Mein Vater, ein vielfältig interessierter, bildungshungriger Bauernsohn, hatte in den 1960er Jahren ein Abonnement der "Westermanns Monatshefte" - auch für mich, ebenso wissbegierig, eine wichtige Informationsquelle. Darin war eine Fotoreportage über die neu errichtete Hauptstadt Brasiliens, die mich gefangen nahm: So eine beeindruckende Architektur! Und einer der Schöpfer, Oscar Niemeyer, blieb mir im Gedächtnis. Dass auch eine Frau am brasilianischen Architekturfrühling beteiligt war, habe ich erst sechzig Jahre später erfahren. Ihr, Lina Bo Bardi , gilt mein heutiger Post.
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1910 |
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Universitätscampus CC BY-SA 4.0 |
Ihr Architekturstudium schließt Lina Bo mit einer Abschlussarbeit für ein Entbindungsheim ab, das die Prinzipien moderner Architektur beherzigt. Zusätzlich zu der relativ schlechten Note wird sie von Direktor Marcello Piacentini mit der Bemerkung herabgesetzt, dass sie, eine bella ragazza, am Ende doch nur heiraten und niemals Architektur praktizieren werde.
Der politischen Instabilität wegen tauscht die 25jährige 1940 ihre Heimatstadt gegen das norditalienische Mailand ein, wo sie zusammen mit dem Architekten & Möbeldesigner Carlo Pagani das Studio "Bo e Pagani" gründet. Mit ihm projektiert sie Messestände & Ausstellungsinterieurs. Gleichzeitig arbeitet sie - unbezahlt - für den chamäleonartigen Architekten Giò Ponti, Schöpfer bedeutender Bauten & Designer kleinster Alltagsgegenstände, Förderer des italienischen Kunsthandwerks, dessen Büro sich unter anderem der Organisation der Triennale der dekorativen Künste widmet. Außerdem arbeitet Lina mit ihm an der Zeitschrift "Lo Stile – nella casa e nell'arrendamento" und fertigt für die Zeitschriften wie "Grazia" oder "Belleza" Ilustrationen an.
Mit finanzieller Unterstützung durch ihren Vater kann Lina 1943 ein eigenes Büro eröffnen, welches aber noch im gleichen Jahr durch einen Bombenangriff zerstört wird. Dieses Ereignis veranlasst sie zu einem stärkeren Engagement in der Kommunistischen Partei Italiens. Von 1944 an ist Lina stellvertretende Direktorin der Zeitschrift "Domus". Die Mission des Magazines ist, Architektur, Innenräume und italienische dekorative Kunst zu erneuern, ohne Themen zu vernachlässigen, die für Frauen von Interesse sind, wie die Wohnung einzurichten, Gartenarbeit oder Kochen. Lina reist auf der Suche nach Kunsthandwerk durch Italien und organisiert eine Ausstellung mit Stoffen für Vorhänge und Polstermöbel für das italienische Unternehmen Rima ( später in ihrer Karriere wird sie das im São Paulo Museum of Art aufgreifen ).
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Auf der Reise durch Italien 1945 |
Zweifellos prägen die junge Frau ihre Beobachtungen, als sie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges für "Domus" durch ihr Heimatland reist, zusammen mit einem Fotografen und dem Journalisten Pietro Maria Bardi, um die Zerstörung bis ins kleinste Detail zu dokumentieren und gleichzeitig Möglichkeiten aufzuzeigen, wie Gebäude und Denkmäler wieder aufgebaut werden können. Für Lina geht es bei der Erhaltung darum, sich an die Vergangenheit zu erinnern und sich gleichzeitig ihres Platzes im gegenwärtigen Moment sehr bewusst zu sein ( siehe auch diese Architektin ). Wie viele andere ihrer Generation versucht sie, den gewaltigen Erschütterungen und Verwüstungen des Krieges mithilfe von Architektur und Möbeldesign etwas entgegenzusetzen, um eine neue Lebensrealität zu schaffen.
In einer anderen Zeitschrift, die sie 1945 mit Bruno Zevi – "Cultura della Vitta" – herausgibt, die aber nur ein Dreivierteljahr auf dem Markt bleibt, entwirft sie einen Artikel eine Vision von der Freiheit der Frauen im 20. Jahrhundert, die durch Haushaltsgeräte und eine amerikanische Küche ermöglicht werden wird.
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Pietro Maria Bardi |
Pietro Maria Bardi, am 21.2.1900 in La Spezia in eher einfache Verhältnisse hineingeboren, hat sich mangels schulischer Bildung autodidaktisch weitergebildet und es schließlich bis zum Journalisten in Bergamo gebracht. Später macht er sich einen Namen als Kunstkritiker & -händler mit eigener Galerie in Mailand. Da er schon 1933 eine erste Reise nach Südamerika unternommen hat, um eine Ausstellung in Buenos Aires zu kuratieren, und die Gelegenheit genutzt hat, Brasilien zu besuchen, fasst er eine Auswanderung dorthin ins Auge.
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Das Ehepaar 1951 |
Chateaubriand ist für die Finanzen und die notwendigen Kontakte zuständig, Pietro Bardi kümmert sich um den Aufbau einer Sammlung und Lina um den Umbau einer schlichten Büroetage. Diese wird für die ersten Jahre das Zuhause des neuen Museums sein, bevor die Gelder zusammengekommen sind für einen Neubau.
Da sie für die Innenräume des Provisoriums auf dem brasilianischen Markt keine Möbel vorfindet, entwirft sie eigene. Deshalb, nachdem sie weiter in die größte Stadt Brasiliens gezogen sind, gründet Lina mit einem Landsmann das "Studio d’Arte Palma", eine Firma für Industriedesign.
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Klappstuhl aus Holz & Leder (1948) |
Mit ihrem Ehemann, mit dem sie ein nahezu grenzenloses Engagement für moderne Architektur und eine Liebe zur brasilianischen Populärkunst teilt, gibt sie von 1950 an das Magazin "Habitat" heraus, welches einen Rückblick auf Architektur und Kunst in Brasilien gewährt und wichtiges Werkzeug ihres ehrgeizigen, praktischen Kulturprojekts wird.
1951 wird Lina brasilianische Staatsbürgerin, im selben Jahr stellt sie ihre berühmte Residenz am Stadtrand von São Paulo, die "Casa de Vidro", fertig. Die Einflüsse Le Corbusiers und Frank Lloyd Wrights lassen sich bei diesem Entwurf nicht verleugnen. Die einfache, glaswandige Struktur sitzt auf schlanken Säulen und ist von Bäumen umgeben, von denen einige durch einen zentralen Innenhof beim Wachsen zusehen kann und die bald Teil des Dschungeldachs werden, dass die Bewohner künftig überspannen wird. Der riesige Garten – einst Teil eines uralten Regenwaldes – kann über ein Netzwerk aus Stein- und Keramikpfaden erkundet werden. Das Konzept der Bepflanzung des Hanges ist der Architektin dabei ebenso wichtig, wie das Haus selbst.
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Hier sind viele Fotos von diesem Haus heute anzuschauen, dass inzwischen der Öffentlichkeit zugänglich ist.
Lina bevorzugt bei ihrem eigenen Haus handgefertigte Einzelstücke, einige davon werden später in Produktion genommen, darunter der hornförmige, handschmeichelnde Türgriff, der bei der britischen Marke Izé erhältlich ist, und der "Bowl"-Stuhl ( Eingangsfoto ), der inzwischen von der italienischen Firma Arper neu aufgelegt worden ist. Letzterer besteht aus einer gepolsterten Schale, die in einem ringförmigen Rahmen sitzt, der von Hand in eine aufrechte oder liegende Position gebracht werden kann.
Bemerkenswert ist auch die großzügige Küche dieses Hauses:
Noch 1958 beginnt sie mit Entwürfen für den Neubau des Kunstmuseums von São Paulo,.
1955 erhält Lina eine Professur an der Fakultät für Architektur und Stadtplanung an der Universität von São Paulo. 1959 entwirft sie für die 5. Biennale von São Paulo eine Ausstellung über nordöstliche Kultur, "Bahia no Ibirapuera", und wird daraufhin zur Direktorin des "Museu de Arte Moderna da Bahia" (MAMB) in San Salvador de Bahia ernannt – eine für eine Frau damals beispiellose Ernennung, die mit einem Umzug in die drittgrößte Stadt Brasiliens mit der größten Küstenlinie am Atlantischen Ozean verbunden ist. Das Museum selbst befindet sich in Solar do Unhão, einer historischen Stätte aus dem 16. Jahrhundert, am Rande der Allerheiligenbucht. Mit minimalen Eingriffen lässt sie diesen Komplex für den Ausstellungsbedarf umbauen.
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"Museu de Arte Moderna da Bahia" |
In dieser Zeit nimmt die Architektin die brasilianische Kultur in sich auf. Sie nimmt sich das bis heute wirkmächtige"Manifesto Antropófago" ( Kannibalen-Manifest: "Statt das Fremde wegzuschieben, das Fremde fressen" ) von 1928 des brasilianischen Schriftstellers Oswald de Andrade zu Herzen. Kerngedanke dieser Theorie ist, dass die brasilianische Kultur als Kolonialland und eine der vielfältigsten Gesellschaften der Welt auf der Integration sowohl der internen brasilianischen Kultur als auch der ausländischen Einflüsse beruht. Ausländische Kultur geht in der brasilianische auf und wird Basis eines neuen Stils. Diese Integration der afrobrasilianischen Kultur in die Mainstream-Pop- und Hochkultur ist ein Merkmal der gesellschaftlichen Entwicklung Brasiliens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
So wie Oscar Niemeyers Modernismus ein Spiegelbild des fortschrittlichen Bürgertums Brasiliens ist, integriert Lina die brasilianische Populärkultur in ihr Konzept einer Architektur der Armut, die später, nach dem Militärputsch im März 1964, zu einem wichtigen Grundsatz der brasilianischen Architektur werden wird.
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"Casa do Benin" (1988) |
Die "Casa do Chame-Chame" ( heute zerstört ) hingegen ist ein Privatprojekt, das an seinen Außenmauern über und über mit Kieselsteinen und verschiedenen Objekten wie Muscheln, Keramikscherben, Bruchstücken von Glasflaschen oder Spielzeug bedeckt gewesen ist. Linas gebaute Hommage an die Populärkultur in seiner bewussten Einfachheit und Armut des Materials.
Nach fünf Jahren wird sie vom neuen Regime entlassen ( Niemeyer wird sogar nach Frankreich verbannt ) und sie kehrt nach São Paulo zurück.
Dort nimmt ihre Arbeit für das spätere kulturelle Wahrzeichen der Stadt, an einer Hauptschlagader, der Avenida Paulista, gelegen, Fahrt auf. Sie stellt das Museum für Moderne Kunst 1968 fertig. Dieses monolithische Wunderwerk wird schnell zu einem der kultigsten Gebäude der brasilianischen Architektur, Beispiel für den Tropical Modernism.
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Architekturmodell "Museu de Arte de São Paulo" (MASP) |
Für den Innenraum erfindet sie gläserne Ausstellungsstaffeleien, die die Kunstwerke von den Wänden nehmen und es den Besuchern ermöglichen, sie sowohl von hinten als auch von vorne zu betrachten.
Es sind Räume von grenzenloser Freiheit mit farbigen Akzenten, Ausdruck der Rebellion gegen die Militärdiktatur & Sinnbild des freien Denkens. Als das Museum 1968 feierlich eröffnet wird, ist es eine Sensation. Dass das Militär das MASP kurz nach seiner Einweihung vorübergehend schließt, kann als Beleg gelesen, dass Linas Architektur demokratisch und populär ist. Linas Ehemann wird übrigens bis 1996, drei Jahre vor seinem Tod, Direktor des MASP bleiben.
Dieser Entwurf in seiner drastisch modernen Sprache bildet allerdings weitgehend eine Ausnahme im Werk von Lina Bo Bardi.
In den vielen anderen von ihr entworfenen Häuser und Möbeln sucht sie statt einer puren, radikalen Moderne lieber nach Verbindungen mit lokalen Bau- und Handwerkstraditionen. Die Häuser sind von Gärten, Veranden, Terrassen und Höfen umgeben und der Aufbau der verschiedenen Raumschichten, die mit Schiebeelementen und großen Fenstern verbunden werden, erinnern an japanische Architektur. Bei den Materialien nutzt Lina immer wieder roh belassene Baumstämme aus der unmittelbaren Umgebung, Lehm, traditionelle Dachziegel, Kiesel und Keramikfliesen wie bei der "Casa do Chame-Chame". Manchmal greift sie folkloristische, afro-brasilianischen Architektur auf, aber immer gelingt es ihr, alles Nostalgische oder Romantisierende auszuschließen.
Der Militärputsch hat Linas Arbeit an öffentlichen Aufträgen zunächst ein jähes Ende gesetzt. Wie in Italien hat sie sich auch in Brasilien politisch geäußert. Drei große Projekte von ihr bleiben so ungebaut, während sie vor allem an Ausstellungen, Film- und Theaterprojekten arbeitet.
Neben den gewaltigen Schornstein setzt sie zwei mächtige Neubauten mit Sichtbetonfassaden: einen zwölfgeschossigen Turm und einen etwa zehngeschossigen Quader mit völlig unregelmäßigen Fensterlöchern, die von innen mit groben Schiebeelemente aus knallrot gestrichenem Holz geschlossen werden können.
Zwischen die beiden Gebäude spannt sie markante Betonbrücken, auf denen die Benutzer der übereinander gestapelten Sportfelder und des Schwimmbades sichtbar hin- und herlaufen können. Sie schafft einen (Frei-)Raum ohne Hierarchien, einen Ort für eine breite Öffentlichkeit, der soziale Unterschiede vergessen oder gar verschwinden lässt. Innen gestaltet sie alle denkbaren Formen von Veranstaltungssälen, Bühnen, Treffpunkten, Versammlungsräumen sowie eine Stadtteilbibliothek. Sie entwirft auch Teile der Inneneinrichtung. Immer wird sie angetrieben von ihren Prinzipien, High and Low, Kunst und Leben, Jung und Alt, Arm und Reich zu vereinen. Selbst das Plakat der Eröffnung ist von ihr gestaltet.
Das "SESC Pompéia", Linas ehrgeizigstes Projekt, beansprucht sie fast ein Jahrzehnt und wird ihr letztes vor ihrem Tod sein.
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Restaurant "Coatí" ( 1987/88 ) |
Ein kleineres Projekt in den 1980er Jahren nimmt sie in San Salvador de Bahia in Angriff, als sie mit einem Architektenkollegen eine Lösung für die Ladeira da Misericórdia entwickelt. Dieser Komplex im Herzen des historischen Zentrums von Bahia umfasst drei Kolonialgebäude, das Restaurant "Coatí" ( "Nasenbär" ) und die Bar "Três Arcos". Auch dort will sie einen Raum für Kultur, Bildung, Handel und Freizeit schaffen, der das historische Erbe in das tägliche Leben der lokalen Bevölkerung integriert, wie es ihrem lebenslangen architektonischen Selbstverständnis entspricht. Die geplanten Eingriffe werden jedoch nicht abgeschlossen, und der architektonische Komplex ist jahrelang dem Verfall preisgegeben.
Eines ihrer interessantesten Projekte im Hinblick auf das Recycling von Gebäuden ist allerdings das "Teatro Oficina" in São Paulo. Mehrere Jahre hat Lina schon eng mit José Celso Martínez Correa, dem Direktor und Gründer der Theatergruppe "Uzyna Uzona", bei der Schaffung verschiedener Bühnen kooperiert. 1984 wird sie beauftragt, das Theater in einem verlassenen Bürogebäude der Stadt zusammen mit einem Kollegen zu entwerfen. Besonders ist, dass sie das Gebäude als Straße konzipiert, 50 Meter lang und neun Meter breit.
Lina Bo Bardi stirbt mit 77 Jahren am 29. März 1992 in ihrer "Casa do Vidro". Sie hinterlässt noch Entwürfe für ein neues Rathaus in São Paulo und ein Kulturzentrum für Vera Cruz im Nordosten Brasiliens.
Wieso ihre Arbeiten so lange nicht zum Kanon der modernen brasilianischen Architektur gezählt werden, ist heute nicht nachzuvollziehen. Vielleicht ist ihre Architektur dafür nicht "pur" genug gewesen, weil sie ihre Vorstellungen einer alle Lebensbereiche verbessernden Moderne stets mit lokalen Anleihen und im direkten Austausch mit den Menschen vor Ort entwickelt hat? Weil sie soziales, politisches und kulturelles Engagement über die "reine Lehre" gestellt hat? Eine ihrer wichtigsten Leistungen ist es doch, Bauten geschaffen zu haben, die in der lokalen Öffentlichkeit höchste Akzeptanz finden, auch wenn sie sich gängigen Klassifikationen entziehen.
Für ihre Anerkennung setzt sich später das 1990 gegründete "Instituto Bardi", sesshaft in ihrem Wohnhaus, dank seiner Ausstellungen & Veröffentlichungen und seiner Medienpräsenz, so dass es nach und nach gelingt, ihr internationale Referenz zu verschaffen. Besonders nach der Krise von 2008 werden viele ihrer Themen und Positionen Teil der Debatte über Kultur, Umwelt, historisches Erbe und die materielle Produktion von Architektur und Objekten.
Lange fehlt eine grundlegende (architektur-)historische Aufarbeitung. Doch anlässlich ihres 100. Geburtstages 2014 wird das Leben und Werk dieser herausragenden, vielseitigen Architektin und Gestalterin in Publikationen und Ausstellungen wieder entdeckt. Eine solche veranstaltet das Architekturmuseum der TU München. Postum wird Lina Bo Bardi bei der 17. Architekturbiennale Venedig 2021 für ihr Lebenswerk mit einem Goldenen Löwen ausgezeichnet.
"Einen Le Corbusier mag man bewundern, einer Lina Bo Bardi sollte man nacheifern. Jetzt und zwar weltweit", schreibt die "Süddeutsche Zeitung" anlässlich der Münchner Ausstellung.
Dem kann ich nur zustimmen, so hat mich ihr vielfältiges Werk angesprochen, ja begeistert...