Kennt hier jemand eigentlich noch Op - Art, jene zweite wichtige Stilrichtung der Bildenden Kunst der 1960er Jahre neben der Pop - Art? Jene irritierenden Muster und optischen Effekte, die sich selbst in der Mode und Inneneinrichtung jener Zeit breit machten ( und in jüngster Zeit ein Revival erleben: Habitat hat einen Teil seiner Weihnachtskollektion in Op-Art-Manier ) und auch mich als Teenager modisch wie zeichnerisch beschäftigten?
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| 1960 und rechts 2013 (Marc Jacobs ) |
Das schöne Gesicht jener Kunstrichtung ( das "That Girl", so der "Guardian" ) war eine junge Malerin, die auch in Modemagazinen zu sehen war und die ich heute in meinem 45. Frauenporträt näher vorstellen möchte: Bridget Riley.
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Bridget selbst wird mit ihrer Mutter, Tante und Schwester nach Padstow/ Cornwall in den Südwesten Englands in ein Cottage evakuiert und verlebt dort ihre Kindheit und frühe Jugend auf dem Lande in einem Haus, das „für Erwachsene ein Albtraum, für Kinder ein Paradies“ ist: Über den Betten hängen Zeltplanen, weil das Dach undicht ist. Wasser muss vom Bach geholt werden, weil ein Bad fehlt - so ihre Erinnerungen in späteren Jahren.
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| Padstow/Cornwall Source |
Am Cheltenham Ladies' College ( 1946 - 48 ) ermöglicht die Direktorin Bridget, ihren eigenen Stundenplan aufzustellen, und ihr Lehrer Colin Hayes, späterer Tutor am Royal College of Art in London, fördert ihre künstlerische Begabung & macht sie mit der Kunstgeschichte bekannt. Anschließend durchläuft sie eine traditionelle künstlerische Ausbildung, die vor allem Hand und Auge schulen soll, am Londoner Goldsmiths College, wo sie bis 1952 u.a. Aktzeichnen studiert:
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| Akt/Pastellkreide ( 1951/52 ) Source |
Danach wechselt Bridget für drei weitere Jahre an das Royal College of Art. Zur Aufnahmeprüfung legt sie die Kopie von van Eycks "Mann in rotem Turban" ( hier zu finden ) vor. Doch der erstmalige Kontakt mit der aktuellen Londoner Kunstszene ist erst einmal frustrierend. So setzt sie sich intensiv mit der Malerei Georges Seurats auseinander, dessen pointillistische Landschaften großen Einfluss auf ihr späteres Werk haben werden.
Nach ihrer Genesung nimmt sie verschiedene Jobs an, um sich wieder in der Welt zu orientieren, unter anderem als Glaswarenverkäuferin, Kunstlehrerin und schließlich in einer Werbeagentur, wo sie die Arbeit der Fotografen durch das Entwerfen von Motiven vorbereitet.
Eine entscheidende Wende bringt die Teilnahme an einer Sommerschule in Suffolk, bei der sie den sechzehn Jahre älteren Maurice de Sausmarez trifft, der sie mit dem Futurismus, dem Divisionismus und der europäischen Moderne bekannt macht & mit dem sie eine intensive Beziehung eingeht.
1960 unternimmt sie mit ihm eine Reise nach Italien, u.a. zur Biennale in Venedig. Doch schon im Herbst kommt es zum Zerwürfnis mit Sausmarez - und wieder gerät Bridget in eine tiefe persönliche & künstlerische Krise. Sie will ganz aufgeben und nur noch ein letztes, vollständig schwarzes Gemälde schaffen. Stattdessen entsteht unter ihren Händen "Kiss"...
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und andere Schwarz-Weiss-Bilder wie "Movement in Squares" (1961):
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| "Fall" ( 1963 ) Source |
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| 1963 Source |
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| "Arrest" 2 (1965) Source |
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| Bridget Riley arbeitet an "Chant" ( 1967 ) Source |
Schon 1970 veranstaltet der Kunstverein Hannover ihre erste große Retrospektive der Arbeiten von 1961 - 70, die über Bern, Düsseldorf und Turin nach London reist und dort alle bestehenden Rekorde für eine Einzelausstellung mit zeitgenössischer Kunst mit 40.000 Besuchern schlägt. Der Kunstkritiker Robert Melville meint dazu: "Kein Maler, lebendig oder tot, hat uns je unsere Augen bewusster gemacht, als Bridget Riley."
Bridget Riley ist ab da äußerst produktiv & hört nicht auf zu reisen, zu schreiben, Vorträge zu halten, Ausstellungen zu kuratieren und zu malen.
Nachdem sie ihre Angst vor der Farbe überwunden hat ( laut David Batchelor in seinem scharfsinnigen Buch "Chromophobia" von 2000 ein Problem der westlichen Welt - sic! ), widmet sie sich ganz der Erforschung von Farbe und ihrer Beziehung zum Licht. Es entstehen bewegte, aus abstrakten Farbfeldern komponierte Bilder, die beim Sehen neue Sinneseindrücke hervorrufen: So bewirken benachbarte Farben ganz neue Farbtöne beim Betrachten, Linien, Bögen oder Rauten versetzen die Bildoberfläche in Schwingung. Alles verändert sich, je nachdem, welchen Standpunkt man beim Anschauen einnimmt.
Zuerst verwendet sie nur wenige Farben, die Anzahl der Farben nimmt aber mit den Jahren langsam zu. "Red Dominance", "Green Dominance" und "Blue Dominance" (1977) zeigen das:
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| 1978 Source |
Nach dem Tod der Mutter 1976 ist sie sehr viel unterwegs, nach Indien, Japan, den USA, Australien, der Südsee und Indonesien. Besonders ihre Reise nach Ägypten im Winter 1979/80 gibt ihr neue Impulse und ein erneuter Besuch von Venedig nach Jahren fünfzehn Jahren erweitert ihre Farbpalette:
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| "Serenissima" (1982) Source |
In der Verborgenheit ihres Ateliers auf dem Plateau de Vaucluse arbeitet sie an weiteren Umbrüchen in ihrer Kunst, die sie ab 1986 der Öffentlichkeit vorführt:
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| "Debut" (1988) Source |
Eine Ausstellung in London in den Neunziger Jahren zur Kunst der Sechziger macht deutlich, welche Entwicklung die Kunst der Bridget Riley genommen hat ( im Vergleich zu den Mitstreitern von damals ) und sie rückt wieder in den Mittelpunkt öffentlichen Interesses. Demzufolge erhält sie eine Serie von fünf Sendungen bei Radio 3 der BBC, in der sie sich in Interviews über ihre Arbeit äußern kann. Sie wird Ehrendoktor an den Universitäten von Oxford und Cambridge (1993 und 1995), und im Jahr 1998 in den Orden „Companions of Honour“ aufgenommen ( nachdem sie die weibliche Form des Ritterschlags zum ,,Sir", also ,,Dame", auf Grund der Unvereinbarkeit mit ihrer öffentlichen Rolle als Künstlerin abgelehnt hat ).
Ihre Malerei wandelt sich weiterhin, wie das große, temporäre Wandbild "White Noise" in der Kunsthalle Bern von 1998 veranschaulicht:
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Zuletzt wird Bridget Riley 2009 mit dem Goslarer Kaiserring und 2012 dem Rubenspreis der Stadt Siegen geehrt:
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„Ich sehe mich nicht als Malerin. Ich bin jemand, der Farbe benutzt, um Vergnügen zu bereiten,“ sagt sie.
Mit ihren Bildern öffnet sie dem Betrachter tatsächlich die Augen für unvermittelte ( Seh-)Erlebnisse. Zumindest mir geht es in Ausstellungen oft so, dass ich mit einem flüchtigen Blick mehr erfasse als durch das eingehende Studium kleinster Details. Ist es nicht so, wie die "Mail on Sunday" es nach einer Ausstellung mit Bridget Rileys Werken beschreibt: "Als eigenartige Tatsache bleibt festzustellen, dass, sobald man sich abgewendet hat, ihr Werk keineswegs hässlich ist, sondern fast zu schön um es zu lange zu betrachten … so schön wie die Sonne."
P.S. Der nächste "Great-Women"- Post folgt nach einer Weihnachtspause am 7. Januar 2016...


















ich habe hier wieder etwas gelernt... obwohl ich diese bilder kenne, wusste ich gar nicht's über diese künstlerin... merci!
AntwortenLöschenAch, da kommen Erinnerungen hoch. Aber so viel wußte ich nicht über sie. Meine Erinnerungen schweifen in den Kunst Leistungskurs Mitte der Siebziger, wo ein durchaus toller Kunstlehrer schier daran verzweifelte, seinen Schülerinnen Akkuratesse beim Zeichnen rileyscher Grafiken beizubringen. Wir wollten lieber wild und unbefangen malen. Dass Kunst schön ist, aber viel Arbeit macht, ist eine Erkenntnis, die man auch erstmal machen muss. Traumhaft, wenn man so erfolgreich ist, dass man sich irgendwann Assistenten leisten kann( wie es in früheren Zeiten ja noch viel üblicher war)
AntwortenLöschendanke wieder einmal für dieses furiose Kurzportrait. Du bist mir ein richtiges Bildungsinstitut.:-)
Lieben Lisagruß
Eigentlich war das ja auch meine Berufung...wollte das Kumi NRW aber nicht mehr und entwickelte dubiose Schulkonzepte.
LöschenJetzt kommt die große Lust am Schreiben dazu.
Freut mich, wenn du etwas davon hast! Leistungskurs Kunst hätte ich auch gerne gehabt ( gab's da noch nicht ).
GLG
Danke für dieses wunderbare Portrait. Es gibt wohl kaum jemanden, dem die Werke der Künstlerin nicht das eine oder andere Mal schon begegnet sind, denn sie sind sehr einprägsam...LG Lotta.
AntwortenLöschenWunderbar, die Künstlerin hinter diesen Werken endlich kennen zu lernen.
AntwortenLöschenIn der Pubertät habe ich in meinem Zimmer eine ganze Wand in Op-Art inszeniert. In Rot! (War nicht für jeden leicht zu ertragen ;-)
Liebe Grüße
Andrea
Kunstgeschichts-Stunde bei Astrid - wunderbar... Davon hatten wir viel zu wenig. Rileys "Kiss" und "Fall" sind mir gleich sehr nahe gekommen. Lieben Gruß Ghislana
AntwortenLöschenVielen Dank für die interessanten Portraits, eine wunderbare Lektüre zwischen Deutz und Weiden in der S-Bahn.
AntwortenLöschenLiebe Grüße
Nicole aus Frechen
Ich liebe ja deine Portrait-Reportagen sehr - danke mal wieder !
AntwortenLöschenLiebe Grüße - Monika
Ich lieb sie auch! Zu recherchieren und zu schreiben!
AntwortenLöschenGLG
Klaro - der Vorläufer vom Cyper-Space und psycedelic rock :)! Oder???? Drück dich und wünsche dir wundervolle Weihnachten, zauberhafte Tage an denen du es dir gut gehen lassen kannst!
AntwortenLöschenElisabeth
ach astrid, mit diesem beitrag hast du mir wieder eine große freude gemacht! ich habe ja 2009 ihre kaiserring-ausstellung in goslar gesehen und war hin und weg, ganz besonders von ihren zeichnungen und skizzen, die mir ja noch viel besser gefallen haben als ihre großen bilder. danke für den ausführlichen lebenslauf, es ist immer spannend, auch hinter die person schauen zu dürfen!
AntwortenLöschenherzliche grüße, mano
Premiere, die erste Große die nicht kannte. Wunderbar das ich jetzt durch dich sie kennenlernen durfte!!!
AntwortenLöschenHerzliche Grüße und einen schönen 4 Advent