Donnerstag, 13. Mai 2021

Great Women #259: Fanny Hensel

Was Porträts von Frauen des 19. Jahrhunderts anbelangt, muss ich immer wieder konstatieren, dass sie viel weniger aufmerksame Leserinnen finden als Porträts von Frauen des nachfolgenden Jahrhunderts. Schade, denn darunter sind viele, die schon für uns und unsere Gleichberechtigung in irgendeiner Form sich eingesetzt haben bzw. für sich Dinge beansprucht haben, die nur Männern vorbehalten waren. Dennoch blieben sie oft im Schatten ihrer Partner oder Angehöriger. Auch Fanny Hensel, die morgen vor 174 Jahren gestorben ist, gehört zu dieser Gruppe. Von ihr & ihrer Musik erfahren habe ich in den späten 1970er Jahren durch die unvergleichliche Elke Mascha Blankenburg...


"Daß man seine elende Weibsnatur jeden Tag, 
auf jedem Schritt seines Lebens 
von den Herren der Schöpfung vorgerückt bekömmt, 
ist ein Punkt,
 der einen in Wuth und somit um die Weiblichkeit bringen könnte."

Fanny Hensel erblickt in Hamburg am 14. November 1805 als Fanny Zippora Mendelssohn das Licht der Welt, und zwar in einer wohl situierten und gebildeten jüdischen Familie. Ihr Vater ist Abraham Mendelssohn, Sohn des berühmten Philosophen & Aufklärers Moses Mendelssohn, ihre Mutter Lea Felicia Pauline Salomon, Enkelin Daniel Itzigs, des "Münzentrepreneurs" Friedrichs des Großen. Fanny ist ihr erstes Kind - drei weitere werden bis 1812 folgen. Der in Berlin geborene Abraham Mendelssohn, Mitbegründer der liberalen jüdischen "Gesellschaft der Freunde", hat nach seiner Heirat 1804 in Hamburg eine Bank gegründet. 

Lea & Abraham Mendelssohn, Fannys Eltern

Die Mutter Lea, bei Fannys Geburt 28 Jahre alt, ist in Berlin in einer sehr musikalischen Familie aufgewachsen. Es wird vermutet, dass sie eine sehr gute Pianistin und eine herausragende Bach-Kennerin gewesen ist, denn sie hat Unterricht beim Komponisten Johann Philipp Kirnberger erhalten.

Noch in Hamburg kommt der Bruder Felix 1809 und die Schwester Rebecka 1811 zur Welt, der jüngste Bruder Paul dann schon 1812 in Berlin. Nach dort ist die Familie im Jahr zuvor geradezu fluchtartig wegen Problemen mit der französischen Besatzungsmacht zurückgekehrt. Und in Berlin führt der Vater zusammen mit seinem älteren Bruder Joseph die Familienbank weiter. 

Fanny ist "schon als Kind eine die Aufmerksamkeit erregende Erscheinung" und erhält Musikunterricht wie ihre jüngeren Geschwister zuerst durch die Mutter, die sie ganz in der Tradition ihrer Familie mit Bach vertraut macht. Dann übernimmt der mährische Virtuose Franz Lauska, als Klavierlehrer in Privatkreisen und bei Hofe ein sehr angesehener Mann. ( Im Hause Mendelssohn fand sich ein Clavichord aus der Werkstatt von Johann Heinrich Silbermann, ein nicht näher beschriebener Flügel und nach 1816 auch ein Broadwood-Flügel. ) Ab 1819 wird Fanny auch wie ihr Bruder Felix in Komposition von Carl Friedrich Zelter, dem Freund Goethes, unterrichtet, der sie lobt: "Sie spielt wie ein Mann." Im März 1820 wird Fanny gemeinsam mit ihren jüngeren Geschwistern in die von Zelter geleitete Berliner Singakademie eintreten. Ab dem Beginn des Unterrichts bei Zelter sind regelmäßig Kompositionen Fannys überliefert, vor allem Lieder, aber auch Klaviersonaten und Kammermusik. 

Schon während eines Aufenthaltes der Familie Mendelssohn 1816 in Paris, hat Fanny Stunden bei Marie Bigot, die als Pianistin in Wien von Haydn und Beethoven verehrt wird. Auch der Klavierpädagoge Ludwig Berger gibt ihr anschließend Unterricht - sie gilt als "seine ausgezeichnetste Schülerin" - sowie noch später, 1824, der böhmische Virtuose Ignaz Moscheles. So intensiv übt das Mädchen Klavier, dass erzählt wird, die Verwandtschaft habe sich Sorgen um ihr kindliches Wohlergehen gemacht. 

Obwohl die Familie aufgeklärt, liberal und kultiviert ist, macht der Vater seiner Ältesten mit fünfzehn Jahren in einem Brief klar, dass sie nie Berufsmusikerin werden könne, sondern ihre zukünftige Rolle in der als Ehefrau und Mutter zu sehen habe:

"Die Musik wird für ihn (den Bruder Felix) vielleicht Beruf, während sie für dich stets nur Zierde, niemals Grundbass deines Seins und Tuns werden kann und soll ... nur das Weibliche ziert die Frauen." 

Für die junge, begabte Pianistin, ist da wahrscheinlich eine Welt zusammengebrochen, der Glaube an das eigene Können nicht. Wohl wird sie ihr Wirken weiterhin auf den häuslichen Rahmen beschränken, so wie sie mit 13 Jahren dem Vater alle 24 Präludien aus dem "Wohltemperierten Klavier" von J.S. Bach auswendig vorgespielt oder ihm ihre erste Liedkomposition zu seinem Geburtstag 1819 geschenkt hat. Aber sie gibt nicht auf: Heimlich komponiert sie weiter, versucht den Vater nochmals umzustimmen, will sie ihre Werke doch unbedingt in die Öffentlichkeit bringen. Diesmal schlägt sich auch der Bruder Felix, zu dem sie eigentlich ein inniges Verhältnis hat, auf Vaters Seite und ist gegen eine Veröffentlichung. Er bremst sie aus ( und erhält von ihr wohl deshalb auch den Spitznamen "Kantor" ), indem er meint, ein Profikomponist müsse regelmäßig Werke veröffentlichen, nicht ab und an wie die Schwester. Da nicht zu verbittern, ist schon eine Kunst. Mehr ist aber zu diesem Zeitpunkt in einer großbürgerlich-konservativen Gesellschaft nicht drin, deren Teil Fannys Familie nun mal ist. 

Robert Pötzelberger "Fanny und Felix Mendelssohn"
(1888)


Im März 1816 sind die Kinder der Familie Mendelssohn vom Pfarrer der Reformierten Gemeinde der Berliner Jerusalems- und Neuen Kirche in einer Haustaufe evangelisch getauft worden. Dabei wird Fannys zweiter Vorname durch Cäcilie ersetzt. Die Eltern konvertieren sechs Jahre später, und 1823 wird ihnen erlaubt, den Familiennamen um den Zusatz Bartholdy für alle zu ergänzen. 

Doch zurück zum kulturellen Leben im Hause Mendelssohn: Ab 1819 entwickeln sich unter der Regie von Mutter Lea aus den sogenannten "musikalischen Winterabenden" und den traditionell von Musik begleiteten Geburtstagsfeiern größere musikalische Soiréen in ihrem Haus, die ab 1823 als sogenannte "Sonntagsmusiken" als private Konzerte mit professionellen Musikern und ab 1825 im Gartensaal ihres Anwesens in der Leipziger Straße 3 weitergeführt werden. Dabei kann Fanny als Pianistin brillieren und auch eigene Werke zur Aufführung bringen. Alle zwei Wochen werden so hunderte Gäste angelockt. 

1822 lernt die 17jährige Fanny anlässlich eines Ausstellungsbesuchs mit ihren Eltern in dessen Atelier den Maler Wilhelm Hensel kennen und verliebt sich in den märkischen Predigersohn mit einem Hang zum Katholizismus ( seine konvertierte Schwester Luise ist bekannt durch das von ihr verfasste Gebet "Müde bin ich, geh zur Ruh" ) - die "ironische Bankierstochter" und der "brotlose Künstler", wie zahlreiche Maler seiner Generation dem Nazarenertum zugeneigt, stammen aus sehr unterschiedlichen Milieus. Die gerade konvertierten Eltern Fannys befürchten, dass ihre Älteste dem "Aberglauben" zum Opfer fällt. Sie bestehen auf einer fünfjährigen Kontaktsperre, in der der fesche junge Mann, der auch an den Befreiungskriegen teilgenommen und als Maler Zugang zum Hof hat, als Königlich-Preußischer Stipendiat ab Juli 1823 einen ebenso langen Aufenthalt in Italien unternimmt, um an Ort und Stelle die Werke der großen Meister zu studieren. Seiner Auserwählten darf er nicht schreiben. "Fanny ist sehr jung und ohne Leidenschaft [...] Sie sollten sie durchaus nicht in jene verzehrende Empfindung reißen wollen und sie durch verliebte Briefe in eine Stimmung schrauben, die ihr ganz fremd ist", begründet das Mutter Lea.

Fanny unternimmt in selbigem Jahr mit ihrer Familie eine mehrmonatige Reise durch die Schweiz - eine der wenigen Auslandsaufenthalte in ihrem Leben, während der 16jährige Bruder Felix schon wieder 1825 mit dem Vater nach Paris reisen darf, um dem Komponisten Luigi Cherubini, damals höchst verehrt, vorgestellt zu werden. Felix ist es auch, von dem im Jahr darauf Lieder ( op. 8 ) gedruckt werden, allerdings auch zusammen mit zwei Liedern von Fanny. Auch in einer Neuauflage des Opus 8 1827 wird eine weitere Liedkomposition der Schwester aufgenommen.

Wilhelm und Fanny
(1829)

Im Oktober 1828 kehrt dann Wilhelm Hensel nach Berlin zurück. Die Liebe der jungen Leute hat sich bewährt, und Fanny sich durchgesetzt, was die Wahl ihres künftigen Ehemannes anbelangt. Am 23. Januar 1829 findet die Verlobung statt und am 3. Oktober  in der Berliner Parochialkirche die Eheschließung. Zu ihrer eigenen Hochzeit komponiert sie sich zwei Präludien für Orgel. Es ist übrigens die erste Verbindung der getauften Mendelssohns mit einer Familie nichtjüdischer Herkunft. 

Felix Mendelssohn Bartholdy hingegen ist während der Verlobungszeit 1829 zu seiner großen Bildungsreise nach England und Schottland aufgebrochen. Die Geschwister gehen von nun an getrennte Wege. 

Eduard Ratti "Fanny und Wilhelm Hensel"
(1852)

Fanny zieht mit ihrem Mann ins Gartenhaus des Reckschen Palais, dem elterlichen Anwesen seit 1825 in der Leipziger Straße 3 in Berlin. 

Ihre Heirat erweist sich Glücksgriff: 

Ihr Mann liebt und respektiert sie in ihren Bestrebungen, lässt ihr den Raum für ihr Schaffen und ermutigt sie sogar zum Komponieren - ganz im Gegensatz zu ihrer Familie. Ihre ersten Ehejahre sind denn auch musikalisch besonders produktiv. So vertont sie beispielsweise Gedichte ihres Mannes, komponiert eine Orchesterouvertüre und Kantaten für drei Familienfeste.  Neben dem Gartensaal, in dem sie bald Berlins bestes privates Konzertprogramm realisieren wird, befindet sich das Atelier ihres Mannes.

1830, am 16. Juni, bringt sie ihr einziges Kind zu Welt, Sebastian Ludwig Felix, benamt nach dem Bruder, Beethoven und Bach. Zu seinem ersten Geburtstag schenkt sie ihm eine Kantate für Sopran, Alt, vierstimmigen Chor und Orchester. Fernab dieser als Privatkonzerte getarnten Veranstaltungen tritt Fanny jedoch so gut wie nie auf.

Der Bruder ist währenddessen  auf umfangreichen Bildungsreisen durch Deutschland und Italien, zurück über die Schweiz, Bayern und Paris.

Derweil nimmt Fanny in Berlin wieder die Familientradition der Sonntagsmusiken vor geladenem Publikum im Gartensaal bzw. in den Räumen ihrer Wohnung auf. Werke von Bach, Beethoven, Gluck, Weber, ihrem Bruder Felix sowie eigene Kompositionen kommen zur Aufführung. Sie ist allein verantwortlich für die  Programmgestaltung, Einstudierung, Chor- und Orchesterleitung und nimmt als Solistin daran teil – mit überragendem Erfolg. 

Der mit einer Kuppel bekrönte Gartensaal des Mendelsohnschen Anwesens, etwa 14 mal 7,5 Meter groß, ist das eigentliche Lokal der Sonntagsmusiken. Im Winter versammeln sich Musiker & Zuhörer dann in Fannys Musikzimmer, das mit angrenzenden Räumen vergrößert werden kann und etwa 100 Personen Platz bietet. Im Sommer sind es drei Mal so viele Menschen, darunter Gäste wie Robert & Clara Schumann, Franz Liszt, Joseph Joachim, Heinrich Heine, die Humboldts. 

Julius Helfft "Fanny Hensels Musikzimmer"
(1849)

Nur einmal schlägt sie ihr Bruder als Solistin für die Uraufführung seines ersten Klavierkonzerts von 1831 vor. In Berlin wird sie dreimal öffentlich als Pianistin auftreten: zweimal in sog. Dilettantenkonzerten – am 19. Febr. 1838 und am 4. März 1841  im Konzertsaal des Königlichen Schauspielhauses – und am 21. Febr. 1847 in der Singakademie. 

Eine ihrer seltenen Reisen führt Fanny 1835 zum Niederrheinischen Musikfest in Köln, das ihr Bruder, seit 1834 Städtischer Musikdirektor in Düsseldorf, leitet und von dort aus weiter nach Paris, Boulogne-sur-Mer und Belgien. Im November des Jahres stirbt der Vater.

Auch im Jahr darauf ist Fanny wieder beim Niederrheinischen Musikfest in Düsseldorf dabei und wirkt bei der Uraufführung des Oratorium "Paulus" ihres Bruders mit. Sie freut sich mit ihm über seine Erfolge, während er ihre Werke eher halbherzig lobt. So schreibt er an die Mutter: "... ihr zureden, etwas zu publizieren, kann ich nicht, weil es gegen meine Ansicht und Überzeugung ist." 1842 beispielsweise wird er von der britischen Königin Victoria empfangen, die ein Lied aus seinem Liederalbum vorträgt, "ganz allerliebst rein, streng im Takt und recht nett im Vortrag", urteilt er. In Wahrheit ist das Lied ein Werk seiner Schwester, das er unter seinem Namen veröffentlicht hat. 

Glücklich macht sie die Reise, die sie mit ihrem Mann und ihrem neunjährigen Sohn 1839 für ein Jahr unternimmt. Über München, Venedig, Florenz gelangen sie nach Rom und Neapel. Während  dieser Reise tritt Fanny in Rom in der Villa Medici auf, deren Direktor damals der französische Maler Jean-Dominique-Auguste Ingres gewesen ist. Dort in Rom lernt sie auch den sehr viel jüngeren französischen Komponisten Charles Gounod kennen, der über sie berichtet:

"Frau Hensel setzte sich mit der Bereitwilligkeit und Natürlichkeit derer, die Musik treiben, weil sie sie lieben, ans Klavier und dank ihrem schönen Talent und ihrem wunderbaren Gedächtnis wurde ich mit einer Menge deutscher Meisterwerke bekannt, die mir damals noch ganz fremd waren; unter anderem mit zahlreichen Stücken von Sebastian Bach, wie Sonaten, Fugen und Präludien, Konzerten und mit einer Reihe Mendelssohnscher Kompositionen, welche für mich wie Offenbarungen einer neuen Welt waren."

August Kaselowsky "Fanny Hensel in Rom"
(1845)

Diese Anerkennung bedeutet ihr viel, bleibt sie ihr doch in Berlin verwehrt...

Die inspirierende Reise, auf der Fanny auch als Pianistin und Komponistin im Kontakt mit den jungen Künstlern der Académie française in Rom Bestätigung findet, wird von ihr in einem Tagebuch festgehalten, das von ihren Eindrücken bezüglich Landschaft und Kultur, aber auch von ihrer heiteren Lebenslust und von ihrer Befreiung von der familiären Enge Zeugnis ablegt: "Ich genieße die Gegenwart unbeschreiblich, nur auf meine Weise."

1840 geht es über Genua, die Schweiz und Frankfurt mit großem Bedauern wieder zurück nach Berlin. Dort wird die Reise auch kompositorisch verarbeitet. Eines ist das Klavierstück "Abschied von Rom", dessen erster Akkord den Tristan-Akkord Richard Wagners vorwegnimmt. 1841 schafft Fanny ihren meisterhaften Klavierzyklus "Das Jahr", in dem sie ihre Eindrücke musikalisch verarbeitet. Zwölf Charakterstücke, den Monaten zugeordnet, beweisen Fannys Originalität. ( Das Werk ist erst 1997 ans Licht gekommen.). Das beeindruckende Werk unterzieht sie mehreren Überarbeitungen, wobei sie mit motivischen Verzahnungen experimentierte. Der Klavierzyklus ( und das spätere Klaviertrio ) zeigt, wozu Fanny fähig gewesen ist, wenn sie offene Ohren und Herzen gefunden hat. Ihr Mann hat für die Reinschrift wunderbare Vignetten auf farbigem Papier geschaffen, "ein Kunstwerk ganz eigener Art, eine Epoche charakterisierend, eine Ehe"... 

"... ich habe ein ewiges, unvergängliches Bild in der Seele, das vor keiner Zeit verblassen wird", sagt sie über diese Reise in ihrer Bedeutung für ihre letzten Lebensjahre. Sie ist selbstbewusster geworden, und ihre fruchtbarste und unbeschwerteste Zeit scheint zu beginnen. 1846 unternimmt sie mit Mann und Sohn zu Beginn des Jahres eine zweite, siebenmonatige Reise nach Florenz und Rom, um ihrer in Florenz erkrankten schwangeren Schwester beizustehen. Dieser Reise fehlt die Unbekümmertheit der ersten.

Im Sommer nach ihrer Rückkehr lernt Fanny den jungen, musikalisch gebildeten Rechtsreferendar Robert von Keudell kennen, mit dem sie nun täglich ihre Kompositionen bespricht, der ihr die verdiente Anerkennung zollt und sie ermutigt zu veröffentlichen. Nachdem ihr Felix seinen "Handwerkssegen" erteilt hat, ist sie in der Lage, 1846 und 1847 ihre eigenen Werke opp. 1-7 herauszugeben. Ihr ist allerdings bewusst, dass es ihrem Bruder im Grunde überhaupt nicht passt:

"... lache mich aus oder nicht, ich habe mit 40 Jahren eine Furcht vor meinen Brüdern, wie ich sie mit 14 vor meinem Vater gehabt habe, oder vielmehr Furcht ist nicht das rechte Wort, sondern der Wunsch, euch allen die ich liebe, es in meinem ganzen Leben recht zu machen", schreibt sie ihm. Im Dezember 1846 trifft man sich ein letztes Mal.

Fannys Tagebuch verzeichnet nach der Publikation von zehn Liedern:

"Ich kann wol nicht läugnen, dass die Freude an der Herausgabe meiner Musik auch meine gute Stimmung erhöht, ... und es ist sehr pikant, diese Art v. Erfolg zuerst in einem Alter zu erleben, wo sie für Frauen, wenn sie sie je gehabt, gewöhnlich zu Ende sind." 

Moritz Daniel Oppenheim "Fanny Hensel"
(1842)
Zu Beginn des Jahres 1847 intensiviert sich die Freundschaft mit Clara und Robert Schumann, die am 4. März zu einer Soiree bei Fanny Hensel in die Leipziger Straße eingeladen sind. "Die Schumann sehe ich sehr viel, sie kommt fast täglich zu mir, und ich habe sie recht lieb gewonnen", vermerkt sie in ihrem Tagebuch. Tägliche Besuche gelten nicht nur dem Porträt, dass Fannys Mann von Clara Schumann anfertigt. Man ist sich so sympathisch, dass die Schumanns einen Umzug nach Berlin ins Auge fassen.

Am 11. April wird aus Anlass des Geburtstages ihrer Schwester Rebecka Lejeune Dirichlet, der Sängerin der Familie, Fannys Klaviertrio in d-Moll aufgeführt. Ihre häuslichen "Sonntagsmusiken" bleiben einzigartige, viel gerühmte Veranstaltungen.

"Es ist eine sehr bewegte Zeit vorüber gegangen… Vorige Woche hatten wir eine recht angenehme Gesellschaft hier, ich spielte mein Trio op. 11 mit Eckert... Ich habe jetzt eine verdrießliche Zeit, es will mir nichts Musikalisches gelingen", lautet ihr letzter Tagebucheintrag.

Doch die 41jährige ist voller Tatendrang. Als wieder ein Konzert ansteht, will Fanny die "Walpurgisnacht" ihres Bruders aufführen. Am 14. Mai 1847, drei Wochen nach dieser Tagebucheintragung, während einer Probe, die sie vom Klavier aus leitet, versagen ihre Hände ihr den Dienst. Sie verlässt den Raum, badet die Hände in warmem Essigwasser und hört vom Nebenzimmer zu. "Wie schön es klingt", könnte sie noch gedacht haben. Als sie in den Raum zurückkehren will, ergreift die Lähmung den ganzen Körper, sie wird ohnmächtig und stirbt noch in derselben Nacht: ein Gehirnschlag ist die Todesursache. Einen Tag zuvor soll sie noch gesagt haben: "Ich bin so glücklich, wie ich's gar nicht verdiene." 

Nach ihrem Tod schreibt Clara Schumann an die befreundete Elise List: "Sie war wohl die ausgezeichnetste Musikerin ihrer Zeit, und für das ganze musikalische Leben in Berlin eine wichtige Person – man hörte bei ihr nur Gutes. Ich hatte ihr mein Trio [op. 17], das ich täglich aus dem Druck erwarte, dedicirt, und nun ist sie tod!" 

Ihr Witwer Wilhelm veranlasst, dass einige Werke Fannys ( opp. 8-11 ) postum beim Musikverlag Breitkopf und Härtel veröffentlicht werden, verkauft das Haus, das so viele Stunden voller Musik erlebt hat, beginnt ein unstetes Leben und hat Mühe, seine Malerei fortzusetzen. Stattdessen beschränkt er sich auf gezeichnete Porträts. Sein letztes Auftragswerk, ein großes Historienbild für das Braunschweiger Schloss, bleibt unvollendet.  

Fannys Bruder Felix Mendelssohn Bartholdy stirbt ein knappes halbes Jahr später in Leipzig, ebenfalls  nach mehreren Schlaganfällen. Die Geschwister werden auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof I in Berlin-Kreuzberg beigesetzt. Die Grabstätte, als Ehrengrab des Landes Berlin, befindet sich im Feld 1.

1879 gibt Sohn Sebastian die Familienbiografie "Die Familie Mendelssohn" heraus. Sein Versuch, die Mutter und ihre Rolle im Mendelssohn-Kosmos zu beschreiben, geht jedoch mit den Erwartungen des 19. Jahrhunderts an die Geschlechterstereotypen konform, stellt Fanny als Frau dar, die sich trotz künstlerischer Hochbegabung zufrieden in ihre Rolle schickt und zeichnet damit ein stark verkürztes, idealisiertes Bild. Da das Buch äußerst populär ist ( 18 Auflagen bis 1933 ), setzt sich im Verlauf der nächsten Jahrzehnte der Eindruck von einer selbstgenügsamen Komponistin schöner Lieder endgültig fest.

Lange gilt Fanny Hensel also als Gelegenheitskomponistin. Erst als ein großer Teil von Fannys Musikautographen aus dem Familienbesitz der Nachfahren Sebastian Hensels 1964 an die Berliner Staatsbibliothek gelangt, kommt die ganze Vielfalt ihres kompositorischen Schaffens ans Tageslicht, und es wird deutlich, dass Fanny Hensel in fast allen Gattungen komponiert hat, nahezu 500 Werke, neben Klavierstücken Lieder, meist für eine Singstimme mit Klavierbegleitung, aber auch Chorwerke, einige wenige Werke für Orchester und Kammermusik ( hier ist eine Übersicht für Interessierte zu finden ).

Die musikwissenschaftliche Forschung wendet sich dann in den 1970er Jahren verstärkt Fanny Hensel zu. Unter der Dirigentin und Musikjournalistin Elke Mascha Blankenburg erleben einige der groß besetzten Werke Hensels zwischen 1984 und 1987 ihre Welturaufführung, u. a. die Ouvertüre in C-Dur durch das Clara-Schumann-Orchester unter Leitung Blankenburgs am 7. Juni 1986 in der Frankfurter Alten Oper, hier in einer Fassung von 2016 mit dem River Oaks Chamber Orchestra (ROCO) unter Mei-Ann Chen zu hören:

Obwohl Fanny Hensel mittlerweile die wissenschaftlich am meisten beachtete Komponistin ist, besteht aber nach wie vor ein erheblicher Forschungsbedarf. Und was es noch mehr bedarf: Die Aufführung ihrer Werke im üblichen Konzertbetrieb, damit noch mehr Menschen mit der Qualität ihrer Kompositionen vertraut werden.

Das Leben der Fanny Hensel allerdings wird durchaus populär journalistisch wie belletristisch aufgearbeitet. Bis heute sorgen populärwissenschaftliche Biografien oder Romane sowie Kinderbücher dafür, dass  Kenntnisse über ihre Lebensgeschichte, aber auch die damit verbundenen Mythen sich weiter verbreiten.

Ein Dokumentarfilm über die Beziehung zwischen Fanny und ihrem Bruder Felix Mendelssohn Bartholdy wurde 1993 vom NDR ausgestrahlt. Auch CDs und ein ein Hörstück für Kinder befassen sich mit der Geschwisterbeziehung. Inzwischen gibt es in Berlin - Mitte die Fanny-Hensel-Musikschule und in Kreuzberg eine Grundschule, die nach ihr benannt ist, ebenso in Leipzig.



12 Kommentare:

  1. Liebste Fenchel! Das Buch von Peter Härtling hat mir Fanny Hensel vor einigen Jahren nahegebracht. Sie war eine wunderbare Komponistin und ihr Pech war eine Frau zu sein.
    Du hast ihren Lebensweg sehr fein beschrieben. Sie hatte alles vor Augen und durfte doch nicht so erfolgreich sein wie sie könnte. Das ist auf jeden Fall sehr schmerzhaft. Und auch ein künstlerischer Verlust für die Gesellschaft. Gut, dass sie inzwischen wieder mehr entdeckt wird.
    Einen schönen Feiertag wünscht Dir herzlichst, Sieglinde

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  2. wow
    was für ein großartiges Werk hat sie in ihrem
    doch kurzen Leben geschaffen
    und beeindruckend wieder die Namen ihrer Freunde und Bekannten
    das kulturelle Leben war damals doch sehr rege
    der Name ihres Bruders war mir bekannt ihrer nicht
    im Schatten ihres Bruders zu stehen war nicht einfach.. aber sie hat nicht aufgegeben
    nur gut dass ihr Ehemann sie bestärkt und ihr die Freiheiten gelassen hat
    was ja damals meist gar nicht gegeben war
    wieder ein wunderschönes Portrait

    liebe Grüße
    Rosi

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  3. von Helga:

    Oh je, da wurde er wieder kalt jetzt mein Cafe. Danke für dieses Portrait, niemals hätte ich es erfahren. Genau 100 Jahre nach Fanny ist 1905 meine Mama geboren, hinein in zwei Weltkriege. Nun kämpfen wir gegen die Naturgewalten, Viren und schon wieder ein Säbelrasseln im nahen Ostkonflikt.
    Dabei könnte unsere Welt dank der Kunst so wunderbar lebenswert sein.
    Nein, die Menschen wollen oder können nicht begreifen daß die Jahre die man nicht genutzt hat, sinnlose Jahre waren. Fanny hätte es verdient noch viele Jahre die Menschen beglücken zu können mit ihrer Musik. Schade....und danke wieder für Deine Sorgfalt beim Recherchieren für uns Leser hier auf Deinem Blog.
    Neuer Cafe muß her jetzt, draußen ist es gruselig, trotzdem einen schönen Vatertag am Great womens Tag, Helga und Kerstin

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  4. Liebe Astrid, welch tolles Portrait ist dir da wieder gelungen! Ich kannte die Beschriebene aus dem Härtling-Buch, das ich schon sehr treffend fand, aber es spart ja vieles aus, das du hier erzählst. Wunderschön auch die Musik, die ich noch nicht gehört hatte. Ja, großartige Frauen gab es schon immer, leider zu oft vergessen...Herzlich, Sunni

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  5. Doch, natürlich war mir Fanny Hensel ein Begriff. Doch so detailliert kannte ich ihr Leben und die Wiederentdeckung ihrer Werke nicht. Wie furchtbar muss es mit so einen exorbitanten Talent sein, ohne Möglichkeit es voll auszuleben...
    Danke für dieses wieder so spannende Portrait.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  6. Als Kind kannte ich Fanny Hensel von den Briefmarken, die der Großvater gesammelt hat. Tatsächlich habe ich mich aber nie mit ihr beschäftigt. Nachdem ich aber gerade deinen Bericht über sie gelesen habe, habe ich mir ihre Musik angehört. Wunderschön!
    Wie traurig, dass sie so wenig Anerkennung gefunden hat. Wie viel mehr von ihrer wunderbaren Musik würden wir heute hören können.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  7. Was für eine feine, wunderbare Lebensgeschichte, liebe Astrid, von einer Geschlechtsgenossin, die faszinierte Augen hatte - soweit es das Bildnis es vermitteln vermöchte - die voller Genialität ihren Weg gegangen ist, wider aller Hindernisse. Respekt! Den Post lese ich bestimmt noch ein zweites Mal.

    Liebe Grüßle von Heidrun

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  8. Wahrlich eine großartige Frau! Ein Lob für meine alte Musiklehrerin, die uns vor vielen Jahren schon gezeigt hat, dass eine begabte Frau schnell als peinliche Ausnahme deklassiert wird. Dem Bruder war die Begabung wohl auch ein wenig unheimlich.
    LG
    Magdalena

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  9. Meine erste Lektüre heute Morgen und ich erinnerte mich an meine Tante. Sie war begeisterte Sammlerin von Frauenbiografien, und auch meine Klavierlehrerin, die mich und mein "Talent" durch eine Biografie von Fanny Hensel begeistern wollte. OK, der Deal ging noch etwas weiter. Tante las für mich und ein Referat Hesses Steppenwolf fertig, und ich tat ihr den Gefallen Fannys Geschichte zu lesen. Heute weiß ich, warum sie mir das Buch in die Hand gedrückt hat.
    So ein feines Portrait! Mit Nachhall. Das letzte, das bei mir immer noch präsent ist, ist das von Johanna Tesch.
    Liebe Grüße,
    Karin

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  10. oh ...liebe Astrid, wie ich sehe, bin ich ein wenig spät bei diesem Portrait dran, als Erstes fielen mir die wunderschönen Fotographien ins Auge, die sind wrklich wunderschön, ...
    jetzt interessiert mich der Text doch sehr, denn ich kannte ihre Biographie bisher noch nicht..
    werde mir jetzt einen frischen Cappuccino holen und es in aller Ruhe lesen, denn die bisherigen Kommentare versprechen mir interessante Lektüre für die ich dir jetzt schon danke...
    vielleicht kann ich sogar während es lesens die Overtüre in C-Dur dabei hören, denn ich bin mir sicher den Kunstgenuß werde ich geniessen...
    herzlichst angelface

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  11. Wahnsinn diese Lebensgeschichte...
    Gänsehaut und Tränen begleiten mein lesen....
    erschütternd zu lesen, welch eine wunderbare und gleichzeitig arme Persönlichkeit mit so vielen Kämpfen nicht erkannt und gewertet zu werden,
    der Bruder /Vater welch Frauenenbild bestand zu dieser Zeit dass eine Frau keinen ihr würdigen Platz im Leben bekam an dem sie beweisen und zeigen konnte was sie wirklich alles vermag und kann...
    ich höre diese wunderbare fast beseelte Overtüre und kann deser Persönlichkeit nur nachweinen....
    so jung zu sterben ohne wirklich richtig als Künstlerin erkannt zu werden, ist geradezu bitter zu lesen...
    dir sage ich ein Danke dass du bis zu dir fühlen mögest ...
    bin sehr erschüttert..aber auch dankbar so viel mehr aus ihrem Leben zu wissen!!!!.
    es wird
    lange lange
    in mir nachklingen....
    lieben Gruß angel

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  12. Ah! Mal eine Frau die ich ein bisschen kannte. Ich habe vor einigen Jahren Gesangsunterricht genommen und ein Lied von ihr gesungen. Das hat mich so mitgenommen, da musste ich auch ein wenig über die Frau dahinter erfahren.

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Ich freue mich eigentlich über Kommentare. Doch es gilt auch die uralte Spruchweisheit: "Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus." Da wird dann schon mal der Freischaltknopf nicht gedrückt, wenn der Ton daneben ist...

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