Samstag, 25. März 2017

Ich bin Europäerin


... heute seit sechzig Jahren. Denn da wurden in Rom im Palazzo dei Conservatori zwischen den Ländern Belgien, der Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und den Niederlanden die sogenannten Römischen Verträge unterzeichnet ( in Kraft traten sie dann am 1. Januar 1958 ).

Ziel war eine Wirtschaftsgemeinschaft, vor allem aber die Verhinderung von weiteren Kriegen. Gerade einmal zwölf Jahre waren seit dem 2. Weltkrieg vergangen, und dieser Kontinent war geprägt von überfüllten Friedhöfen, zerstörten Städten und gebrochenen Lebensläufen. 60 Millionen Tote hatte er und der Holocaust gebracht. Jetzt endlich schien die Vernunft Oberhand zu gewinnen...

Die unterzeichnenden Staatsmänner waren im blutigsten Krieg aller Zeiten Gegner gewesen. Diese Erfahrungen der Vergangenheit hatte jeder der Unterzeichner der Römischen Verträge im Kopf und die Vision, dass es ein "Nie wieder" geben sollte & könnte. Unser Schicksal in Europa ist, dass wir uns einen Kontinent teilen. Unser Schicksal war, dass wir immer gegeneinander Krieg geführt haben. Dass das nicht mehr passiert, ist seit 60 Jahren das wichtigste Anliegen.



Auf dieses "Nie wieder" ist die europäische Einigung also aufgebaut. Dieses "Nie wieder" ist auch für mich das Wichtigste, was ich mit Europa verbinde, wofür ich unendlich dankbar bin, was ich als Vermächtnis meines Großvaters Eustach betrachte ( hier habe ich darüber geschrieben ) und als das meiner Eltern, deren Jugend der Krieg zerstört hat ( auch darüber habe ich schon gepostet ). Le nationalisme c'est la guerre - das ist meine tiefste Überzeugung.



Das Konzept vom einigen Europa war lange erfolgreich und von den Bevölkerungen akzeptiert, so lange, wie in den Köpfen vieler die Vergangenheit präsent war und der Wohlstand für viele wuchs. 

Inzwischen frage nicht nur ich mich, ob es so jetzt wieder weit ist, dass neue Generationen die Erfahrungen der Vergangenheit vergessen, verdrängt haben oder gar verachten. Wie kann es ein höheres Gut geben als das friedliche Zusammenleben der Menschen? Wie kann man meinen, das aufgeben zu müssen, weil man sich in puncto krummer Gurken oder Glühbirnen gegängelt fühlt?



Für mich ist es schwer zu verstehen, dass es anscheinend Menschen in unserem Land gibt, die nicht in den Gesprächen mit ihren Altvorderen mitbekommen haben, was für eine grauenvolle Erfahrung der Zweite Weltkrieg war, und die es als wichtigstes Ziel ansehen, die europäische Gemeinschaft zu verlassen oder gar zu zerstören. Und die glauben, dass das die Lösung ihrer Probleme, ihrer Sorgen und Ängste wäre, wenn wir uns wieder hinter unseren Ländergrenzen verbarrikadieren und die Nachbarn wieder zu Sündenböcken all unserer Nöte machen.

Wir brauchen Lösungen für Energiekrise, Umweltkrise und die Ungleichheit in der Welt. Da stellt sich doch schnell die Frage, ob man das auf nationaler Ebene organisieren kann. Funktioniert Kreislaufwirtschaft national? Können wir uns national unabhängig machen von fossilen Treibstoffen? Ist der Klimawandel national zu bekämpfen?  Meine Antwort lautet eindeutig: "Nein!"
Dass ich nicht alleine bin mit meinen Ansichten, habe ich in Gesprächen im Leben 1.0 erfahren, hier im Blog und vergangenen Sonntag auch auf dem Vorplatz des Kölner Hauptbahnhofes. Denn angesichts der europafeindlichen Strömungen in vielen Ländern Europas machen nun Pro-Europäer in Deutschland und anderen Ländern mobil. Die Bewegung heißt "Pulse of Europe" und wird immer größer. Am vergangenen Sonntag fanden europaweit 60 Demonstrationen statt, davon 46 in Deutschland. Und sie werden immer besser besucht, denn:
"Es geht um nichts Geringeres als die Bewahrung eines Bündnisses zur Sicherung des Friedens und zur Gewährleistung von individueller Freiheit, Gerechtigkeit und Rechtssicherheit."






Und weil mir das ein wichtiges Thema ist ( und der Sonntag sowie mein spannendstes außerhäusiges Erlebnis in dieser Woche war ) begebe ich mich damit zu Andreas Samstagsplausch

Kommentare:

  1. diese "défilés" zeigen dass der wille da ist um das Europa*Bündnis vor der heutige Krise zu schützen ... es ist sehr sehr wichtig *
    bon weekend !

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  2. Liebe Astrid,
    dieses "NIE WIEDER" ist so wichtig, ich bin stolz darauf, dass wir unsere Kinder in diesem Sinne erzogen haben und mich erschreckt sehr oft die Dummheit von Menschen, die nicht erkennen wollen wie wichtig Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit und Rechtssicherheit für unser aller Leben sind.
    herzlich Margot

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  3. Möge man es sich jeden Tag vor Augen halten!Und es der jungen Generation in allen Ländern eine Warnung sein, was in Europa schon passierte. Dankbarkeit, einfach Dankbarkeit stände uns allen sehr gut zu Gesicht! Sunni

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  4. Morgen in München!Liebe Grüße, Taija

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    1. Ja, in München, Nürnberg, Berlin oder dort, wo ich weiß, das ihr da seid. Wir sind am Dom...
      Bisou

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  5. das hast du sehrsehr schön geschrieben (mal wieder). ich fürchte wirklich, dass viele der jüngeren generation gefahr laufen, zu vergessen. uns hat man mit zeitzeugengesprächen zugeschmissen, bis wir nicht mehr konnten. jetzt gibt es kaum noch welche, die erzählen können vom grauen. ich glaube, wir brauchen mehr engagierte geschichts- und politiklehrende. diese fächer wird so oft belächelt, doch ich denke, sie sollten ähnliche gewichtung bekommen wie deutsch, mathe und fremdsprachen. (und das sage ich nicht nur, weil es meine fächer sind) und in die schule müssen sie alle... eigentlich sollte man solche texte wie deinen bitte mal in die lehramtsausbildung und in die schulen bringen. es drängt gefühlsmäßig.
    genießen wir also den friedlichen wochnenendsonnenschein, aber seien wir uns nicht zu sicher.
    liebst,
    jule*

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    1. Ah, dann weiß ich, wen ich da "zugeschmissen habe". Aber meine Generation musste das Wissen entweder aushalten, täglich, oder mit viel Ausdauer entreißen. Und da hat man dann zehn, zwölf Jahre später als Geschichts-/Politiklehrerin zu viel des Guten getan ( wahrscheinlich)... Die Fakten bleiben trotzdem wahr. Und der Friede ein wundervolles Geschenk.
      In diesem Sinne!

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  6. "NIE WIEDER" Auch wenn wir nicht dabei sind gilt für mich, "NIE WIEDER"
    L G Pia

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  7. Wer den Frieden will, hat recht.
    Auf der einen Seite ist es wohl Bequemlichkeit, die die Wahrscheinlichkeit eines Krieges erhöht. Auf der andern Seite wird in der Politik kräftig die Kriegstrommel geschürt und die Medien machen mit. "Pulse of Europe", wird davon berichtet?
    Ich empfehle als Lektüre Dr. Daniele Ganser, ein Historiker und Friedenforscher.

    Liebe Grüsse von Regula

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    1. Vielleicht nicht in der Schweiz, die das nicht so betrifft? Hier gibt es jeden Tag Berichte über diese Demonstrationen, der jüngste heute Morgen hier:
      http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-03/pulse-of-europe-demonstrationen-pro-eu/komplettansicht
      LG

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  8. Liebe Astrid,

    Du hast meine Vollste Zustimmung. Persönlich kann ich nicht losziehen. Aber ich hab es in den sozialen Netzwerken weiter verbreitet.

    Liebe Grüße

    Annette, aus Schwaben

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  9. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass der Zusammenhalt Europas der jungen Generation wichtig ist (sind nicht gerade die jungen Briten erbost über den Brexit?), doch man muss halt auch etwas dafür tun.
    Aber man darf durchaus ein überzeugter Europäer sein und sich gleichzeitig über die EU-Bürokratie ärgern (siehe krumme Gurken und Glühbirnen).
    Ja, ich hoffe, dass irgendwann ein vereintes Europa besteht, dass es schafft, die kulturellen Unterschiede, die nationalen Eigenheiten zu pflegen und zu erhalten. Bei der ersten Europawahl war ich ja noch davon überzeugt, dass ich das noch erleben werde. Hhm, vielleicht meine Enkel??
    Liebe Grüße
    Andrea

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  10. Jedes Wort kann ich hier von Dir unterschreiben. Und nach dem Urlaub findest Du mich sonntags auch in Nürnberg in der "Straße der Menschenrechte" von Dani Karavan beim "Pulse of Europe".
    Ich bin Europäerin und meine Familie ist und fühlt europäisch: Mein Mann ist Österreicher und hat in Frankreich und England studiert und meine Schwiegertochter kommt aus Slowenien und hat in Deutschland studiert. Und zusammen sind wir Europäer.
    Das finde ich eine ganz starke Sache! Das ist das Beste, was uns passieren konnte.
    Happy Birthday Europa!!

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  11. Auch in Berlin sind die Demos unterwegs.
    Heißt aber nicht, das die Verblendeten das wahrnehmen oder gar unterstützen.
    Ich bin Europäerin und genieße es auch durch die Länder zu fahren und eins zu sein. Wenn nötig würde ich eben mein englisch polieren und vielleicht auch spanisch lernen. Ich kann es nicht verstehen, das so viele "Vergessen" haben. Wo einem der Krieg und Ungerechtigkeiten so deutlich vor die Augen gehalten wird.
    Die Demo war jedenfalls, bei schönem Wetter hier in Berlin, gelungen.
    Liebe Grüße
    Andrea
    (Ich muss mir mal den alten Film ergoogeln und ich setze mich nur ein wenig unter Druck ☺)

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  12. Noch nicht annäherend so lange wie du bin ich Europäerin - weder offiziell noch inoffiziell. Ausnahmslos pro Europa zu sein ist in meiner Gegend hier seltsam. Hier wo alle von der Förderungen provitieren ist es mit dem europäischen Gedanken nciht weit her. Aber ich bin nicht ganz alleine mit meiner Europa-Missionierungs-Aktionen. Du weißt schon, Lehrer könnens schlecht sein lassen. Mein Lehrmeister war aber mein Papa, der hat schon vor dem österreichischen Beitritt eine Europafahne vom Balkon flattern lassen.

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  13. ...du bringst es wieder so gut auf den Punkt, liebe Astrid,
    und danke für den Link, es gibt ja auch hier in der Nähe Demos,

    genieße das Frühlingswochenende,
    liebe Grüße Birgitt

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  14. Sehr gut! Was mich momentan etwas hoffnungsfroh macht, ist die Tatsache, dass ich immer mehr Leute treffe, die aus dem Schockzustand der Trumpwahl und des Erdogantheaters aufwachen und sich politisch engagieren.
    LG
    Magdalena

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  15. Leider vergessen die Menschen das schlechte immer sehr schnell. Ich hoffe auch das man gemeinsam stark ist und daher brauchen wir ein vereintes Europa.
    Ein schönes Wochenende und herzlichen Gruß Sylvia

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  16. Ich war heute in Düsseldorf und am Burgplatz war auch eine große Pulse of Europe- Demo mit Europahymne und Luftballon-Steigenlassen.
    Es ist mir ungegreiflich, wie der Nationalismus in Europa zunimmt und was die rechten Hassprediger der Welt und vor allem Europa antun.
    Pulse of Europe macht mir Hoffnung und lässt mich nicht verzweifeln, dass der Rechtsruck alles, was heute Europa ausmacht, sich wie eine Seuche ausbreitet.

    LG, Monika

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  17. Ich war vergangenen Sonntag in Stuttgart mit dabei und das wird nicht das letzte Mal gewesen sein.
    Liebe Grüße, Sabrina

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  18. ja, ich hoffe auch so sehr, dass meine tochter den 9. mai 2045 in frieden erleben kann.
    liebe sonntagsgrüße
    mano

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  19. Ich mag keine erhobenen Zeigefingerblogs und ganz besonders politisch bin ich auch nicht, naja es gibt schon bestimmte Tendenzen, vielleicht bin ich auch politischer als ich denke, jedenfalls muß ich nicht pausenlos über all das Alte und Neue nachdenken, a b e r Dein Post der hat mir richtig gut gefallen! Genauso empfinde ich derzeit auch die politische Situation und wie kann man das schützen wofür soviele Menschen gekämpft haben? Danke für Deine aufrüttelnde Worte. Zwischendurch kam ja die Frage auf, wieso es jetzt die Gegenläufige Europakultur gibt, nun der Mensch ist so gestrickt wie der Esel: Gehts ihm zu gut, geht er aufs Eis! Er ist vermutlich zu langweilig der Frieden und die uns in Erinnerung rufen könnten wie es ist im Unfrieden und Krieg zu leben sind entweder schlicht schon verstorben, oder wir hören nicht zu. Eigentlich bräuchten wir nur den politischen Flüchtlingen die jetzt den Frieden suchen,zuhören.
    Danke also für Deine Worte und einen schönen Sonntag, Petra

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  20. Liebe Astrid,
    vielen Dank,dass du uns an diesen wichtigen Tag erinnerst...Wir vergessen in unserem Alltadsgeschehen oft, wie gut es uns geht und jammern auf sehr hohem Niveau!
    Auch ich bin Europäerin, obwohl ich gestehe, dass ich es noch üben muss, diesen satz laut auszusprechen... Ich arbeite daran ;)

    LG Augusta

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