Donnerstag, 5. November 2015

Great Women # 40: Vera Atkins


Über meine heutige großartige Frau wusste ich eigentlich nur, dass sie Ian Fleming als Vorbild für diese Dame gedient hat:

Durch einen Zufall wurde ich in unserer Tageszeitung auf ein Buch aufmerksam, das von der wahren Miss Moneypenny aka Vera Atkins handelte. Meine Neugier war geweckt & ich rate, hier am Ball zu bleiben, es lohnt sich weiterzulesen, auch wenn man kein James - Bond- Fan ist! Heute kommt übrigens der neueste Film in die Kinos - die Koinzidenz war mir beim Schreiben dieses Posts allerdings nicht klar.



Vera Atkins wird am 15. Juni 1908 als Vera May Rosenberg in der Domneasca- Straße 135 im rumänischen Galati ( deutsch Galatz ) geboren:

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"Die Geschichte ihrer Familie ist sinnbildhaft für diejenige Mitteleuropas im ausgehenden und beginnenden zwanzigsten Jahrhundert. Ein Teil der Welt, in dem Veränderungen zu den Konstanten zählte und Vielfalt eine Gemeinsamkeit darstellte. In dem Volksgruppen miteinander rangen, oft aber auch miteinander oder zumindest nebeneinander lebten und ein kosmopolitisches, mobiles und vielsprachiges Großbürgertum sich eines komfortablen Lebens zwischen Kapitalismus und Kultur erfreute", schreiben die Autoren Molfenter & Strempel zu Beginn ihres Kapitels über Vera, denn auch die hat, wie so viele meiner Protagonistinnen in der Great-Women-Reihe, einen deutschen Juden als Vater, Maximilian Rosenberg, der aus einer gut situierten Kaufmannsfamilie aus Kassel stammt. Ihre Mutter, Hilda Atkins, hingegen hat britisch - jüdische Wurzeln, ist in Südafrika geboren und ihre Familie außergewöhnlich vermögend.

Maximilian, Max genannt, hat zuerst in Hamburg Architektur studiert, bevor er vor einer Choleraepidemie 1892 nach Kapstadt floh. Der englische Kaufmann Henry Atkins nahm sich dort seiner an. 

Die Familie Atkins ( damals Etkins oder Etkind ) kam ursprünglich aus Weißrussland, von wo aus sie 1870 vor den zunehmenden Pogromen über Odessa & London nach Kapstadt geflohen war. Henry Atkins machte dort ein Vermögen mit Grubenhölzern, kehrte kurzzeitig nach London zurück, wo Hilda zur Welt kam, und ließ sich wieder in Kapstadt nieder. Durch die Freundschaft mit Cecil Rhodes stieg er gesellschaftlich auf. Sein Vermögen vermehrte er durch Handel mit Diamanten, Straußenfedern, Immobilien & australischem Dosenfleisch während des Burenkrieges.  

Max & Hilda heiraten 1902 in London, Veras Bruder Ralph kommt 1905 aber wieder in Kapstadt zur Welt. 

Zu diesem Zeitpunkt beginnen die Immobiliengeschäfte des Max Rosenberg wegen des Burenkrieges nicht mehr zu florieren, so dass er das Angebot seiner Brüder, in ihr Holzhandelsgeschäft in Europa einzusteigen, gerne annimmt. Von Galatz, am linken Ufer der unteren Donau gelegen, verschiffen die Brüder das Holz der Bukowina ( "Buchenland" ) über das Schwarze Meer bis nach Rotterdam.

Galatz ist eine multikulturelle, relativ internationale Stadt mit einer blühenden jüdischen Gemeinde im Habsburgerreich, die schon länger ans Eisenbahnnetz angebunden ist & deren Hafen auch als Marinestützpunkt dient:

Galatz 1905
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Die Familie Rosenberg wohnt in einer von Linden umstandenen Villa an der eleganten Einkaufsstraße der Stadt. Doch Hilda fühlt sich, da nicht deutschstämmig, in der jüdischen Oberschicht mit ihrer starken kulturellen Anbindung an Wien nicht wohl und hat Heimweh nach Kapstadt.

Die kleine Vera wächst so mit zwei Identitäten auf: der im damaligen Rumänien hochangesehenen deutschen und der britischen, die durch die rumänische Kronprinzessin, einer Enkelin von Queen Victoria, gerade en vogue ist. Der jüdische Glaube hingegen spielt kaum eine Rolle. ( Den herauszukehren war damals, angesichts antisemitischer Strömungen in Rumänien, auch nicht opportun. ) Allerdings werden der Sabbat und die jüdischen Festtage eingehalten, und Max erzählt seinen Kindern von den Leistungen & Leiden der Juden im Laufe der Weltgeschichte.

1910 gründen die Rosenbergs mit einer weiteren Familie, in die Hildas Schwester eingeheiratet hat, eine weltweit agierende Schifffahrtsagentur. 1911 kommt der Bruder Wilfred zur Welt. Die Kinder wachsen mit englischen Nannies & Hauslehrern wohl behütet & exklusiv auf. Am Vater nagt aber der ( im Rumänien der Zeit unerfüllbare ) Wunsch nach Grundbesitz. Den kann er sich nur in der Bukowina erfüllen, wo er seinen Kindern  schließlich ein ländliches Paradies schafft.

Doch 1914 ist Schluss damit: Hilda Rosenberg begibt sich im August mit den beiden jüngeren Kindern mit dem Orientexpress nach Berlin, um den ältesten Sohn für eine Familienfeier in den Niederlanden abzuholen. Als sie dort aus dem Zug steigt, hat die Mobilmachung begonnen. Sie als Britin befindet sie sich geradewegs im Feindesland!

Eher widerwillig kriecht sie bei den Kölner Familienangehörigen mit den Kindern unter, während Max zum Heer eingezogen wird. Die Großeltern hoffen auf einen deutschen Sieg, Hilda hingegen auf einen der Entente. "Welchen Eindruck dieser Spagat auf die Kinder hinterließ, lässt sich nicht genau sagen. Vermutlich aber gewann Veras britische Identität in dieser Zeit an Gewicht", meinen Molfenter & Strempel.

Mit dem Ende des 1. Weltkrieges kommt das Ende des Habsburgereiches, das Ende der Rosenbergschen Sägewerke und Werften. Max Rosenberg bleibt das Landgut. Die Bukowina gehört nun zu Rumänien, und Vera, ihre Brüder & die Mutter leben in der Hauptstadt des Landes, wo sie eine Ausbildung entsprechend den Anforderungen für höhere Töchter erhält. Mit fünfzehn wird sie auf eine Elitepensionat in Lausanne geschickt, anschließend auf ein Internat in Paris, um den nötigen gesellschaftlichen Schliff zu bekommen und in der bukowarischen Gesellschaft zu debütieren. Eine Ehe scheint ihr allerdings noch nicht erstrebenswert.

1931, 23jährig, absolviert sie eine Sekretärinnenausbildung an einem legendären Institut in London. Als die Weltwirtschaftskrise auch Max Rosenberg in die Knie zwingt, ist sie bereit, ihren Lebensunterhalt als Sekretärin bei einem amerikanischen Ölunternehmen zu verdienen. Der Vater stirbt 1932 in Wien, Vera bleibt mit der Mutter in Bukarest, das man sich zu dieser Zeit beileibe nicht als öde Stadt vorzustellen hat. Außerdem bietet sie einer jungen Frau mit eigenem Einkommen durchaus Freiheiten...

In diese Zeit fallen Veras Kontakte zu Angehörigen der britischen Geheimdienste. "Zu denen, die sich in dieser Schattenwelt bewegten, gehörte auch der kanadische Geschäftsmann William Stephenson. Er äußerte wiederholt, dass Vera Atkins das wichtigste Vorbild für die Rolle der Miss Moneypenny in den James-Bond-Romanen von Ian Fleming wurde." ( Quelle hier ) Stephenson ist es, der Vera Rosenberg mit dem deutschen Botschafter Werner Graf von der Schulenburg bekannt macht, einem Witwer in den Mittfünfzigern mit russischer Geliebter in Berlin. Die beiden kommen sich so nahe, dass Vera bei Botschaftsveranstaltungen als Gastgeberin an seiner Seite steht, und er am Frühlingsfest auf dem Rosenbergschen Landsitz teilnimmt. Diskretion ist aber für dieses Verhältnis aus vielerlei Gründen unerlässlich.

Nach der Machtergreifung durch Hitler wird Schulenburg in Berlin tatsächlich zu seinem Verhältnis zu der Jüdin Vera Rosenberg befragt, und er verlässt Bukarest im Sommer 1934 in Richtung Moskau. Der Kontakt reißt aber nicht ab, und sie treffen sich 1935 während seines Heimaturlaubes in Berlin.

In Bukarest hält Vera nach wie vor Kontakte zu Botschafts- und Geheimdienstkreisen. Und eine Beziehung, die zu John Coulson, dem späteren britischen Botschafter in Stockholm, scheint durchaus eng zu sein, ist aber durch Veras Judentum belastet, ja auf Dauer unmöglich.

Auch andere Freunde machen Vera deutlich, dass sie sich nicht mehr mit ihr treffen können, weil sie Jüdin sei. Antijüdische Gesetze werden auch in Rumänien verschärft. Viele Bekannte schiffen sich nach Palästina ein - Zeit für Vera & ihre Mutter, dem Bruder im Oktober 1937 nach London zu folgen.

1938 legt sie dort den Namen Rosenberg ab und nimmt den ihrer Mutter an - Britin ist sie damit aber nicht. Eine prekäre Situation, vor allem nach dem Kriegseintritt Rumäniens auf Seiten der Deutschen. Arbeiten darf sie nicht, auch keine ehrenamtliche Tätigkeit, u.a. beim Roten Kreuz, ausüben, kann immerhin aber 1940 in Chelsea als Luftschutzwartin Dienst tun, denn es ist ihr ein Anliegen, den Kampf Großbritanniens gegen Hitlerdeutschland zu unterstützen.

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Für die Rosenbergs belastend ist die Tatsache, dass das Land nur bedingt jüdische Flüchtlinge aufnimmt. Zwar sind es mehr, als in anderen Staaten, aber die "Daily Mail" schreibt damals: "Wenn es erstmal bekannt wäre, dass Großbritannien all denen Zuflucht gewährte, die zu kommen wünschen, wären die Wehre geöffnet und wir würden überflutet von Tausenden, die auf der Suche nah einer neuen Heimat sind." ( Das war in den Vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts! )

Privat dreht sich bei Vera alles um die Beziehung zu dem Fliegeroffizier Dick Ketton - Cremer, einem Landadligen aus Norfolk, dessen Familie nichts von ausländischen Ehefrauen hält:

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Darin mag ein Grund dafür liegen, dass diese Beziehung - obwohl die Liebe ihres Lebens - viel Geheimniskrämerei umgibt. Es gibt aber auch Anzeichen, dass Vera schon zu dieser Zeit für den britischen Geheimdienst tätig ist. Wie sonst sind lang währende Aufenthalte in der Schweiz mit Ketton - Cremer, auch in kurzen Abständen, erklärbar, wenn sonst ihr Aufenthaltsstatus auf wackligen Füßen steht? Immerhin arbeitet ihr Bukarester Freund William Stephenson mit der D- Sektion des britischen Auslandgeheimdienstes zusammen...

1940 unternimmt sie eine gefährliche Reise in die Niederlande, die offiziell der Rettung ihres in Budapest inhaftierten Cousins gilt, den sie mit dem Geld ihrer Mutter freikaufen kann. Den deutschen Besatzern in den Niederlanden entgeht sie dabei nur mit Hilfe belgischer Widerständler, die sie aus dem Land schleusen.

Dann, im Februar 1941, erhält sie ein unscheinbares Schreiben des Inner Services Research Bureau. Das verändert ihr weiteres Leben für immer...

Großbritannien, auf den Krieg mit Deutschland nicht wirklich gut vorbereitet, nutzt Erfahrungen aus anderen kriegerischen Auseinandersetzungen in psychologischer Kriegführung und richtet  bei seinem Auslandsgeheimdienst, auch als M16 bekannt, eine D- Sektion ein, die der irregulären Kriegsführung & Propaganda dienen soll. Vor allem die Niederlage Frankreichs beschleunigt die Einrichtung der Special Operations Executive (SOE), von Churchill auch "Ministerium für unfeine Kriegsführung" genannt. Die erforderlichen Spezialkräfte kann man schwerlich über die üblichen Stellenanzeigen rekrutieren.

Übung, getarnt als Frau
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Auch Vera Atkins - so ihre spätere Aussage - weiß nicht, worin ihre zukünftige Rolle besteht. Ihre Fähigkeiten als Fremdsprachenkorrespondentin sind sicher nicht ausschlaggebend, denn Ziel der SOE sind Sabotageakte, Anschläge, Boykottaktionen - alles, was eben zur Guerillataktik gehört. Die Ausbildung bemüht sich zuerst um die Steigerung der Fitness, lehrt dann den Umgang mit Waffen aller Arten, besonders dem "silent killing" ( die spezielle Pistolenschusstechnik der Agenten ist bis heute in jedem Vorspann eines James - Bond - Filmes zu sehen ), um all denjenigen, die durchgehalten haben, zuletzt den Feinschliff zu geben und sie ideologisch sattelfest & aggressiv, aber auch unauffällig genug in ihrem Auftreten zu machen. Als Meisterstück muss am Ende Material aus einem Waffenstützpunkt bzw. Sprengstoff an einer Bahnlinie angebracht werden. Ist das überstanden, folgt noch die Ausbildung im Fallschirmspringen & in Sabotagetechnik.

Unzählige Erfindungen für den Einsatz der SOE - Agenten werden gemacht, wie diese Gummisohlen, die, über Militärstiefel gezogen, beim Feind den Eindruck von Barfüsslern machen sollen:

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Dass überhaupt Frauen bei SEO eingesetzt werden, ist Vera Atkins zu verdanken. Denn ein Gegenargument ist, dass der Einsatz von Frauen als Kombattanten nicht vom Kriegsvölkerrecht abgesichert ist. Doch bei ihrem Chef, dem Leiter der F-Sektion im SOE, Oberst Maurice Buckmaster, rennt sie offene Türen ein: Frauen können sich unauffälliger als Männer hinter den feindlichen Linien bewegen.

Vera Atkins mit Oberst Buckmaster hinter ihr stehend
1945 in London
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Wenige Wochen nach ihrem Vorstellungsgespräch wird Vera im April 1941 Buckmasters Assistentin und zum "Intelligent Officer" ernannt:

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Ihre wichtigste Aufgabe ist, künftige Agenten zu rekrutieren und auszubilden. Viele dieser Agenten bezeichnen sie später als Seele der SOE, da sie sie zwar mit eiserner Hand führt, aber auch ihr Wohl im Blick hat.

Man spricht davon, dass sie 400 Agenten auf den Einsatz hinter den Linien in Frankreich vorbereitet hat, darunter 39 Frauen, die sie selbst "meine Mädchen" nennt. Wichtigste Voraussetzung ist, dass diese Frauen, die in das besetzte Frankreich geschickt werden, akzentfrei französisch sprechen.

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Die 39 Frauen, die zum Einsatz kommen, sind meist jung und ledig, einige verheiratet, manche haben Kinder. Andere sind geschieden oder verwitwet, wie die bekannteste von allen, Violette Szabo: Sie hatte ihren Mann mit 19 kennen gelernt, einen Soldaten, der für de Gaulles Truppen "Freies Frankreich" kämpfte. Ihnen blieb wenig Zeit füreinander, denn auf ihren Mann wartete  der Einsatz in Afrika. Die Geburt seiner Tochter erlebte der werdende Vater nicht mehr, er wurde tödlich verwundet.
Der Tod ihres geliebten Mannes motiviert die 22-jährige Violette Szabo, sich als Agentin an den Deutschen zu  rächen.

Die Motive der anderen Frauen, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, sind sehr unterschiedlich: Bei einigen Abenteuerlust, bei anderen Patriotismus. Bei der Rekrutierung spielt aber immer eine Rolle, dass nicht allzu viel Emotion vorherrscht, denn impulsive, unbeherrschte Persönlichkeiten begeben sich leichter in Gefahr.

Krystyna Skarbek & Violette Szabo

Die Frauen arbeiten nicht als Spioninnen, sondern leisten meist Kurierdienste zwischen den Widerstandsgruppen der Résistance, einige sind Funkerinnen und nur wenige sind an Sabotageaktionen beteiligt. Eine sprengt zwei Lokomotiven in die Luft, eine andere schlägt mit Hilfe einer Partisanengruppe einen Trupp deutscher Soldaten in die Flucht.

Die Agentinnen werden bei Mondlicht von Bombern ins Land gebracht & springen mit Fallschirmen aus geringer Höhe ab, erlangen teils aber auch auf anderen abenteuerlichen Wegen in ihr Einsatzgebiet: So überquert z. B. Krystyna Skarbek im schlimmsten Winter auf Skiern von der Slowakei aus die Hohe Tatra, um unentdeckt nach Polen zu kommen.

Jedem Agenten steht Vera Atkins in den letzten Stunden vor seinem Einsatz zur Seite & begleitet ihn zum Flughafen. Nach jedem Abflug wartet sie angespannt auf ein erstes Funkzeichen und verbringt viel Zeit im Funkraum der SOE.

Nach der geglückten Invasion der Alliierten & dem Rückzug der Deutschen aus Frankreich richten Vera & Buckmaster in Paris ein Büro ein, bei dem sich die ausgesandten Agenten rückmelden können. Die ersten Rückkehrer rühren Vera zu Tränen. Doch sehr schnell wird es dort wieder still, und die Angst um die noch vermissten hundert Agenten - darunter 16 der Frauen - treibt sie um, zumal es einen Führererlass gibt, dass Agenten auf der Stelle zu töten seien.

Gegen erheblichen Widerstand in der SOE, aber auch wegen eines fehlenden Passes - obwohl sie in der Zwischenzeit eingebürgert worden ist -  und mit dem Wissen, dass einige ihrer "Mädchen" in Konzentrationslagern gefangen gehalten wurden, will Vera Atkins nach Deutschland, um nach den Vermissten zu suchen. Vier Tage räumt man ihr im Dezember 1945 für die Reise ins Land ihrer Vorväter ein. Ihr gelingt es nicht, viel herauszubekommen, aber sie verschafft sich Respekt & Anerkennung bei britischen Offizieren vor Ort, die sie in Zukunft unterstützen werden.

Ende Dezember 1945 erhält sie den Bericht eines englischen Geheimdienstoffizieres über das KZ Natzweiler im Elsass, in dem drei oder vier ihrer Agentinnen auf das Bestialischte umgebracht worden sind. Jetzt erreicht Vera endlich, das der britische Auslandsgeheimdienst M16 ihre geheime Mission in Deutschland finanziert. Am 8. Januar 1946 verlässt sie ihr Büro in der Baker Street, um nie mehr dorthin zurückzukehren.

Skizze von Brian Stonehouse für Vera
von zweien seiner Mitgefangenen in Natzweiler
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Es gelingt ihr, das Schicksal der vier Frauen aufzuklären und als Zeugin der Anklage in einem Prozess um die Taten von Natzweiler Ende Mai 1946 aufzutreten. Für das Urteil im Prozess hat sie sich nach eigenem Bekunden dann nicht mehr interessiert.

Denn im Sommer 1946 ist ihr lange gesuchter deutscher Gegenspieler in Paris, der Geheimdienstexperte Hans Josef Kieffer, endlich entlarvt & verhaftet worden. Sie fährt zu ihm und bekommt bei ihrem Verhör heraus, was mit der Agentin Noor Inayat Khan geschehen und wer der Doppelagent gewesen ist, den sie in ihren Reihen vermutet hat. Ihr Verdacht bestätigt sich. ( Ihr Chef Buckmaster hat ihr seinerzeit allerdings keinen Glauben geschenkt. ) "Ein Großteil des Funkverkehrs war von den Deutschen nur vorgetäuscht gewesen, ihre Agenten waren verraten und ermordet worden. Atkins fühlte sich enttäuscht und zutiefst mitschuldig am Tod der Frauen und Männer", schreiben Molfenter & Strempel.

1946
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Ein letztes Mal reist Vera im November 1946 nach Deutschland, um am ersten Ravensbrück - Prozess teilzunehmen ( in diesem KZ waren vier ihrer "Mädchen" ermordet worden, darunter Violette Szabo ). Der Prozess erschöpft sie völlig. Zur gleichen Zeit klärt sich auch endgültig der Tod von Noor Inayat Khan im KZ Dachau auf. Damit hat sie das Schicksal aller dreizehn Vermissten herausgefunden.

Vera Atkins verlässt die britischen Streitkräfte als Majorin der Women's Auxililiary Air Force. 1947 stirbt ihre Mutter Hilda, und sie erhält Klarheit über den Tod Dick Ketton - Kremers, der 1941 in Kreta gefallen war und sie in seinem Testament bedacht hat.

Sie nimmt eine Stellung bei einer der UNESCO verbundenen Organisation an und arbeitet dort bis zu ihrer Pensionierung 1961. Dann zieht sie sich in ein Dorf in der Grafschaft East Sussex im Südosten Englands zurück. Obwohl sie sich um eine Erinnerungskultur für ihre ermordeten Agentinnen bemüht, wird sie auch immer wieder Opfer von Rufmordkampagnen und gar als "Maulwurf der Deutschen" verunglimpft oder als pro - sowjetisch verdächtigt.

Erstaunlicherweise erhält sie auch die Auszeichnungen, die andere SOE - Angehörige schon lange erhalten haben, erst in der zweiten Hälfte der Neunziger Jahre. Drei Jahre vor ihrem Tod wird ihr - durchaus gegen Widerstand - der Commander of the Most Excellent Order of the British Empire verliehen. Am 24. Juni 2000 verstirbt sie in Hastings.

Am 24. September 2011 wird im National Memorial Arboretum  ein Denkmal für Vera Atkins eingeweiht:



In den letzten Lebensjahren zog Vera Atkins Bilanz, mahnte und drückte Ihre Hoffnung aus:

"Ich meine, man sollte immer daran denken, dass Deutschland - ein zivilisiertes Land - dazu fähig war, diese Theorie der Herrenrasse zu entwickeln, und daran was sie auf dieser Grundlage den Juden, Polen und Zigeunern sowie all den Besetzten Ländern angetan haben, in denen sie die Intelligenz aus dem Weg geräumt haben. Die Deutschen konnten sehr einfach geführt werden. Ich glaube, das ist etwas, an das man erinnern muss: Wie einfach es sein kann, eine ganze Nation zu manipulieren. Einschüchterung ist etwas Schreckliches, und sie auszuüben, führt zu wachsender Macht. Aber es wird immer einen Aufstand des natürlichen Anstandes geben." 

I hope so, Miss Atkins! It has never been more important than nowadays.


Kommentare:

  1. Vielen Dank, astrid. Das war wieder sehr interssant.
    Gruß, Bronte

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  2. Was für eine Frau! Miss Moneypenny in echt...♥ Morgen gehe ich übrigens ins Kino :))
    Ganz liebe Grüße
    Christel

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    1. Dann grüß sie von mir! Du weißt ja jetzt, was für einen harten Job sie eigentlich hatte...
      LG

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  3. Danke für das Öffnen neuer Türen. Ich geh gerade ein bisschen weiter und schaue mir ein paar Biografien ihrer "Mädchen" an.
    Liebe Grüße
    Andrea

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    1. Von denen ist auch ausführlich im Buch von Molfenter & Strempel die Rede, hätte aber meinen Rahmen gesprengt. Ich persönlich habe mich dadurch noch einmal mehr mit den KZ - Prozessen direkt nach Kriegsende beschäftigt, was auch mich sehr viel Kraft gekostet hat. Übrigens wurde dort interessanterweise nur angeklagt wegen Ermordung von Angehörigen der Alliierten...
      LG

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  4. Liebe Astrid,
    wie immer - großartig!!!
    ich kann mir sehr gut vorstellen wie aufwühlend es ist ein solches Frauenportrait zu erstellen -
    hab Dank dafür!!!

    herzliche Grüße und ich hoffe auch, immer wieder aufs Neue...

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  5. Das Buch muss ich haben. Wahnsinn, auch wie aktuell die Zitate klingen. In unserer Geschichte ja der natürliche Anstand schon mal komplett versagt. LG mila

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    1. Ich leih es dir gerne aus, spätestens am 23.11. ;-)

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  6. Hochachtung vor dem Leben und Wirken der "wirklichen" Miss Moneypenny..., und wie treffend und hochaktuell heute ihre von dir zuletzt zitierten Gedanken. Lieben Gruß und mal wieder ein herzliches Danke für deine Frauenreihe - Ghislana

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  7. Hallo Astrid,
    obschon ich wieder einmal jede Masse um die Ohren hatte, habe ich Deine Biografie von Vera Atkins nicht vergessen und auch mit hohem Interesse gelesen. James Bond interessiert mich nicht durchgängig, wobei ich die Geschichte des Ian Flemming hoch interessant finde, da er selbst Spion gewesen ist. Ein wenig duplizieren sich die Ereignisse, da zu Zeiten eines neuen James-Bond-Filmes im SPIEGEL eine Geschichte über 2 andere Spione (ein Jude, ein Serbe) nachzulesen war, die wiederum Vorbilder die James-Bond-Figur bei Ian Flemming waren. Gleichzeitig fungiert der Serbe als Doppelagent auf Seiten der Deutschen und Engländer. Der Jude stirbt übrigens in einem Konzentrationslager.

    Gruß Dieter

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  8. ich glaube, ich habe nur einen einzigen james bond gesehen. deshalb ist mir miss moneypenny eigentlich gar nicht geläufig. ihre wahre geschichte ist hochinteressant und man könnte sich sicher jahre damit beschäftigen. das letzte zitat ist wahrlich so aktuell und dein abschlusssatz ist es auch. wehret den anfängen!
    liebe grüße von mano

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