicht gegeben.
    Auch wenn ich seitens meiner Familie da wenig Auswirkungen zu verzeichnen hatte, sie wurden nicht vertrieben, wohnten im Münsterland, und wohnten da auch noch fast alle bis zu ihrem Tod.
    Natürlich sind mir noch die Erzählungen über Bombennächte, Hunger, Notrationen gegenwärtig, den Bildband meines Vaters über das zerbombte Coesfeld habe ich mit kindlichem Interesse, aber natürlich ohne Verstehen "gerne" durchgeblättert. Der Krieg hat meiner Familie zwar viel (jahrelange russische Gefangenschaft meines Vaters) gekostet, aber keine Vertreibung oder Verlust vom Zuhause.
    Ganz anders da die Familie meines Mannes, dessen Vater aus Ostpreussen kam und der vertrieben am tiefsten Niederrhein ein neues Zuhause und eine Familie fand.
    Also hätte ich meinen Mann ohne den Krieg wohl eher nicht kennengelernt und das ist auch das, was ich einige Sätze vorher meinte: die ganze Welt wurde verändert, manches hatte vielleicht positive Auswirkungen, vieles aber war schrecklich!!!
    Nun aber zurück zu dir und deinem wunderschönen post, durch den du uns an deinen Auseinandersetzen mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft teilhaben lässt.
    Mit herzlichen Grüssen,
    Monika

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  16. Liebe Astrid,
    wie liebevoll Du damit umgehst! Das hat mich sehr gerührt. Mein Vater kam aus Neisse, er hat alles verloren, nur das nackte Leben nicht. Erst bei seiner Beerdigung habe ich erfahren, warum ich fast keine Verwandten väterlicherseits habe. Und warum er dieses wandelnde Ein-Frau-KZ, meine Mutter, geheiratet hat: Überlebensschuld, die hat er lebenslang (also nicht so lang) gebüßt und wir, als Kinder dieses unseeligen Paares, auch. Überflüssig zu sagen, dass meine Mutter noch lebt und von mir versorgt werden will, mein einziger lebender Bruder halb verrückt ist und keines meiner anderen Geschwister überlebt hat. Die Scham der Opfer ist immer größer als die der Täter. Wenn ich heute mit Flüchtlingen arbeite, weiß ich wenigstens, worum es geht. Warum ich heute diesen Basso continuo meines Dasein hier niederschreibe? Weil Mann Vater Geburtstag gehabt hätte und weil ich weiß, dass für Dich auch nicht immer alles rosa ist, aber doch vieles... Es bleibt diese Unterströmung.
    Ich hoffe, das war jetzt nicht zu persönlich...
    Deine Sarah

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  17. Die Heimat deiner Mutter muss wunderschön gewesen sein. Heute sicher auch noch, aber so unberührt wie damals noch ein wenig mehr.
    Wie gut, dass dir das Nähen liegt und du die Handarbeit deiner Großmutter retten konntest!

    Ich wünsche dir einen schönen Tag ... Frauke

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  18. Hallo liebe Astrid,
    bin über einen anderen Blog bei dir gelandet (könnte nicht mal genau mehr sagen, welcher dies war) und hab mich sofort in diese Geschichte hier verliebt.
    Nicht nur dir bedeuten Lebensspuren etwas, auch ich bin verliebt in solche kleinen Dinge. Meine Oma wurde zwar nicht vertrieben und es ging ihr, so schließe ich jetzt, auch besser, aber ein paar Dinge lagen auch ihr am Herzen.
    Während allerdings meine Mutter die Bettwäsche an sich riss (weil sie auch einfach besser nähen kann etc.), sammelte ich die kleinen Sachen auf: ein paar alte, verschrammte Bilder, von denen ich kaum mehr jemand kenne, von denen meine Mutter nicht mehr sicher sagen kann, wer es war. Eine Statue von der heiligen Teresa von Avila, nach der meine Oma benannt war. Eine alte Flasche, die mein Opa meiner Oma aus dem Krieg mitbrachte. Eine alte Schale, in der meine Oma ihren Schmuck aufbewahrte... und so weiter und so fort.

    Ich schätze deinen Blog jetzt schon sehr und werd ihn gleich in meine Leseliste aufnehmen!
    Danke für die schöne Geschichte!

    Liebe Grüße,
    Linda

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