Donnerstag, 20. Juni 2019

Great Women # 184: Elisabeth Hauptmann

Ende der 1970er bzw. Anfang der 1980er Jahre brachten die Bühnen der Stadt Köln ein Stück namens "Happy End" zur Aufführung, was begeistert in den Medien besprochen wurde. Da ich "Die Dreigroschenoper" so mochte, haben wir uns gleich Karten besorgt. Bis heute singe ich gerne die Songs des Stückes wie den "Surabaya Johnny", den "Bilbao-Song" oder den von "Mandalay“. Autorin des Singspiels in drei Akten war eine gewisse Dorothy Lane. 

Dorothy Lane kommt als Elisabeth Flora Charlotte Hauptmann am 20. Juni 1897, also heute vor 122 Jahren, im ostwestfälischen Peckelsheim, einer kleinen Gemeinde mit eineinhalbtausend Einwohnern bei Warburg, auf die Welt. Ihre Mutter ist Josefine Diestelhorst, eine Deutsch - Amerikanerin protestantischen Glaubens, ihr Vater der Landarzt & Sanitätsrat Clemens Hauptmann, ein Katholik. Eine solche Verbindung wird im katholisch geprägten Westfalen jener Zeit gar nicht gern gesehen: Der Vater wird daraufhin als Arzt von der katholischen Kirche boykottiert. Elisabeth selbst ist auch dem Spott der anderen ausgesetzt. Diese Erfahrungen tragen zu ihrer später geäußerten "antikirchliche(n) Einstellung" bei.

Da das Elternpaar übereingekommen ist, die vier Kinder, drei Mädchen und ein Junge, im Glauben der Mutter aufzuziehen und im Dorf nur eine katholische Dorfschule existiert, können die Eltern Unterricht zu Hause durchsetzen. Die Mutter übernimmt dabei den Part des Musik- & Literaturunterrichts. Zeitweilig hegt sie sogar die Hoffnung, die begabte Tochter würde Pianistin werden. Sie selbst ist nämlich, aufgewachsen als Adoptivkind bei einer österreichischen Emigrantenfamilie in New York,  nach Europa gekommen, um Klavier zu studieren. Aber Elses - so nennt sich Elisabeth damals - Interessen liegen auf einem anderen Gebiet: Das Mädchen spricht perfekt Englisch - die Hauptmann-Kinder verbringen die Sommer auf der Insel Wight, wo sie nur Englisch sprechen - und auch Französisch und erweist sich als sehr talentiert beim Übersetzen in beide Sprachen. Außerdem ist es eine leidenschaftliche Leserin:
"Ich kann mich nicht daran erinnern, wie und wann ich lesen und schreiben gelernt habe, aber ich erinnere mich haargenau an mein erstes Lieblingsbuch und an meinen Lieblingsleseplatz." ( Quelle hier )
Elisabeth besucht später ein Lyzeum und Oberlyzeum. Da sie dort kein Abitur ablegen kann, bleibt ihr ein Universitätsstudium versagt, und sie absolviert stattdessen die Seminarklasse in den Erziehungs- und Bildungsanstalten Droyssig bei Zeitz, wo sie 1918 das Lehrerinnenexamen ablegt - eine damals weit verbreitete und oft einzige Möglichkeit der weiblichen Berufstätigkeit! Sie nimmt eine Stelle in einem Lyzeum in der "Grenzmark" an, arbeitet aber auch als Hauslehrerin bei  Grundbesitzersfamilien in Pommern an der deutsch - polnischen Grenze an. Das Lehrerinnensein ist an die Bedingung geknüpft, unverheiratet zu bleiben und zölibatär zu leben - für die eher abenteuerlustige Elisabeth ist ein solcher Versuch von Anfang an zum Scheitern verurteilt! 

In der "Grenzmark" erfährt sie den aufkommenden Nationalismus und die Militarisierung durch deutsche Freiwilligenverbände, lernt aber auch das karge Leben der polnischen Saisonarbeiter kennen: "Politisch waren mir durch meinen Aufenthalt auf den Gütern in der damaligen 'Grenzmark' die Augen aufgegangen", wird sie in einem späteren Lebenslauf dazu bemerken.

Und es kommt, wie es kommen muss, in einer provinziellen Umgebung, in der noch nicht die gesellschaftlichen Veränderungen der Weimarer Zeit angekommen sind: Elisabeth verliebt sich in den Cousin einer ihrer Schülerinnen. Das geht nicht, ein Skandal in den Augen der Familie! 1922 folgt sie ihrer Liebe nach Berlin, vielleicht auch in der Hoffnung auf eine Ehe, aber eher auch, weil sie keine andere Wahl hat als sich eine andere Arbeit zu suchen, denn der Vater ist nicht mehr bereit, sie zu alimentieren.

Nach den (Moral-)Vorstellungen des 19. Jahrhunderts ist sie jetzt eine gescheiterte Existenz, doch nach denen des Berlin der 1920er Jahre hat sie als Frau endlich Chancen: Die, auf eigenen Beinen zu stehen, vielleicht zu studieren, mit Künstlern & Schriftstellern bekannt zu werden und sich in der Politik zu engagieren. Ohnehin ist Elisabeths wahre Berufung, Schriftstellerin zu sein. In der Stadt, die sie so bewundert, kann sie auch Cafés, Theater & Konzerthallen besuchen, ohne von irgendwem eskortiert werden zu müssen. Da sie niemandem von ihrer Affäre erzählt hat, gilt sie erst einmal als eine jungfräuliche kleine Lehrerin, die durch das gefährliche Berliner Leben navigiert ( "Die Leute sind lockerer in ihrem Kopf, unbeschwerter." ), was Elisabeth auch etlichen Stoff für ihre schriftstellerischen Skizzen liefert.

In der Hoffnung, das Geld für eine Studium selbst verdienen zu können, arbeitet sie zuerst für eine Zeitung, dann einen Architekten und landet schließlich bei einem Schriftsteller, für den sie neu erschienene Bücher liest und davon eine Inhaltsangabe verfasst. Als sie im Herbst 1924 einmal krank ist, nimmt sie eine Freundin aus dem Architekturbüro in ihrer großen Wohnung in der Uhlandstraße auf. Und die sagt ihr eines Tages: "Ach, der Brecht ist wieder in Berlin! Nun ja, es ergab sich, daß der auch eines Nachmittags sie besuchte." ( Quelle hier ).

Eigentlich hat sie kein Interesse, ihn kennenzulernen und geht lieber spazieren. Doch weil es regnet, kehrt sie um und lässt sich zu einem Tee dazu bitten, hockt mit am Tisch und schweigt lustlos:
"Ich sah da einen sehr dünnen Menschen mit Lederjacke, sehr freundlich, und der erzählte dann ein paar Geschichten. (... ) Und dann mußte er zu irgendeiner Probe oder Aufführung gehen." Am nächsten Morgen ging das Telefon: ",Hier Brecht. Ich bin noch nie so unfreundlich verabschiedet worden!' Ja, dann habe ich versucht, etwas freundlicher zu sein. Und daraus ergab sich dann diese lange Mitarbeiterschaft." 
Gemeinsam geht man am Abend spazieren, und Elisabeth muss verwundert feststellen, dass ihm vor allem ihre Fähigkeit, gut zuzuhören, beeindruckt hat. Ihn fasziniert sie auch als belesene Kennerin der französischen und der anglo-amerikanischen Literatur. Doch am Wichtigsten scheint zu sein, dass er auf der Suche nach einem Gegenüber für seine dramatische Arbeit in Elisabeth das passende Pendant sieht.

Die hat dann auch sofort einen guten dramaturgischen Einfall für das Stück "Mann ist Mann", mit dem Brecht bis dato nicht voran gekommen ist. Diese "Hilfeleistung" lässt den Dramatiker seinen Verleger Kiepenheuer überreden, Elisabeth Anfang 1925 als Lektorin für ihn einzustellen. Die Originalmanuskripte des Stückes lässt er binden und schenkt sie Elisabeth zu Weihnachten mit der Widmung "hauptmanuskripte". Später wird Elisabeth sich dagegen verwahren - geschlussfolgert aus einer Formulierung Brechts -, sie habe ohne Lohn gearbeitet: Sie habe doch gleichzeitig "ein gutes Gehalt von Kiepenheuer" erhalten! Daraus spricht ein gewisser Stolz, der Frauen der Weimarer Zeit eigen gewesen ist, die erstmals für ihren eigenen Lebensunterhalt sorgen konnten.

"Die Dame an der Schreibmaschine", Brecht stehend (1927)
Im zweiten Jahr der Zusammenarbeit zeigt sich, dass Elisabeth "sich in die Welt der Gedanken und des Geschmacks von Bertolt Brecht hineinbegeben hat. Es handelt sich aber keinesfalls um eine einseitige Abhängigkeit. Sie griff in den kreativen Prozess selbst ein", schreibt Sabine Kebir hierUnd sie zitiert als Beleg den Hörspielregisseur Alfred Braun, der sich erinnert: "Ich weiß noch heute genau, wie bei Brecht gedichtet wurde. Da saß eine Dame an der Schreibmaschine, die mithalf." 

Da sowohl Elisabeth wie Brecht Privates nicht gerne vor der Öffentlichkeit zeigen, gibt es wenige, belastbare Belege über den Charakter ihrer Beziehung - so behalten sie beispielsweise das Siezen bei -, doch scheint sie am Anfang persönlich wie auch beruflich sehr eng gewesen zu sein ( "Spekulationen darüber zeugen nur von geschmackloser Phantasie", so allerdings Sabine Kebir ). Elisabeth teilt mit Brecht einige Interessen wie die an Sportveranstaltungen - so schreibt sie eine Kurzgeschichte über einen damals populären Boxer -, an Film, Jazz und anderen Bereichen der Massenkultur, sowie an Kriminalromanen, an denen sie sich gemeinsam versuchen. Elisabeth braucht neue Verdienstmöglichkeiten, nachdem die Tätigkeit bei Kiepenheuer 1927 zu Ende ist. Hauptsächlich lebt sie vom Übersetzen für Magazine.

Elisabeth Hauptmann  im "Uhu"
1926 erscheint aber auch ( unter dem Namen Kathrin Ux ) "Romeo ohne Julia" sowie weitere Geschichten in Magazinen, die meist vom Elend der Arbeitslosen, Ausgestoßenen, Alten handeln oder der Fähigkeit der Frauen, aus Notsituationen immer etwas zu machen wie in "Er soll dein Herr sein", 1929 im "Uhu" publiziert und mit einem Foto der Hauptmann als Proletarierfrau garniert ( links das rechte Bild ).

In "Auf der Suche nach Nebeneinnahmen" wird schon im Prolog das Resümee der Geschichte formuliert: "Wenn der Mensch nicht den anderen Menschen verkaufen kann, dann verkauft er, in die Enge getrieben, sich selber."  

1928 ist im "Uhu" bereits ein anderer Text mit einem Foto der ansehnlichen Schriftstellerin  im Heilsarmee-Kostüm erschienen: "Bessie soundso. Eine Geschichte von der Heilsarmee" ( oben das linke Bild ). Eine bemerkenswerte Erzählung ist die 1931 in einer Anthologie veröffentlichte "Gastfeindschaft", die nachweist, dass die bestgemeinte Mildtätigkeit keine Lösung der sozialen Missstände der Zeit sein kann. Elisabeth ist zu diesem Zeitpunkt aus solcher Erkenntnis bereits Mitglied der Kommunistischen Partei ( Eintritt 1929 ).

Als sie den Eindruck hat, der geborene Dramatiker Brecht verzettle sich zu sehr mit Kurzgeschichten und dergleichen, stillt sie den "Brechtschen Stoffhunger mit den richtigen Nahrungsmitteln" ( Klaus Völker hier ) und übersetzt die "Beggars Opera" von John Gay. Da immer wieder umstritten diskutiert: Von Elisabeth Hauptmann stammt also der übersetzte Text, von Brecht der dramaturgische Dreh und die Songs sind vom Duo Brecht /Weill. Das Gemeinschaftswerk "Die Dreigroschenoper", uraufgeführt am 31. August 1928, wird ein Riesenerfolg, der auch die finanzielle Situation der Beiden entspannt: Elisabeths Anteil an den Tantiemen beträgt 12,5 Prozent, bei Auslandsaufführungen 15 Prozent.

Im Anschluss daran entsteht eine weitere "Oper": "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny", deren "Alabama Song" in der englischen Fassung tatsächlich auf Elisabeth Hauptmann zurückgeht:


Im Frühsommer 1929 schreibt Brecht den inzwischen berühmt gewordenen Brief an Elisabeth, der dem Stück der Hauptmann - "Happy End" - vorausgegangen ist:
 "Liebe Bess, heute fiel mir ein, ob sie nicht Lust haben, sich an dem Massarygeschäft zu beteiligen? Ich würde Ihnen eine Fabel geben usw., und Sie würden ein kleines Stück daraus zimmern, ganz locker und schlampig, meinetwegen auch fetzchenweise! Eine teils rührende, teils lustige Sache für etwas 10 000 Mark...... Fabel ungefähr so: Milieu: Heilsarmee und Verbrecherkeller. Inhalt: Kampf des Bösen mit dem Guten. Pointe: Das Gute siegt."
Carola Neher als Lilian in "Happy End"
1972 wird sie dazu sagen: "Es war wirklich zu schnell gemacht und vielleicht auch nicht richtig überlegt." Das Stück wird auch tatsächlich erst auf der Probebühne fertig und dann am 2. September 1929 mit einer beeindruckenden Carola Neher in der Rolle der Lilian aufgeführt.

Das Publikum wähnt sich in einem Lustspiel. Doch als Helene Weigel als "Fliege in Grau" zum Schluss verkündet: "Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie, was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank",  ist es schockiert.

So wird es bereits nach sieben Aufführungen abgesetzt. Der Skandal trägt dazu bei, Brecht noch berühmt-berüchtigter zu machen. Elisabeth, die Öffentlichkeitsscheue, lässt ihre Identität als Autorin ( auch später noch ) allzu gern ungelüftet. In den Tantiemenverträgen von 1929 wird vereinbart, die Einkünfte zu dritteln: an Brecht, Weill und Elisabeth...

1929
1929 ist auch sonst ein sehr spannungsvolles Jahr für die nunmehr 32jährige: Im April hat Brecht Helene Weigel geheiratet. Sabine Kebir stellt allerdings in Frage, dass der in diesen Zeitraum fallende Selbstmordversuch der Elisabeth Hauptmann damit in einem Zusammenhang steht. Vielmehr sei ihr von Anfang an immer klar gewesen, dass die Beziehung zwischen Brecht & Helene Weigel "perspektivisch aussichtsreiche(r)" gewesen sei... 

Sie geht erst einmal auf Distanz und konzentriert sich auf ihre Aufgabe als Frauenleiterin einer kommunistischen Zelle in Charlottenburg und beteiligt sich an der Flugblättererstellung und -verteilung. Doch schon im Jahr darauf nähern sich die Beiden auch wieder an, und Elisabeth übernimmt die Redaktion der Brechtschen Zeitschrift "Versuche" ( eine Aufgabe, die sie bis 1933 erfüllen wird ). Gemeinsam arbeiten sie auch  an den "Lehrstücken".

In Elisabeths Privatleben gibt es in jener Zeit etliche Beziehungen zu Männern, urkundlich gesichert ist aber nur die Ehe mit dem Redakteur Friedrich Hacke, die nach einem Jahr bereits wieder geschieden wird, wegen einer anderen Frau, Bianca Menotti ( die spätere Margret Mynatt, Chefherausgeberin von Marx und Engels in England ), mit der die Hauptmann aber lebenslang befreundet bleiben wird. In diese Zeit fällt auch der Tod der Mutter, die als Einzige in der Familie Interesse & Verständnis für die Tochter gezeigt hat.

"Und dann ging es schließlich Hals über Kopf durch den Reichstagsbrand", so Elisabeth: Brecht und seine Ehefrau lassen die Kinder in ihrer Obhut und fliehen sofort nach Prag. Elisabeth versucht, alle "Sachen" systematisch in der Brechtschen Wohnung zusammenzusuchen, nachdem sie die Kinder zum Großvater nach Augsburg gebracht hat. Nach einer Serie von Hausdurchsuchungen wird sie im November 1933 verhaftet, aber kurz darauf wieder freigelassen. "Solche Zeiten kann man kaum durchstehen ohne Freunde", wird sie später kommentieren. Die Tatsache, dass sie eine in den Vereinigten Staaten verheiratete Schwester mit einflussreicher Verwandtschaft hat - damals noch durchaus auch Nazis beeindruckend-, verhilft ihr dazu, das Exil in den Vereinigten Staaten anzugehen, auch wenn sich dadurch ihre bisherige Lebensperspektive in Luft auflöst.

Auf dem Weg dorthin trifft sie in Paris noch einmal auf Brecht, der ihr Vorhaltungen wegen eines Koffers mit Materialien macht, der ihr verloren gegangen ist. Daraufhin bricht sie zusammen, wird aber vom Exilanten Walter Benjamin aufgefangen. In einem Brief an Brecht zieht sie schließlich einen Schlussstrich unter die nunmehr neunjährige gemeinsame Zeit, doch ganz tief scheint der Bruch nicht gewesen zu sein: Bei ihrer Ankunft in New York bleibt sie anfangs, vermittelt durch Brecht, noch bei seinen Verwandten, bevor sie Anfang 1934 nach Missouri zu ihrer Schwester aufbricht.

Bald schreibt sie an Walter Benjamin in Paris: "Hier ist es so falsch, wenigstens für mich." Mit den amerikanischen Mittelklassefrauen hat sie nichts gemeinsam und mit ihren Fähigkeiten kann sie im Land der tausend Möglichkeiten auch nicht punkten, denn sie hat, literarisch gesehen, dort einfach keinen Namen. So übernimmt sie halt erst einmal die Pflege einer psychisch kranken Frau, was sie selbst aber völlig herunterzieht. Zwischenzeitlich überlegt sie gar, nach Moskau zu gehen, wovor sie von Freunden aber eindrücklich gewarnt wird.

Bertolt Brecht in New York
Nachdem sie die Hoffnung aufgeben muss, eine eigenständige  Existenz als Schriftstellerin in den USA aufzubauen, arbeitet Elisabeth an der Missouri University in St. Louis als Lehrerin und dann im Herbst 1935, als das College für ein Semester geschlossen hat, auch wieder mit Brecht in New York bei der Inszenierung der "Mutter" nach Maxim Gorkis Roman zusammen, was sie für sich als "Glücksfall" betrachtet. Der Dramatiker kommt einfach nicht mit den amerikanischen Schauspielern zurecht, mit ihrem Mangel an europäischen Erfahrungen, mit der Sprache, mit der Kultur. Elisabeth ist eine Hilfe in all diesen Konflikten.

1936 kehrt sie dann aber wieder nach St. Louis zurück, unterrichtet wieder am College, gibt aber auch Privatstunden und arbeitet an einem College für Afroamerikaner. In "Als Lehrerin in den USA" beschreibt sie ihre Erfahrungen damit. "Im Greyhound unterwegs", findet die dreiundvierzigstündige Busreise nach New York ihren literarischen Widerhall.

"Und dann fand ich, daß mir nicht nur das Unterrichten hier Spaß machte, sondern auch das Zur-Schule-Gehen...". So beginnt sie ein Französisch- Studium, engagiert sich daneben ab 1937 für die deutsch-mexikanische Spanienhilfe, unterstützt Emigranten, die nach wie vor in die USA fliehen, hält Vorträge über den Faschismus und veröffentlicht Artikel in Zeitungen.

1940 erhält sie die amerikanische Staatsbürgerschaft, gibt ihren Brotjob am College auf, wird Mitglied bei der antifaschistischen Gruppe "Council for a Democratic Germany" in New York und lebt ab 1941 in einer Partnerschaft mit dem ehemaligen sozialdemokratischen Polizeipräsidenten von Magdeburg, Horst W. Baerensprung. Für den, ein begnadeter Erzähler, bringt Elisabeth diese mündlichen Berichte in eine schriftliche ( Memoiren- ) Form und verfasst für ihn auch seine gegen die Nazis gerichteten "Radio - Reden" bei CBS. Bekanntere männliche Exilanten sind bei den amerikanischen Medien gefragt und man ist eher bereit, sie zu engagieren und sie besser zu bezahlen als eine unbekannte Autorin, Elisabeths altes Dilemma! Für Baerensprung formuliert sie auch die erste Version eines Stückes über seinen Großvater, einen der "Göttinger 7" von 1837 ( "Dahlmann" ).

Gleichzeitig bahnt sie für Bertolt Brecht und seine Entourage Möglichkeiten an, ins amerikanische Exil zu gelangen. Und schließlich kümmert sie sich um Ruth Berlau, die dänische Mitarbeiterin & Geliebte Brechts, als diese 1945 in New York in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert wird - verbunden & dienstbar bleibt sie dem Kreis also nach wie vor, auch wenn sie Brecht nur einmal in jener Zeit persönlich trifft, als er sie erneut als Mitarbeiterin anheuern will. Aber sie hat keine Zeit.

Horst W. Baerensprung links,  Paul Dessau rechts
Als Baerensprung 1946 wieder zu seiner Frau in Deutschland zurückkehrt, zieht Elisabeth allerdings dann doch noch nach Los Angeles in Brechts Nähe. Der Wunsch, wieder zu seinem Arbeitskollektiv zu gehören, scheint zu attraktiv zu sein.

Dort trifft sie auch auf den deutschen Komponisten Paul Dessau, der sich im Exil als Gärtner verdingen muss, und zieht mit ihm zusammen. Im Frühjahr 1948 heiraten sie in Santa Monica, nur wenige Wochen bevor er Brecht nach Berlin folgt. Ob sie mit Dessau an seinen Liedern gearbeitet hat - "darüber liegt ein größeres Geheimnis als über dem zwischen Hauptmann und Brecht", so Sabine Kebir.

Wegen einer langwierigen Knieverletzung verlässt Elisabeth als letzte des Brecht - Kreises auf einem holländischen Schiff Anfang 1949 die USA in Richtung Den Haag. Da beide Eltern tot, der Bruder 1944 im Krieg gefallen ist, schlägt sie sich zuerst nach Braunschweig durch, denn dort ist Horst W. Baerensprung inzwischen Polizeipräsident - offensichtlich kein ganz erfreuliches Unterfangen, denn die Ehefrau ist durchaus eifersüchtig und glaubt nicht an eine rein literarische Zusammenarbeit.

So leicht es mit einem US - Pass gewesen ist, nach Europa zurückzukehren, so schwer wird es nun mit einem solchen nach Berlin in den sowjetischen Sektor zu kommen, in dem der Brecht - Kreis sich niedergelassen hat. Das Wiedersehen mit der Stadt kommentiert sie später so: "Es waren nicht die Ruinen einer Stadt, sondern es waren die Ruinen einer Stadt, die ich nicht gekannt habe. So anders, so fremd." Wieder helfen alte Freunde, sie mit den allernötigsten Gebrauchsgegenständen zu versorgen bzw. ihr eine Wohnmöglichkeit zu bieten. Ihr Ehemann hingegen verlässt sie wegen einer jungen Schauspielerin, worauf Elisabeth 1950 erneut einen Suizidversuch unternimmt.

Es folgt eine schwere Zeit, denn es gelingt Elisabeth nicht, die alten Freundschaften oder die Beziehungen zu den alten und neuen Brecht - Mitarbeitern "in alter Qualität auf(zu)frischen." Sabine Kebir spricht gar von einer "tiefen Depressionskrise...., die mit großen Kontaktängsten einherging." Ihren Lebensunterhalt kann sie sich durch einen Job bei der DEFA verdienen und sie vermittelt ein amerikanisches Theaterstück an die Bühnen - erfolgreich!

Doch irgendwie ist das alles für sie nicht befriedigend. Und sie wechselt in den 1950er Jahren zum "Berliner Ensemble", wo sie auch für solche Dinge wie Abrechnung & Vertragsverhandlungen zuständig ist, nicht nur für die Edition der Werke Brechts. Sie selbst sieht sich aber als "freie Schriftstellerin".

So selbstbewusst, wie sie in einem Brief an Baerensprung auftritt, ist sie in jener Zeit nicht wirklich. Neben psychischen plagen sie auch physische Probleme, sie leidet an schwerer Arthritis, und damit begründet sie auch ihre ambivalenten Forderungen gegenüber Brecht. Ähnlich widersprüchlich verhält sie sich bezüglich einer angemessenen Bezahlung ihrer Arbeit ( so verzichtet sie z.B. auf die Entlohnung durch den Suhrkamp Verlag bezüglich ihrer Tätigkeit als Herausgeberin der Brechtschen Werke, beschwert sich aber dann anderthalb Jahre später über ihre finanzielle Lage ).

Die Finanzprobleme werden schließlich 1954 durch ihre Installation als festangestellte Dramaturgin beim "Berliner Ensemble" gelöst. Sie arbeitet wieder mit Brecht und einem jungen Mitarbeiter, Benno Besson, an Stücken wie "Mit Pauken und Trompeten" oder "Don Juan" nach Molière, indem sie die Übersetzungen und erste Szenenvorschläge anfertigt. Im Februar 1956 begleitet sie Brecht und seine Tochter Hanne Hiob nach Mailand zu einer Inszenierung der "Dreigroschenoper" durch den jungen Giorgio Strehler - ein wenig von dem Glanz des berühmten Autors soll wohl auch auf sie fallen. Ein halbes Jahr später ist Brecht tot.

Nun beginnt eine Phase, die einerseits geprägt ist von geglückten Theaterinszenierungen zusammen mit Besson, so z.B. "Zwei Herren aus Verona" von Shakespeare (1961) und "Volpone" von Ben Jonson (1962), andererseits von den Streitereien um Brechts Erbe: In zwei Testamenten ist sie als Mit-Nachlassverwalterin genannt und mit einem Drittel der Tantiemen aus der "Dreigroschenoper" bedacht worden. Helene Weigel setzt erfolgreich die Nicht - Anerkennung der maschinengeschriebenen Testamente durch. Elisabeth an den Verleger Suhrkamp:
"Was soll ich machen, lieber Suhrkamp?Wenn ich es mit einer ordinären Bürgersfamilie zu tun hätte -  da kommen wohl Erbstreitigkeiten vor - aber hier geht es um Brecht und seine Familie." 
In den 1970er Jahren
Für Brecht hat es keine Trennung zwischen künstlerischer und politischer Tätigkeit einerseits und einem Privatleben andererseits gegeben, und nun das... Helene Weigel ist aber wohl bewusst, dass sie auf die Mitarbeit Elisabeths angewiesen ist, was die Sichtung, Archivierung und Herausgabe des Nachlasses anbelangt. So tritt sie die Brecht - Rechte an "Happy End" schließlich an Elisabeth ab. Und die - obwohl sie sich sicher gerne ihren eigenen Projekten gewidmet hätte - macht nun, neben der Tätigkeit an der Bühne, die Herausgabe einer Werkausgabe zu ihrer Hauptaufgabe.

Kurioserweise ist sie selbst daran beteiligt, ihren Namen in Zweifelsfällen, die Urheberschaft betreffend, zu tilgen, nicht nur der Aufbau-Verlag im Osten und der Suhrkamp - Verlag im Westen.

1967 schließt sie diese Arbeit als nunmehr 70jährige ab. Weitere Editionstätigkeiten folgen dennoch - auch zur Zufriedenheit von Helene Weigel, mit der zwar eine nie erlöschende Rivalität bestehen bleibt, die Elisabeth zuletzt aber mit einer Art von Zuneigung & Respekt und vielen materiellen Aufmerksamkeiten bedenkt.

CC BY-SA 3.0
Auch Elisabeth, inzwischen sowohl im Osten wie im Westen zu größeren Finanzpolstern gelangt, unterstützt verschiedene Mitglieder des alten Brechtkreises wie junge Kollegen des "Berliner Ensembles". In ihrem Testament vererbt sie den Berliner Freunden und Mitarbeitern ihre weiteren Tantiemen, als sie am 20. April 1973 in Berlin stirbt. Ihr Grab findet sie auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, nicht weit von Brecht und Helene Weigel entfernt.

Elisabeth Hauptmann, die unumstritten wichtigste Mitarbeiterin Bertolt Brechts, bleibt nach ihrem Tod lange die "Frau im Schatten", sowohl dem des Meisters wie dem der anderen, berühmteren Frauen wie Helene Weigel. Erst 1992 kommt eine erste Publikation von Astrid Horst über sie heraus: "Prima inter pares. Elisabeth Hauptmann, die Mitarbeiterin Bertolt Brechts", 1995 eine Arbeit der amerikanischen Germanistin Paula Hannsen. Sabine Kebir hat mit ihrem Buch "Ich fragte nicht nach meinem Anteil. Elisabeth Hauptmanns Arbeit mit Bertolt Brecht" 2000 ( aus dem, wenn nicht anders vermerkt, meine Zitate stammen ) gegen die Ansichten dieser beiden Autorinnen angeschrieben, aber besonders gegen John Fuegis "Kampfthese" in seinem sensationsgeilen und schlampig recherchierten Buch von 1992 vom Pascha Brecht, der die Frauen für sich arbeiten lässt und sie gegeneinander ausspielt.

Inzwischen ist man etwas weiter in der Sicht auf die Dinge: Elisabeth Hauptmann ist nie publicitysüchtig und außerdem Realistin genug gewesen zu erkennen, dass sie als freie Autorin - ein Weg, der  ihr am Ende der 1920er vielleicht offen stand - wohl kaum hätte leben können. Die Zugehörigkeit zur Brechtschen Werkstatt hat der unkonventionellen jungen Frau hingegen vielfältige Möglichkeiten geboten, auch sich auszuleben und dennoch in einem umfassenden Netz, wie wir es heute nennen würden, ( und damals eher Kollektiv hieß ) aufgehoben zu sein und an einer gemeinsamen wichtigen Sache zu arbeiten. Originalität, wie wir das in unserer viel individualistischeren Zeit sehen, ist da kein solcher Wert beigemessen worden. Und dass das kreative Miteinander die Teilnehmer vielleicht mehr befriedigen kann, ist etwas, was wir von Elisabeth Hauptmann übernehmen könnten...

Kommentare:

  1. Liebe Astrid,
    wieder eine eher unbekannte "große" Frau, die du uns hier vorstellst.
    Was hat Elisabeth für ein rasantes Leben geführt, wenn auch "im Schatten".

    Kleiner Fehler: sie wurde nicht am 20.06.1887 geboren, sondern genau 10 Jahre später, also heute vor 122 Jahren.

    Wieder einmal danke für das Porträt einer -besonders für die vergangenen Zeiten - interessanten und herausragender Frau,

    liebe Grüße aus dem Münsterland - Brigitte


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  2. Wieder ein sehr interessanter Post liebe Astrid. In so einem sehr guten Post steckt mit Sicherheit eine Menge Arbeit. Und dafür möchte ich einmal Danke sagen.
    Ich wünsche Dir noch eine wunderschöne Woche.

    Viele liebe Grüße
    Wolfgang

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  3. Danke für den Hinweis, hab es geändert. Ich war gestern spät abends froh, überhaupt fertig geworden zu sein. Da war keine Zeit mehr fürs Korrekturlesen. Herz & Hirn sind ohnehin voll mit anderen Gedanken, da wollte ich den Post schon ganz sausen lassen.
    LG

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  4. Liebe Astrid,

    wie schön, dass du den Bericht trotzdem gepostet hast. Ich freu mich donnerstags bei Kaffee und Joghurt jedenfalls immer auf die spannenden Lebensgeschichten der Frauen.

    Aufgefallen ist mir der Zahlendreher ja eh nur, weil ich beim Lesen der verschiedenen Lebensstationen immer mitrechne, wie alt die Frauen zu dem beschriebenen Zeitpunkt da wohl waren....

    Ich hoffe, du hast eher gute Gedanken ….

    Liebe Grüße aus dem heute frischem Münsterland - Brigitte

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  5. Auch ich hatte jetzt spannende und sehr bereichernde Leseminuten. Wunderbar hast du ihre Rolle und ihr Wesen herausgearbeitet, hab viel Neues erfahren. Dass sie mit Dessau verheiratet war, wusste ich gar nicht. Er lebte ganz in unserer Nähe, in Zeuthen, die Schule dort trägt seinen Namen und seine Projekte mit Schülern sind legendär und tragen bis heute Früchte. Lieben Gruß, heute aus Sachsen, Ghislana

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  6. Auf diesem Friedhof, neben dem Brecht ja direkt mit Helene Weigel gewohnt hat, liegt also auch diese Frau. Mir war sie bisher gar kein Begriff, so sehr war sie im Schatten. Gut, dass Du sie da raus geholt hast für uns. Und so sorgsam beschrieben. Danke!
    Ja, ein Netzwerk brauchen besonders Frauen, das denke ich auch oft. Das sollten wir nicht vergessen vor lauter Fürsorge für andere, dass frau auch für sich so sorgen muss. Elisabeth Hauptmann hatte das sicher immer im Blick. Auch wenn sie anscheinend zweimal suicidgefährdet war und nicht mehr weiterwusste, sie erhielt viel Hilfe durch Freunde und auch sie hat vielen geholfen.
    Das finde ich tröstlich.
    Herzlichst, Sieglinde

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  7. Ah, endlich bekommt der Name Elisabeth Hauptmann, der mir früher im Studium durchaus begegnet ist, ein Gesicht.
    Danke dafür!
    Liebe Grüße
    Andrea

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  8. Tolles Portrait, wie immer. Ich kannte E. Hauptmann aus dem Studium und auch aus Vorbereitungen zu einer Diskussion über Brecht und sein Leben, samt Schweizer Konto in der DDR, in der Abiturvorbereitung meiner Schüler.Aber so genau, wie du ihr Leben beschreibst, natürlich nicht. Auch an die Streitigkeiten Mit Helene W. kann ich mich erinnern, dazu kamen ja immer die jeweiligen momentanen Lieblingsfrauen an seiner Seite. Sehr interessant. Und nun sozusagen alle , oder fast alle, vereint auf dem Friedhof...Herzlich, Sunni

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  9. Liebe Astrid,
    danke dir für diesen Post - ich kannte E. Hauptmann nicht... so bekommen durch dich immer mehr großartige Frauen und ihre Biografien Aufmerksamkeit und Bekanntheit.
    Lieben Gruß, Marita

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