Freitag, 24. März 2017

Raif Badawi und "Auf Sand gebaut"


Am vergangenen Montag ist der saudische Blogger Raif Badawi darüber informiert worden, dass sein Einspruch gegen den finanziellen Teil seiner Bestrafung nicht statt gegeben worden ist, und er die Geldstrafe von einer Million Rial (umgerechnet etwa 250.000 €) zu bezahlen hat.

"Ein Gefängnismitarbeiter sagte ihm, dass sein Arrest ausgeweitet werden könnte, sollte er den Betrag nicht aufbringen können", sagt eine Vertraute der Familie der "Zeit. Ensaf Haidar kann mit ihm telefonieren, oft nur kurz und unterbrochen. "Seit der Ankündigung des Gefängnismitarbeiters, dass seine Haft womöglich verlängert wird, hat er keine Hoffnung mehr, früher entlassen zu werden", so die Verlautbarung seiner Familie.

Diese Hoffnungslosigkeit macht mich regelrecht traurig. An der Geldsache lässt sich sicher was machen...

Finanzzentrum in Riad
Im Post der vorigen Woche zum Thema bin ich auf die inkonsequente deutsche Politik in puncto Saudi - Arabien eingegangen. Nun habe ich von einer neuen Veröffentlichung erfahren, in der die Forderung "Waffenlieferungen sofort stoppen" erneut aufgestellt, aber auch gut begründet wird. Sebastian Sons, Islamwissenschaftler & Historiker , hat das in seinem Buch "Auf Sand gebaut" getan und darüber hinaus einen fundierten Überblick über die geschichtliche Entwicklung des Staates gegeben und eine überzeugende Analyse der derzeitigen Krise vorgelegt.

Er fordert auch unsere Regierung auf, der deutschen Öffentlichkeit nicht länger das Märchen vom "stabilen Partner" vorzusetzen, sondern in eine ehrliche Debatte einzusteigen. Denn die im 18. Jahrhundert zwischen dem Prediger Mohammed ibn Abdel Wahhab und dem Klanherrscher Mohammed ibn Saud geknüpfte Allianz funktioniert heute nicht mehr. 

Damals hat sich der Machtanspruch der Familie Saud an eine militante Interpretation des Islam, den Wahhabismus, quasi gekettet. Heiligenverehrung, weltliche Genüsse, Abkehr von der "einzig wahren Religion" wie auch Varianten derselben, wie z.B. bei den Schiiten, werden von den Wahhabiten - ebenso wie das Christen- & das Judentum - verteufelt. Mit der Entdeckung des Öls im 20. Jahrhundert unter dem Wüstensand wurde dann ein neuer ein Deal mit dem damaligen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt geschlossen: amerikanische Militärhilfe gegen saudisches Öl.

Wahhabismus in Saudi - Arabien
Damit beschwor man aber auch einen massiven Konflikt zwischen der fundamentalistischen religiösen Lehre und der autoritären Monarchie auf der einen Seite und der kapitalistischen Modernisierung auf der anderen Seite heraus. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelang es dem saudischen Königshaus, diese Spannungen mehr oder weniger erfolgreich auszugleichen, indem es das Staatsvolk korrumpierte, Gewalt anwendete oder einfach pragmatisch vorging, indem es den westlichen Lebensstandard und Konsum ermöglichte und eine staatliche Rundum-Versorgung bereitstellte. Gleichzeitig wurde der Wahhabismus samt Dschihad mit staatlicher Unterstützung nach Asien, Afrika und Europa exportiert und die Geistlichkeit so ruhig gestellt. 

Inzwischen gibt es rasante Umbrüche innerhalb der saudischen Gesellschaft, und vielen jungen Saudis ist längst klar, dass der Versorgungsstaat wegen schwindender Ölvorräte nicht mehr finanzierbar und Wahhabismus & Konsumgesellschaft  unvereinbare Widersprüche sind.

Finanzzentrum in Riad
Das Königshaus hat alle Mühe, die Entwicklung zu kontrollieren ( über die - überambitionierten  -Reformvorhaben habe ich an dieser Stelle immer wieder berichtet ). Für jedes Übel wird jetzt der religiöse Konkurrent Iran verantwortlich gemacht. Und die in meinem letzten Post ausführlicher dargestellte humanitäre Katastrophe im  benachbarten Jemen hat Saudi-Arabien 2015 durch seine Militärintervention angerichtet, weil es gegen den Iran  ( Verbündeter der jemenitischen Houthis ) und die von ihm vertretenen religiösen Lehren geht. An diesem Konflikt zeigt sich wieder einmal, was irrationaler Wahn anzurichten vermag. Von Stabilität in einem Staatswesen zu sprechen, sollte sich angesichts dieser Tatsachen von selbst verbieten...


Auf eine weitere unheilige Allianz möchte ich nicht versäumen hinzuweisen:

Der Düsseldorfer Rüstungskonzern Rheinmetall macht sich gemein mit einer der publizistischen "Hofschranzen" des Herrn E., dem Unternehmer Ethem Sancak ( den eine "göttliche Liebe" mit Herrn E. verbindet ), der in seinen Medien derzeit die Kanzlerin als Nazi heftigst verunglimpft. Mit ihm gründete Rheinmetall Ende vergangenen Jahres in Ankara das Gemeinschaftsunternehmen Rheinmetall BMC Savunma Sanayi, kurz RBSS - hier nachzulesen. Ein gewisser Herr Niebel, Ex - Entwicklungsminister, ist da auch beteiligt...

Moral? Ethik? Solidarität? Was ist das? Jedenfalls nichts für die Rüstungswirtschaft...




Kommentare:

  1. Niebel? Typischer FDP-Vertreter mit der Lizenz zu freiestem Handel(n).

    "Auf Sand gebaut" - wie trefflich dieser Titel ist.

    Raif Badawi ist sicher sehr niedergeschlagen durch diese Nachrichten. Mir geht das auch sehr nahe, für ihn persönlich und seine Familie und weil es die Willkür zeigt, die möglich ist, obwohl die Welt zusieht.

    Jetzt schau ich mir nochmal Deine Friday-Flowers an, denn die sind ja auch eine Realität...
    Herzlichst, Sieglinde

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  2. Das mit den 250000 Euro habe ich auch heute bei "die Zeit" gelesen. Mich wundert, dass da noch niemand eine Spendenaktion veranstaltet, oder ein reicher Mensch das Geld spendiert.
    Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende, liebe Grüße Tina

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    1. Da habe ich keine Bedenken, dass das Geld zusammen kommt. Hier haben Eltern für eine Privatschule 18 Millionen zusammenbekommen...
      LG

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  3. ich hoffe, er kann wieder hoffnung schöpfen, wenn es eine spendenaktion gibt und dieser unsägliche betrag aufgebracht wird. völlig schockiert hat mich der letzte absatz in deinem beitrag. diese verdammte doppelmoral.
    lg, mano

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