Freitag, 18. Dezember 2015

Von Raif Badawi und u.a. der Religionsfreiheit



Bis jetzt, 17 Uhr,  keine Tweet von Ensaf Haidar mit Neuigkeiten vom Tag in Saudi - Arabien... Aber sie ist ja auch auf Reisen, da ist immer alles anders.

Ensaf Haidar nimmt den Sacharow - Preis an Stelle ihres Mannes entgegen
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Am vergangenen Mittwoch hat das Europäische Parlament den saudi-arabischen Blogger Raif Badawi in Abwesenheit mit dem Sacharow - Preis für geistige Freiheit geehrt.  Raif Badwai ist damit zu einer Symbolfigur in der ganzen Welt im Kampf für Menschenrechte geworden, so EU-Parlamentspräsident Martin Schulz .

In ihrer Dankesrede betonte Ensaf Haidar, dass das freie Denken in arabischen Ländern häufig als Gotteslästerung betrachtet wird, und die Religionsvertreter Menschen, die sich frei äußern, einschüchtern. Ihr Mann habe als Grund dafür immer genannt, "dass die Denker ihnen den Boden unter den Füßen wegziehen und eines Tages ihre Lügen und ihre Ignoranz offenlegen könnten."

Die Verleihungsfeier und ihre Rede ist hier in diesem über dreißigminütigen Video nachzuverfolgen:




Noch einmal aber zur Erinnerung, wie alles begann:

2011 erhob die saudische Justiz Anklage gegen Raif Badawi, weil er islamische Autoritäten beleidigt und theologische Grundsatzfragen erörtert haben soll. Auch wurde er beschuldigt, religiöse Werte angegriffen zu haben. Ein saudischer Rechtsgelehrter verfasste im März 2012 ein Gutachten, in dem er Raif Badawi zu einem Ungläubigen abstempelte, "der angeklagt und verurteilt werden muss, wie er es verdient". Er habe Muslime, Christen, Juden und Atheisten als gleichwertig erklärt - das dürfe nicht ohne Konsequenzen bleiben. Die Behörden nahmen in ihre Klage auch auf, dass Raif vom Islam abgefallen sein soll, was in Saudi-Arabien mit der Todesstrafe geahndet wird. Diese Bestrafung konnte er verhindern, weil er während des Prozesses dreimal das islamische Glaubensbekenntnis ablegte und so bestätigte, Muslim zu sein.

Ich möchte die Gelegenheit im heutigen Post einmal dazu nutzen, um ganz allgemein über die Religionsfreiheit bzw. die Konfessionslosigkeit  nachzudenken & zu schreiben, besonders, weil eben in den nächsten Tagen in unserer Gesellschaft das größte Fest im Jahr - Weihnachten - ansteht, welches religiöse Ursprünge hat, aber in einer Gesellschaft stattfindet, in der rund 29,6 Millionen Menschen ( = 36,6 %, Stand 2013 ) sich gar keiner Religion mehr verbunden fühlen ( zum Vergleich: römisch-katholisch sind 30,3 % und protestantisch/EKD 28,9 % ). Was wäre, wenn dieses Drittel unserer Bevölkerung ausgegrenzt, diskriminiert, bedroht oder gar bestraft würde? 

Das ist allerdings in vielen Ländern unserer Erde so, wie ein Bericht der "Internationalen Humanistischen und Ethischen Union" (IHEU) vom 10. Dezember zeigt:

Menschen, die sich nicht zum Glauben der Bevölkerungsmehrheit bekennen oder gar öffentlich Kritik an religiösen Vorstellungen üben, müssen in vielen Regionen der Welt um ihr Leben bangen. Sie sind systematischen Repressionen oder Benachteiligungen ausgesetzt, obwohl in Artikel 18 der am 10. Dezember 1948 verkündeten "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" und den daran anknüpfenden Konventionen Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit zugesichert wird.

Es geht dabei nicht um die Menschen, die Opfer radikalisierter und wahnsinniger Einzeltäter oder fanatischer Minderheiten werden, wie sie Medien häufig in unser Blickfeld rücken, sondern eine große Mehrheit von Menschen, die Formen von Gewalt, Repression oder Benachteiligung wegen ihrer angeblich gottlosen oder blasphemischen Überzeugungen erfahren, weil ihre Länder staatliche und gesetzliche Strukturen aufweisen, die eine Religion bevorzugen.

Lediglich in fünf Ländern – Belgien, Niederlande, Estland, die Republik Kosovo und Taiwan – gibt es laut Bericht der IHEU keine Verstöße gegen den Artikel 18. Die Bundesrepublik Deutschland gehört nicht dazu.

Aha! Wie das?

Ein Verstoß gegen die "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" ist die in Deutschland übliche staatliche Finanzierung von Konfessionsschulen und anderen kirchlichen Bildungseinrichtungen sowie das Fehlen einer nichtreligiösen Alternative zum Religionsunterricht in vielen Bundesländern, zum anderen die obskure Praxis des staatlichen Einzugs der Kirchensteuer ( inklusive amtlicher Registrierung  der Konfession auf der Lohnsteuerkarte ).

Mehr als merkwürdig ist auch bei uns, dass die Kündigung der Mitgliedschaft in einer Kirche den Gang zu einer staatlichen Behörde und die Zahlung einer Gebühr verlangt. „Es ist nicht möglich, eine offiziell registrierte Religion zu verlassen und die Beitragspflicht zu beenden, indem man dies einfach gegenüber dieser Religionsgemeinschaft erklärt“, stellt der Bericht fest. Ganz abgesehen davon, dass die amtliche Registrierung der Konfession die Diskriminierung konfessionsfreier Arbeitnehmer in kirchlich getragenen Einrichtungen im Bildungswesen und in der freien Wohlfahrtspflege begünstigt, zumindest erleichtert.

Möglich macht solche Gesetze die Übernahme des Staatskirchenrechtes der Weimarer Republik auf die Bundesrepublik Deutschland. Es wäre meiner Meinung nach endlich an der Zeit, dies zu revidieren und auf eine Säkularisierung der bundesrepublikanischen Gesellschaft hinzuarbeiten, also auf eine strikte Trennung von Religion & Staat. Glaube kann einzig & allein eine Sache zwischen Gott und dem einzelnen Menschen sein!

Denn wenn Staaten Personen nicht aufgrund ihres Menschseins als Bürger definieren, sondern aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer religiösen Gruppe, entsteht eine grundlegende Quelle für allgemeine Vorurteile in einer Gesellschaft, folgt umso leichter die Diskriminierung bestimmter religiöser Gruppen, wie wir es momentan immer wieder in der aktuellen politischen Situation erleben können. Säkulare Organisationen sollten in Deutschland, ja in Gesamt - Europa,  eine größere Rolle im politischen Diskurs einnehmen ( Wenn ich nur an die Anzahl an Lobbyisten der Kirchen im Bundestag denke - eine Liste kann hier eingesehen werden! ), und den religiösen Verbänden sollte weniger, nicht mehr Macht eingeräumt werden, wie dies momentan zum Beispiel in meinem Bundesland NRW mit islamischen Organisationen der Fall ist.

Im Nahen Osten müsste die westliche Politik bei ihrem Vorgehen mit Vorrang den Säkularismus unterstützen und verteidigen. Bislang betreibt man nur Religionskritik oder - tragischerweise vor allem von den USA - es wurden & werden islamistische Bestrebungen unterstützt. Eine genaue Lektüre der Aussagen von Raif Badawi kann da den Weg weisen, was wirklich Not tut in diesem Haupt - Krisengebiet unserer Welt!



Es gäbe heute auch noch viel zu sagen und zu schreiben zu den derzeitigen Reaktionen der Mächtigen in Saudi - Arabien auf die immer lauter & häufiger werdende Kritik. Das sprengt nur meinen Rahmen, und ich verweise Interessierte auf Beiträge im "Kölner Stadtanzeiger", dem "Spiegel" oder der "Welt" oder anderen Medien.


Am nächsten Freitag wird mein sonst üblicher Post zu Raif Badawi nicht erscheinen, weil ich dann mit meinen Enkeln Weihnachten feiern werde - auch wenn die Stimmung manchmal getrübt ist wie auf diesem Cartoon, den ich im Netz gefunden habe:

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Kommentare:

  1. Jetzt bin ich ja doch ein bisschen platt: Ich hätte geschworen, dass Deutschland zu diesen fünf Ländern gehört. Falsch gedacht. Darum danke.
    Lieben Gruß
    Katala

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  2. Gut zu wissen - ich hätte auch gedacht, wir gehören dazu - das macht mich sehr nachdenklich und da wird die Weihnachtsstimmung getrübt, das ist leider so.
    Liebe Grüße, Katja

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    1. Ihr Lieben, das denken viele...Ich habe schon als Studentin im Jugendamt gejobbt und da vieles mitbekommen, und später in einer Gemeinschaftsschule, gemeinsam mit einer kath. Schule, gearbeitet. Da musste ich oft, oft auf die Zähne beißen vor Wut über die Nicht - Gleichbehandlung.
      Leider begeht gerade in meinem Bundesland momentan die Regierung arge Fehler, die als Toleranz verstanden werden sollen.
      GLG

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  3. Sekulär ist so ein weites komplexes Feld, ich würde Laizismus bevorzugen. Das ist eindeutiger, aber in unserer Verfassung nicht vorgesehen. Das Procedere mit den Kirchensteuer und dem Kirchenaustritt ist schon grenzwertig. Manchmal bin ich aber etwas uneins gerade was die soziale Komponente angeht, Krankenhäuser, Altenheime, Kindergärten, Schulen ... Ich bin recht Dankbar über die Alternative zu städtischen oder privaten Einrichtungen, ohne staatliche Zuschüsse würde das wohl vorbei sein. Theoretisch bin ich aber eigentlich deiner Meinung.
    In Frankreich, Portugal oder Tschechien scheint es ja auch zu funktionieren.
    Die Rede seiner Frau hatte ich mir angesehen.
    Liebe Grüße

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    1. Der Casus knaktus ist aber, dass trotz staatlicher Finanzierung kirchliche Einrichtungen ihre ganz eigenen "Gesetze" machen dürfen, z.B. im Hinblick auf Religion & Status ihrer Arbeitnehmer.
      In schulischer Hinsicht hat das immer dazu geführt, dass sich die konfessionellen Schulen zu Eliteschulen entwickelten und die Gemeinschaftsschulen zu den "Türkenschulen", wie Eltern meine Schule oft genannt haben, an die man dann sein eigenes Kind nicht geschickt hat, obwohl man keineswegs religiös war.
      Das gibt doch immer wieder Sprengstoff und führt zur Spaltung & Spannungen in einer Gesellschaft, die ich nicht verantworten möchte.
      GLG

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    2. Da kann ich nur zustimmen: der Staat finanziert das zum größten Teil, aber die Kirche bestimmt. Das finde ich nicht in Ordnung. In Holweide z.B. existieren die städtische und die konfessionelle Schule nebeneinander und es ist genau so, wie du schreibst, vor allem im letzten Satz deiner Kommentarantwort.

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    3. Ich habe das 18 Jahre ertragen.
      Ich habe auch erlebt, was einem Schulleiter einer kath. Schule widerfuhr, der sich zusammen mit den Eltern beider Schulen für die Zusammenlegung beider eingesetzt hat. Der kirchliche Einfluss ist da größer als demokratische Mehrheiten.
      Das entspricht einfach nicht einem modernen Gemeinwesen.
      GLG

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  4. Danke für die interessante Zusammenfassung und Ausführung. Herrje, und wenn man sich dann dank dir wieder vor Augen führt, dass dies ja nur ein Schicksal unter vielen ist... LG mila

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    1. Das kann man wohl sagen! Heute habe ich von einem inzwischen 16j. schiitischen Demonstranten in SA erfahren, der enthauptet und dann gekreuzigt werden soll, weil er an Protesten teilgenommen und regierungsfeindliche Slogans gerufen, einen Brandsatz besessen und auf Polizisten geworfen und zur Verschleierung von Straftaten beigetragen haben soll. Bei seiner Verhaftung war er 15. Das verstößt gegen die Charta der Menschenrechte und ist Auswirkung religiöser Repression.
      GLG

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    2. Raif Badawi ist eigentlich nur ein Symbol für die ungeheuerlichen Dinge, die passieren und die bisher geschehen sind.

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  5. Gestern noch habe ich einen Beitrag im Heute Journal zu Raif Badawi gesehen. Es macht mich ganz verrückt, daß diese Schicksale in unserer heutigen Zeit geschehen. So oft fühlt man sich wie im falschen Film. Möge Raif Badawi seine Familie hoffentlich bald in die Arme schließen dürfen und sich selbst davon überzeugen, daß seine Kinder ihn nicht vergessen haben. Amen.

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  6. Danke, liebe Astrid, für deine Informationen und deine Überlegungen. Teile ich vollkommen. Ich setz mich jetzt zum traurigen Weihnachtsmann im Cartoon... Lieben Abendgruß Ghislana

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  7. ja, so manches kann einem die weihnachtliche stimmung verleiden.
    danke, astrid, für die ausführlichen informationen. einen ausschnitt der rede von ensaf haidar hatte ich schon gesehen. eine beeindruckende frau!
    lieben gruß von mano

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  8. Ich finde es sehr gut, dass du dies hier auch immer weiter fortführst. Danke dafür. Wie schnell ist man selber versucht Dinge wieder aus seinem Sichtfenster zu streichen, weil sie einen nicht tagtäglich betreffen und man auch nicht im großen Kontext denken möchte.
    VG Karen

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