Mittwoch, 4. Februar 2026

Bücherlese Februar 2026

"Ich kann ohne die Stimmen der anderen nicht denken, 
geschweige denn schreiben."
Elena Ferrante

"Jeder Mensch, der etwas riskiert für die Liebe, 
für die Kunst, wofür auch immer, 
ist ein Held für mich. 
Über solche Menschen möchte ich schreiben, 
auch wenn sie sehr gewöhnlich erscheinen."
Michael Cunningham

"Es war und es war nicht."
Einleitungsformel in Roma-Erzählungen

In den Februar gestartet bin ich wieder mit einem Roman von Christine Wunnicke: "Die Dame mit der bemalten Hand", den ich mir auf meinen Reader geladen hatte. Ich hab wohl eine Schwäche für Mathematikusse, auch literarisch, denn einer der beiden Protagonisten ist Carsten Niebuhr. Der trifft auf seiner Forschungsreise, bezahlt vom dänischen König, als einziger Überlebender seiner sechsköpfigen Expeditionsgesellschaft, 1764 auf der Flussinsel "Elephanta" in der Nähe von Bombay auf Ustad Musa ibn Zayn ad-Din Qasim ibn Qasim ibn Lutfullah al-Munaggim al-Lahuri, der auch dort gestrandet ist. Musa ist ebenfalls Mathematiker, Astronom, der Astrolabien baut & verkauft, ein Perser, der in Jaipur Hofastronom ist und nun auf der Hadsch unterwegs nach Mekka.

Wieder - wie schon in "Wachs" -  erschafft die Autorin Figuren, die geschichtlich verbrieft sind, bei ihr aber ein oft exzentrisches Eigenleben entwickeln. Und wieder gelingt es ihr - in meinen Augen - sich von der oftmals lieblos produzierten Dutzendware, die historische Roman hierzulande gerne mal sind, abzuheben. Mich vermag sie jedenfalls zu fesseln.

Niebuhr, vom Fieber gezeichnet und erschöpft, wird von Musa mit Nahrung und quasi wie in Tausendundeiner Nacht mit Geschichten am Leben erhalten. In Folge erzählt man sich gegenseitig die eigene Geschichte ( oder das was man dafür hält ). Man redet miteinander und aneinander vorbei, beobachtet den Himmel und kommt ins Philosophieren. Die beiden Männer samt Diener werden am Ende von einigen britischen Seeleuten aus ihrer misslichen Lage befreit. 

Christine Wunnicke erzählt diese Begegnung zweier Menschen aus zwei Kulturen mit trockenem Humor in pointierten Dialogen und einer eigenen Sprache, die das Sprachgewirr aus Sanskrit, Deutsch und Arabisch abbildet. Herrlich, die Szene, als Niebuhr Musa die Geschichte "Deck dich selbst, oh kleiner Tisch der Wunder" erzählt ( na, wer errät's? ). Für mich wieder ein Lesevergnügen.


"Das Phantom des Alexander Wolf" des russischen Autors Gaito Gasdanow hat die Nachbarin vom Grundstücksende einst noch meinem Mann zu einem Geburtstag geschenkt. Ich fand es auf einem Stapel ungelesener Bücher und wurde neugierig auf dieses 1947 erstmals erschienene Werk.

Der namenlose Protagonist und Ich-Erzähler beginnt mit einem Geständnis: 
"Von allen meinen Erinnerungen, von all den unzähligen Empfindungen meines Lebens war die bedrückendste die Erinnerung an den einzigen Mord, den ich begangen habe", lautet der erste Satz des Romans. 
Man kann sich das Erstaunen vorstellen, als dieser 15 Jahre später ein Buch eines gewissen Alexander Wolf liest und darin die Geschichte seiner Tat wiederfindet, ein haargenaues Abbild der Szene, wie es nur aus der Perspektive des Erschossenen möglich sein kann.

Als ihm dieser englische Erzählband in die Hände fällt, ist unser einstiger Teilnehmer am russischen Bürgerkrieg Emigrant in der französischen Hauptstadt, und das ist der erste von vielen Zufällen in Gasdanows Roman - in den Worten des Protagonisten "ein unglaubliches Zusammentreffen von Umständen". Die Häufung merkwürdiger Wendungen und Fügungen, von denen sich einige schon vorab erahnen lassen, ist in der Tat unglaublich, macht die literarische Fiktion jedoch nicht unglaubwürdig. Für mich am schönsten zu lesen sind allerdings die Passagen gewesen, in denen unser Held in Worte fasst, was die Liebe zu der Zufallsbekanntschaft Jelena mit ihm macht, welche Empfindungen er durchlebt, wie er sich verändert. Die feinen Verästelungen des menschlichen Seelenlebens habe ich zuletzt eher selten so genau und verständlich beschrieben erlebt. Das ist einfach große Erzählkunst. 

Das Ende hat ein bisschen was von einem Krimi, weshalb sich weitere Angaben zum Plot verbieten. Der hat bei mir allerdings auch das insgesamt positive Urteil etwas getrübt.

Der Name Wolf kommt auch bei meiner nächsten Lektüre vor: Iris Wolf "Lichtung", ein Roman von der Bestsellerliste 2024, der mir interessant erschien wegen seiner Verortung in Siebenbürgen. Ich bin ja ein großer Herta-Müller-Fan und lese auch sonst gerne Autoren aus der Region, denn dieses ländliche, multiethnische Rumänien ist für mich immer wieder eine Offenbarung. Um es erst einmal kurz zu sagen: Ein schönes Buch!

Im echten Leben wird rückwärts erzählt, wenn man einen Menschen neu kennenlernt. Im Gespräch erfährt man so nach und nach, wie das Gegenüber zu dem geworden ist, dem man nun begegnet. So ist es: Erkenntnis ist am einfachsten rückwirkend zu gewinnen. Deshalb greift die Autorin zu dem Trick, die Geschichte von Lev & Kato, die in einem kleinen Dorf am Fluss Iza, in der Region Maramureș im nordwestlichen Rumänien gelegen, einander erstmals begegnen, in der umgekehrten Chronologie in neun Kapiteln aufzuschreiben. Der Leser mag sich herausgefordert fühlen, ich fand es logisch. 

Iris Wolff, selbst in Siebenbürgen geboren, vermag diese abgelegene Weltgegend, bevölkert von Rumänen, Magyaren, Roma, Deutschen & Ukrainern in zarten Aquarellbildern zum Leben zu erwecken, schlüpft in ihre Figuren, ohne ihr Geheimnis preiszugeben. Vor allem Lev ist ein ausgezeichneter Beobachter, der mehr wahrnimmt als andere und das Gefühl hat, nicht wirklich dazuzugehören. Für Lev ist Kato die Tür zur Welt, für Kato Lev ein Stück Zuhause. So dürfte dann auch das erste Kapitel, das zu irritieren vermag, einen nicht vollkommen verwundern...

Iris Wolf erzeugt wunderbar Stimmungen, eine Ahnung davon, wie es sein könnte und damit Stoff für das eigene Nachsinnen & - fühlen.

Lesend bin ich in Rumänien verblieben: "Die Aussiedlung" des der ungarischen Minderheit im Land angehörenden Dramaturgen András Visky. An diesem Roman soll er fast zwanzig Jahre geschrieben haben, und er erzählt darin die Geschichte seiner Familie, des Pfarrers der Ungarischen Reformierten Kirche, Ferenc Visky, und seiner über alles geliebten Frau Júlia, aus der Perspektive ihres siebten & jüngsten Kindes. 

Romane für die Republik ???


1958 ist dieser Vater von den rumänischen kommunistischen Behörden wegen "Organisation gegen die sozialistische öffentliche Ordnung" verhaftet, von der Securitate gefoltert und zu 22 Jahren Haft und Zwangsarbeit verurteilt worden. Und die Mutter mit ihren kleinen Kindern - darunter der damals zweijährige Autor - und einem Waisenmädchen, das sich der Familie angeschlossen hat, wird "ausgesiedelt" in die Lager in der Steppe, nach Bărăgan- eine Art rumänischer Gulag, in dem Visky ein persönliches und historisches Trauma erleben muss:
"... unser Verschwinden hingegen stand bereits auf der Schwelle und würde bald eintreten, unser Vater landete im Gefängnis und wir in einer in die Erde gegrabenen Notunterkunft im Lager der unbestatteten Toten an der blauen Donau, das Ganze war tödlich, aber letzten Endes nicht so schlimm, man muss nur zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein, in dunklen Zeiten ist unser Platz unter den Erniedrigten und Ausgestoßenen, und wann sind die Zeiten nicht dunkel?, wann?"
Doch vorneweg: Sippenhaft, Erdhöhlen, Hunger und Gewalt vermögen die gläubige und liebevolle Familie nicht mental zu zerstören, heißt es doch im Matthäus - Evangelium: 
"Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester, aber der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann." 
Überhaupt die Bibel: Sie ist so eine Art heiliges Drehbuch für die Erlebnisse dieser Familie, die wie das jüdische Volk in die babylonische Gefangenschaft geraten ist. Im Deportationsbeschluss der Behörden wird der Aufenthalt im Lager abgekürzt D.O. ausgesprochen "deo", also Gott.
"Da ich keine Erinnerungen aus der Zeit davor habe, betrachte ich die Welt aus der Perspektive des Lagers. Ich habe keine andere. Und ich betrachte die Welt mit dem Blick einer Frau. Es ist der Blick meiner Mutter."
Und die, aus Budapest stammend, ist eine beeindruckende Person. Im Lager versucht sie ihren "Sperlingen", wie sie die Kinder nennt, Nähe und Geborgenheit zu geben, soweit es irgendwie geht. Sie hat durch Zufall dafür immer die Bibel zur Hand.
"Jeden Tag hat sie uns daraus vorgelesen und uns dadurch in eine große Geschichte eingebettet. Daher wusste ich immer, dass wir, genauso wie das Volk Israel in Ägypten, in Gefangenschaft lebten. Aber: das große Wasser – bei uns die Donau – würde sich spalten und wir würden trockenen Fußes hinübergehen und unsere eigene Freiheit erlangen."
"Schmerzhaft schön" schreibt Visky. Das meint Herta Müller bei der "Zeit", das meine auch ich. Wie man solche Bilder für die Grausamkeiten im Lager finden kann, z.B. zum Tod einer "Ausgesiedelten", die sich weigert, in einer Erdhöhle zu schlafen:
"Bis eines Morgens das Ödland und Tante Ricachis Bett von Raureif überzogen waren, Raureif lag auf ihrem Haar und den Augenbrauen, auch an den Härchen unter der Nase glänzten die kleinen Kristalle, sie war so schön wie eine Braut, lächelnd war sie in den Todesschlaf gesunken, glücklich, wie sie vielleicht nie gewesen war"
Ich könnte noch viel mehr zitieren über die Auswirkungen des "himmelauferden Kommunismus" auf die Menschen unter seiner Herrschaft, lasse es aber nun bei einer Leseempfehlung aus vollstem Herzen. Da mögen sich hoffentlich viele ein Bild von machen, wie Autoritarismus sich anfühlt & wirkt und Menschen zu zerstören versucht.



Ja, wer diese monatlichen Posts liest, weiß, jetzt sollte was weniger Bedrückendes nachfolgen, also Elena Ferrante: "Die Geschichte der getrennten Wege", der dritte Band der "Neapolitanischen Saga". 

Die ersten hundertfünfzig Seiten habe ich an einem Abend gelesen, ohne diesmal gelangweilt oder genervt zu sein wie beim 2. Band. Ich fand sie richtig gut, vielleicht auch, weil da wieder eigenes Erleben berührt wurde. Ich war zur beschriebenen Zeit selbst Studentin, habe also die Stürme der damaligen Studentenrevolte mitbekommen und die Veränderungen in der Sexualmoral als Anspruch an junge Frauen ( Sexismus ist einer der in diesem Roman offengelegten Missstände der Gesellschaft ). In den Jahren der "Geschichte der getrennten Wege" ist die Pille noch nicht zugelassen, und die Protagonistinnen Elena und Lila müssen sie sich noch illegal verschaffen. Die Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft muss jede ihrer sexuellen Begegnungen untermalen. Da kann frau sich nicht "fallen lassen", und die Männer sind in jeder Beziehung an der Macht. Das ist für jüngere Leser*innen vielleicht so gar nicht mehr nachvollziehbar.

Auch Elenas Wunsch, zur akademisch-politischen Welt dazuzugehören und mitreden zu können, konnte ich verstehen. Dennoch wird sie nicht zufrieden mit dem Ergebnis. Lila dagegen wird angesteckt von der revolutionären Stimmung jener Tage: Sie, die sich bis zur Erschöpfung & Schlaflosigkeit aufreibt zwischen häuslicher Care-Arbeit und der, den Lebensunterhalt sichernden, aber entwürdigenden Fabriktätigkeit, gerät, nachdem sie in einer politischen Versammlung das geschildert hat und die bürgerlichen Akademikerkinder daraus eine Aktion machen, in einen Strudel an Gewalttätigkeit. Selbst die Faschisten bzw. Camorra-Leute aus ihrem alten Viertel treten dabei auf. Das ist wirklich spannend und engagiert beschrieben, und ich konnte mich manchmal nicht des Eindrucks erwehren, dass da jemand ganz anderes am Werk war als beim 2. Band. Lila zieht den Roman sozusagen aus dem geruhsamen Andante cantabile in ein allegro furioso e tempestuoso.

Nach ungefähr der ersten Hälfte der Seiten des Buches steht dann vermehrt Elenas Leben im Zentrum, ihre Heirat, ihre Ehe in Florenz, ihre Schwangerschaften und ihr schwankendes Selbstbewusstsein. Ferrante schildert ausführlich, wie Elenas Leben diametral entgegengesetzt verläuft zur zeitypischen Diskussion um die Stellung und das Wesen der Frau im Rahmen der Frauenbewegung. Elena, die sich als Intellektuelle sieht, hat sie doch ein erfolgreiches Buch geschrieben und mit männlichen Methoden gearbeitet, gedacht, argumentiert, ist mit ihrer Ehe in die altbekannte Falle geraten und zurückgeworfen auf ein Dasein als Mutter & Hausfrau an der Seite eines wenig aufmerksamen & wertschätzenden Mannes ( einen zweiten Roman bringt sie unter diesen Verhältnissen nicht mehr zustande ). Es wird ihr bewusst, dass ihr gesellschaftlicher Aufstieg - dank starker Selbstkontrolle und -verleugnung geglückt - ihr aber jegliche Authentizität geraubt hat, ganz anders als ihrer Freundin in Neapel. Am Ende ihres dritten Lebensjahrzehnts befindet sich Elena in einer midlife crisis ( ein Begriff der damals auch erstmals aufkam ).

Das komplizierte Frauen-Doppel-Schicksal im Buch spielt vor dem Hintergrund einer aufregenden bis dramatischen Phase Italiens ( 1968-76 ), voller politischer und krimineller Gewalt, linksterroristischen, faschistischen bzw. mafiösen Ursprungs, was immer wieder im Roman zur Sprache kommt.

Dessen Ende mit einem Paukenschlag bestimmt allerdings nun die immer sehnsüchtig nach etwas greifende, sich stets unvollständig fühlende und von daher stets nach einer vollkommeneren Version von sich selbst jagende Elena: Sie verlässt Mann & Töchter, um der Liebe ihres Lebens, dem Jugendfreund Nino Sarratore, zu folgen. 



Nun war ich angespitzt, wollte ich doch schnell wissen, wie sich dieser "Befreiungsschlag" der Erzählerin weiterentwickelt. Also griff ich zum vierten Band der "Neapolitanischen Saga" von Elena Ferrante: "Die Geschichte des verlorenen Kindes".

Tatsächlich gewährleistet dieses 4. Buch den direkten Anschluss an das im Vorgänger geschilderte Geschehen in Bezug auf Elenas neue Lebensrealität, alles wieder in gewohnter Ausführlichkeit. Die frustrierte Professorengattin lässt sich  weiterhin – ihren gewonnenen, und in einem Buch verarbeiteten feministischen Erkenntnissen zum Trotz – wieder von einem Mann bestimmen, nun eben Jugendliebe Nino, indem sie einem geradezu irrationalen Begehren anheim fällt. Ihre Kalamitäten nehmen immer wieder überraschende Wendungen - so bekommt sie von Nino eine dritte Tochter -, die wahrlich nicht auf ihr analytisches Denkvermögen zurückzuführen sind, und als Leserin hat man teil an den komplizierten Beziehungen zu ihren Töchtern, (Schwieger-) Müttern, Ex-Ehemann und (Ex-) Geliebten wie Freundinnen & der Schwägerin, an Umzügen von Florenz über Genua nach Neapel und von dort am Ende des Buches nach Turin.

Wieder verstört der schroffe Umgang miteinander, der rasch in Gewalt übergeht, wenn man die Regeln missachtet, sei es im Privaten, wenn frau nicht bei dem Mann bleibt, den sie geheiratet hat oder im Gesellschaftlichen, indem man die Machtverhältnisse in einem Stadtviertel durch Eigeninitiative in Frage stellt. Ein biblisches "Auge um Auge" gilt nach wie vor. Die Kindheitsfreundin Lila ist der ach so scharfsinnigen, gebildeten Elena darin überlegen, denn die kennt die Mechanismen ihrer Heimatstadt, die sie nie verlassen hat, und sie zieht inzwischen geschickt ihre Fäden im Viertel, zum Leidwesen der mafiösen Brüder Solara - Verhältnisse, über die es schließlich im dritten Buch der Schriftstellerin Elena Greco geht.

Die - titelgebende - Schlüsselszene ist eine auf die Romanpublikation Elenas folgende homestory in einer Illustrierten: Man inszeniert den Roman als authentischen Report aus dem neapolitanischen Camorra-Milieu, in dem die Schriftstellerin nun selbst wieder wohnt, und garniert das Ganze mit einem großen Foto von ihr zusammen "mit Tochter Tina", die in Wahrheit aber Lilas Tochter ist. Schließlich verschwindet dieses vierjährige Mädchen spurlos während des Sonntagsmarktes im Viertel. Die Folgen für das Seelenleben ihrer Mutter Lila kann man sich vorstellen und ihre Wesenswechsel, auch in ihrer Wirkung auf Elena und die anderen Personen des prallen italienischen Alltagsszenario, füllen die nächsten Seiten des Buches - mir mit manchmal zu viel Redundanz. In einem lapidaren, sachlichen Ton erzählt die Autorin von weiteren Morden, Selbstmord, Verrat. Das ist literarischer Realismus in einer manchmal tief verstörenden Ausführung, die mich dann doch am Ball gehalten hat, denn er besitzt auch einen gewissen Unterhaltungswert. Der beschriebene gesellschaftliche Aufstieg der Protagonistin in akademische Kreise, nicht frei von Sexismen oder anderen vulgären Sitten der Männer, ließ mich allerdings leicht deprimiert zurück.

Den ungeschriebenen Regeln meiner Lektüreauswahl folgend wäre es nun an der Zeit gewesen, ein Werk von der Liste der hundert Bücher der "ZEIT" aufzugreifen. Auf den "Radetzkymarsch" hatte ich keine Lust, zu dick, auf Joseph Roth schon; also "Die Kapuzinergruft", die 1938 in den Niederlanden, dem Exil Roths, erschienen ist. 

Der Roman umfasst die Lebenszeit des Franz Ferdinand Trotta von 1913 bis 1938 und damit die Phase des Untergangs seiner geliebten Donaumonarchie und darüberhinaus. Trotta ist ein Verwandter des „Helden von Solferino“ aus dem „Radetzkymarsch“. Im Verlaufe der Erzählung müssen er und seine gleichgesinnten Freunde die Untergangssuppe“ auslöffeln: „Mit leichtfertigen Kaffeehauswitzen haben sie den Staat zerstört“Trotta wäre im 1. Weltkrieg - der im Roman mit seinen sonst allseits erwähnten brutalen Geschehnissen kaum Niederschlag findet - lieber gestorben und sieht sich „als einen zu Unrecht Lebenden“ in einem Österreich, verschlungen von den Preußen, so Roth, selbst in voller persönlicher Nutz- & Sinnlosigkeit gefangen und dann letzten Endes den Nazis anheimgegeben, die in Österreich ihre „Volksregierung“ errichten. Für Trotta kommt der Untergang des Kaiserreiches dem Verlust der eigenen Identität gleich. Am Ende wäre er am liebsten bei seinen Kaisern in der Kapuzinergruft aufgehoben. Doch die bleibt ihm verschlossen. Diese Kapuzinergruft steht in Roths Roman symbolisch für die Welt des Vielvölker-Staats Österreich-Ungarn, der verklärten k.u.k.-Monarchie des Romanhelden. Ein historisch interessantes, aber auch zutiefst melancholisches Stück Literatur, einst 1971 auch verfilmt für das Fernsehen durch Johannes Schaaf.

Auch wenn jetzt nur noch zwei Bücher des hochgeschätzten Norbert Scheuers ungelesen in meiner Bibliothek stehen, musste der Vorrat „angegriffen“ werden: „Kall“ war jetzt an der Reihe. In 45 miteinander vernetzten Kurzgeschichten versucht der Autor, den Kosmos des Eifelstädtchens, Zentrum seiner Literatur, durch diverse Porträts seiner Bewohner lebendig werden zu lassen. Ein Provinzpanorama, so poetisch wie brutal! Wie auf einer großen Drehbühne tauchen immer neue Szenen auf, neue Personen, mal jung, mal sehr alt, manchmal belastet durch tragische Vorkommnisse in der Vergangenheit, Kriegsinvalide, dem Alkohol und archaischen Riten ergeben, nicht immer nachvollziehbar verständlich in ihren Handlungen, ihren Liebeshändeln, öfter skurril mit ihren Gepflogenheiten. Manchmal treffen die unterschiedlichsten Ereignisse zur gleichen Zeit aufeinander und einiges bleibt rätselhaft unverständlich. 

So entsteht in mir das Bild einer Gemeinschaft, des Ortes, der mir sonst nur ein Begriff ist durch den Kauf meiner Küche dort. Wer allerdings deutsche Provinzstädtchen im Februar kennt, spürt leicht die Trostlosigkeit solcher Gemeinwesen auf der eigenen Haut und erinnert sich an die - oft auch bestürzenden- Heimlichkeiten & die tiefgreifende Verlogenheit, aber auch die stille, einsame Verzweiflung, die manchmal auch in Landflucht, aber auch Irrsinn & Suizid führt, wie das Leben halt so spielt. Genossen hingegen habe ich wieder die traumverlorenen Naturbilder, die den kargen Reiz der Eifellandschaft aufleuchten lassen - eine Stärke dieses Autors.

Auch die nächste Autorin, Ute Bales, stammt aus der Vulkaneifel. Aufmerksam geworden bin ich auf sie durch ihr Buch über die Mutter Ey, über die ich einen Post verfassen wollte. In „Am Kornsand“ zieht sie „eine Geschichte aus der Vergangenheit in die Gegenwart und richtet den Blick auf das, was Vergangenheit mit Gegenwart macht.“  (Wikipedia) Orientierung gab ihr wohl Fritz Bauers Aussage, dass nichts der Vergangenheit angehört, alles noch Gegenwart und wieder Zukunft werden kann. Wie wahr in diesen Zeiten!

 Das machte den Lesestoff für mich reizvoll.












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