Freitag, 23. Oktober 2020

"Je suis enseignant"

... moi aussi! Auch noch Geschichtslehrer*in wie der französische Kollege Samuel Paty aus Conflans-Sainte-Honorine, einem ruhigen Vorort im Nordwesten von Paris, der am Freitag vor einer Woche regelrecht hingerichtet worden ist. Dass man in diesem Beruf inzwischen eine derart exponierte Position mit entsprechenden Risiken hat, vor allem, wenn man die Werte lehrt, auf die sich die eigene Gesellschaft beruft & stützt, entsetzt mich. Ich bin voller Mitgefühl für die Familie des jungen Lehrers, seine Schüler und seine Kollegen, für die französische Gesellschaft.

Bedauerlich und mich verstörend, dass hierzulande so wenige Worte gefunden haben für unsere Nachbarn, denen wir doch freundschaftlich verbunden sind! Eher aus der Ecke, die immer wieder ins selbe populistische Horn stößt, hat man etwas gehört. 

Da hat sich doch wieder einmal einer selbst ermächtigt, einen anderen Menschen zu richten, indem er sich auf seinen Gott beruft, und dabei Recht, Gesetz und Normen der Gesellschaft gebrochen, in der er frei und gleich leben durfte, gerade, weil unsere Vorfahren dafür gekämpft haben, dass wir überhaupt unter solchen Bedingungen in einer Gemeinschaft leben können. Lynchjustiz hingegen ist barbarisch und entspricht nicht dem Grad der von uns erreichten Zivilisation, in der der Glaube nicht als eine die Freiheit einschränkende Sache zwischen den einzelnen Mitgliedern der Gemeinschaft stehen darf. 

Terror und Gewalt sind politische Ideologien, die zu verurteilen nicht im Widerspruch zur Meinungs- und Religionsfreiheit stehen. Menschenrechte haben keine unterschiedliche Wertigkeit, je nach Weltregion, also Doppelmoral gilt nicht: Was im Nahen Osten verurteilenswert ist, ist es hier bei uns in Europa in gleichem Maße. Das scheint nun auch Einigen aus dem eher linksliberalen Spektrum zu dämmern. Sascha Lobo äußert sich im "Spiegel" zur vorherrschenden Hypokrisie: "Auf einen rechtsextremen Mord folgt linke Empörung, auf einen islamistischen Mord folgt eine stille, linke Zerknirschtheit, wie man sie Erdbebenopfern entgegenbringt. Manchmal sogar ergänzt durch Relativierungen." Er nennt das sogar "moralische Faulheit" und kritisiert "die fehlende Bereitschaft allzu vieler deutscher Linker, Islamismus als die faschistoide Bedrohung der liberalen Demokratie zu betrachten, die er ist." Und er fordert. "Empört euch!" Endlich!

    


Kommentare:

  1. Ich gebe es zu ich habe nichts davon mitbekommen. Ich glaube ich lebe gerade nur in meiner Praxis und Familienblase. Ich bin erschüttert und sehr traurig über das was ich gerade gelesen habe. Musste die Suchmaschine bemühen. Ich hatte Deinen üblichen wöchentlichen Mahn/Erinnerungspost um Raif erwartet. Mir fehlen die Worte. Eine schlimme Tat.

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  2. Ein wirklich interessanter Beitrag, davon habe ich bisher noch nichts gehört, aber jetzt weiß ich es zum Glück.
    Liebe Grüße
    Luisa von https://www.allaboutluisa.com/

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  3. Mich hat diese Tat gleichzeitig traurig und wütend gemacht. Du schaffst es, meine Gefühle in klare Worte zu fassen. Danke dafür.

    Liebe Grüße

    Andrea aus dem Sauerland

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  4. Du sprichst mir wieder mal aus der Seele! Mich hat dieser grausame Mord schockiert!
    Liebe Grüße
    Ingrid

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  5. seit einer woche spricht man hier nur noch von diesem fürchterlichem mord ... entzetzlich!

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  6. Ich bin auch erschüttert, wütend und traurig. Meinungsfreiheit ist ein so hohes Gut. Samuel Paty, der sie gelehrt hat, hat sie das Leben gekostet durch ein abscheuliches Verbrechen. Kein Mensch und keine Religion können das rechtfertigen.
    GlG Sieglinde

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  7. eine wirklich schlimme Tat
    noch schlimmer dass ein junger Erwachsener sich zu so einer Tat hat hinreißen lassen
    da ist der Hass auf fruchtbaren Boden gefallen :(
    jedweder Fanatismus ist zu verurteilen

    liebe Grüße
    Rosi

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Ich freue mich eigentlich über Kommentare. Doch es gilt auch die uralte Spruchweisheit: "Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus." Da wird dann schon mal der Freischaltknopf nicht gedrückt, wenn der Ton daneben ist...

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