Donnerstag, 10. Juni 2021

Great Women #262: Anita Berber

Die TV-Serie "Babylon Berlin" hat sie wieder in den Blickpunkt gerückt, die damals drittgrößte Stadt der Welt, das Berlin der Weimarer Zeit, eine Stadt zwischen den Extremen: Große Armut trifft auf schrilles Nachtleben. Eine, die damals mittendrin gewesen ist und als die wildeste unter all den Tänzerinnen jener Tage galt, war Anita Berber gewesen, deren 122. Geburtstag heute zu feiern ist.



"Wir tanzen den Tod, die Krankheit, 
die Schwangerschaft, die Syphilis, 
den Wahnsinn, das Sterben, 
das Siechtum, den Selbstmord, 
und kein Mensch nimmt uns ernst. 
Sie glotzen nur auf unsere Schleier, 
ob sie darunter etwas sehen können, 
die Schweine."


Anita Berber, geboren also am 10. Juni 1899, stammt aus Leipzig. Ihre Mutter ist die Diseuse Anna Lucie Thiem, zweiundzwanzig Jahre alt, ihr Vater der Violinvirtuose, Erster Geiger im Gewandhausorchester und spätere Professor Felix Berber, sechs Jahre älter. Geheiratet haben sie, da ist Anita schon "unterwegs". Sie wird das Kind schwieriger Eltern, die in einer komplizierten Ehe leben und schon drei Jahre später wegen "unüberbrückbarer charakterlicher Gegensätze" die Scheidung betreiben. Der Vater wird es insgesamt auf fünf Ehen bringen. 
 
Mit ihrer Großmutter
(1901)
In materieller Hinsicht ist Anitas Kindheit sorglos, aber sie wächst recht einsam auf. Weil die Mutter aufgrund ihres Berufs viel unterwegs ist, lebt Anita hauptsächlich bei ihrer Großmutter Luise, einer ostpreußischen Gutsbesitzerswitwe, zu der sie 1906 nach Dresden zieht und wo sie 1912, da als gute Turnerin aufgefallen, im neu gebauten Jaques-Dalcroze-Institut in Hellerau unterwiesen wird, einem damals fortschrittlichen pädagogischen Experiment, das auf der Wechselbeziehung von musikalischen, körperlichen und emotionalen Erfahrungen aufbaut. Mittels Eurythmie soll den Schülern ermöglicht werden, am Ende des Lernens nicht "Ich weiß", sondern "Ich habe erlebt" zu sagen - für vielfältige Bildung ist also bei dem jungen Mädchen gesorgt. Dass sie auf die Bühne will, steht für  sie schon früh fest und sie verschreibt sich mit Leib und Seele dem Tanz. Zur gleichen Zeit wie Anita ist übrigens auch die spätere Spitzenchoreographin Mary Wigman Schülerin in Hellerau.                                                                                                                                   Nach ihrer Firmung im April 1914 besucht Anita noch ein paar Monate das Töchterbildungsinstitut von Curt Weiß in Weimar. Anschließend zieht sie zu ihrer Mutter nach Berlin, die dort bereits mit der Großmutter und deren zwei Schwestern in Wilmersdorf in der Zähringer Straße lebt und über feste Engagements an Berliner Kabaretts wie dem "Chat Noir" verfügt.

Die 16jährige Anita erhält Schauspielunterricht bei Maria Moissi, der Frau des legendären Schauspielers Alexander Moissi, und gleichzeitig Tanzunterricht bei der renommierten impressionistischen Ausdruckstänzerin Rita Sacchetto.  Sie sei "spontan und hemmungslos" gewesen, äußert sich rückblickend ihre Mitschülerin Dinah Nelken, die spätere Schriftstellerin. "Bei aller Vorliebe für Flirts hatte sie einen unglaublichen Liebreiz, ohne ordinär zu wirken." Anita sei ein ausnehmend hübsches Mädchen gewesen, von dem sich Männern und Frauen angezogen fühlten. Unter den vielen anderen hübschen Mädchen der Tanzcompagnie fällt sie aber eher durch ihre starke Ausstrahlung als durch ihre tänzerische Leistung auf. Offensichtlich legt sie darauf auch keinen gesteigerten Wert. In erster Linie will sie die Beachtung und den Beifall des Publikums.

Von links nach rechts: 1916, als Modell für "Die Dame" und als Harlekin, beides 1917

Lange hält es Anita dann Rita Sacchettos Truppe nicht aus: Ein Auftritt mit der Tanzschule im Februar 1916 ist verbürgt, ebenso eine anschließende Tournee mit der Tanzcompagnie nach Hannover, Leipzig, Hamburg und Frankfurt am Main. Nach Differenzen wegen ihres Tanzstils trennt sich Anita von der Truppe und bestreitet am 6. März 1917 im Theatersaal der Hochschule für Musik in Berlin ihren ersten Solo-Abend. Tanz wird jetzt Anitas Leben. Bald steht sie im Apollo-Theater, im Wintergarten und der "Weißen Maus" auf der Bühne. Schon vor Kriegsende etabliert sie sich als Star der Berliner Bühnen. Sie tritt jetzt völlig unbeeinflusst vom ballettmäßigen Stil der Sacchetto-Schule auf:
"Eine Tänzerin voll Frische und voll lebendigen Glücks an ihrem Dasein" preist ein Kritiker des "Börsen-Kurier" 1917 ihr Talent. Auch der Berliner Autor und Kritiker Oscar Bie zeigt sich beeindruckt: "Das Stärkste wird in reiner Akrobatik erreicht, in groteskem Zittern, Verschlingen, Schlagen, Werfen, Überschneiden."
Besonders die unkonventionelle herbe Schlankeit ihrer Erscheinung beeindruckt, und so reüssiert Anita nebenher auch als Model für Zeitschriften wie "Elegante Welt" und "Die Dame", zweier Meinungsführermedien in Sachen Mode dieser Zeit. Sogar im US-Magazin "Vanity Fair" ist sie zu sehen. Auch beim Film macht sie sich einen Namen: 1918 spielt sie erstmals in "Das Tagebuch einer Verlorenen". Bis 1925 tritt sie in 25 Produktionen auf. In "Dr. Mabuse" ( 1922) doubelt sie die Tanzszenen für die Hauptdarstellerin.

"Unheimliche Geschichten"

1918 reist Anita zu Gastspielen in die Schweiz und nach Österreich. Die Programme für diese Gastspielreisen stellt ihr neuer Ballettmeister Pirelli zusammen, der mit ihr auch einen neuen Tanzstil erprobt. Unterwegs feiert sie Erfolge, erhält hohe Gagen und ist mit nicht ganz zwanzig Jahren schon eine arrivierte junge Künstlerin. Das Kriegsende erlebt sie in Budapest, von wo aus sie wieder nach Berlin  zurückkehrt.

Durch den Regisseur, Drehbuchautor und Produzenten Richard Oswald,  Begründer des sogenannten Sitten- oder Aufklärungsfilms, lernt Anita Eberhard von Nathusius, einen wohlhabenden Offizier & Drehbuchschreiber bei Oswald, kennen. Doch nur dem Namen nach ist sie mit ihm seit 1919 verheiratet, um aus der Enge der Wohngemeinschaft mit ihren Verwandten herauszukommen. In Wirklichkeit geht sie zahlreiche lesbische Allianzen (angeblich auch mit Marlene Dietrich) ein und pflegt einen polysexuellen Lebensstil. 

Im Januar 1919 veranstaltet sie einen Solotanzabend mit acht verschiedenen Stücken im Berliner Blüthner-Saal. Zu Stücken von Liszt, Chopin, Rubinstein und Debussy zeigt sie Tanzdarbietungen, deren Stil alsbald als expressionistisch bezeichnet wird.
"Aus dem Tanz der Anita Berber spricht die Sehnsucht nach dem Erlebnis. Ihr Tanz verkörpert ein gesteigertes Gefühl, dessen Sehnsucht ins Bewusstsein getreten ist. Sie weiß selbst um die Weichheit ihrer Bewegung, um ihre Hingabe an den Rhythmus, und steigert sich in der Ekstase in eine weiche Aufgelöstheit hinein, die der jungfräulich herben Geschlossenheit ihrer Glieder fremd ist." ( Paul Nikolaus 1919 in "Tänzerinnen", zitiert von Jutta Drewniok hier )

Im selben Jahr fertigt Charlotte Berend-Corinth (siehe dieser Post) von Anita Berber acht Lithografien mit lasziven, wenn nicht pornografischen Szenen an. Bereits im Jahr zuvor hat der Bildhauer Constantin Holzer-Defanti  für das Rosenthal-Werk in Selb zwei Porzellantänzerinnen nach Anita Berber gestaltet. Es sagt viel über die Berühmtheit der noch sehr jungen Frau aus und über das Interesse, das sie erregt.

Mit Susi Wanowski (links)

Nach zwei Jahren trennt sich Anita bereits wieder von ihrem Ehemann und zieht zu ihrer Freundin Susi Wanowski, der Besitzerin der Frauenbar "La Garçonne". Die unterstützt sie in allem, managt ihre Konflikte und Streitigkeiten, ebenso die Verhandlungen mit ihren Agenten. 

Den Durchbruch über die Grenzen Deutschlands hinaus schafft Anita durch ihre Kinofilme. Besonders die Sexual- und Aufklärungsfilme Richard Oswalds, in denen sie nicht selten die Rolle einer Prostituierten spielt, sind in jenen Tagen, in denen ehemals geltende Werte und Moralvorstellungen in Frage gestellt bzw. über Bord geworfen werden, gefragt. Viele andere unbekannte Tänzerinnen führt allerdings die bloße soziale Not dazu, ihre Körper in den Cabarets oder Tanzbars öffentlich darzubieten. Ihre Darstellungen haben für die Zuschauer wohl eine Ventilfunktion, ist doch der zur Schau getragene Hedonismus eine Reaktion auf die durch den Krieg verursachten psychischen Deformationen. 

Der Scheitelpunkt von Anitas Karriere ist mit ihrem Engagement beim Celly-de-Rheidt-Ballett erreicht. Nummern wie "Liebesnacht im Harem" und "Peitschentanz" im Nelson-Theater sind 1921 der Bühnenerfolg in Berlin. Die Programmzettel verschweigen wohlweislich, dass auch nackt getanzt wird, denn diese "Schönheitstänze" rufen alsbald die einschlägigen Tugendapostel auf den Plan.

"Körper und Nacktheit waren für Berber nicht mit athletischer Bewegung, sportiver Dynamik, brauner Haut bzw. anderen Attributen körperlicher ′Gesundheit′ oder ′Natürlichkeit′ verknüpft, wie sie in den 1920er Jahren auch als Frauenbild an Bedeutung gewonnen haben. Ihre Haut war blass, das Gesicht betont weiß, die Lippen rot, die Augen schwarz geschminkt, trug sie die Farben der Dunkelheit. Allein mit der Gestaltung ihres äußeren Erscheinungsbildes zeichnete sie ein Gegenmodell zu den Gesellschafts- und Körperentwürfen der Reformbewegungen ihrer Zeit und deren ästhetischen Programmen. Auch deren Eindeutigkeit verweigerte sie. Schönheit und „bewusst[e] Exposition des Hässlichen“, Leben und Verfall waren in ihrem Körper gleichermaßen repräsentiert", schreibt Christian Haider an dieser Stelle.

Anita geht es darum, die tänzerischen Ausdrucksmöglichkeiten radikal zu erweitern, indem sie Themen auf die Bühne bringt, die noch keine Tänzerin zuvor in einer Choreographie eingebracht hat. Damit revolutioniert sie das Tanztheater. Aufsehen erregt dabei vor allem eben ihre Nacktheit. Mit deren Integration als "theatralisches Zeichen" in ihre Ausstattungen und Inszenierungen entfernt sie sich vom Kanon des Anerkannten im Tanz. Dabei kommt ihr zugute, dass sie ihren Körper liebt, ebenso ihn den begehrlichen Blicken des Publikums auszusetzen - das ist wohl Teil ihrer Sinnlichkeit. Es ist wohl aber auch das früh verlassene Kind in ihr, das von einer scheinbar unstillbaren Gier nach dem Geliebtwerden getrieben wird, den Beifall und die Aufmerksamkeit der Mitmenschen verlangt...

Die Truppe um Celly de Rheidt darf nicht ganz nackt auftreten, um die Zensur zu umgehen. Deshalb tragen die Tänzerinnen Busenschützer, Tangas und Schleier - die Revuemacher lassen sich etwas einfallen, um den Ärger mit den Tugendwächtern zu minimieren. 

Zum Ensemble gehört auch Sebastian Droste, der eigentlich Willy Knobloch heißt, der Sohn einer wohlhabenden, jüdischen Hamburger Patrizierfamilie, der gerade unter seinem Künstlernamen eine Karriere als expressionistischer Tänzer, Lyriker und Maler begonnen hat- "ein klassischer Dandy, bissiger Homosexueller und Kunstsnob". Sein kühles Verhalten, sein analytischer Verstand und seine Fähigkeit, andere zu manipulieren, machen ihn für Anita sehr anziehend.

Sebastian Droste
Mit ihm choreografiert sie die "Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase", "Kokain" und "Morphium" - alles Provokationen, als abendfüllendes Programm ausgestaltet und später erweitert zu einem künstlerischen Gesamt-Projekt, das sich nicht allein auf den Tanz beschränken wird. 

Mit Droste teilt sie Abhängigkeit vom Kokain & Morphium, mit ihm gerät sie immer tiefer in den Sumpf der Drogenabhängigkeit. Sie treibt wohl eine tiefe Sehnsucht nach Verschmelzung mit Dingen und Körpern, die unstillbar bleibt. Jetzt flüchtet man sich halt gemeinsam immer weiter in die Welt des Rausches und verkörpert den puren Exzess in jener Zeit, da man die Zukunft schon verloren gegeben hat. Das Publikum begreift nicht, dass Anita ihr Leben tanzt.

Madame d'Ora: Anita Berber
(1922)
1922 geht sie zu Dreharbeiten nach Wien, lässt sich dort von der österreichischen Mode- und Porträtfotografin Dora Kallmus ( "Madame d’Ora") nackt fotografieren und tritt gemeinsam mit Sebastian Droste, der ihr im Herbst hinterhergereist ist, in "Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase" im Großen Konzerthaussaal auf. Als Droste wegen Betrugs und Urkundenfälschung - er hat keine Aufenthaltsgenehmigung - ausgewiesen werden soll, erreicht ein Rechtsanwalt, dass der Beschluss erst einmal nicht vollstreckt wird und das Tanzpaar weiter auftreten kann. Durch den Skandal werden sie so bekannt, dass ihre Aufführungen jetzt stets ausverkauft sind.

Doch der Abstieg geht weiter: Ein hoher Schuldenberg führt zu weiteren Betrügereien - Droste versucht, eine gefälschte Gutschrift über 50 Millionen Kronen zu übergeben, um seine eigenen und die Schulden der Berber teilweise zu begleichen - und Diebstahl, so dass Droste im November festgenommen wird. Die Berber bürgt für ihn, er wird entlassen, aber der nächste Eklat lässt nicht auf sich warten: 

Sie haben mit drei verschiedenen Nachtlokalen Verträge für den Dezember abgeschlossen, diese Verpflichtungen sind allerdings unmöglich gleichzeitig zu erfüllen. Das zuständige Bezirksgericht verurteilt sie zu einer zehntägigen Arreststrafe. Um sie nicht antreten zu müssen, versprechen die Künstler, in nur einem der Varietés aufzutreten – nur um kurz darauf auch in den Kammerspielen zu tanzen. Auf diese Weise sorgen sie laufend für Schlagzeilen, und entsprechend gut sind ihre umstrittenen Auftritte besucht.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                            In Wien versuchen sie mit einem ambitionierten Projekt ihre Bühnenarbeit auf Wort, Foto und bewegtes Bild auszuweiten, also auf alle Medien und Kommunikationsformen, die ihnen zu ihrer Zeit zur Verfügung stehen. Der so entstandene Film ist heute verschollen, das Buch mit dem Titel "Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase" kommt noch im Wiener Gloriette-Verlag 1923 heraus.

Als Droste im Januar  1923 erneut verhaftet wird, ist eine Abschiebung nach Ungarn die Folge. Daraufhin will Anita sich ein paar Tage später aus dem Wiener Hotel schmuggeln. Der Portier hindert sie daran. Sie kontert mit einem Faustschlag ins Gesicht, wird daraufhin festgenommen und dann ebenfalls nach Ungarn abgeschoben samt Einreiseverbot auf fünf Jahre. Dort, in Budapest, sollen die Beiden geheiratet haben - Belege gibt es dafür nicht. Die "International Actors Union" mischt sich ein und verbietet ihnen zwei Jahre lang auf allen kontinentalen Varietébühnen aufzutreten, was die beiden Künstler nicht weiter stört, denn sie unternehmen eine fünfmonatige Tour durch Italien & Jugoslawien.

Das ist dann eigentlich auch schon der Anfang vom Ende der Beziehung. Die auf die beschriebene Weise erzeugte Publizität macht sie in Deutschland und Österreich berüchtigt, aber bald haben sie kaum noch Möglichkeiten, ihren Arbeits- und Lebensstil beizubehalten. Beide kehren nach Berlin zurück. Im Oktober 1923 stiehlt Droste Berbers Schmuck und Pelze. Vom Kauferlös kann er sich eine Flucht nach New York finanzieren.

Anita schafft es, nachdem sie wieder bei ihrer Familie untergekommen ist, sich genug zusammenzureißen, um eine neue "Anita Berber Truppe" zu gründen, die in verschiedenen Berliner Nachtclubs auftritt, obwohl ihre Volatilität immer wieder zu Verboten und Entlassungen führt. Im Oktober 1923 besucht sie eine Aufführung des schwulen amerikanischen Tänzers Henri Châtin-HofmannSohn eines Pastors der Ziongemeinde in Baltimore. Elf Monate später heiratet sie ihn. Er hilft, die Karriere der Anita Berber wiederzubeleben mit Shows aus einer Mischung alter Favoriten wie "Morphine". Die Musik steuert der populäre russisch- jüdische Komponist Mischa Spoliansky bei. Speziell für Anita komponiert er "Morphium", ein Hit seinerzeit. Gastspiele finden beispielsweise in Köln, Düsseldorf, Leipzig und Breslau statt.

Doch auch mit Henri ist sie ständig in Skandale verwickelt, die gemeinsamen Auftritte werden begleitet von Tumulten und Schlägereien, mehrmals werden beide verhaftet. Mit ihrem ausschweifenden Leben, ihrem  Alkohol- und Drogenmissbrauchs sowie ihrer exzessiv ausgelebt Sexualität sprengt Anita das Korsett der wilhelminischen Verklemmtheit. Ungezählte Liebschaften hat sie und prostituiert sich bei Bedarf, wie Martha Dix, die Frau des Malers Otto Dix,  der die Berber 1925 in seinem Atelier in Düsseldorf malt ( siehe Briefmarke ) erzählt: "Jemand sprach sie an, und sie sagte: '200 Mark!’ Ich fand das gar nicht so furchtbar. Irgendwie musste sie ja Geld verdienen."

Sie ist immer eine auffallende Erscheinung: Anita Berber trägt als erste Frau Smoking und Herrenanzüge, oft aber tagsüber nur einen Zobelpelz und im Ausschnitt ein Äffchen. Ihre Haut ist blass, ihre Augenbrauen sind aufgemalt.

"Wo Anita Berber auftaucht, müssen alle mit allem rechnen. Eines Abends sieht Schauspieler Hubert von Meyerinck die Berber in den Speisesaal vom Hotel Adlon stolzieren: Nerzmantel bis zum Hals, Goldschuhe mit sehr hohen Hacken, keine Strümpfe, Haare 'in höllischem Rot über ihrem grünen Nixengesicht'. Sie setzt sich an einen Tisch, bestellt Champagner, nestelt an ihrem Hals, 'und dann fiel der Pelz. Ein allgemeiner leiser Aufschrei – da saß sie und war splitterfasernackt", beschreibt es Michael Brettin hier.

Der 18jährige Klaus Mann, der sie 1924 kennenlernt, meint, sie male an ihren dunklen Augen mindestens eine Stunde.

Da ihre Auftritte immer wieder von Tumulten und Schlägereien begleitet werden, gerät Anita Berber  zunehmend sowohl in bürgerlichen Kreisen als auch aus der feinen Berliner Gesellschaft ins Abseits. In letzterer wird sie sogar ausgestoßen, indem sie aufgefordert wird, eine Gesellschaft zu verlassen. Der öffentliche Geschmack in Deutschland ändert sich als Reaktion auf die vorherige Dekadenz, und der destruktive Lebensstil der Berber fordert seinen Tribut, trotz ihrer Bemühungen, ihre Drogenabhängigkeit zu reduzieren. 

Mit Henri tourt sie außerhalb Deutschlands. Stockholm, Amsterdam, Prag, Zagreb stehen 1926  auf dem Tourneeplan. In letztgenannter Stadt verbringt sie sechs Wochen im Gefängnis wegen Beleidigung des Königs von Jugoslawien.

In Berlin wird im selben Jahr ein Strafverfahren gegen sie und ihren Partner eingeleitet, weil sie gefährdet "unzweifelhaft ganz erheblich die Sittlichkeit und verletzt das Schamgefühl in unerhörter Weise", so in einem Schreiben des Berliner Polizeipräsidiums. In Hamburg stirbt der ehemalige Partner Sebastian Droste in seinem Elternhaus an Tuberkulose. In einem Interview, das Anita nach Drostes Tod einem Zeitungsmann in Budapest gibt, wird deutlich, wie sie das eigene Leben leid ist:
"Jetzt ist er tot und ich glaube, daß auch die alte Nackttänzerin, die alte Anita Berber, nicht mehr lebt, möglich, daß Sie in Kürze die Nachricht vernehmen, ich habe mich vergiftet oder, was wahrscheinlicher ist, daß Sie die Notiz lesen, ich habe einen Modesalon in Berlin eröffnet. [...] Droste wollte sich um jeden Preis und mit aller Kraft vom bürgerlichen Leben und von der bürgerlichen Moral befreien, und ich hingegen wünsche sie mir heute, ich weiß nicht - sehr, sehr. Ein ruhiges Leben, arbeiten, kleine Vergnügungen..." ( Quelle hier )
Ein Zusammentreffen mit ihrem Vater in München ist ernüchternd. Anita macht einen radikalen Schnitt  der Trennung von ihrem bisherigen Leben und bereist mit ihrem Ehemann den Nahen Osten, Kairo, Bagdad, Damaskus und Beirut. Sie werden enthusiastisch aufgenommen. Im Juli 1928 bricht Anita Berber nach einer radikalen Entziehungskur bei einem Auftritt in Damaskus ( manchmal heißt es auch Beirut ) auf der Bühne zusammen. Diagnose: galoppierende Lungentuberkulose. Aufgrund ihres schlechten Gesundheitszustands muss die monatelange Heimreise immer wieder unterbrochen werden. Zum Skelett abgemagert wird sie aus Prag auf Kosten von Freunden & Verehrern schließlich nach Berlin gebracht. 

Dort stirbt sie einsam am 10. November 1928 im Alter von 29 Jahren im Krankenhaus Bethanien in Berlin-Kreuzberg. Ihr Mann ist nicht bei ihr: Er hat Premiere mit seiner neuen Partnerin Shelda im Weidenhofcasino. Auf dem alten Friedhof der St. Thomas-Gemeinde in der Neuköllner Hermannstraße  wird Anita Berber vier Tage später begraben. Zur Beerdigung kommt tout le demi-monde Berlins, Regisseure, Strichjungen, leichte Mädchen, Herren mit Zylinder, Transvestiten. Ob es jemals einen Grabstein für sie gegeben hat, ist bis heute nicht geklärt: Ihr Grab ist ein Armengrab.

Nach ihrem Tod erscheinen noch unzählige Nachrufe, die Firma Rosenthal stellt ihre Porzellan-Miniaturen nach ihrem Ebenbild weiter her und der biografische Roman "Der Tanz ins Dunkel" von Leo Lanias kommt heraus. Klaus Mann erinnert sich in einem 1930 in der Zeitschrift "Die Bühne" veröffentlichten Aufsatz daran, wie er sie kennengelernt hat: 
"Anita Berber war schon eine Legende. Sie war erst seit zwei oder drei Jahren berühmt, aber schon ein Symbol geworden. Verderbte Bürgermädchen kopierten die Berber, jede bessere Kokotte wollte möglichst genau wie sie aussehen. Nachkriegserotik, Kokain, Salomé, letzte Perversität: solche Begriffe bildeten den Strahlenkranz ihrer Glorie. Nebenbei wußten die Kenner, daß sie eine ausgezeichnete Tänzerin war."
Dann die Nazizeit, in der der "Kulturbolschewismus" der Weimarer Zeit in Grund & Boden verdammt wird und so auch eine Erinnerung an Anita Berber auslöscht. Das Anita-Berber-Bild von Otto Dix in der Kunsthalle Nürnberg wird als "entartet" beschlagnahmt.

Auch in der Bundesrepublik bleibt sie außerhalb tanzgeschichtlicher Kreise von relativ geringem Interesse, bis Lothar Fischer 1984 sein Buch "Tanz zwischen Rausch und Tod: Anita Berber, 1918-1928 in Berlin" herausgibt. Schon vorher hat eine erste Anita-Berber-Ausstellung mit dem gleichen Titel im Kulturzentrum Berlin e.V. Haus am Lützowplatz stattgefunden. 1988 half Rosa von Praunheim mit seinem Film "Anita – Tänze des Lasters" die Erinnerung an sie wieder zu beleben und ihren Status als tabubrechende Feministin zu befördern. Eine Anita-Berber-Revue mit Ingrid Carven als Anita ist im gleichen Jahr im Renaissance-Theater Berlin zu sehen gewesen. Nun nimmt eine Welle der Erinnerung richtig Fahrt auf. Inzwischen gilt Anita Berber als Ikone des Berliner Nachtlebens der 1920er Jahre.

2003 wird an ihrem Todestag eine vom Bildhauer Hans Scheib entworfenen Gedenktafel am Wohnhaus Anita Berbers in Berlin-Wilmersdorf, Zähringer Str. 13 enthüllt. Im Sommer 2017 wird dann auch auf Teilen des ehemaligen St. Thomas Friedhofs in Neukölln, 66 000 Quadratmeter, die seit 1980 aufgelassen worden sind, ein Anita-Berber-Parker Park eröffnet. Heute kann frau in Berlin reale Führungen durch das "wilde Berlin der 1920er Jahre" vom Nollendorfplatz ausgehend auf den Spuren der Berber buchen. Sollte also jemand demnächst nach Berlin reisen, liebe Leser*innen...





 

11 Kommentare:

  1. Was für ein kurzes, aber heftiges und intensives Leben. Wie ein Sinnbild der 20iger Jahre, so scheint es. Danke für dieses wieder so spannende Portrait!
    Liebe Grüße
    andrea

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  2. vielen Dank für das interessante Porträt, ich lese sie alle gerne!
    Martine

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  3. Liebe Astrid,
    die Frau hat jedenfalls ganz schön viel Intensität in ihre 29 Jahre gelegt. Eine jener Kerzen, die von beiden Seiten brennen... In ihren Augen leuchtete das schon in sehr jungen Jahren auf (als Modell für "Die Dame") - der Blick ist heißkalt, vernichtend und anziehend zugleich, es wundert mich nicht, dass Männer und Frauen und sogar männerliebende Männer sich von ihr angezogen fühlten ... Wahscheinlich war es ein Gück für sie, dass sie die Nazizeit nicht erleben musste... für ihren ersten Ehemann war es das definitiv...
    Ganz herzliche rostrosige Donnerstags-Grüße,
    Traude
    PS: Noch kurz zu deinem Kommentar zu meinem vorigen Blogbeitrag - die Sache mit dem Flüchtlingskoffer (der mich übrigens ebenfalls berührt hat). Du schriebst: "Ich habe mich immer gefragt, warum meine Großmutter bestimmte Dinge wie Weihnachtsbaumschmuck ... mitgenommen hat oder meine Mutter eine bestimmte Sammlung von Büchern ..." Ich glaube, wenn man keine großartigen Wertgegenstände besitzt, die man eventuell umsetzen könnte, dann nimmt man etwas mit, in dem oder mit dem man sich "zuhause" fühlt. Ein Weihnachtsbaumschmuck kann einem das Gefühl von Heimat geben, und manche Menschen fühlen sch vermutlich IN Büchern am meisten zu Hause... Ich weiß nicht, was Marianne-Oma (die Mutter von Janas Papa) von daheim mitnahm, aber ich weiß, dass sie später eine riesige Büchersammlung angelegt hat... vermutlich aus ähnlichen Motiven...

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  4. Liebe Astrid,

    auch wenn ich nicht immer bei diesem Thema kommentiere, so schaue ich mir dennoch sehr gerne deine Beiträge über "Great Women" an und du gräbst wirklich stets ganz außergewöhnliche Frauen aus, um mal bildlich zu sprechen, die es verdient haben, in den Mittelpunkt gerückt zu werden.
    Liest man diese Biographie von ihr, so hatte sie wirklich ein sehr bewegtes Leben, verbunden mit großen Extremen.

    Beim heute bei mir gesetzten Link zur Kölner Journalistenschule musste ich natürlich unweigerlich an dich denken. :-)
    Es ist schon schlimm, wie brutal, ja man kann es ruhig so nennen, Journalisten, die nichts anderes tun als ihre Arbeit, angegangen werden.

    Herzliche Grüße und hab einen schönen Abend
    Christa

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  5. Liebe Astrid,
    vielleicht hat Anita Berber insgeheim geahnt, dass sie sehr jung sterben wird und hat deswegen so intensiv gelebt.
    Danke Dir für das Portrait.
    viele Grüße Margot

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  6. Tatsächlich kannte ich sie gar nicht. Was für ein voll gepacktes kurzes Leben. Man schwankt zwischen Bewunderung und Mitleid.
    LG
    Magdalena

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  7. von Helga:

    Liebe Astrid,

    welch ein Leben, welch ein kurzes Leben, welch ein intensives Leben. Ich habe es wieder mit großem Interesse gelesen. Wer kennt all diese Frauen und bereitet ihr Leben so für uns auf? Die liebe Astrid und sie macht das ganz wunderbar mit viel Herzblut. Heute spiegelt Frau ein anderes Bild wider, schön und anmutig, bunt gekleidet und vermittelt nicht mehr den Eindruck einzig und allein dazu geboren worden zu sein, um den Männern zu dienen, rechtlos und unterjocht. Wir haben es längst gezeigt. Gottseidank das ist erledigt.

    Herzlichst Helga

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  8. Ein Porträt, das ich mit Sicherheit dreimal lesen werde, um mich in den Einzelheiten zu vertiefen. Applaus für Dich!

    Sagenhaft... und ja, Babylon Berlin gesehen und ob der Regie, den Darstellern, der Geschichte als solches, bewundert.

    Sommerliche Grüßle aus Augsburg von Heidrun

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  9. ich kannte nur ihren namen - und die briefmarke, die sich in einem meiner alben befindet. dein beitrag hat mich wirklich umgehauen. so ein kurzes, aber extrem intensives leben!
    liebe grüße
    mano

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  10. ein kurzes aber intensives Leben
    und ein tragisches Ende ..

    LG
    Rosi

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Ich freue mich eigentlich über Kommentare. Doch es gilt auch die uralte Spruchweisheit: "Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus." Da wird dann schon mal der Freischaltknopf nicht gedrückt, auch, wenn im Kommentar das Thema verfehlt wird...

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