Auf die heute vorgestellte Frau bin ich von Dörte aufmerksam gemacht worden, die eine Ausstellung ihrer Fotografien in Karakol/Kirgisistan gesehen hatte und ganz begeistert war. Als ich mich näher mit ihr befasst habe, fiel mir auf, dass ich ihr schon mal bei der Beschäftigung mit Erika Mann und Annemarie Schwarzenbach "begegnet" war ( die irgendwo auch auf meiner Liste stehen ), aber die Lebensgeschichte von Ella Maillart fand ich dann doch noch viel spannender, so dass ich mich neugierig ans Werk gemacht habe - heute also das Ergebnis!
"Kini", so ihr Spitzname, wächst in luxuriöser Einsamkeit auf. Ihre geschäftigen, calvinistisch geprägten Eltern überlassen das Mädchen oft sich selbst, so dass Ella ihre ganz eigenen Wege entwickeln wird. Von eher schwächlicher Konstitution und geplagt von häufigen Erkrankungen flüchtet sie sich zum Beispiel gerne in die Lektüre von Abenteuerbüchern und studiert topografische Karten und träumt so von fernen Weiten. Doch ein Arzt rät zu sportlicher Betätigung. So schleppt sie ihre sportbegeisterte Mutter jeden Wintersonntag zum Skilaufen in die Berge - damals noch als Exzentrizität der Ausländer angesehen -, um sie körperlich widerstandsfähiger werden zu lassen.
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| 1911 |
"Miette trug immer eine Matrosenbluse und einen Faltenrock aus gestreiftem Twill und ihr Kastanienhaar mit einer helleren Locke vorne zu einem Bob frisiert. Mit ihren klaren grauen Augen und einem aufrichtigen, zarten Lächeln war immer ein Leuchten in ihrem Gesicht. Als ich später Homer las, hatte ich das Gefühl, dass Pallas Athene wie sie ausgesehen haben muss."
In Europa wütet zu dieser Zeit ein Krieg, und die beiden Mädchen erleben den Kontinent als "egoistisch und dekadent". Sie schwärmen von anderen Kulturen und würden am liebsten weit, weit weg gehen. Weil das nicht möglich ist, verschlingen sie jeden Tag ein Buch - kleine Fluchten sozusagen. Der Sport bietet eine weitere Ablenkung: Mit 16 Jahren gründet Ella den ersten Frauen-Hockeyclub in der Romandie, den "Champel Hockey Club".
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| Als Fünfzehnjährige |
Was uns vernünftig erscheint, ist für Ella abwegig und verrückt, und in der Vorstellung droht sie daran zu ersticken. Freiheit, das zu tun, was in ihren Augen wert ist, getan zu werden, für etwas zu leben, das begeistert und dem sie sich ganz hingeben kann - das ist ihre Vorstellung vom künftigen Leben. Der See und die Alpen haben einen viel größeren Einfluss auf die Heranwachsende als die saturierte, bürgerliche Lebensart: "Ich liebe diese hautnahe Auseinandersetzung mit den Schwierigkeiten, es ist die beste Art, mit der Wirklichkeit in Berührung zu kommen."
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| Das Seglerinnen. - Team der "Bonita", Ella ganz links |
Im Jahr darauf segeln sie mit zwei weiteren Mädchen auf einer alten 14-Tonnen-Jolle, der "Bonita", wieder nach Korsika und von dort nach Sardinien und Sizilien und schließlich auf den Spuren des antiken Odysseus zu den Ionischen Inseln, besonders zu seiner Heimatinsel Ithaka.
Später versuchen sie auf einem anderen Boot, der "Atalante", einem soliden Lotsenboot, ihrem Vorbild Alain Gerbault zu folgen. Doch noch in Sicht der bretonischen Küste müssen sie umkehren, weil Miette schwer erkrankt. Diese lernt danach den französischen Archäologen Henri Seyrig kennen und lieben, und das gemeinsame Abenteuer mit Ella wird obsolet.
Die verdingt sich anschließend zeitweilig als "cabin boy" und "deck-hand" auf englischen Yachten, die auf dem Atlantik segeln. 1924 vertritt sie die Schweiz beim Einhand-Segelwettbewerb der Olympischen Spiele. Unter den Teilnehmern aus 17 Nationen belegt sie den neunten Platz als einzige Frau im Wettbewerb. Gleichzeitig ist sie auch Kapitänin des Schweizer Frauenfeldhockeyteams.
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| Als Skiläuferin |
Der Winter hat immer dem Skifahren gehört. Bald wird sie Mitglied der Schweizer Nationalmannschaft und geht bei vier Weltmeisterschaften von 1930 - 34 für ihr Land an den Start. In ihrer Autobiografie "Cruises and Caravans" wird sie später schreiben: "Manchmal glaube ich, dass das Skifahren dafür verantwortlich ist, dass ich ein ewiger Wanderer bin."
Ihre Qualitäten als Skiläuferin bringen ihr eine Rolle in einem 1929 in Mürren produzierten Skifilm und Engagements als Stuntfrau in von der UFA in Berlin produzierten Bergfilmen. Dort in Berlin schreibt sie Filmkritiken, lernt den neuen russischen Film kennen und kommt auf die Idee, vor Ort für Reportagen über den Sport und den Film in der Sowjetunion zu recherchieren. Außerdem ist sie neugierig auf das "größte soziale Experiment der Neuzeit", eventuell eine Alternative zum dekadenten Westen? Die Witwe Jack Londons stockt durch eine Finanzspritze Ellas Reisekasse auf 200 US-Dollar auf.
In Moskau nimmt sie dann eine Gräfin Tolstoi in Empfang und bietet ihr ein Bett und Kontakte. Sie nimmt an Ruderwettbewerben teil und an Filmaufnahmen und reist dann mit einer Gruppe russischer Studenten in das Kaukasus-Gebirge, durchstreift das geheimnisumwitterte Swanetien, eine historische Region im nordwestlichen Georgien, und auf dem Weg zurück nach Europa besucht sie die Krim und überquert das Schwarze Meer. Diese Reise dient einem ersten Aufwärmen für das, was nun folgen wird: Reisen und Schreiben.
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| 1932 in Usbekistan bzw. 1933 |
Die Schriftstellerei wird ihr allerdings immer Qualen bereiten, denn das Schreiben fällt ihr nicht leicht und sie ist auf diesem Gebiet auch lebenslang nicht von sich überzeugt. Doch sie hat keine Alternative: Nur so kann sie frei sein und reisen. Ihr Appetit ist jedenfalls geweckt für die Weite des Fernen Ostens.
"Je mehr ich reise, desto mehr ist mir klar, dass ich nichts weiß, desto mehr möchte ich reisen. (…) Man reist, um der Routine zu entfliehen, jener schrecklichen Routine, die alle Vorstellungskraft und unsere ganze Begeisterungsfähigkeit tötet."
Vorerst kehrt sie aber allein nach Europa zurück und durchquert auf diesem Weg südsowjetische Regionen wie Taschkent und Samarkand, in denen gerade die muslimische Aufstände von der Roten Armee niedergeschlagen worden sind. Sie überquert den Syrdarja und den Amudarja und passiert dazwischen die berüchtigte Kysylkum-Wüste ( "Roter Sand" ), immer auf Kamelen, immer alleine und ohne Erlaubnis der Sowjets und muss daher die gefährlichen Kontrollpunkte umgehen.
"Un véritable scoop"! So die Reaktion zurück in Paris, angesichts der Filme, Fotos und Aufzeichnungen, die sie dabei hat. Sie verfasst ein weiteres Buch - "Des Monts célestes aux Sables rouges" - darüber, das 1934 sofort unter dem Titel "Turkestan Solo" ins Englische übersetzt wird ( auf Deutsch: "Turkestan Solo – Eine abenteuerliche Reise ins Ungewisse" ).
1934 schickt sie der "Le Petit Parisien", ein populäres Journal der Dritten Republik, in die Mandschurei, seit 1931 von den Japanern besetzt, um über deren Kriegsgräuel dort zu berichten. Von dort reist sie nach Peking. Eigentlich will sie weiter nach Sinkiang ( heute Xinjiang ), dem chinesischen Turkmenistan. Doch das ist für Ausländer gesperrt: Die dort wohnenden, mehrheitlich muslimischen Turkmenen und Uiguren erheben sich im Laufe der Geschichte immer wieder gegen die Macht in Peking.
Dort in Peking trifft Ella Maillart auf den Korrespondenten der "Times", Peter Fleming , den sie seinerzeit in einem Londoner Nachtclub kennengelernt hat. Mit diesem beschliesst sie etwas Ungeheuerliches: Von Peking aus will sie bis nach Indien kommen!
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| Peter Fleming und Ella in Gilgit ( im Karakorum ) |
Ein ungleiches Paar macht sich da im Februar 1935 für sieben Monate auf einen Weg von sechstausend beschwerlichen Kilometern:
Da ist der ungeduldige Brite, der das Ziel so rasch wie möglich erreichen will, um ja im Herbst zur Birkhuhnjagd zu Hause zu sein. Der sich nur so lange als nötig an einem Ort aufhalten will, während Ella sämtliche Abschweifungen und Umwege bevorzugt und für die die Reise ewig dauern könnte, da sie kein Verlangen mehr hat, nach Europa heimzukehren. Sie weiß aber seinen schwarzen Humor zu schätzen, seinen Pragmatismus und die Tatsache, dass er wohl mit einer Glückshaut geboren worden ist. Wahrscheinlich harmonieren sie deshalb wie ein altes Ehepaar, während sie sich auf Pferden, Kamelen und zu Fuss durch Salzwüsten, Sandwüsten, Sumpfplateaus über die Gebirgsketten des Pamir und des Karakorum bewegen, bevor sie Kaschgar und Srinagar erreichen, wo sich Islam und Buddhismus treffen, und schließlich den indischen Himalaya. "Eine Reise, in der nichts passiert, doch dieses Nichts wird mich ein Leben lang erfüllen", wird Ella danach sagen.
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| Peter Fleming (1935) |
Im Übrigen ist diese Reise kein Sujet für einen Hollywood - Film: Peter Fleming und Ella Maillart finden sich nicht wirklich attraktiv, eine verfilmenswerte spektakuläre Romanze findet also nicht statt.
Zurück in Europa verfassen sie dann ihre unterschiedlichen Reiseberichte:
Während Fleming Ella in "News from Tartary" galant als die Heldin der Expedition beschreibt und sich beeindruckt von ihrer beinharten Natur gibt, stellt sie ihn zwar liebevoll, aber auch mit einer gewissen Ironie als etwas pompösen & pomadisierten Pfeifenraucher mit den Attitüden eines "Public School Peter Pans" dar, der auch mitten in der Wüste seine Patiencen legt. Er beschreibt die erheblichen Schwierigkeiten witzig und unterhaltsam, sie zeigt mehr Interesse & Mitgefühl für die Menschen, die sie treffen, und überlegt auch, welche ökologischen Auswirkungen selbst eine kleine (relativ) moderne Expedition auf die nomadischen und semi-nomadischen Kulturen hat ( zivilisatorische Errungenschaften wie Streichhölzer, Primus - Kocher und Kamera wecken deren Begehrlichkeiten ). Ihr Buch ist "written for the ages" ( Simon Schreyer ), seines zum Ruhme des Britischen Imperiums. Am Ende konstatiert sie:
"Ich bin tieftraurig, dass es nun vorbei sein soll mit dem einfachen, freien Leben unter dem weiten Himmel Asiens, das solange das meinige war."Die "Verbotene Reise" macht Ella Maillart 1937 geradezu schlagartig berühmt und wird ein Bestseller, was Ella eine gewisse finanzielle Freiheit gewährt. Trotzdem arbeitet sie weiter als Reporterin für "Le Petit Parisien", u.a. fährt sie in die Türkei, in den Iran, nach Afghanistan und Indien. Eine kleine, aber erfolgreiche Lesetour unternimmt sie durch Europa.
Letztendlich will sie diesen Kontinent aber hinter sich lassen "und so weit wie möglich gehen". Ihr wachsendes Unbehagen aufgrund der immer unsicher werdenden politischen Verhältnisse in Europa und ihre Ahnung vom "Untergang des Westens" lassen den Wunsch nach einem erneuten Aufbruch aufkommen. Der Plan konkretisiert sich dann tatsächlich rasch:
Annemarie Schwarzenbach, fünf Jahre jünger als Ella, Sprössling einer der reichsten Familien Zürichs - Vater einer der grössten Seidenfabrikanten der Welt, Mutter Generalstochter und dem Faschismus zugeneigt - ist Schriftstellerin und Feuilletonistin, die mit ihrem Lebenswandel nicht minder von sich reden macht als mit ihrem literarischen Werk. Ihre unheilvolle Beziehung zur Mutter, unglückliche Liebesverhältnisse und die Gelegenheit im Berlin der Endphase der Weimarer Republik bringen sie ans Morphin. Sie absolviert etliche Entzugskuren und reist rastlos zwischen den Kontinenten umher, u.a. mit Klaus Mann und Marianne Breslauer.
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| Annemarie Schwarzenbach (links) mit Ella (1939) |
Noch im Frühjahr des Jahres beschaffen sich die beiden Frauen die notwendigen Dokumente, Visa und Karten, informieren sich bei Orientexperten, kaufen Campingmaterial und rüsten den Ford mit Schneeketten für Schlammpisten, mit zwei Reserverädern und verstärkten Federn auf. Immerhin soll die Fahrt durch kaum erschlossene Gegenden gehen. Und: Sie "wollen nicht wie englische Ladies mit eisgekühlten Flaschen, mit Herrenbegleitung und mit Boys möglichst schnell Afghanistan durcheilen".
Auch dieses Mal hätten die Persönlichkeiten der beiden Reisegefährtinnen nicht gegensätzlicher sein können:
Auf der einen Seite die zähe & ausdauernde, inzwischen von robuster Gesundheit gesegnete Abenteuerin, die vor nichts zurückschreckt und nicht leicht aus der Façon zu bringen ist. Auf der anderen Seite eine hoch empfindsame Schriftstellerin, exzentrisch, dazu süchtig und gesundheitlich labil, gepeinigt von Existenzängsten. Im Gegensatz zu Ella, die Schreiben als notwendiges Übel betrachtet und als etwas, das ihr die Zeit in der Natur beschneidet, ist Annemarie in erster Linie Schriftstellerin, die über eine Sprache verfügt, so komplex wie ihr Seelenleben. In puncto Reisen stimmen sie überein sowie in ihrer Einstellung zum bürgerlichen Leben, sind sie doch zutiefst unzufrieden damit und offen für alternative Lebensmodelle.
Im Juni starten sie endlich von Genf aus nach Istanbul, Teheran und weiter nach Afghanistan und befahren als erste Frauen im August von Herat ausgehend die Nordroute nach Masar-e Scharif und erreichen nach etwas mehr als drei Wochen über den Hindukusch Kabul.
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| Ella am Auto, im Iran fotografiert von Annemarie Schwarzenbach |
Bei der Ankunft in Kabul erfahren sie, dass der Zweite Weltkrieg ausgebrochen ist. Auch zwischen ihnen kommt es zum Streit. Annemarie hält den Rückzug in ferne Länder für schiere Resignation und meint, man müsse nach Europa zurück, um sich im Kampf gegen den Faschismus zu engagieren.
Sie trennen sich. Die "Reifeprüfung" ist gescheitert und beide fühlen sich als Versagerinnen. Annemarie reist aber erst einmal weiter durch Nordafghanistan, beteiligt sich an archäologischen Ausgrabungen im afghanischen Turkestan und trifft sich noch einmal mit Ella in Bombay, von wo aus sie sich nach Europa einschifft. Sie trudelt weiter durch die Welt, bis sie drei Jahre später in Sils an den Folgen eines Fahrradunfalls stirbt.
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| In Afghanistan, fotografiert von Annemarie Schwarzenbach |
Sie verbringt die nächsten sechs Jahre in Tiruvannamalai südlich von Madras, in der Nähe des Ashrams von Ramana Maharishi und erfährt bei den indischen Meistern die Unabhängigkeit von äusseren Bedingungen. Sie meditiert, schreibt, hört sich Vorträge von Atmananda Krishna Menon in Kerala an und lebt bescheiden von ihren Lizenzgebühren ( die finanzielle Ausbeute der Afghanistan-Reise ist eher enttäuschend, denn zu dieser Zeit beschäftigen die Europäer andere Themen ). Zwischendurch geht sie nach Tibet und sucht dort Einkehr.
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| 1940er Jahre |
Mit dem Kriegsende 1945 kehrt sie nach Europa zurück. Sie schreibt ihre Erlebnisse auf der Reise mit Annemarie Schwarzenbach auf und veröffentlicht sie 1948 unter dem Titel "Auf abenteuerlicher Fahrt durch Iran und Afghanistan". Ebenfalls 1948 baut sie sich selber mit Hilfe von drei Bauern ein Chalet in Chandolin, auf einer schmalen Terrasse an einer der eindrucksvollsten Stellen des Wallis auf zweitausend Metern Höhe gelegen, mit Blick auf Sierre und das Rhonetal im Süden. Sie tauft es "Atchala", in in Erinnerung an Arunatschala, dem "Berg des heiligen Feuers", in Südindien:
"… diese fast unbewohnte Region hat etwas Unberührtes. Dieselben Eigenschaften (Abflüsse) wie im Skennis Skali-Tal. Oder über dem Yatung bei der Rückkehr aus Chumbitang: Jedes Blatt, sogar jedes Moosbüschel, ist die Königin der Welt, die über ihre Macht und ihre Schönheit verfügt", schreibt sie.Das Haus ist vom Dorf Saint-Luc lange nur über einen Kreuzweg - Pfad zu erreichen. "Vom letzten bis zum ersten Schnee" verbringt Ella Maillart ihre Zeit in Chandolin, in der übrigen Zeit reist sie. Dort oben verfasst sie ihre 1952 erscheinende Autobiographie "Croisières et caravanes" ( auf Deutsch: "Ein Leben ohne Rast" ).
1951 reist sie nach Nepal, das gerade seine Grenzen geöffnet hat, und darf sich als erste Westlerin frei im Land bewegen. Von den Einheimischen wird sie wahrgenommen als eine Art "Ausnahmewesen - weder Frau noch Mann". Sie besucht Kathmandu und die Regionen Bagmati und Langtang und, mit Unterstützung von Toni Hagen, einem Schweizer Geologen, wandert sie ins Melamchi-Tal und zum heiligen Gosainkunda-See. Ihren ersten Besuch in Nepal wandelt sie wieder um in ein Buch, mit ihren eigenen Fotos gespickt: "The Land of the Sherpas" (1955). Mit dieser Reise ebnet sie auch diskret den Boden für die Everest-Expedition ihres Freundes Raymond Lambert: Der Genfer gelangt im Jahr darauf auf bis zu 200 Metern unterhalb des Gipfels und ist zusammen mit dem Sherpa Tenzing Norgay der erste Mensch, der am Everest die Höhe von 8600 Metern überwunden hat.
Bis 1987 wird sie mindestens vierzig Mal als Führerin kleinerer Touristengruppen auf das Dach der Welt zurückkehren. Ein letzter Besuch in ihrem geliebten Asien führt Ella Maillart 1994 an die Strände von Goa.
1989 werden ihre in den 1930er Jahren entstandenen Reisefotografien im "Musée de l’Elysée" von Lausanne, dem Ella Maillart ihre Negative vermacht hat, in einer ersten Retrospektive gezeigt. Mit " La Vie immédiate" werden 1991 rund 200 Fotografien einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht, die von einzigartigem dokumentarischem Interesse sind.
In den letzten Lebensjahren macht ihr die Entwicklung auf unserem Planeten zunehmend Sorgen. Es heißt, dass sie noch einen Tag vor ihrem Tod an ihrem Lieblingsplatz unter dem weiten Walliser Himmel beim Wegkreuz auf dem "Calvaire" gesessen hat. Beim Sterben bemerkt sie noch: "Du hörst einfach auf zu atmen. Was ist daran so beängstigend?" Am 27. März 1997 schließt Ella Maillart, 94 Jahre alt, in ihrem Haus in Chandolin für immer ihre Augen.
Ihre Reiseberichte, in mehrere Sprachen übersetzt, gelten bis heute als Klassiker des Genres. Ihr schriftlicher Nachlass wird in der "Bibliothèque de Genève" verwahrt, ihr photographisches Werk im "Musée de l’Elysée" in Lausanne ( hier sind einige davon zu betrachten - zum Vergrößern anklicken ), ihre Dokumentarfilme in der Sammlung der "Cinémathèque Suisse" ebendort. In Chandolin gibt es eine Dauerausstellung. Der Film "Die Reise nach Kafiristan" (2001) der Brüder Donatello und Fosco Dubini ( mit Nina Petri als Ella Maillart ) thematisiert sehr frei die gemeinsame Reise mit Annemarie Schwarzenbach. Der Dokumentarfilm "Ella Maillart: Double Journey" von Marianne Lewinsky und Antonio Bigini verwendet restauriertes Filmmaterial Maillarts von ihren Reisen in den Iran, Afghanistan, Indien und Nepal ( darunter also Gegenden, von denen wir heute nur als Kriegsgebiete etwas mitbekommen):













Tolle Biografie, super Blogbeitrag
AntwortenLöschenLiebe Grüße
Susa
Was für eine interessante Reisende, innerlich wie äußerlich. Ich habe noch nie etwas von ihr vorher gehört. Sie hat das Wesen des Reisens begriffen.
AntwortenLöschenDanke für dieses ausführliche Portrait, sehr wertvoll!
GlG Sieglinde
Wieder ein neues Fenster aufgestossen, liebe Astrid, vielen Dank! Ich hatte bislang noch nie etwas von Ella Maillart gehört. Was für ein spannendes Leben, anstrengend, nicht ungefährlich und sehr abenteuerlich.
AntwortenLöschenLiebe Grüße
Andrea
Wieder ein tolles und informatives Portrait. Ganz herzlichen Dank! Die great women sind immer ein Highlight der Woche.
AntwortenLöschenEin wunderbares Buch, das in der Mongolei ungefähr in der Zeit spielt: Fritz Mühlenweg, Großer Tiger und Christian (auch unter "In geheimer Mission durch die Wüste Gobi" erschienen). Vom komischen Titel nicht abhalten lassen. Ein großartiges Buch!
Liebe Grüße
Marion
Gestern Abend schon begeistert gelesen, aber am Handy... Nun nochmal, rückwärts von den zauberhaften Freitagsblümchen. Eine begeisternde Frau, und wer weiß, wäre ich allen geblieben, wäre ich vielleicht auch eine Reisende, Wandernde... Es juckt mich immer noch. Hab Dank, auch für das süße Extra. Rs kommt auf den Familientisch am 4. Advent. Liebe Grüße Ghislana
AntwortenLöschenwow
AntwortenLöschenwas für eine Biografie ..
eine Frau die immer ihrem eigenen "Wesen" nach ging
und nur das tat was ihr behagte..
großartig was sie geleistet hat
danke für die Biografie
Rosi
Liebe Astrid,
AntwortenLöschenwas für ein spannendes, entbehrungsreiches und abenteuerliches Leben - beeindruckend, dass sie es erfüllend empfand, ihre Sehnsucht in die Ferne zu reisen kraftvoll und engagiert zu leben.
Danke dir für diese Biografie...leider fehlt mir im Moment Zeit und Muße in die tollen Lebenswege deiner porträtierten Frauen einzutauchen.
Einen lieben Gruß, Marita
Liebe Astrid,
AntwortenLöschenwieder eine schöne Samstagsleküre. Deine Frauenbiografien sind interessant und informativ und sehr kurzweilig zu lesen. Vielen Dank.
LG
Agnes
das leben von ella maillart hat mich sehr fasziniert, bin ich selbst doch so gar keine große reisende. was für eine frau! leider war sie mir bis heute gänzlich unbekannt.
AntwortenLöschenliebe grüße
mano
so lernt man Namen und Menschen und deren Lebensgeschichten kennen die auf ihre ganz eigene Art einzigartig sind...
AntwortenLöschenim Leben verweilen, nun, das hat sie sicher nicht getan sondern war immer unterwegs zu neuen Ufern, neuen Eindrücken, dem Alltag entflieghen und lernenv was neu auf dieser welt ist.
Großartig zu lesen, großartig diese Frau die keine Strapaze scheute um immer wieder neu zu erkunden wohin sie selbst auf der Suche war.
Faszinierend und eine große Reisende der damaligen Zeit..
herzlichst ein Danke fürs lesen...
angelface