Zwei Anlässe gab es in dieser Woche für diesen Post. Der eine war eine Begegnung mit einem Menschen bei meinem Medizinischen Gerätetraining: Letzten Montag musste ich das nämlich ganz ohne Betreuung durchführen, weil die ganze Praxisbelegschaft in einer Besprechung war. Außer mir war nur noch ein älteres Ehepaar da, das schon lange mit mir die Trainingszeit teilt: ein agiler kleiner Mann, eine große, stille, stark bewegungsbeeinträchtigte Frau. Er stellt ihr immer alles ein, versorgt sie mit Wasser, reinigt die Geräte usw. und sie trainiert ( immer an viel mehr Geräten als ich ). Bisher hatten wir uns immer nur zugenickt, jetzt kamen wir ins Gespräch. Ich erfuhr bald, dass die Beiden kurdische Aleviten sind und seit 47 Jahren in der Bundesrepublik leben. Und irgendwann fiel der Satz, dass es bei uns lebenswert sei, weil man hier seine Meinung sagen könne und nicht dafür ins Gefängnis geworfen würde...
Schizophren, oder?
"Es steht außer Frage, dass heute so viel gesagt wird wie nie zuvor. Und vor allem von so vielen. Niemand muss mehr darauf hoffen, dass sein Leserbrief abgedruckt wird, um sich öffentlich mitzuteilen. Jeder, der ein Handy besitzt, kann sich jederzeit zu allem zu Wort melden. 'Und gleichzeitig kommen die Leute auf die Idee, ihre Meinungsfreiheit sei eingeschränkt', sagt Münkler: ' Das ist eine klassisch schizophrene Situation.'"
"Da habe ihm jemand gesagt, man dürfe hier gar nichts mehr sagen. Er habe entgegnet: 'Wieso? Sagen Sie doch mal, was Sie sagen wollen.' Antwort: 'Na ja, ich meine ja nur.' Für Münkler steht fest: 'Das ist ein reiner Gestus, der sich da in Teilen der Bevölkerung verbreitet hat.'"Wenn das jetzt alle sagen, muss also was dran sein."
Ein Recht auf Null Widerspruch - das habe ich hier schon öfter geschrieben - beinhaltet der Artikel 19 der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" bzw. Artikel 5 des Grundgesetzes hingegen nicht. Und wer völlig "frei" und ungefiltert sagt, was ihm gerade durchs Hirn schießt, darf sich über Widerspruch nicht wundern, vor allem wenn sich seine Äußerungen als völlig ahnungslos, unsachlich, respektlos erweisen.
Wie las ich gerade heute beim Frühstück in meiner Tageszeitung im Interview mit Navid Kermani? "Die Bedrohung von Leib und Leben zerstört die Meinungsfreiheit." Dessen sollte man sich, besonders in einer Stadt, in der die Bürgermeisterkandidatin eine Messerattacke durch einen braunen Wiedergänger überlebt hat, eigentlich bewusst sein.


Viele verwechseln Meinungsfreiheit mit "keiner widerspricht mir". Und haben dabei keine Ahnung, was echte Unterdrückung ist.
AntwortenLöschenDas Narrativ der Rechten beruht auf Unzufriedenheit streuen und Zwietracht säen.
Dem kann nur die gesammelte offene Intelligenz entgegengehalten werden.
In den USA läuft das alles ja gerade ab ....
Man darf sich nicht ins Eck reden und denken lassen. Es geht uns gut. Sehr gut sogar.
Liebe Astrid,
AntwortenLöschenja, die Propaganda funktioniert. Das ist auch im kleinen Ösiland zu spüren. In Wirklichkeit wird heute im tatsächlichen wie auch im übertragenen Sinn mehr Müll abgesondert als ich je erlebt habe...
Was auf uns zukäme, würden die, die jetzt den "Mangel an Meinungsfreiheit" ausrufen, wieder an der Macht sein, sollte uns eigentlich aus der Geschichte klar sein. Wir hatten übrigens vorgestern am Wiener Naschmarkt ein Gespräch mit einer aramäischen "Standlerin", die ursprünglich im Irak gelebt hat. Sie meinte: "Aber zum Glück sind jetzt alle in Sicherheit." (Soll heißen, sie leben jetzt in Österreich und den USA. Ich dachte bei mir "Hoffentlich sind sie das wirklich...")
Alles Liebe nochmla, Traude
Ist das nicht vielleicht ein Ausdruck dafür, dass unsere Debattenkultur verkümmert ist? Einerseits, wer hat es schon gern, auf Widerspruch zu treffen, wenn er sich mit einer Meinung aus dem Fenster gelegt hat? Andererseits ist es nicht mal der Widerspruch, sondern doch sehr häufig die Vehemenz in der dieser Widerspruch erfolgt. Wenn man dann hinzurechnet, wie Ex-AfD Chef Lucke in der Uni Hamburg behandelt wurde. Christian Lindner durfte erst gar nicht reden. Dann gabs noch den Fall des Leiters der hessischen Filmförderung. Er wurde aufgrund eines Mittagessens mit Meuthen entlassen. Das war nicht ok. Aber es wird in den sozialen Medien anders bewertet. So entstehen die Bilder, die nur in intellektuellen Kreiseln halbwegs abgeklärt beurteilt werden (Münkler). In der Lebensrealität normaler Menschen wird es bedrohlich wirken, von solchen Beispielen zu lesen. Das man die Gefühle, die das auslöst, vortrefflich propagandistisch benutzen kann, ist im Grunde wohl unvermeidlich. Wir sind verdammt empfindlich geworden und viele schätzen es überhaupt nicht, mit abweichenden Ansichten konfrontiert zu werden. Das gilt für die eine, wie für die andere Seite.
AntwortenLöschenDa trifft der alte Spruch vom Ton, der die Musik macht, wohl zu. Ich bin oft erschüttert, welche Sprache & welche Vokabeln schon beim geringsten Anlass im öffentlichen Raum einem an den Kopf gerotzt werden, Vehemenz ist da der richtige Ausdruck. Hauen und Stechen und sich Durchsetzen um jeden Preis, so kommt es mir oft vor. Da frage ich mich oft, wie schlecht es den Menschen wohl geht, wenn sie so verbal um sich schlagen müssen. Ich weiß übrigens nicht, ob die Debattenkultur früher besser war ( wir haben das und den Umgang miteinander in der Schule immer viel geübt ), vielleicht war man auch weniger individualistisch und hat stillschweigend einen Gesellschaftsvertrag akzeptiert?
LöschenLG
es gibt den schönen Spruch:Es ist schon alles gesagt.. nur noch nicht von jedem ..
AntwortenLöschenauch da ist das Net nicht gerade hilfreich.. man stellt irgend etwas in den Raum und da steht es und wirkt es un vergiftet vielleit und reizt zu Widerspruch
wobe der der es ausgelöst hat sich vielleicht gar nicht mehr drum kümmert..
früher waren die Bebatten visuell
man stand .. saß.. sich gegenüber sprach dem anderen ins Gesicht und bekam postwendent die Antwort
da konnte man sich nicht herausreden.. oder den Löschknopf drücken
auch kam es nur bei dem an für den es gemeint war und nicht bei 1000en die es eigentlichgar nichts an geht
da musst man schon überlegen was man sagt.. oder das Echo aushalten können ;)
mit dem Kopf geschüttelt habe ich mal wieder über die bestimmte Partei die Journalisten aufgefordert hat wieder "richtigen" Journalismus zu betreiben und keine Fake News zu verbreiten(nur die rechten ;) ) ..sie sollten sich da auf einer bestimmten Seite melden .. die Seite wurde inzwischen entfernt .. (ist aber wohl nur umgezogen ) Mainstream Aussteiger .. trau dich -steig aus
wenn das nicht ein Angriff auf die Meinungsfreiheit ist ..
liebe Grüße
Rosi
Ja, darüber denke ich auch viel nach... Debattenkultur, habe solche lange nicht mehr erlebt. Bin aber auch nur noch wenig in solchen Kreisen, wo man sie pflegte. Schön deine Begegnung beim Training. Ich liebe solche Begegnungen. Sie zählen doppelt und dreifach gegen all den abgesonderten Mist... Lieben Gruß Ghislana
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