Freitag, 28. August 2015

Raif Badawi - der 34. Post



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Auch heute ist in Dschiddah die öffentliche Auspeitschung des Bloggers Raif Badawi ausgefallen. Die erlösende Nachricht erreichte das www. heute wieder gegen 17 Uhr. Dass ich diese gleichbleibende Nachricht nunmehr seit dreiunddreißig Wochen verkünden kann, hat wohl folgenden Hintergrund:

  • In Zeitungsberichten gibt Raifs Ehefrau Ensaf Haidar ihre Informationen darüber weiter, wer die erste öffentliche Auspeitschung ihres Mannes veranlasst hat, und wie die Reaktionen diverser saudischer Regierungsmitglieder darauf ausgefallen sind, zum Beispiel hier. Und das ergibt ein ganz neues Bild, denn es war wohl der Vorsitzende des regionalen Gerichts, der die Auspeitschung angeordnet und der damit bestehende Gesetze verletzt hat. "Er wusste, dass der Fall auch vom höchsten saudischen Gericht untersucht wurde. Und natürlich wusste er auch, dass das Auspeitschen alle internationalen Verträge und Konventionen verletzt, die Saudi-Arabien unterzeichnet hat", so Ensaf Haidar. Der saudische Vertreter bei den Vereinten Nationen, Abdallah al-Muallami, war wohl entsetzt darüber, weil ihm bewusst war, dass die Auspeitschung gegen internationale Konventionen und Verträge verstößt, und äußerte sich entsprechend kurz nach den ersten Peitschenhieben in einer Zeitung in Dschiddah.

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  • An dieser Stelle hatte ich bereits einmal auf das Schicksal des Mauretaniers Mohamed Cheikh Ould Mkhaitir hingewiesen - inzwischen besteht die Möglichkeit, eine Petition an das mauretanische Entscheidungsgremium hier zu unterzeichnen. Der 30-jährige Blogger war im Januar vergangenen Jahres nach Veröffentlichung eines Artikels auf der Website der Zeitung "Aqlame" verhaftet worden, in der er das mauretanischen Kastensystem* kritisiert und auf die Doppelmoral Mohammeds in solchen Fragen hingewiesen hatte. Im Dezember darauf wurde er zum Tode verurteilt.

  • Angesichts der jüngsten Ereignisse in unserem Land bzw. Europa ist es mir eigentlich vergangen, meinen Finger in die Wunden anderer Länder zu legen, tue es aber trotzdem noch einmal und weise an dieser Stelle auf den neuesten Bericht von Amnesty International hin, der die Hinrichtungspraxis in Saudi - Arabien beschreibt. Denn darin kommen Vorstellungen von Recht zum Ausdruck, die ich unerträglich finde, so zum Beispiel die, Ehebruch mit der Todesstrafe zu ahnden. Offensichtlich ist unter den 175 Hinrichtungen seit August 2014 in Saudi - Arabien jede zweite gegen ein Vergehen verhängt worden, das nichts mit der Tötung eines anderen Menschen zu tun hatte wie - neben dem Ehebruch - Drogenhandel, Vergewaltigung oder "Hexerei". Fast die Hälfte der Verurteilten waren laut Amnesty Ausländer. Viele von ihnen hätten kein Arabisch gesprochen und deshalb Probleme dabei gehabt, die Gerichtsprozesse und Strafen zu verstehen. Auch gegen Jugendliche oder Menschen mit geistiger Behinderung wird die Todesstrafe ausgesprochen und vollzogen.

  • Was den Umgang mit dem Vorwurf des Ehebruchs traditionellerweise im Islam anbelangt, möchte ich noch einmal auf diesen besonders aufschlussreichen Blogbeitrag verweisen, in dem ausführlich beschrieben wird, dass der Koran die Bestrafung eines Ehebruches durch Steinigung nicht verlangt. Auf jeden Fall wird durch dies Abhandlung deutlich, welche Veränderungen der Umgang mit den Korantexten im Laufe der Jahrhunderte genommen hat ( und in der Neuzeit (!!!) besonders harsche Formen angenommen hat ). Mir ist es wichtig herauszustellen, dass Religion als Machtinstrument missbraucht wird.

  • In der vergangenen Woche gab es in den Medien auch viele Interviews mit Navid Kermani zu hören und zu lesen, der in diesem Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten wird. Mit seinem Statement - "Die Islamisten machen den Islam zu einer Karikatur seiner selbst" - kann ich mich nach wie gut identifizieren, verliere aber momentan die Lust auf weitere kritische Hinweise, wenn hierzulande politische Auseinandersetzungen auf eine Art & Weise stattfinden, die ich nicht gutheißen kann. Ich möchte nicht vereinnahmt, fehlinterpretiert und in eine bestimmte Schublade gesteckt werden, weil ich mich hier kritisch mit dem Islam auseinandersetze, da mir die Doppelmoral mancher Religionsvertreter ordentlich auf den Senkel geht. Ich werde mich in Zukunft also freitags auf das Weitergeben der wesentlichen Nachricht zu Raif Badawi beschränken.









* Seit der Unabhängigkeit von Frankreich ist Mauretanien, eines der ärmsten Länder der Welt, die letzte Hochburg der Sklaverei, die zwar 2007 offiziell verboten wurde,  aber noch immer zwischen vier und zwanzig Prozent - je nach Schätzung - der Bürger im mauretanischen Kastensystem in Sklaverei hält.

Kommentare:

  1. puh...so viele neuen Informationen wieder... ich bin derzeit zwar, "in einem anderen Thema drin" - möchte dir aber sehr hierfür danken. für das öffentlich machen, die vielen recherchierten Infos! alle Achtung! soll ich ehrlich sein? ich hab absolut null Komma nichts, hiervon gehört oder gelesen...wohl ist mir von diversen inhaftierten Bloggern, die ihre Meinung kundtun, bekannt - aber Einzelheiten, wie man sieht, fehlen mir offensichtlich ne Menge... wird nachgeholt! ;) werde dich nun öfter, spätestens jeden Freitag besuchen kommen und mich auf den neuesten Stand bringen! bis ganz bald!

    liebgruss,
    Elise*

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  2. Bin wieder dabei und lese wieder mit. Ich verstehe Deine Befürchtungen angesichts all der schrecklichen Dinge, die gerade in unserem Land geschehen.
    Lieben Gruß
    Katala

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  3. grauselig...Ich muss gestehen mir wird kalt bei dem Gedanken was da auf uns zu kommt.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  4. Klar gibt es hier gerade ebenfalls unhaltbare, fürchterliche Vorkommnisse, die mir augenblicklich den Schaum vor den Mund treiben. Ich finde trotzdem nicht, dass man deshalb Menschenrechtsverletzungen in anderen Ländern nicht mehr anprangern darf. Das relativiert ja nichts. Aber natürlich hast du Recht, Kritik muss sorgfältig formuliert werden, um deutlich zu machen, mit dem man definitiv nicht in einer Reihe stehen will. LG mila

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  5. gerade wegen der aktuellen flüchtlingssituation in europa (und da zähle ich die schweiz natürlich mit dazu!) scheint es mir wichtig, den finger weiterhin auf die wunden zu legen. nicht nur, aber auch auf die, anderer länder.
    danke, liebe astrid!
    ♥ monika

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