Freitag, 25. September 2015

Raif Badawi, die Vereinten Nationen und ein neuer Fall von Willkür



Zum Glück keine Auspeitschung in Jiddah, wie dem Twitter - Account von Raif Badawi heute schon gegen 13 Uhr zu entnehmen war. 


Eigentlich erwarte ich es auch nicht mehr anders, erhoffe aber eigentlich mehr für Raif Badawi, bin inzwischen allerdings auch ziemlich desillusioniert:

Saudi - Arabien, welches ich zugegebenermaßen lange nicht auf dem Schirm hatte, ist inzwischen bei mir zum "Lieblingsstaat" mutiert. Je mehr ich in Erfahrung bringe, ums empörter bin ich, dass mit einem solchen Land freundschaftliche Beziehungen gepflegt werden, und muss zur Kenntnis nehmen, dass dies in Wirschaft & Politik völlig anders gesehen wird. Da bleibt mir nur der Liebermann - Spruch...



Den Vogel schießen in dieser Woche allerdings die Vereinten Nationen ab, die nämlich dem UN - Botschafter Saudi - Arabiens in Genf, Faisal bin Hassan Trad, den Vorsitz des  Beratergremiums für den UN Menschenrechtsrat übertragen haben. Ausgerechnet einem Mann, dessen Land die schlechteste Bilanz der Welt in Bezug auf die Rechte für Frauen, Minderheiten und Dissidenten hat und Rechte eigentlich nur männlichen, heterosexuellen wahabitischen Moslems einräumt. Unglaublich!

Als Leiter der fünfköpfigen Diplomaten-Gruppe hat Trad jetzt die Möglichkeit in allen Ländern, in denen sich die UN um die Einhaltung der Menschenrechte bemüht, wichtige Positionen mit seinen Kandidaten zu besetzen. Welche Farce!

Frau gewinnt den Eindruck, dass die UN ihrem eigenen Menschenrechtsrat so wenig Bedeutung beimisst, dass es ihr egal ist, wer da so agiert und sie jeden nehmen, der sich meldet. "Geht's noch? Machen wir doch gleich Sepp Blatter zum Chef der Anti-Korruptions-Behörde. Die Welt ist total irre," twitterte daraufhin Bayerns FDP-Landeschef Albert Duin. Und Hillel Neuer von der Organisation "UN Watch" formuliert es so : "This UN appointment is like making a pyromaniac into the town fire chief, and underscores the credibility deficit of a human rights council that already counts Russia, Cuba, China, Qatar and Venezuela among its elected members."

Mir ist das Gratulieren zum heutigen 70. Geburtstag der Vereinten Nationen vergangen...


Saudische Botschaft in Berlin
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Auch auf einen neuen Fall von Menschenrechtsverletzung in Saudi - Arabien bin ich Anfang der Woche auf dieser Luxemburger Seite aufmerksam geworden, den des 20-jährigen Ali Mohammed al-Nimr, Neffe eines angesehenen schiitischen Predigers im Land.

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Der Junge war 17 Jahre alt, als er gegen die Regierung im Februar 2012 protestierte. Dabei wurde er festgenommen und am 15. Oktober 2014 zu Tode verurteilt. Unter anderem wurden ihm vorgeworfen: Unredlichkeit gegenüber dem Staatschef, Aufruf zu Demonstrationen & Umsturz des Regimes. Die Polizei behauptete gar, sie habe ihn bei der Demonstration mit einem Schnellfeuergewehr und Molotowcocktails angetroffen.

In der letzten Instanz hat nun ein Gericht sein Gnadengesuch abgelehnt, so dass der Exekution ( über deren grausame Implikationen ich mich hier nicht auslassen möchte ) nichts mehr im Wege steht.

Inzwischen hat Change.org  Petitionen gestartet. Hier oder hier kann also unterschrieben werden!


Doch wieder zurück zur UN: Die Todesstrafe widerspricht nämlich dem Artikel 3 der UN-Generalversammlungs-Resolution von 1948, in dem es heißt: „Jeder Mensch hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.“ Eine weitere UN-Resolution besagt, dass Straftaten, die von Minderjährigen begangen werden, nicht mit der Todesstrafe sanktioniert werden dürfen. Beide Resolutionen wurden von Saudi-Arabien unterzeichnet. Eine Farce...

Darf es noch etwas mehr Hintergrundwissen sein?

Die schiitische  Minderheit - 3 Millionen - in Saudi - Arabien verehrt den Onkel des Verurteilten, Nimr Baqr al- Nimir, als einen entschiedenen Vorkämpfer für ihre Rechte. Er wurde ebenfalls 2012 angeschossen & verhaftet und im Oktober 2014 zum Tode verurteilt. Den populären Prediger hinzurichten traut sich das Regime jedoch nicht.

Übrigens liegen unter dem Siedlungsgebiet der Schiiten praktisch die gesamten Ölvorräte Saudi Arabiens...


Wie war das noch? Der Glanz des Goldes & Reichtums verblendet die Vertreter des Westens. Und das ganze Elend im Mittleren Osten ist unter anderem auch darauf zurückzuführen. Offensichtlich scheint die Flüchtlingsflut, endlich bei uns angekommen, ein kleines bisschen Nachdenken auch darüber zu befördern. Hätte aber schon längst der Fall sein können...

Kommentare:

  1. Ich auch, ich kann gar nicht so viel fr... wie ich ... Es ist einfach nur schrecklich, was in unserer Welt abläuft, nicht nur all' das Unrecht und die Kriege, sondern die Heuchelei derer, die hehre Werte vor sich her tragen und in Wirklichkeit Geschäfte machen, auf Deubel komm raus. Und immer, wenn man ein bisschen tiefer gräbt,stößt man auf ÖL und GELD.

    Dennoch: bon weekend, wie du immer zu sagen pflegst,
    Ingrid

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  2. tja, geld regiert die welt - und öl bedeutet geld und damit macht. ob wir es noch erleben werden, dass sich die welt aus dieser verhängnisvollen abhängigkeit befreien wird und endlich die alternativen energien den entsprechenden stellenwert erhalten? ich bezweifle es.
    was allerdings die einhaltung der menschenrechte in solchen staaten betrifft, bin ich noch pesimistischer!
    lieben gruß, susi

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  3. Das macht mich traurig! Danke für die weisen und ehrlichen Worte.

    Liebe Grüße
    Martina

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  4. Bei all diesem Irrsinn gehen einem allmählich die Worte aus. Der Vergleich von Hillel Neuer ist so treffend. Leider scheint diese Art der Ämterverteilung wohl die Regel zu sein...
    Liebe Grüße
    Andrea

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  5. So traurige Einzelschicksale, und davon mehr, als wir uns wahrscheinlich vorstellen können!
    Ich habe, angesichts des Geschehens im Nahen Osten das Gefühl, dass da ein Dampfdrucktopf kurz vorm Explodieren steht, und dass das Runterschalten der Temperatur auch nichts mehr nutzt, sondern nur das Wegstellen vom Herd. Weniger bildlich gesprochen: Es hilft nur das totale Umdenken des Westens, was so im Kompletten wohl nicht passieren wird. Den Preis bezahlen die, die dort leben wollen UND ihre Meinung sagen wollen!
    Traurige Grüße,
    Monika

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  6. Das hat mich diese Woche auch sehr verstört ...

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  7. liebe astrid, was soll ich dazu noch sagen...? ich bin entsetzt, entrüstet, traurig, sprachlos... wo führt das alles noch hin?
    ♥ monika

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  8. Ich habe gerade unterschrieben....
    Liebe Grüsse
    Christelle

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