Sonntag, 6. Oktober 2013

Nachtgedanken



ADAC - Rettungshubschrauber im Anflug auf das Krankenhaus















Ich war doch sehr erstaunt darüber, dass ich auf viele Leserinnen so positiv gestimmt & zuversichtlich gewirkt habe in meinen Berichten aus der "Anstalt". Das habe ich jedenfalls den vielen, vielen Kommentaren & Mails entnommen.

Doch, eure Aufmunterungen & Wünsche haben mich positiv gestimmt durch diese unangenehmen Tage getragen, mich zeitweilig auch beflügelt und inspiriert. Doch SIE waren auch da - die Nachtgedanken....


Fast jede Nacht ging mir Stings Lied "Fragile" durch den Kopf. Immer wieder die Gedanken an meine Lieben und wie zerbrechlich ihrer aller Gesundheit ist. 
Die Erzählungen meiner zweiten Bettnachbarin, die vor über einem Jahr einen fürchterlichen Fahrradunfall hatte und jetzt die Schrauben aus dem Rücken entfernt bekommen hat, haben mir wieder zu Bewusstsein gebracht, wie sehr es mich beunruhigt, dass meine Tochter mit dem Kind auf dem Rücksitz durch diese Stadt mit dem Fahrrad fährt. War ich doch so froh, dass der Herr K. ( der drei Unfälle mit dem Rad hatte ) endlich damit aufgehört hatte...

Die Erfahrungen mit meiner ersten Bettnachbarin, einer 82jährigen, leicht dementen Frau mit Oberschenkelhalsbruch, führte mir vor Augen, wie wenig ein normaler Krankenhausbetrieb auf alte Patienten eingestellt ist & mit ihnen umgehen kann. 
Das geschieht sicher nicht aus Böswilligkeit, sondern aus Zeitdruck, weil jetzt nur noch halb so viele Schwestern auf der Station arbeiten wie es vor Jahren der Fall war, und diese als wichtigste Aufgabe das Dokumentieren ihrer Tätigkeit vermittelt bekommen. Dieses fortschreitende Diktat der Ökonomie & der juristischen Absicherung in unserer Gesellschaft lässt mich Schlimmstes befürchten, was Humanität & Mitmenschlichkeit in unserem zukünftigen Zusammenleben anbelangt...

Ich musste auch oft an meinen fast 90jährigen Vater denken, der im letzten Jahr drei Mal ins Krankenhaus wegen Lächerlichkeiten eingewiesen worden war, und sich dort unendlich einsam & verlassen gefühlt hatte und mit großer Verunsicherung nach Hause zurückkam. 
Gerade die Menschen, die in Kindheit & Jugend Schreckliches durch den Krieg erfahren haben, sind in solchen Notsituationen ihren Ängsten & Erinnerungen hilflos ausgeliefert - "Ich habe solche Angst", sagte meine Bettnachbarin, " ich kann den Ausschaltknopf für die Angst nicht finden." Und das, weil es im Zimmer dunkel geworden & das Licht nicht angeschaltet war. Kinderängste also, die einen als alter Mensch wieder einholen...

Die Schmerzen in der ersten Nacht nach der Operation fühlten sich an, als hätte man mit einem Eispickel auf mein Ellenbogengelenk, mit Knüppeln auf meine Elle geschlagen. Ich war der einfühlsamen Nachtschwester sehr dankbar, dass sie Lösungen für mich parat hatte. Ich, die ich immer sehr vorsichtig bin, was die Medikamenteneinnahme betrifft, habe diese Mittel dieses Mal dankbar angenommen...


Warum ich das alles erzähle? Ich möchte nicht ein unrealistisches Bild von mir als Mensch in diesem Blog präsentieren. Ich möchte zeigen, dass ein Mensch viele Facetten hat, zu denen eben auch schwarze Gedanken, Ängste, Sorgen gehören, besonders, wenn man in Extremsituationen gerät & dass diese mich plagen wie jeden anderen auch. Ein Ziel der Therapie im Krankenhaus war, dass ich mich wieder an die eigene Nase fassen kann - im übertragenen Sinne ist mir das auch wichtig: Ich will nicht besser sein als andere...
;-) Astrid

Kommentare:

  1. Oh ja, alles ist fragil. Es ist gut, wenn man sich dessen bewusst ist, damit man das, was man hat, besser genießen kann und zu schätzen weiß. Wenn man gerade mal nichts zum Sorgen hat, vergisst man das leicht. Oft ist es so, dass man erst, wenn etwas weg ist (z.B. die Gesundheit), merkt, was man doch daran hatte. Glücklich derjenige, wo es nur eine temporäre Sache ist. Es wird dir sicher - gerade zu Hause - mit jedem Tag besser gehen.

    Was die Krankenhäuser anbetrifft - schlimm, sehr schlimm. Das habe ich vor zwei/drei Jahren wegen meiner Mutter auch erlebt. Aber auch da gibt es bessere und schlechtere.

    Danke für diesen sehr nachdenklich machenden Post ...

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    1. Dabei wäre das einfach zu regeln. Ich kenne einen Qualitätsmanager einer Klinik. Der kann sich auf ganz viele Streitgespräche mit mir gefasst machen...
      Liebe Grüße!

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  2. Liebe Astrid,
    ja dieses Dokumentieren und immer auf der sicheren Seite sein wollen/müssen.
    (wird in anderen Berufen auch immer mehr :-)]

    Mein Vater (89) war dieses Jahr auch 2x in der Anstalt und war GLÜCKLICH wieder zu Hause zu sein. Er bemerkte seine Verwirrtheit in der fremden Umgebung und fühlte sich unselbständig und verloren.

    Und jetzt noch einen schönen, schmerzfreien, zufriedenen Sonntag!!!

    ♥ Franka

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    1. Das tut mir gut, wenn ich höre, dass das deinem Vater auch so gegangen ist. Das eine Mal war es besonders ärgerlich, da hat die Kommunikation zwischen Aufnahme - Team & Station nicht geklappt und sie haben eine Woche vergeblich nach Ursachen gesucht. Nur durch Einsatz meines Bruders, der selber Hausarzt ist und in den Odenwald gefahren ist, kam heraus, was mein Vater hatte & auch bei seiner Einlieferung erzählt hatte. Alles so absurd...
      Liebe Grüße

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  3. Liebe Astrid,

    ich habe deine Verunsicherung schon gespürt! Und ich stimme dir zu, dass die Entwicklung in den Krankenhäusern beängstigend ist. Das läuft falsch: ein Krankenhaus ist kein gewinnbringender Betrieb. Das muss unsere Gesellschaft wiedererkennen.!!

    Den Ängsten muss man sich stellen und wenn man nicht kann, dann gibt man sich ihnen hin. Das Leben ist nicht rosarot und in unserer Gesellschaft ist das ICH denken sehr wichtig geworden. Das WIR ist nicht mehr viel wert.
    Aber es liegt an uns das zu ändern!!

    Ich freue mich zu hören, dass du wieder daheim bist! Pass auf dich auf! Und genieße jeden Moment deines Lebens - die schlimmen Dinge passieren sowieso von alleine, die braucht man nicht herbeifürchten!

    GLG
    Susanne

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    1. Da hast du recht: Ja nicht herbeifürchten! Habe gerade auch lange mit meiner Schwester telefoniert, die im Moment wieder auf so einem Trip ist & sich verzehrt. Leider sind wir nicht von Geburt Rheinländerinnen; die sagen. "Es kütt, wie es kütt."
      Liebe Grüße!

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  4. Das hast du sehr einfühlsam beschrieben. Ich musste als kleines Kind mehrere längere Krankenhausaufenthalte durchstehen, etwas was bis heute immer wieder in Bildern hochkommt. Ich wünsche Dir viel Freude, helle Gedanken und schnellstmögliche Schmerzfreiheit beim Naseanstupsen.
    Liebe Grüße
    Andrea

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    1. Ich kann mir das inzwischen gut vorstellen, denn auch mein Mann hat solche Erlebnisse, teilweise auch noch aus der Nazizeit ( Horror! sage ich ) und kann immer wieder in so ein schwarzes Loch geraten...
      Ja, ich kriege es immer besser hin, den lichten Gedanken den Vortritt zu lassen..
      Dank dir!

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  5. Liebe Astrid, das macht dich ja nur noch sympathischer... - doch du kannst auch froh und dankbar sein für die Gabe, auch in solch schwierigen Situationen und Ängsten die Licht- und Farbstrahlen am Wegesrand wahrnehmen und einsammeln zu können... Beides gehört zum Leben. (Die vordergründig auf Effizienz und gar Gewinn ausgerichtete Gesundheits"wirtschaft" ist genauso wie die öffentlich verzweckte und sanktionierte "Bildung" einer der Irrwege der aktuellen Gesellschaft - da hab ich auch so meine ängstlichen Nachtgedanken, Frustrationen und Hilflosigkeitsgefühle..., noch kann ich mich immer zu einem "dennoch..." aufraffen. Ganz lieben Sonntagsgruß Ghislana

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    1. Danke, liebe Ghislana!-
      Hilflosigkeitsgefühle angesichts des Umgangs in der Gesellschaft mit Kindern & Alten - die kenn ich auch...
      Liebe Grüße!

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  6. ja, im gesundheitssystem läuft einiges schief! auch bei uns nimmt das dokumentieren immer breiteren raum ein, allerdings verständlich, wenn man hört, was alles eingeklagt werden kann, wenn man nur einen spitzfindigen anwalt hat. dieser trend hat aber noch lange nicht seinen gipfel erreicht.
    auch kommt die ambulante versorgung grade älterer menschen zu kurz, betreuung zuhause statt versorgung in anstalten. das könnte auch viele in angst und verwirrung verbrachte nächte vermeiden ...
    manches ist so offensichtlich und wird trotzdem geflissentlich ignoriert!

    lieben gruß!

    susi

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    1. Ach, nicht nur im Gesundheitswesen und in der Pflege läuft was schief in unseren reichen Gesellschaften. Ich sollte mal einen Post dazu schreiben, was ich in letzter Zeit über andere Bereich Hanebüchenes erzählt bekommen habe…LG

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  7. Das hast du richtig toll beschrieben.Das macht mich alles sehr nachdenklich und auch ängstlich...
    Da läuft einiges schief in unserem Gesundheitswesen.

    LG Steffi

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