Als ich um die Jahrtausendwende begonnen habe, mich systematisch in die Geschichte des Jazz einzuarbeiten, war mir das "Great American Songbook" sehr hilfreich, um die Merkmale der verschiedenen Epochen des Jazz heraushören zu lernen. Dabei bin ich, als ich diverse Varianten des Bart-Howard- Hits "Fly Me to the Moon ( In Other Words )" von 1954 auf meinen CDs bzw. bei iTunes suchte, auf diese Version der Julie London gestoßen, die mich gleich elektrisiert hat:
![]() |
| Hier geht es zum Songtitel bei Youtube |
![]() |
| 1945 Source |
Als sie vierzehn ist, verlegt die Familie ihren Wohnsitz dann nach Los Angeles.
Zunächst arbeitet Julie als Aufzugsoperator in einem Bekleidungskaufhaus der Roos Brothers, als sie der Talentsucherin Sue Carol, der Frau des Paramount - Schauspielers Alan Ladd, 1943 auffällt. Die lässt den Fotografen der Zeitschrift "Esquire", Henry Waxman, Aufnahmen von ihr machen, die im Magazin im November veröffentlicht werden und sie zu einem beliebten Pin-up-Girl unter den amerikanischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg werden lässt. Es ist auch Sue Carol, die ihr zu einer Namensänderung rät.
![]() |
| Autogrammkarte ( 1944 ), Kalender- Pin -Up, Film-Still aus "Nabonga" |
![]() |
| "The Fat Man" mit Rock Hudson (1951) |
"Als ich schwanger wurde, waren wir völlig pleite", erzählt Julie später. "Jack hat versucht, sich eine 13-wöchige Show auszudenken, damit wir für das Baby bezahlen können. Er hat sich Dragnet ausgedacht ."
Im Jahr darauf erfolgt die Scheidung. Julie, ohnehin nie von sich überzeugt, ist niedergeschlagen: "Ich schätze, ich war in einem Schockzustand. Die Scheidung im November 1953 war ein großer Schock. Meine Mutter und mein Vater waren so glücklich und ausgeglichen miteinander. Ich hatte nie an eine Scheidung gedacht."
Julies Vater rät ihr aufzuhören, ihr verlorenes Glück zu betrauern, und die beiden kleinen Mädchen von zwei und vier Jahren fordern sie und ihre Zuwendung. Da sie materiell durch einen großzügigen Treuhandfonds für sich und die Kinder abgesichert ist, sucht sie nach Beschäftigungen, um sich abzulenken, indem sie in Clubs Jazz hört. In einem solchen trifft sie 1954 auf den Songwriter Bobby Troup, bekannt für den Standard "(Get your Kicks On) Route 66". Der findet, sie sei das schönste Mädchen, das er je gesehen habe. Sie findet ihn einen netten Kerl mit einer großen Nase.
![]() |
| Mit Bobby Troup (1956) Source |
Ihren ersten öffentlichen Auftritt hat sie Anfang 1955 und sie ist, trotz großem Lampenfieber und einer akuten Laryngitis, überzeugend. Der Plattenproduzent Simon "Si" Waronker von Liberty Records meint dazu: "The lyrics poured out of her like a hurt bird." Bevor sie ihr erstes musikalisches Engagement im Club 881 in Los Angeles antritt, dreht sie aber im Mai noch "The Fighting Chance", in dem sie die weibliche Hauptrolle inne hat. Ihr Club - Engagement dauert statt drei schließlich zehn Wochen.
![]() |
| Source |
Ihr Debütalbum "Julie Is Her Name", von Liberty Records noch im Dezember desselben Jahres herausgebracht ( nach einer Single mit dem Titelsong ), erreicht auch bald Platz zwei der US - Charts, und das Magazin "Billboard" erklärt Julie London sofort zur beliebtesten Sängerin für 1955 ( für 1956 und 1957 dann ebenso ).
Die Zeitschrift "Life", deren Titelblatt die Sängerin 1957 ebenfalls ziert, zitiert Julies Kommentar zu ihrer Gesangeskunst so: "It's only a thimbleful of a voice, and I have to use it close to the microphone. But it is a kind of oversmoked voice, and it automatically sounds intimate."Troup selbst meint später über sie: "Sie ist kein Fan von Julie London. Sie ist sich wirklich nicht bewusst, wie gut sie ist. Sie war nie wirklich Performerin, sie muss nicht rausgehen und ein Publikum zufrieden stellen und Auszeichnungen erhalten. Sie ist immer zurückgezogen, sehr introvertiert. Sie hasste diese großen Shows. "
![]() |
| Hier geht es zum Video |
![]() |
| Cover der Julie - London Langspielplatten von 1957 - 59 |
Der am 18. Oktober 1918 in Harrisburg geborene Bobby Troup, Sohn eines Musikalienhändlers, hat, nachdem er verschiedene Instrumente probiert hat ("Wenn ich nach zwei Wochen nicht weiter kam, gab ich auf"), sich fürs Piano entschieden und 1941 seinen ersten Number-One-Hit komponiert, während er an der University of Pennsylvania Wirtschaft und Business studiert hat. Nach der Hochzeit mit einer Philadelphia-Debütantin und fünf Jahren im Marine Corps wandert er 1946 mit seiner Familie per Auto nach Los Angeles, was ihn zu "Route 66" inspiriert. Als er Julie kennenlernt, hat er ein eigenes Jazz Trio und sich auch schon mit der Schauspielerei vertraut gemacht und kleinere Filmrollen und TV-Gastauftritte absolviert.
Nach ihrer Eheschließung dreht Julie nur noch drei weitere Filme ( 1960, 61 und 68 ), bleibt aber Gast in vielen Fernsehshows und -serien. Während ihrer gesamten Gesangskarriere leidet sie immer unter der Angst vor einem Live-Publikum oder vor der Kamera. Einige Kritiker nennen sie die "Queen of the Lip-Sync", was nicht freundlich gemeint ist.
1962 bringt Julie ihre dritte Tochter, Kelly, zur Welt, ein Jahr später die Zwillinge Jody und Reese. Man mag es kaum glauben, aber die 37jährige US - Königin des "Torch Songs", jener Lieder von unerfüllter oder verlorener Liebe, ist nun Mutter von fünf Kindern. Als sie 1963 in dem Fernsehdrama "Diamond in the Sky" eine Pseudo-Marilyn Monroe spielt, spottet Julie über den Vergleich: "We're opposite types. Marilyn was the sex symbol. . . . I'm strictly the housewife-mother type."
![]() |
| Vor dem Senatsausschuss 1967 Source |
1966, als sie 40 Jahre alt wird, findet ihr stilisierter Gesang und ihre Auftreten immer noch Anklang bei der Lounge-Klientel in den großen Städten der USA, aber bei den Jungen, die nun die Beatles oder die Beach Boys anschwärmen oder später der Rockmusik verfallen, kann sie nicht mehr punkten.
Als Mutter kleiner Kinder ärgert sie sich ohnehin über die Bedingungen ihrer Nachtclubauftritte: "Jede Nacht, während ich darauf wartete, weiterzumachen, sagte ich zu mir selbst: Warum bin ich hier, statt mit meinen Kindern zu Hause?", erinnert sie sich später. "Es hat mich fertig gemacht." Und ihr Mann ergänzt:" Sie hat keine Liza Minnelli in sich. Liza muss auftreten. Julie nicht."
Also hört sie einfach auf, Platten aufzunehmen und zu touren, um die Zeit mit ihrer Familie zu verbringen. Ihr letztes Album "Yummy, yummy, yummi" bringt Liberty 1969 heraus. Und weil ich den Laura - Nyro - Song vom Picknick der gesteinigten Seelen so gerne mag, hier die Version von Julie London darauf:
![]() |
| Hier geht es zum Songtitel bei Youtube |
![]() |
| Source |
Es ist der Ex - Ehemann Jack Webb, der sie quasi von der Straße holt, indem er sie für seine TV - Produktion "Emergency" anheuert. Von 1972 bis 1977 spielt Julie die Krankenschwester Dixie McCall an der Seite ihres jetzigen Ehemannes als Neurochirurg Dr. Joe Early in der beliebten Serie.
![]() |
| Die Familie Troup - London (1976) Source |
![]() |
| Hier geht es zum Songtitel bei Youtube |
![]() |
| Source |
Die Popmusiktrends der 1990er Jahren lenken dann wieder die Aufmerksamkeit auf Julie Londons Gesang. Mit dem Wiedererwachen des Interesses an Lounge-Musik werden ihre Platten wieder begehrt. "Das Beste von Julie London" erscheint 1991.
Es scheint manchmal sogar, dass sie bei der späteren Generation populärer als ursprünglich in ihrer Hoch - Zeit ist, dass, je individueller und persönlicher der Stil und der Ausdruck ist, desto wahrscheinlicher ein längerfristiges Interesse bei den Zuhörern wird.
Obwohl sie die neue "Compilation" offenbar mag, verhindert ihre angeschlagene Gesundheit, die von der Raucherei angegriffene Stimme, aber auch ihre zurückhaltende Persönlichkeit, dass sie noch einmal für ein Revival durchstartet. Mit immer größerer Distanz zum Showgeschäft scheint ihr auch bewusst geworden zu sein: "Du musst das Ego dafür haben. Und ich habe es nie wirklich gehabt. "
1995 erleidet sie einen Schlaganfall, von dem sie sich nie wirklich erholt und auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Im Jahr darauf verliert sie ihre älteste Tochter Stacey durch einen Verkehrsunfall und im Februar 1999 ihren Ehemann durch einen Herzinfarkt. Sie selbst stirbt in den frühen Morgenstunden des 18. Oktober 2000, dem Geburtstag ihres verstorbenen Mannes, heute vor 18 Jahren also, im Krankenhaus in Encino an einem Herzstillstand. Sie wird auf dem "Forest Lawn Hollywood Hills Cemetery" in Los Angeles bestattet.
Julie London, die Sängerin mit der samtig- rauchigen Stimme, die darauf bestand, dass sie nicht singen könne, die aber beim Zuhören Gänsehaut verursachen konnte, eine Künstlerin, die hierzulande nach wie vor leider kaum bekannt ist, eignet sich mit ihren Interpretationen voller Schwermut ganz hervorragend zum herbstlichen Tagträumen und stundenlangen Treibenlassen. Sie laden ein, den Herbst zu feiern, am besten mit einer Tasse Tee - oder in meinem Fall mit einem "Black Coffee" und einer Decke auf der Couch, um der eigenen inneren Melancholie freien Lauf zu lassen. Ausprobieren!
![]() |
| Hier geht es zum Songtitel bei Youtube |
Verlinkt mit dem Monatsthema der Zitronenfalterin

















Wie immer eine tolle, lebhafte Biografie. Super.
AntwortenLöschenLiebe Grüße
Susa
Ihr Name war mir gar kein Begriff. Ihre Stimme schon.
AntwortenLöschen5 Kinder und so eine schöne Frau und solch eine außergewöhnliche Stimme...
Das ist wahrhaft Stoff für eine Great Woman. Und für Hollywood.
Was damals noch geraucht wurde - auch in den Filmen. Gar nicht mehr vorstellbar heute.
Sehr interessante Biografie und Danke fürs Vorstellen!
Herzlichst grüßt Sieglinde
Eine schöne Stimme für verträumte Herbstabende, da hast Du recht. Wie schön, Julie Londons Stimme und Geschichte kennenzulernen!
AntwortenLöschenLiebe Grüße
Andrea
Eine wunderschöne sinnliche Stimme, genau richtig für melancholische Herbstabende. Nur den Tee lasse ich weg und nehme lieber einen trockenen Bordeaux dazu.
AntwortenLöschenLG
Sigi
Auch eine gute Idee!
LöschenGLG
"...eignet sich mit ihren Interpretationen voller Schwermut ganz hervorragend zum herbstlichen Tagträumen und stundenlangen Treibenlassen. Sie laden ein, den Herbst zu feiern, am besten mit einer Tasse Tee ... und einer Decke auf der Couch, um der eigenen inneren Melancholie freien Lauf zu lassen."... Unbedingt! Sie war und sang so besonders, gerade weil sie so zurückhaltend war... Mag ihre Stimme sehr und ihre Art zu singen... "mit den schleppenden Tempi..." Besame Mucho könnte ich rauf und runter hören... Danke für diese Begegnung, die sich bisher nur am Rande ergab und nun vielleicht intensiviert wird... Lieben Gruß Ghislana
AntwortenLöschenich hör mir nachher noch ein wenig von ihr an. ich kannte sie nicht, freue mich aber, ihre geschichte hier gelesen zu haben!
AntwortenLöschenliebe grüße
mano
eine schöne verrauchte stimme... heute könnte sie keine marlbororeklame machen...liebe grüsse
AntwortenLöschenschön die stimme von Julie London zu hören & interessant dein zusammen gefassten laufweg von dieser Artistin zu lesen * die video für eine marke zigarette zeigt eine andere zeit... habe noch andere videos gesehen von ihr *
AntwortenLöschendanke für diese "wiederendeckung :)
Ja es gibt eine ganze Reihe dieser Reklamefilmchen!
LöschenLG
ein weitergeleiteter Kommentar von meiner Mama:
AntwortenLöschenLiebe Astrid,
eigentlich heißt es ja: Jede Arbeit ist ihres Lohnes wert, aber Lohn bezahlen wir hier nicht, sondern wir loben mit einem Kommentar und eigentlich bin ich eine stille Leserin bei Dir.
Aber heute muß ich mal durch meine Tochter Kerstin für Dich ein paar nette Zeilen da laßen. Die Great Womens haben es mir angetan, egal ob Quappi Beckmann oder Lilo Pulver, ich finde es absolut toll wie Du es uns nahe bringst, wie großartig und einzigartig unser Geschlecht ist. Heute ist es für die Frau ja einfacher als früher. Viel durften Frauen überhaupt nicht, überall mußten sie sich durchkämpfen um Anerkennung zu finden. Es war oft mühseelig, bis hin zu Männerkleidung die sie trugen, um ihr Ziel zu erreichen.
Für diese Beiträge, die ich immer mit Spannung erwarte und lese, sage ich mal ganz einfach Dankeschön und freue mich bald wieder von Dir zu lesen. Mit ganz lieben Grüßen, Helga
Vielen Dank, liebe Helga, liebe Kerstin, vielen Dank für eure schöne Rückmeldung! Auch wenn mir das Forschen und Schreiben sehr viel Freude macht, noch schöner ist, wenn ich weiß, dass jemand die Porträts mit Interesse liest. Gerade habe ich wieder drei Posts fertiggestellt und bin wieder mal tief beeindruckt von dem, was diese Frauen geleistet haben. Ich hoffe, ihr mögt ebenso in deren sehr unterschiedliche Leben eintauchen. Und von euch wieder mal zu hören, würde mir auch gefallen.
LöschenAlles Liebe!
Also, die hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm. Meine Güte, ist das lange her. Danke, dass du ein ganzes Leben Revue passieren lässt.
AntwortenLöschenLG
Magdalena