Freitag, 19. Januar 2018

"Laïcité, j'écris ton nom" *




Raif Badawi und Charlie Hebdo gehören zusammen, nicht nur, weil das Attentat auf die Satirezeitschrift und die Auspeitschung des Bloggers zeitlich so nahe beieinander lagen, damals im Januar 2015. Beide traten in ihren Veröffentlichungen für einen strikten Säkularismus ein, denn nur so kann sich unser Denken mit dem ganzen Reichtum seiner Nuancen entfalten, nur so die Rechte von Minderheiten geschützt werden, indem sie auf die gleiche Stufe mit der Mehrheit gestellt werden.

2010 hatte sich in Paris das "L’Observatoire de la Laïcité de Saint-Denis" gegründet, das sich als Wachturm für den Säkularismus versteht und diesen durch Debatten, Konferenzen und Ausstellungen in der städtischen Gesellschaft zu fördern und zu verteidigen sucht. Am 13. Januar dieses Jahres hat die Organisation den ganzen Tag über Veranstaltungen angeboten, in Erinnerung an das Attentat auf die Redaktion der Zeitschrift, und dazu als Ehrengast Ensaf Haidar, die Frau des saudischen Bloggers eingeladen.

In ihrer Einladung fordern sie die gesamte Zivilgesellschaft, alle demokratischen Kräfte, auf sich zu mobilisieren... 
"um den politischen Islamismus zu überwinden, der unsere Territorien heimlich erobert, indem er sich dort entfaltet, manchmal verschleiert, manchmal mit unbedecktem Gesicht. Wir verurteilen die Blindheit eines guten Teils unserer politischen Klasse, die sich mehr mit der Arithmetik der Stimmen beschäftigt als mit dem allgemeinen Interesse. Wir begrüßen diejenigen unter unseren gewählten Vertretern, die das Ideal und die Staatsbürgerschaft der Republikaner über religiöse Besonderheiten stellen. Wir zollen den Sicherheitskräften Tribut, die Tag für Tag uns verteidigen und beschützen. Politischer Islamismus ist eine totalitäre Ideologie. Seine Strategie ist klar. Es ist die Tötung der Grundfreiheiten: Bewegungsfreiheit, Gedankenfreiheit, Schreibfreiheit, Ausdrucksfreiheit." 
Und weiter:
"Wir prangern den Rücktritt von Intellektuellen an, die durch Raster kultureller Lesarten entfremdet sind, die nicht in der Lage sind, die Realität zu entschlüsseln. In einigen Medienkreisen ist Fehlinformation ein "professioneller" Reflex, der darauf abzielt, Muslime als Islamisten darzustellen und somit säkulare Muslime, das heißt, eine Mehrheit demokratischer Stimmen, aus den Medien zu eliminieren. Diese Überrepräsentativität der Islamisten untergräbt die Demokratie stark und verzerrt die Ideendebatte und bietet den Extremen damit einen prominenten Platz in der politischen Landschaft."
Die Organisatoren wehren sich - und da bin ich völlig d'accord mit ihnen -  dagegen, dass alle, die für ihre Gesellschaft die absolute Laïzität, den Säkularismus fordern, stigmatisiert, als "islamophob" oder gar "rassistisch" beschimpft werden. Im Gegenteil, dieser "philosophische, politische und rechtliche Rahmen" ist es, der uns allen die gleichen Möglichkeiten der Ausübung aller Freiheiten ermöglicht, wie wir sie bislang in unseren Gesellschaften genießen. Das kann man offensichtlich angesichts sich breit machender Borniertheit nicht oft genug wiederholen.

Laïzisten geht es auch nicht um einen neuen Kreuzzug, weder um einen Kampf gegen Christentum, Judentum, Islam, noch um die Förderung des Atheismus. Es geht um die Verteidigung der Errungenschaften der Aufklärung gegen den Obskurantismus, der sich in den modernen Gesellschaften wieder breit macht. Es ist ein Ringen darum, wieder alle Mitglieder der Gesellschaft zu den Gründungsprinzipen unserer Demokratien zurückzubringen. Göttlichkeit, Gott, ob man glaubt oder nicht, und was immer man mit dem Wort bezeichnen will, ist keine Sache der Politik, des gesellschaftlichen Zusammenlebens, kein Subjekt des Gesetzes, sondern nur eine Angelegenheit eines jeden einzelnen Menschen in seinem tiefsten Innern. 

"Wir weigern uns, uns aufzugeben", verkündet das "L’Observatoire de la Laïcité de Saint-Denis". Da schließe ich mich an.

Der ganze Aufruf ist hier zu finden.


 



* In die Überschrift übernommen ist eine Zeile des Gedichts "Liberté" von Paul Éluard, das hier auf französisch und deutsch nachzulesen ist. Und wer es lieber hören will, gesprochen vom unvergleichlichen Gerard Philipe, kann das hier tun. Noch beeindruckender finde ich diese Fassung von Abdessatar Klai.

Kommentare:

  1. Ja, das irgendwie fast Paradoxe ist ja, dass nur Säkularismus oder Laizität tatsächlich alle Religionen - oder auch Nichtreligionen - möglich macht.
    Insofern ist das eine großartige gesellschaftliche Errungenschaft, die wir nicht verlieren oder hergeben dürfen. Da stimme ich Dir voll zu.
    Dass Ensaf Haidar zu den Erinnerungsveranstaltungen eingeladen wurde, finde ich sehr passend und für sie einen wichtigen und tröstenden Anlass, zeigt es doch, dass Raif Badawi nicht vergessen ist und in einem großen politischen Rahmen seine Bedeutung hat.
    Nachdenkliche Grüße schickt Dir Sieglinde.

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  2. Gesprochen hört es sich wunderbar an, auch wenn ich die französische Sprache nicht beherrsche, es klingt gut- und den Aufruf unterstütze ich mit ganzem Herzen und vielen !!!!!!!!!!!!
    DAnke für den Post
    heiDE

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  3. "Die Freiheit ist die Freiheit der Andersdenkenden." Auch wenn es Rosa Luxemburg vielleicht anders gemeint hatte, diesen Spruch finde ich sehr passend. Nicht "ich nehme mir die Freiheit etwas zu denken, zu sagen oder zu leben", sondern ich räume diese Freiheit anderen ein.
    Danke für diesen interessanten Artikel, liebe Grüsse aus der Ferne Maren

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  4. Liebe Astrid,
    nach wochenlanger Web-Abstinenz bin ich gleich wieder begeistert von Deiner klaren Analyse. Den Geist des Laizismus scheiden vom Ungeist der wirklich falschen Interpretation und verflachenden Auslegung jeglichen Fundamentalismusses- das ist dir gut gelungen.
    Und zum Geburtstag gratulier ich Dir spät nachträglich von Herzen und wünsche Dir ein wirklich gutes Jahr!

    Lieben Lisagruß!

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  5. Genau so. Und ja, Paul Èluard, den lernte ich durch meinen Vater kennen und schätzen... Lieben Gruß Ghislana

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