Donnerstag, 17. Dezember 2015

Great Women # 45: Bridget Riley



Kennt hier jemand eigentlich noch Op - Art, jene zweite wichtige Stilrichtung der Bildenden Kunst der 1960er Jahre neben der Pop - Art? Jene irritierenden Muster und optischen Effekte, die sich selbst in der Mode und Inneneinrichtung jener Zeit breit machten ( und in jüngster Zeit ein Revival erleben: Habitat hat einen Teil seiner Weihnachtskollektion in Op-Art-Manier ) und auch mich als Teenager modisch wie zeichnerisch beschäftigten?
1960 und rechts 2013 (Marc Jacobs )
Das schöne Gesicht jener Kunstrichtung ( das "That Girl", so der "Guardian" ) war eine junge Malerin, die auch in Modemagazinen zu sehen war und die ich heute in meinem 45. Frauenporträt näher vorstellen möchte: Bridget Riley.
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Geboren wird  Bridget Louise Riley am 24. April 1931 in West Norwood/London. Ihr Vater, John Fisher Riley ist Drucker wie schon sein Vater , ihre Mutter die Tochter eines englischen Erfinders.

1938 übersiedelt die Familie samt Druckgeschäft des Vaters nach Lincolnshire. Als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbricht, wird der Vater als Soldat eingezogen, von den Japanern 1941 gefangen genommen & zu Zwangsarbeit an der siamesischen Eisenbahn eingesetzt. Nach seiner Heimkehr dauert es, bis er sich wieder ins Familienleben integrieren kann.

Bridget selbst wird mit ihrer Mutter, Tante und Schwester nach Padstow/ Cornwall in den Südwesten Englands in ein Cottage evakuiert und verlebt dort ihre Kindheit und frühe Jugend auf dem Lande in einem Haus, das „für Erwachsene ein Albtraum, für Kinder ein Paradies“ ist: Über den Betten hängen Zeltplanen, weil das Dach undicht ist. Wasser muss vom Bach geholt werden, weil ein Bad fehlt - so ihre Erinnerungen in späteren Jahren. 

Die Mutter nimmt die Kinder auf ausgedehnte Spaziergänge mit - Ausflüge, die Bridget als eine erste Sehschule in Erinnerung behält. Sie weist dabei auf die Farbspiele der Natur hin, und an der Küste Cornwalls entdeckt Bridget die sich ständig verändernde Schönheit in der Farbenvielfalt des Himmels und der See, den ovalen Reflexionen der Wolken auf der Meeresoberfläche, in den dunklen Streifen des sich kräuselnden Wassers.
Sie war keine Malerin“, sagt Bridget Riley über ihre Mutter, „sie war ein Auge. Das schlichte Vergnügen, das Schauen bereiten kann, war Teil ihres Wesens.“ ( Quelle hier ) "The art of looking", lernt sie schon als Kind in Cornwall, und diese visuellen Erfahrungen in jungen Jahren inspirieren ihre Bilder bis heute. 

Padstow/Cornwall
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Die schulische Ausbildung in Cornwall & Buckinghamshire hingegen ist lückenhaft und wenig qualifiziert, denn Laien oder pensionierte Lehrer sammeln die Kinder gelegentlich ein und unterrichten sie in Fächern ihrer Kenntnis und Neigung.

Am Cheltenham Ladies' College ( 1946 - 48 ) ermöglicht die Direktorin Bridget, ihren eigenen Stundenplan aufzustellen, und ihr Lehrer Colin Hayes, späterer Tutor am Royal College of Art in London, fördert ihre künstlerische Begabung & macht sie mit der Kunstgeschichte bekannt. Anschließend durchläuft sie eine traditionelle künstlerische Ausbildung, die vor allem Hand und Auge schulen soll, am Londoner Goldsmiths College, wo sie bis 1952 u.a. Aktzeichnen studiert:

Akt/Pastellkreide ( 1951/52 )
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Danach wechselt Bridget für drei weitere Jahre an das Royal College of Art. Zur Aufnahmeprüfung legt sie die Kopie von van Eycks "Mann in rotem Turban" ( hier zu finden ) vor. Doch der erstmalige Kontakt mit der aktuellen Londoner Kunstszene ist erst einmal frustrierend. So setzt sie sich intensiv mit der Malerei Georges Seurats auseinander, dessen pointillistische Landschaften großen Einfluss auf ihr späteres Werk haben werden.

1955 schließt sie das Studium mit dem Bachelor of Arts ab, durchlebt aber eine Phase der Selbstzweifel & Unsicherheit, pflegt den Vater nach einem schweren Verkehrsunfall mehrere Monate und erleidet einen physischen & psychischen Zusammenbruch, der vor allem dem Ende einer unglücklichen Liebe zuzuschreiben ist. ( Heute lebt sie allein und sagt: "Mein Privatleben ist überhaupt nicht aufregend. Es war eine Zeitlang so, aber ich habe festgestellt, dass es schlecht für meine Arbeit war." )

Nach ihrer Genesung nimmt sie verschiedene Jobs an, um sich wieder in der Welt zu orientieren, unter anderem als Glaswarenverkäuferin, Kunstlehrerin und schließlich in einer Werbeagentur, wo sie die Arbeit der Fotografen durch das Entwerfen von Motiven vorbereitet.

Eine entscheidende Wende bringt die Teilnahme an einer Sommerschule in Suffolk, bei der sie den sechzehn Jahre älteren Maurice de Sausmarez trifft, der sie mit dem Futurismus, dem Divisionismus und der europäischen Moderne bekannt macht & mit dem sie eine intensive Beziehung eingeht.

1960 unternimmt sie mit ihm eine Reise nach Italien, u.a. zur Biennale in Venedig. Doch schon im Herbst kommt es zum Zerwürfnis mit Sausmarez - und wieder gerät Bridget in eine tiefe persönliche & künstlerische Krise. Sie will ganz aufgeben und nur noch ein letztes, vollständig schwarzes Gemälde schaffen. Stattdessen entsteht unter ihren Händen "Kiss"...

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und andere Schwarz-Weiss-Bilder wie "Movement in Squares" (1961):

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Bridget arbeitet "mit einer nie zuvor gespürten Intensität und Überzeugung". Sie findet in dem gleichaltrigen Peter Sedgley einen neuen Partner, mit dem sie im Sommer 1961 das Plateau de Vaucluse bereist, wo sie ein altes verfallenes Gehöft kaufen ( das in den Siebzigern Grundlage eines Atelierneubaus werden wird ). Dank eines Fehlers bei der Werbeagentur, wo sie bis 1962 halbtags arbeitet, bleibt sie auf der Gehaltsliste bis 1964 und hat Zeit, weitere Werke zu schaffen, die sie schließlich erstmals 1962 in einer Galerie ausstellt.

"Fall" ( 1963 )
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Mit ihren Bildern setzt sie Maßstäbe in der abstrakten Malerei, so dass die britische Künstlerin - kaum dreißigjährig - bald zu den Arrivierten der Kunstszene gehört.

1963
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Zu Beginn des Jahres 1965 nimmt sie an der Ausstellung "The Responsive Eye" im "Museum of Modern Art" in New York teil. Schon auf dem Weg vom Flughafen zum Museum sieht sie auf der Madison Avenue in einem Schaufenster nach dem anderen Kleider, deren Musterentwürfe nach ihren Bildern entstanden sind. "The whole thing had spread everywhere even before I touched down at the airport," erinnert sie sich ( Quelle hier ).

Sie erwägt eine Klage, muss aber feststellen, dass es in den USA kein Urheberrechtsschutz für Künstler gibt. "It will take at least 20 years before anyone looks at my paintings seriously again," denkt sie auf dem Heimflug.

Sie beginnt nun, farbige Grauwerte in ihre Malerei einzuführen:

"Arrest" 2 (1965)
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Im Sommer 1967, nach einem Aufenthalt in Griechenland, gelingt Bridget Riley der Durchbruch zur Farbe:

Bridget Riley arbeitet an "Chant" ( 1967 )
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Im Jahr darauf darf sie zusammen mit Philipp King Großbritannien auf der XXXIV. Biennale in Venedig präsentieren. Dort erhält sie den Internationalen Preis für Malerei als erster englischer Künstler und als erste Frau überhaupt. Doch wegen Studentenunruhen kann sie den Preis nicht entgegen nehmen...

Schon 1970 veranstaltet der Kunstverein Hannover ihre erste große Retrospektive der Arbeiten von 1961 - 70, die über Bern, Düsseldorf und Turin nach London reist und dort alle bestehenden Rekorde für eine Einzelausstellung mit zeitgenössischer Kunst mit 40.000 Besuchern schlägt. Der Kunstkritiker Robert Melville meint dazu: "Kein Maler, lebendig oder tot, hat uns je unsere Augen bewusster gemacht, als Bridget Riley."

Bridget Riley ist ab da äußerst produktiv & hört nicht auf zu reisen, zu schreiben, Vorträge zu halten, Ausstellungen zu kuratieren und zu malen.

Nachdem sie ihre Angst vor der Farbe überwunden hat ( laut David Batchelor in seinem scharfsinnigen Buch "Chromophobia" von 2000 ein Problem der westlichen Welt - sic! ), widmet sie sich ganz der Erforschung von Farbe und ihrer Beziehung zum Licht. Es entstehen bewegte, aus abstrakten Farbfeldern komponierte Bilder, die beim Sehen neue Sinneseindrücke hervorrufen: So bewirken benachbarte Farben ganz neue Farbtöne beim Betrachten, Linien, Bögen oder Rauten versetzen die Bildoberfläche in Schwingung. Alles verändert sich,  je nachdem, welchen Standpunkt man beim Anschauen einnimmt.

Zuerst verwendet sie nur wenige Farben, die Anzahl der Farben nimmt aber mit den Jahren langsam zu. "Red Dominance", "Green Dominance" und "Blue Dominance" (1977) zeigen das:

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Erst 1978 erweiterte sie ihr Repertoire von drei auf fünf Farben. In wohl überlegten Schritten legt sie bestimmte Themen, Formen und Farben fest. Und diese Arbeitspraxis erklärt auch, dass ein mit "Riley" signiertes Bild nie von Riley gemalt ist, sondern von Assistenten, die ihre genauen Anweisungen ( mit Maßangaben und millimetergenauen Skizzen ) umsetzen. Sie selbst fertigt kleine Farbstudien in Gouache an, mischt alle Farben & legt den genauen Farbton und die Intensität fest, was die Assistenten konstant einhalten müssen. Der weitere Herstellungsprozess ist ihr dann nicht mehr wichtig, sie ist nur an der gedanklichen und intuitiven Arbeit interessiert, die dem Bild vorangegangen ist: "Mir scheint, dass die tiefere, wirkliche Persönlichkeit des Künstlers nur im Treffen von Entscheidungen – im Zurückweisen und Akzeptieren, Verändern und Revidieren - zum Vorschein kommt," sagt sie dazu.

In ihrem sechsgeschossigen Haus in Kensington gibt es über vier Stockwerke Studios. Auch in Cornwall besitzt sie ein Haus mit Atelier und das oben erwähnte in der Provence.

1978
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Nach dem Tod der Mutter 1976 ist sie sehr viel unterwegs, nach Indien, Japan, den USA, Australien, der Südsee und Indonesien. Besonders ihre Reise nach Ägypten im Winter 1979/80 gibt ihr neue Impulse und ein erneuter Besuch von Venedig nach Jahren fünfzehn Jahren erweitert ihre Farbpalette:

"Serenissima" (1982)
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In der Verborgenheit ihres Ateliers auf dem Plateau de Vaucluse arbeitet sie an weiteren Umbrüchen in ihrer Kunst, die sie ab 1986 der Öffentlichkeit vorführt:

"Debut" (1988)
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Eine Ausstellung in London in den Neunziger Jahren zur Kunst der Sechziger macht deutlich, welche Entwicklung die Kunst der Bridget Riley genommen hat ( im Vergleich zu den Mitstreitern von damals ) und sie rückt wieder in den Mittelpunkt öffentlichen Interesses. Demzufolge erhält sie eine Serie von fünf Sendungen bei Radio 3 der BBC, in der sie sich in Interviews über ihre Arbeit äußern kann. Sie wird Ehrendoktor an den Universitäten von Oxford und Cambridge (1993 und 1995), und im Jahr 1998 in den Orden „Companions of Honour“ aufgenommen ( nachdem sie die weibliche Form des Ritterschlags zum ,,Sir", also ,,Dame", auf Grund der Unvereinbarkeit mit ihrer öffentlichen Rolle als Künstlerin abgelehnt hat ).

Ihre Malerei wandelt sich weiterhin, wie das große, temporäre Wandbild "White Noise" in der Kunsthalle Bern von 1998 veranschaulicht:


Und auch im neuen Jahrtausend wandelt sich ihre Bildsprache noch:

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Zuletzt wird Bridget Riley 2009 mit dem Goslarer Kaiserring und 2012 dem Rubenspreis der Stadt Siegen geehrt:

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„Ich sehe mich nicht als Malerin. Ich bin jemand, der Farbe benutzt, um Vergnügen zu bereiten,“ sagt sie.

Mit ihren Bildern öffnet sie dem Betrachter tatsächlich die Augen für unvermittelte ( Seh-)Erlebnisse. Zumindest mir geht es in Ausstellungen oft so, dass ich mit einem flüchtigen Blick mehr erfasse als durch das eingehende Studium kleinster Details. Ist es nicht so, wie die "Mail on Sunday" es nach einer Ausstellung mit Bridget Rileys Werken beschreibt: "Als eigenartige Tatsache bleibt festzustellen, dass, sobald man sich abgewendet hat, ihr Werk keineswegs hässlich ist, sondern fast zu schön um es zu lange zu betrachten … so schön wie die Sonne." 









P.S. Der nächste "Great-Women"- Post folgt nach einer Weihnachtspause am 7. Januar 2016...

Kommentare:

  1. ich habe hier wieder etwas gelernt... obwohl ich diese bilder kenne, wusste ich gar nicht's über diese künstlerin... merci!

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  2. Ach, da kommen Erinnerungen hoch. Aber so viel wußte ich nicht über sie. Meine Erinnerungen schweifen in den Kunst Leistungskurs Mitte der Siebziger, wo ein durchaus toller Kunstlehrer schier daran verzweifelte, seinen Schülerinnen Akkuratesse beim Zeichnen rileyscher Grafiken beizubringen. Wir wollten lieber wild und unbefangen malen. Dass Kunst schön ist, aber viel Arbeit macht, ist eine Erkenntnis, die man auch erstmal machen muss. Traumhaft, wenn man so erfolgreich ist, dass man sich irgendwann Assistenten leisten kann( wie es in früheren Zeiten ja noch viel üblicher war)
    danke wieder einmal für dieses furiose Kurzportrait. Du bist mir ein richtiges Bildungsinstitut.:-)
    Lieben Lisagruß

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    1. Eigentlich war das ja auch meine Berufung...wollte das Kumi NRW aber nicht mehr und entwickelte dubiose Schulkonzepte.
      Jetzt kommt die große Lust am Schreiben dazu.
      Freut mich, wenn du etwas davon hast! Leistungskurs Kunst hätte ich auch gerne gehabt ( gab's da noch nicht ).
      GLG

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  3. Danke für dieses wunderbare Portrait. Es gibt wohl kaum jemanden, dem die Werke der Künstlerin nicht das eine oder andere Mal schon begegnet sind, denn sie sind sehr einprägsam...LG Lotta.

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  4. Wunderbar, die Künstlerin hinter diesen Werken endlich kennen zu lernen.
    In der Pubertät habe ich in meinem Zimmer eine ganze Wand in Op-Art inszeniert. In Rot! (War nicht für jeden leicht zu ertragen ;-)
    Liebe Grüße
    Andrea

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  5. Kunstgeschichts-Stunde bei Astrid - wunderbar... Davon hatten wir viel zu wenig. Rileys "Kiss" und "Fall" sind mir gleich sehr nahe gekommen. Lieben Gruß Ghislana

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  6. Vielen Dank für die interessanten Portraits, eine wunderbare Lektüre zwischen Deutz und Weiden in der S-Bahn.
    Liebe Grüße
    Nicole aus Frechen

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  7. Ich liebe ja deine Portrait-Reportagen sehr - danke mal wieder !

    Liebe Grüße - Monika

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  8. Ich lieb sie auch! Zu recherchieren und zu schreiben!
    GLG

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  9. Klaro - der Vorläufer vom Cyper-Space und psycedelic rock :)! Oder???? Drück dich und wünsche dir wundervolle Weihnachten, zauberhafte Tage an denen du es dir gut gehen lassen kannst!
    Elisabeth

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  10. ach astrid, mit diesem beitrag hast du mir wieder eine große freude gemacht! ich habe ja 2009 ihre kaiserring-ausstellung in goslar gesehen und war hin und weg, ganz besonders von ihren zeichnungen und skizzen, die mir ja noch viel besser gefallen haben als ihre großen bilder. danke für den ausführlichen lebenslauf, es ist immer spannend, auch hinter die person schauen zu dürfen!
    herzliche grüße, mano

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  11. Premiere, die erste Große die nicht kannte. Wunderbar das ich jetzt durch dich sie kennenlernen durfte!!!

    Herzliche Grüße und einen schönen 4 Advent

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