Montag, 18. November 2019

Acqua alta - che disastro!

187 Zentimeter -  diese Horrormarke erreichte in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch das Hochwasser in Venedig. Für die wundervolle Stadt eine Katastrophe! 


In der Basilika San Marco stand das Wasser siebzig Zentimeter hoch, zum sechsten Mal in den vergangenen 1200 Jahren, davon aber allein viermal in den letzten zwanzig. 

Sturmböen mit über 100 Stundenkilometern - der Scirocco aus dem Süden - , eine außergewöhnliche Mondphase, Starkregen und eine bereits angestaute Hochwasserlage kamen zusammen und haben in der Lagunenstadt 80 Prozent der Stadt unter Wasser gesetzt und Schäden in mehrere hundert Millionen Euro verursacht ( dabei ist noch nicht abzusehen, wie stark die Bausubstanz gelitten hat ).

Es war das schwerste Hochwasser seit 1966. Damals lag die Ursache auch bei den in den Stadtteilen Mestre und Marghera angesiedelten Industriebetrieben mit ihrem enormen Bedarf an Süßwasser. Die hatten nämlich das Grundwasser aus dem Boden unter der Lagune abgepumpt mit der Folge, dass der sandige Boden verstärkt absackte, und die Stadt mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 14 Millimetern im Jahr in der Lagune versank.


Seitdem ist der Meeresspiegel noch zusätzlich um fast fünfzehn Zentimeter angestiegen - das als "linksgrüne ökokommunistische Verschwörungstheorie" abzutun, ist einfach nur boshaft.

Der Bürgermeister Venedigs rief am Mittwoch den Notstand aus. Am Morgen nach dieser Nacht war das Wasser anders als sonst sogar bei Ebbe vielerorts noch stehen geblieben, was als schlechtes Zeichen zu bewerten ist. Am Freitagvormittag stieg das Wasser bei Flut abermals auf 153 Zentimeter über dem normalen Meeresspiegel. Rund 70 Prozent der historischen Stadt waren nun betroffen. Gestern nun eine dritte Überschwemmung mit einem Wasserstand von 150 Zentimetern über normal. Auch dieses Mal waren rund 70 Prozent des Unesco-Welterbes geflutet.

Mittlerweile hat auch die  italienische Regierung den Notstand verkündet.

Das Problem ist alt und schon lange bekannt. ( Selbst im im 16. Jahrhundert war den Venezianern bewusst, dass das Überleben ihrer Stadt vom Zustand der Lagune abhing und man gründete ein "Wasserkomitee", das zum Beispiel die Aufgabe hatte, die Versandung der Lagune aufzuhalten. ) 

Ich war damals noch eine Jugendliche, als mich die Nachrichten darüber beschäftigten. Dass dieses sagenhafte "Schiff aus Stein" ( so der Titele eines Buches von Hermann Schreiber von 1979 ) für immer untergehen würde, hat mich - Berufsziel in jenen Jahren: Illustratorin - Bilder von der versunkenen Stadt in Mixed - Media- Technik erschaffen lassen. 

Leider habe ich die auf die Schnelle nicht mehr gefunden. Dafür aber zwei Alben, das eine von meinem ersten Besuch 1981. Damals hat Venedig mein Herz nachhaltig erobert und ist zu meiner allerliebsten italienischen Stadt geworden ( in meiner ganz persönlichen Hitliste europäischer Städte bis heute auf Platz Drei ).


In jenen 1960er Jahren hat man sich ans Überlegen gemacht, was man gegen das zerstörerische Werk des "Acqua Alta" tun kann, in den 1990er Jahren wurde konkret geplant. 2003 hat dann Berlusconi mit einem ersten Spatenstich die Bauarbeiten freigegeben, der metallene mobile Deich sollte elf Jahre später fertig sein. 

Bei diesem  MO.S.E.-Projekt ( Abkürzung für "experimentelle elektromagnetische Module" ), einem Sturmflutsperrwerk aus beweglichen Fluttoren nach dem Vorbild ähnlicher Einrichtungen in Rotterdam & London, sind aber bisher nur Milliarden quasi im Lagunenwasser versenkt worden, die Kastenelemente rosten vor sich hin. Das Sperrwerk hat noch nie funktioniert - eine Art venezianischer BER also! 

Einer der größten Gegner des Projekts war ausgerechnet bis 2010 der Bürgermeister von Venedig, der parteilose Massimo Cacciari. Überhaupt die ideologischen Differenzen zwischen den Bürgermeistern der Stadt und den Berlusconianern in der Region Veneto! Die behinderten das Projekt genauso wie Kostenexplosionen, Baustopps und Korruptionsskandale. Alle politischen Richtungen waren in letztere verwickelt, vor allem über illegale Parteispenden, aber auch über direkte Bestechungen mit Bargeld. Von Beginn gab es auch Kritik, dass ein Eingriff in das sensible Ökosystem der Lagune mehr schade als nutze. 

Die Justiz tat sich sehr schwer, die versickerten Gelder in einschlägigen Prozessen zurückzuholen. Insgesamt war eine Milliarde Euro veruntreut worden. 2014 wurde der damalige venezianische Bürgermeister Giorgio Orsoni sowie weitere 34 Politiker und Bauunternehmer wegen Geldwäsche, Veruntreuung und Erpressung im Amt verhaftet, später auch der ehemalige Regionspräsident von Venetien.

2017 beschloss die Stadt, ein System aus kleinen, teils mobilen Dämmen mit Pumpen zu installieren, um wenigstens den Markusplatz und den Dom mit seinen empfindlichen Bodenmosaiken während der jährlich üblichen Überschwemmungen trocken zu halten. 

Das wie ein ebenso geplantes Anlegeverbot für große Kreuzfahrtschiffe lässt auf sich warten. Die zunehmende Zahl der perversen Riesen, ja, der Schiffsverkehr insgesamt belasten die Stadt und die umliegenden Inseln zusätzlich: Ihr Wellengang nagt an den Holzpfählen der Häuser, die vertieften Fahrrinnen leiten immer mehr Wasser in die Lagune und führen zu ihrer Versandung. Und weil sie dadurch flacher wird, treten bei Sturmfluten die vom Wind aufgepeitschten Wassermassen schneller über die Ufer.


Überschreitet der Hochwasserpegel die Marke "110", ruft die Stadtverwaltung die Warnstufe "Orange" aus. Die Statistiken der Stadt Venedig zeigen, dass diese Stufe heute viermal häufiger ausgerufen werden muss als noch vor 40 Jahren. 

Viele Venezianer sind überzeugt, dass die Politiker die Stadt an die Tourismus- und Kreuzfahrtunternehmen verkauft  haben und sich nicht wirklich für den Schutz der einzigartigen Kultur & Architektur Venedigs interessieren. Sie sind "normale" Hochwasser gewohnt und darauf vorbereitet. Aber diesmal ist ihnen die Verletzlichkeit ihrer Heimat wieder deutlich vor Augen geführt worden...


Vor genau zwanzig Jahren war ich zum letzten Mal in dieser meiner Lieblingsstadt - die letzte gemeinsame Reise mit meinem jüngsten Bruder. 

Deshalb hat mich bei den Nachrichten der letzten Tage eine doppelte Wehmut erfasst und meine Augen feucht werden lassen. Venedig darf nicht untergehen! 

Kommentare:

  1. Auch ich liebe Venedig. Wenn auch nicht mehr das, was daraus geworden ist. Tatsächlich empfinde ich diese Stadt als verraten und verkauft von den Mächtigen der Stadt und verlassen von ihren Bewohnern. Vor vier Jahren waren wir einige Tage dort, und die Kreuzfahrt-Schiffe riesig und alles beherrschend, wenn Sie in Venedig ein- oder ausfahren, waren wie ein Menetekel. "Wer solches zulässt, dem ist alles zuzutrauen", das dachte ich beim ersten Erschrecken. Ob Venedig wirklich noch zu retten ist, bezweifle ich. Dass die Katastrophe in großen Teilen hausgemacht ist, macht alles noch viel schlimmer.
    Leider habe ich da heute wenig Trost für Dich.
    Ich kenne Venedig von etlichen Besuchen binnen 50 Jahren.
    Das einzige, was uns wirklich bleiben wird, ist unsere Erinnerung.
    Aber vielleicht gibt es nun eine Wende?
    GlG Sieglinde

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  2. es ist wirklich erschreckend ..
    sei froh dass du die Stadt noch in Erinnerung hast wie sie früher war
    ich würde nicht hinfahren auch wenn ich das Geld dazu hätte denn dort sind genug Menschen
    diese Riesenpötte würde ich zu aller erst verbannen sie können doch wo anders anlegen und dann mit dem Bus oder kleinen Booten in die Stadt fahren
    man muss doch nicht immer bis vor die Haustür gebracht werden
    hoffentlich wachen da jetzt die richtigen Leute auf.. :(
    es ist wirklich eine Schande

    liene Grüße
    Rosi

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  3. Oh ja, mein Besuch der wunderbaren Stadt liegt schon sehr lange zurück, hat aber einen bleibenden Eindruck hinterlassen! Ich habe mir damals als Teenager von meinem Taschengeld eine echte venezianische Maske gekauft, neben Muranoglasteilen, die wir damals noch im Wasser neben den Glasbläsereien sammeln konnten, ist sie ein wirklich besonderes Souvenier.
    Ich hoffe sehr, dass man der Stadt helfen kann, aber wie man sie *anheben* will, meines Erachtens der einzige Weg, den ich mir vorstellen kann um den kommenden Hochwassern besser zu begegnen, weiß ich nicht.
    Liebe Grüsse
    Nina

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  4. ich war noch nie in venedig und werde wohl auch nicht mehr hinkommen (und habe wg der touristenschwemme auch gar keine lust mehr dazu). trotzdem beschäftigt mich das schicksal der stadt schon viele jahre und ich verfolge jeden bericht über sie. grund: ich verschlinge jedes jahr den neuen roman von donna leon und habe via commissario brunetti sehr viel über die stadt erfahren - auch wenn es vielleicht komisch klingt. aber donna leon greift immer wieder aktuelle themen wie die umwelt- und bestechungsskandale auf.
    danke, dass du das thema aufgegriffen hast!
    liebe grüße
    mano

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    1. Donna Leon wurde von Mann und Tochter auch immer verschlungen ( ich lese ja keine Krimis ). Ich bin froh, dass ich die Stadt noch abseits der Touristenströme in Cannaregio, in einem kleinen Viertel hinterm Bahnhof verbracht habe. Ich denke oft, was jetzt mit dem wunderbaren Haus ist...
      LG

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  5. Ich sah neulich eine Beschreibung im ital. TV, wie man die Fahrtrinnen ausgebaggert hat extra für die Riesenschiffe, die die Touristenmassen da hineingleiten lassen. Was für ein Frevel mit nachhaltigen Folgen der Zerstörung. "Für Geld tu ich alles..." Altes Motto, immer akutell. Ich musste auch sofort an Donna Leon denken mit "Aqua alto", obwohl ich auch keine Krimis lese oder mir anschaue. Traurig alles, sehr traurig! Herzlich, Sunni

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  6. Welch ein trauriger Anlass, Venedig zum Thema zu machen, aber ich finde es sehr gut, dass du so ausführlich über diese erschütternde Katastrophe berichtest! Sehr, sehr lang ist es her, dass ich diese Stadt gesehen habe, als junges Mädchen 1967. Damals hielten sich die Touristenschwärme noch in Grenzen und man konnte die wunderschönen Ecken wirklich erleben und genießen...ich war sehr beeindruckt.
    Hoffentlich ist jetzt, nach den vielen Fehlern und Versäumnissen überhaupt noch etwas zu retten .
    Liebe Grüße Ulrike

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  7. Dreimal war ich in Venedig und jedes Mal wurde es schwieriger die Plätze und Winkel zu finden, in denen man die Stadt und nicht nur die sich hindurchschiebenden Menschenmassen erleben konnte... Aber ich stimme dir zu, was für eine ergreifend berührende Stadt in ihrer besonderen Architektur von Wassern durchzogen. Weißt du, dass das deine Fotos aus den alten Alben wunderbar wiedergeben? Diesen morbiden Charme, den ich auch so an der Tod-in-Venedig-Verfilmung liebe, der einfach ans Herz rührt. Heute gab es einen, ich glaube, Taz-Artikel, in dem eine Bewohnerin Venedig als Opfer der Gier bezeichnet. Liebe Abendgrüße Ghislana

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  8. Eigentlich ist ein Verbot des Anlegens von Kreuzfahrschiffen doch schon längst überfällig. Dass sich die Venezianer sich verkauft und von den Politikern betrogen und verlassen fühlen, kann ich mir nur zu gut vorstellen.
    Ich war einst als Kind dort, seitdem graut es mir vor den Touristenhorden.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  9. Als ich vor über 10 Jahren zum erstenmal da war, haben mich die Touristenhorden binnen kürzester Zeit verjagt. Ich habe viel über diese Stadt gelesen und man kann nur in tiefe Trauer verfallen, dass dieses marode System es nicht schafft, die Stadt zu bewahren.
    LG
    Magdalena

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  10. Es ist schon Jahrzehnte her, dass ich in Venedig war, aber ich habe mich sofort in diese zauberhafte Stadt verliebt. Es blutet mir das Herz, wenn ich in den Nachrichten sehe, welche Zerstörung das Hochwasser anrichtet. Ich wünsche mir sehr, dass Venedig gerettet werden kann.
    Liebe Grüße
    Ingrid

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