Donnerstag, 3. April 2025

Great Women #412: Lina Bo Bardi

Mein Vater, ein vielfältig interessierter, bildungshungriger Bauernsohn, hatte in den 1960er Jahren ein Abonnement der "Westermanns Monatshefte" - auch für mich, ebenso wissbegierig, eine wichtige Informationsquelle. Darin war eine Fotoreportage über die neu errichtete Hauptstadt Brasiliens, die mich gefangen nahm: So eine beeindruckende Architektur! Und einer der Schöpfer, Oscar Niemeyer, blieb mir im Gedächtnis. Dass auch eine Frau am brasilianischen Architekturfrühling beteiligt war, habe ich erst sechzig Jahre später erfahren. Ihr, Lina Bo Bardi , gilt mein heutiger Post.


"Der 'wahre' ist nicht der kultivierte Mensch, 
sondern derjenige, 
der fähig ist, im Alltag Poesie zu entdecken. 
Es ist nicht der gebildete Mensch, 
sondern derjenige, dem die Natur vertraut ist."

1910
Lina Bo Bardi erblickt als Achillina Bo am 5. Dezember 1914 im XXII. Stadtteil von Rom, Prati di Castello, das Licht der Welt, in den angespannten ersten Monaten des 1. Weltkriegs. Sie ist die erste von zwei Töchtern des genuesischen Ehepaares Giovanna Adriana Grazia und Enrico Bo, ein Bauingenieur & Bauleiter sowie "Sonntagsmaler", der ihr das Zeichnen beibringt, als er das Talent des Mädchens erkennt. Sie malt zudem mit Gouache und Aquarell, mit der gleichen Liebe zum Detail wie ihr Vater. 

Lina gilt als schwieriges Kind, ist sie doch temperamentvoll bis aufbrausend und fühlt sich oft einsam. Entsprechend turbulent ist ihre Schullaufbahn, und die Mutter bemängelt, dass sie sich den patriarchalischen Rollenanforderungen an Frauen nicht beugen mag. 1933 schließt sie eine Ausbildung am Kunstgymnasium in Rom ab und besucht anschließend, vom Vater in ihrem Ziel unterstützt, zwischen 1934 und 1939 als eine von zwei Frauen die Facoltá di Architettura der Università degli Studi di Roma. 

Universitätscampus
CC BY-SA 4.0
Auf dem Höhepunkt des Faschismus ist das Studium vom renommierten & mit dem Regime verbandelten "Staatsarchitekten" Marcello Piacentini geprägt. Der ist übrigens verantwortlich für die Gestaltung des römischen Universitätscampus gewesen und Anhänger eines reduzierten Neoklassizismus. Ein weiterer Lehrer ist Gustavo Giovanonni, der größte Bauhistoriker und Denkmalpfleger jener Zeit in Italien, der methodische Ansätze zur Verbindung von Städtebau und Denkmalpflege in Altstädten entwickelt hat, den ersten ihrer Art in Europa. Lina wird später auf seine Anschauungen zurückgreifen.

Ihr Architekturstudium schließt Lina Bo mit einer Abschlussarbeit für ein Entbindungsheim ab, das die Prinzipien moderner Architektur beherzigt. Zusätzlich zu der relativ schlechten Note wird sie von Direktor Marcello Piacentini mit der Bemerkung herabgesetzt, dass sie, eine bella ragazza, am Ende doch nur heiraten und niemals Architektur praktizieren werde.

Der politischen Instabilität wegen tauscht die 25jährige 1940 ihre Heimatstadt gegen das norditalienische Mailand ein, wo sie zusammen mit dem Architekten & Möbeldesigner Carlo Pagani das Studio "Bo e Pagani" gründet. Mit ihm projektiert sie Messestände & Ausstellungsinterieurs. Gleichzeitig arbeitet sie - unbezahlt - für den chamäleonartigen Architekten Giò Ponti, Schöpfer bedeutender Bauten & Designer kleinster Alltagsgegenstände, Förderer des italienischen Kunsthandwerks, dessen Büro sich unter anderem der Organisation der Triennale der dekorativen Künste widmet. Außerdem arbeitet Lina mit ihm an der Zeitschrift "Lo Stile – nella casa e nell'arrendamento" und fertigt für die Zeitschriften wie "Grazia" oder "Belleza" Ilustrationen an.

Mit finanzieller Unterstützung durch ihren Vater kann Lina 1943 ein eigenes Büro eröffnen, welches aber noch im gleichen Jahr durch einen Bombenangriff zerstört wird. Dieses Ereignis veranlasst sie zu einem stärkeren Engagement in der Kommunistischen Partei Italiens. Von 1944 an ist Lina stellvertretende Direktorin der Zeitschrift "Domus". Die Mission des Magazines ist, Architektur, Innenräume und italienische dekorative Kunst zu erneuern, ohne Themen zu vernachlässigen, die für Frauen von Interesse sind, wie die Wohnung einzurichten, Gartenarbeit oder Kochen. Lina reist auf der Suche nach Kunsthandwerk durch Italien und organisiert eine Ausstellung mit Stoffen für Vorhänge und Polstermöbel für das italienische Unternehmen Rima ( später in ihrer Karriere wird sie das im  São Paulo Museum of Art aufgreifen ). 

Auf der Reise durch Italien
1945

Zweifellos prägen die junge Frau ihre Beobachtungen,  als sie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges für "Domus" durch ihr Heimatland reist, zusammen mit einem Fotografen und dem Journalisten Pietro Maria Bardi, um die Zerstörung bis ins kleinste Detail zu dokumentieren und gleichzeitig Möglichkeiten aufzuzeigen, wie Gebäude und Denkmäler wieder aufgebaut werden können. Für Lina geht es bei der Erhaltung darum, sich an die Vergangenheit zu erinnern und sich gleichzeitig ihres Platzes im gegenwärtigen Moment sehr bewusst zu sein ( siehe auch diese Architektin ). Wie viele andere ihrer Generation versucht sie, den gewaltigen Erschütterungen und Verwüstungen des Krieges mithilfe von Architektur und Möbeldesign etwas entgegenzusetzen, um eine neue Lebensrealität zu schaffen.

In einer anderen Zeitschrift, die sie 1945 mit Bruno Zevi  – "Cultura della Vitta" – herausgibt, die aber nur ein Dreivierteljahr auf dem Markt bleibt, entwirft sie einen Artikel eine Vision von der Freiheit der Frauen im 20. Jahrhundert, die durch Haushaltsgeräte und eine amerikanische Küche ermöglicht werden wird. 

Pietro Maria Bardi

Da sie an der italienischen Widerstandsbewegung teilgenommen hat, ist das Leben im Nachkriegsitalien für sie schwierig, zumal sie sich mit dem 14 Jahre älteren Bardi, neben dem Journalismus auch als Kunsthändler, Kritiker, Herausgeber tätig, auch privat zusammen tut. Bardi ist eine wichtige Figur in der Kulturpolitik von Benito Mussolini. gewesen, während Lina sich eher für die Mailänder Linke engagiert hat. Als Faschist gelabelt, hat Bardi keinen Grund zum Optimismus, was seine Zukunft  im Land betrifft. Umgekehrt traut ihm die Rechte nicht mehr über den Weg, ist er doch unter dem faschistischen Regime für seine geäußerten Meinungen zensiert worden.

Pietro Maria Bardi, am 21.2.1900 in La Spezia in eher einfache Verhältnisse hineingeboren, hat sich mangels schulischer Bildung autodidaktisch weitergebildet und es schließlich bis zum Journalisten in Bergamo gebracht. Später macht er sich einen Namen als Kunstkritiker & -händler mit eigener Galerie in Mailand. Da er schon 1933 eine erste Reise nach Südamerika unternommen hat, um eine Ausstellung in Buenos Aires zu kuratieren, und die Gelegenheit genutzt hat, Brasilien zu besuchen, fasst er eine Auswanderung dorthin ins Auge.
Nachdem Bardi von seiner ersten Ehefrau geschieden ist, heiraten er & Lina im August 1946. Die Frischvermählten verlassen Italien via Genua an Bord des Frachters "Almirante Jaceguay" und gehen im Oktober desselben Jahres in Rio de Janeiro von Bord, wo sie die ersten Monate bleiben. Das Land bietet beiden gute Aussichten auf persönlichen Erfolg durch sein vielversprechendes Architekturszenario. Brasilien ist damals ein junger, aufstrebender und sozialistischer Staat, der ihnen auch ideologisch den ersehnten Abstand zum zerstörten Europa bietet. Sie werden niemals bedauern, Italien verlassen zu haben. In einem Interview wird sie 1991 sagen: "Ich erinnere mich nicht an Italien, und es interessiert mich auch nicht im Geringsten."

Das Ehepaar 1951
Zunächst organisiert das Paar drei große, erfolgreiche Ausstellungen mit europäischer Kunst. Im folgenden Jahr wird Linas Ehemann von Assis Chateaubriand, Medienmogul von "Diários Associados", eingeladen, das "Museu de Arte de São Paulo" (MASP) zu gründen und zu leiten. 

Chateaubriand ist für die Finanzen und die notwendigen Kontakte zuständig, Pietro Bardi kümmert sich um den Aufbau einer Sammlung und Lina um den Umbau einer schlichten Büroetage. Diese wird für die ersten Jahre das Zuhause des neuen Museums sein, bevor die Gelder zusammengekommen sind für einen Neubau. 

Da sie für die Innenräume des Provisoriums auf dem brasilianischen Markt keine Möbel vorfindet, entwirft sie eigene. Deshalb, nachdem sie weiter in die größte Stadt Brasiliens gezogen sind, gründet Lina mit einem Landsmann das "Studio d’Arte Palma", eine Firma für Industriedesign.

Klappstuhl aus Holz & Leder (1948)

Mit ihrem Ehemann, mit dem sie ein nahezu grenzenloses Engagement für moderne Architektur und eine Liebe zur brasilianischen Populärkunst teilt, gibt sie von 1950 an das Magazin "Habitat" heraus, welches einen Rückblick auf Architektur und Kunst in Brasilien gewährt und wichtiges Werkzeug ihres ehrgeizigen, praktischen Kulturprojekts wird.

1951 wird Lina brasilianische Staatsbürgerin, im selben Jahr stellt sie ihre berühmte Residenz am Stadtrand von  São Paulo, die "Casa de Vidro", fertig. Die Einflüsse Le Corbusiers und Frank Lloyd Wrights lassen sich bei diesem Entwurf nicht verleugnen. Die einfache, glaswandige Struktur sitzt auf schlanken Säulen und ist von Bäumen umgeben, von denen einige durch einen zentralen Innenhof beim Wachsen zusehen kann und die bald Teil des Dschungeldachs werden, dass die Bewohner künftig überspannen wird. Der riesige Garten – einst Teil eines uralten Regenwaldes – kann über ein Netzwerk aus Stein- und Keramikpfaden erkundet werden. Das Konzept der Bepflanzung des Hanges ist der Architektin dabei ebenso wichtig, wie das Haus selbst.

Hier sind viele Fotos von diesem Haus heute anzuschauen, dass inzwischen der Öffentlichkeit zugänglich ist.

Lina bevorzugt bei ihrem eigenen Haus handgefertigte Einzelstücke, einige davon werden später in Produktion genommen, darunter der hornförmige, handschmeichelnde Türgriff, der bei der britischen Marke Izé erhältlich ist, und der "Bowl"-Stuhl ( Eingangsfoto ), der inzwischen von der italienischen Firma Arper neu aufgelegt worden ist. Letzterer besteht aus einer gepolsterten Schale, die in einem ringförmigen Rahmen sitzt, der von Hand in eine aufrechte oder liegende Position gebracht werden kann.

Bemerkenswert ist auch die großzügige Küche dieses Hauses:


Die "Casa de Vidro" ist Linas Labor für Experimente, was durch ihre Autonomie als Bauherrin möglich ist. Im selben Viertel von São Paulo entwirft sie später noch ein Haus für ihre Freundin Váleria Cirell:

Noch 1958 beginnt sie mit Entwürfen für den Neubau des Kunstmuseums von São Paulo,.

1955 erhält Lina eine Professur an der Fakultät für Architektur und Stadtplanung an der Universität von São Paulo. 1959 entwirft sie für die 5. Biennale von São Paulo eine Ausstellung über nordöstliche Kultur, "Bahia no Ibirapuera", und wird daraufhin zur Direktorin des "Museu de Arte Moderna da Bahia" (MAMB)  in San Salvador de Bahia ernannt – eine für eine Frau damals beispiellose Ernennung, die mit einem Umzug in die drittgrößte Stadt Brasiliens mit der größten Küstenlinie am Atlantischen Ozean verbunden ist. Das Museum selbst befindet sich in Solar do Unhão, einer historischen Stätte aus dem 16. Jahrhundert, am Rande der Allerheiligenbucht. Mit minimalen Eingriffen lässt sie diesen Komplex für den Ausstellungsbedarf umbauen.

"Museu de Arte Moderna da Bahia"

In dieser Zeit nimmt die Architektin die brasilianische Kultur in sich auf. Sie nimmt sich das bis heute wirkmächtige"Manifesto Antropófago" ( Kannibalen-Manifest: "Statt das Fremde wegzuschieben, das Fremde fressen" ) von 1928 des brasilianischen Schriftstellers Oswald de Andrade zu Herzen. Kerngedanke dieser Theorie ist, dass die brasilianische Kultur als Kolonialland und eine der vielfältigsten Gesellschaften der Welt auf der Integration sowohl der internen brasilianischen Kultur als auch der ausländischen Einflüsse beruht. Ausländische Kultur geht in der brasilianische auf und wird Basis eines neuen Stils. Diese Integration der afrobrasilianischen Kultur in die Mainstream-Pop- und Hochkultur ist ein Merkmal der gesellschaftlichen Entwicklung Brasiliens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 

So wie Oscar Niemeyers Modernismus ein Spiegelbild des fortschrittlichen Bürgertums Brasiliens ist, integriert Lina die brasilianische Populärkultur in ihr Konzept einer Architektur der Armut, die später, nach dem Militärputsch im März 1964, zu einem wichtigen Grundsatz der brasilianischen Architektur  werden wird.

"Casa do Benin" (1988)
Lina entwirft später für die Stadt das Foyer des Castro Alves Theater (1967), das Gregorio de Mattos Theater und die Casa do Benin, und sie entwickelt den Sanierungsplan für das historische Stadtzentrum Bahias. 

Die "Casa do Chame-Chame" ( heute zerstört ) hingegen ist ein Privatprojekt, das an seinen Außenmauern über und über mit Kieselsteinen und verschiedenen Objekten wie Muscheln, Keramikscherben, Bruchstücken von Glasflaschen oder Spielzeug bedeckt gewesen ist. Linas gebaute Hommage an die Populärkultur  in seiner bewussten Einfachheit und Armut des Materials.

Nach fünf Jahren wird sie vom neuen Regime entlassen ( Niemeyer wird sogar nach Frankreich verbannt ) und sie kehrt nach São Paulo zurück.

Dort nimmt ihre Arbeit für das spätere kulturelle Wahrzeichen der Stadt, an einer Hauptschlagader, der Avenida Paulista, gelegen, Fahrt auf. Sie stellt das Museum für Moderne Kunst 1968 fertig. Dieses monolithische Wunderwerk wird schnell zu einem der kultigsten Gebäude der brasilianischen Architektur, Beispiel für den Tropical Modernism. 

Architekturmodell 
"Museu de Arte de São Paulo" (MASP)
Das Bauwerk weist Elemente des brutalistischen Stils auf: Ein fast vollständig verglaster rechteckiger Baukörper hängt an zwei gewaltigen Stahlbetonträger, die wie Brücken über dem Gebäude stehen und das Haus gute zehn Meter über dem Boden schweben lassen- eine große, überdachte öffentliche Piazza und spiegelt Linas Wunsch wider, die menschlichen Bedürfnisse in den Mittelpunkt ihrer Entwürfe zu stellen. Um die Dramatik der Geste noch zu unterstreichen, lässt Lina die beiden Stahlbetonträger in kräftigem Rot streichen. 

Für den Innenraum erfindet sie gläserne Ausstellungsstaffeleien, die die Kunstwerke von den Wänden nehmen und es den Besuchern ermöglichen, sie sowohl von hinten als auch von vorne zu betrachten.

Es sind Räume von grenzenloser Freiheit mit farbigen Akzenten, Ausdruck der Rebellion gegen die Militärdiktatur & Sinnbild des freien Denkens. Als das Museum 1968 feierlich eröffnet wird, ist es eine Sensation. Dass das Militär das MASP kurz nach seiner Einweihung vorübergehend schließt, kann als Beleg gelesen, dass Linas Architektur demokratisch und populär ist. Linas Ehemann wird übrigens bis 1996, drei Jahre vor seinem Tod, Direktor des MASP bleiben.

Dieser Entwurf in seiner drastisch modernen Sprache bildet allerdings weitgehend eine Ausnahme im Werk von Lina Bo Bardi. 

In den vielen anderen von ihr entworfenen Häuser und Möbeln sucht sie statt einer puren, radikalen Moderne lieber nach Verbindungen mit lokalen Bau- und Handwerkstraditionen. Die Häuser sind von Gärten, Veranden, Terrassen und Höfen umgeben und der Aufbau der verschiedenen Raumschichten, die mit Schiebeelementen und großen Fenstern verbunden werden, erinnern an japanische Architektur. Bei den Materialien nutzt Lina immer wieder roh belassene Baumstämme aus der unmittelbaren Umgebung, Lehm, traditionelle Dachziegel, Kiesel und Keramikfliesen wie bei der "Casa do Chame-Chame". Manchmal greift sie folkloristische, afro-brasilianischen Architektur auf, aber immer gelingt es ihr, alles Nostalgische oder Romantisierende auszuschließen.

Der Militärputsch hat Linas Arbeit an öffentlichen Aufträgen zunächst ein jähes Ende gesetzt. Wie in Italien hat sie sich auch in Brasilien politisch geäußert. Drei große Projekte von ihr bleiben so ungebaut, während sie vor allem an Ausstellungen, Film- und Theaterprojekten arbeitet.

1977 kann sie endlich wieder einen öffentlichen Auftrag wahrnehmen: Sie soll die gewaltige, alte Fabrik "SESC Pompéia" in einem Armenviertel von São Paulo abreißen und stattdessen ein modernes Sport- und Freizeitheim errichten. Aber Lina denkt keine Sekunde daran, sondern überlegt, wie sie dieses Industrierelikt mit wenigen Eingriffen erhalten kann. 

Neben den gewaltigen Schornstein setzt sie zwei mächtige Neubauten mit Sichtbetonfassaden: einen zwölfgeschossigen Turm und einen etwa zehngeschossigen Quader mit völlig unregelmäßigen Fensterlöchern, die von innen mit groben Schiebeelemente aus knallrot gestrichenem Holz geschlossen werden können. 

Zwischen die beiden Gebäude spannt sie markante Betonbrücken, auf denen die Benutzer der übereinander gestapelten Sportfelder und des Schwimmbades sichtbar hin- und herlaufen können. Sie schafft einen (Frei-)Raum ohne Hierarchien, einen Ort für eine breite Öffentlichkeit, der soziale Unterschiede vergessen oder gar verschwinden lässt. Innen gestaltet sie alle denkbaren Formen von Veranstaltungssälen, Bühnen, Treffpunkten, Versammlungsräumen sowie eine Stadtteilbibliothek. Sie entwirft auch Teile der Inneneinrichtung. Immer wird sie angetrieben von ihren Prinzipien, High and Low, Kunst und Leben, Jung und Alt, Arm und Reich zu vereinen. Selbst das Plakat der Eröffnung ist von ihr gestaltet.

Das "SESC Pompéia", Linas ehrgeizigstes Projekt, beansprucht sie fast ein Jahrzehnt und wird ihr letztes vor ihrem Tod sein.

Restaurant "Coatí"  ( 1987/88 )

Ein kleineres Projekt in den 1980er Jahren nimmt sie in San Salvador de Bahia in Angriff, als sie mit einem Architektenkollegen eine Lösung für die Ladeira da Misericórdia entwickelt. Dieser Komplex im Herzen des historischen Zentrums von Bahia umfasst drei Kolonialgebäude, das Restaurant "Coatí" ( "Nasenbär" ) und die Bar "Três Arcos". Auch dort will sie einen Raum für Kultur, Bildung, Handel und Freizeit schaffen, der das historische Erbe in das tägliche Leben der lokalen Bevölkerung integriert, wie es ihrem lebenslangen architektonischen Selbstverständnis entspricht. Die geplanten Eingriffe werden jedoch nicht abgeschlossen, und der architektonische Komplex ist jahrelang dem Verfall preisgegeben. 

Eines ihrer interessantesten Projekte im Hinblick auf das Recycling von Gebäuden ist allerdings das "Teatro Oficina" in São Paulo. Mehrere Jahre  hat Lina schon eng mit José Celso Martínez Correa, dem Direktor und Gründer der Theatergruppe "Uzyna Uzona", bei der Schaffung verschiedener Bühnen kooperiert. 1984 wird sie beauftragt, das Theater in einem verlassenen Bürogebäude der Stadt zusammen mit einem Kollegen zu entwerfen. Besonders ist, dass sie das Gebäude als Straße konzipiert, 50 Meter lang und neun Meter breit.

Über die private Lina ist wenig herauszufinden, außer dass sie es geliebt hat, mit ihren Aussprüchen Kontroversen auszulösen. So nennt sie sich, bewusst provozierend, eine Stalinistin und Antifeministin und kreiert viele verschiedene Geschichten über ihr Leben. Sie hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, aber eine Kommunistin, wie ihr oft nachgesagt wird, sei sie nicht gewesen, so ihre Biografin Evelyn Furquim Werneck Lima

Lina Bo Bardi stirbt mit 77 Jahren am 29. März 1992 in ihrer "Casa do Vidro". Sie hinterlässt noch Entwürfe für ein neues Rathaus in São Paulo und ein Kulturzentrum für Vera Cruz im Nordosten Brasiliens.

Wieso ihre Arbeiten so lange nicht zum Kanon der modernen brasilianischen Architektur gezählt werden, ist heute nicht nachzuvollziehen. Vielleicht ist ihre Architektur dafür nicht "pur" genug gewesen, weil sie ihre Vorstellungen einer alle Lebensbereiche verbessernden Moderne stets mit lokalen Anleihen und im direkten Austausch mit den Menschen vor Ort entwickelt hat? Weil sie soziales, politisches und kulturelles Engagement über die "reine Lehre" gestellt hat? Eine ihrer wichtigsten Leistungen ist es doch, Bauten geschaffen zu haben, die in der lokalen Öffentlichkeit höchste Akzeptanz finden, auch wenn sie sich gängigen Klassifikationen entziehen.

Für ihre Anerkennung setzt sich später das 1990 gegründete "Instituto Bardi", sesshaft in ihrem Wohnhaus, dank seiner Ausstellungen & Veröffentlichungen und seiner Medienpräsenz, so dass es nach und nach gelingt, ihr internationale Referenz zu verschaffen. Besonders nach der Krise von 2008 werden viele ihrer Themen und Positionen Teil der Debatte über Kultur, Umwelt, historisches Erbe und die materielle Produktion von Architektur und Objekten.

Lange fehlt eine grundlegende (architektur-)historische Aufarbeitung. Doch anlässlich ihres 100. Geburtstages 2014 wird das Leben und Werk dieser herausragenden, vielseitigen Architektin und Gestalterin in Publikationen und Ausstellungen wieder entdeckt. Eine solche veranstaltet das Architekturmuseum der TU München. Postum wird Lina Bo Bardi bei der 17. Architekturbiennale Venedig 2021 für ihr Lebenswerk mit einem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

"Einen Le Corbusier mag man bewundern, einer Lina Bo Bardi sollte man nacheifern. Jetzt und zwar weltweit", schreibt die "Süddeutsche Zeitung" anlässlich der Münchner Ausstellung.

Dem kann ich nur zustimmen, so hat mich ihr vielfältiges Werk angesprochen, ja begeistert...

                                                                             

Und hier wieder die Liste der bereits von mir gewürdigten
"Great Women", für die wir in dieser Woche einen Gedenktag verzeichnen:

Dienstag, 1. April 2025

Neue Schlafanzüge I

Ich bin ja zur Zeit extrem beschäftigt mit der Räumung meiner Stofflager, nachdem die Tochter vor Karneval das Problem in ihrem alten Schlafzimmer im Dachgeschoß in Angriff genommen hat. Peu à peu versuche ich daran anzuknüpfen und stelle immer wieder fest: Viele Stoffstücke sind zu klein, um daraus noch sinnvolle Kleidungsstücke in Größe 140 zu nähen. Die braucht meine "Kundschaft" inzwischen.

Schön, wenn sich da immer noch was findet. Und schön, wenn dann noch mal Anfragen kommen wie von der Nichte, die sich Schlafanzüge für den Großneffen gewünscht hat. Nachdem ich in der vergangenen Woche ja den Nähplatz frei gekämpft hatte für ein Geburtstagsshirt, sollte das auch wieder möglich sein. Zwei Exemplare habe ich jetzt fertig:

Das Oberteil wie die Hose sind wieder nach meinen Standardschnitten entstanden: "Ottobre creative workshop 301" und "Yara" von CZM. Da wird auch nichts Neues mehr kommen. Das lohnt sich einfach für mich nicht mehr, neue Schnittmuster abzuzeichnen, denn ein Ende meiner Näherei für Kinder ist abzusehen, Urenkelkinder aber nicht absehbar...

Es macht allerdings immer noch Spaß, wenn die Maschinchen wie geschmiert laufen und lässt mich auch von traurigeren Gedanken abbringen ( die leider momentan nicht abreißen wollen ). Wenn nur das Zuschneiden nicht wäre! Doch es liegen noch welche parat...

                                                                              

Verlinkt mit dem Creativsalat im April

Montag, 31. März 2025

12tel Blick März 2025

Da ist was los auf meinem Märztisch!



Nein, es hängen keine Eier am Bäumchen auf meinem Terrassentisch.
Es sind Kumquats bzw. Zwergorangen.
Rechts seitlich im Hintergrund ahnt man noch die Magnolie 
bzw. links den rötlichen Austrieb meines Japanischen Schlitzahorns.
Ich musste unbedingt Sonnenschein mit auf dem Foto haben,
denn damit wurden wir diesem Monat verwöhnt.

Anschließend bin ich zu meinem zweiten Blick en d'r Sity gefahren:

Was ich nicht bedacht hatte:
Die Mittagssonne blendete und ich konnte auf dem Display
meines Smartphones so gut wie nichts sehen.
Deshalb ist der Bildausschnitt nicht akkurat getroffen:
( links sieht man etwas von der Überdachung der Bahnsteige, 
rechts etwas Verglasung des Aufzuges zum Domniveau ).
Wat soll et...

Nach einem Vierteljahr sehen die Collagen so aus:




























Auch dieser Post wird wieder mit Eva Fuchs in Niederösterreich verlinkt.