Montag, 27. Januar 2020

"Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher"


... schrieb Hannah Arendt, Philosophin, Heidegger- und Jaspers-Schülerin, über Frankreich in die USA gelangt, vor 78 Jahren in einem in New York veröffentlichten Artikel. Die Aussage scheint mir aktueller denn je.

Daran hat offensichtlich das Entsetzen, dass die Menschheit angesichts der Erfahrungen im 2. Weltkrieg und der Entdeckung des Holocausts, dem Mord an über sechs Millionen jüdischen Menschen, befallen hatte, nichts zu ändern vermocht, nicht die Auseinandersetzung mit diesem Thema ab den Auschwitz- Prozessen Anfang der 1960er Jahre in Deutschland, dem Land der Täter, nicht die Erinnerungskultur der 1990er, nicht die Schuldbekenntnisse unserer Repräsentanten bei diversen Gedenkveranstaltungen danach und die Besucherrekorde in Auschwitz von mehr als zwei Millionen Menschen pro Jahr ( wovon allerdings nur ein Viertel Deutsche sind ).

Das muss auch ich einsehen angesichts der Entwicklungen in vielen Ländern unserer Erde, angesichts der Umtriebe in unserem Land. Die Entdeckung der Gräuel, die meine Vorfahren anderen Menschen im Nationalsozialismus bereitet haben - ich war gerade des Lesens kundig, als mir in einer Illustrierte der Bericht über Auschwitz in die Hände fiel - stellte eine Zäsur in meinem jungen Leben dar. Ich war fassungslos und konnte nur noch denken: "Das haben Menschen aus DEINEM Land gemacht, du gehörst zu einem Volk von solchen Unmenschen!" Schuldgefühle legten sich auf meine Schultern, jahrzehntelang. Und ich stellte alle religiösen und gesellschaftlichen Werte und Vorschriften, die mir meine Umwelt vermittelte, in Frage, denn sie hatten durch diese beispiellose Inhumanität jegliche Glaubwürdigkeit verloren.

Die Entdeckung war aber auch Ansporn und Motivation für mein weiteres Tun & meine Haltung, auch und besonders in meinem Beruf. Nach den Erfahrungen der letzten Jahre muss ich jedoch wahr haben, dass das Gedankengut, welches diesen Gräueln zugrunde lag, in den Köpfen eines Viertels unserer Bürger trotz aller Aufklärung überlebt hat und nun wieder auf allen zur Verfügung stehenden Wegen ins gesellschaftliche Leben drängt, also wieder salonfähig wird. Offensichtlich gibt es in manchen Menschen Wesenszüge & Geisteshaltungen - ob durch Erziehung weitergegeben oder gar die Gene -, die die Abwertung von Mitmenschen bis zu ihrer Vernichtung nötig machen, um sich allmächtig fühlen zu können und den eigenen Narzissmus zu bedienen.

Der heutige Gedenktag geht zurück auf den Tag der Befreiung der Überlebenden des deutschen Konzentrationslagers auf polnischem Boden - Auschwitz - durch die 322. Infanteriedivision der 60. Armee der I. Ukrainischen Front. 1996 wurde der Tag auf Initiative des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog offizieller deutscher Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, im Jahr 2005 zogen die Vereinten Nationen nach und riefen den Tag zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts aus.

Wer sich noch einmal über Auschwitz informieren will, dem sei der Beitrag der Landeszentrale für die politische Bildung Baden- Württemberg empfohlen. Ich selbst habe mit noch einmal die Filme der Deutschen Fernsehgeschichte zum Auschwitz - Prozess angesehen, zu finden bei YouTube.

Genug der Worte! Es sind doch schon so viele gefallen und konnten die Gefahr nicht bannen. Ich lasse euch hier & jetzt noch etwas Musik, Musik vom wunderbaren Mikis Theodorakis, der in seiner "Ballade von Mauthausen" einen Text von Jakovos Kambanellis vertont hat, der selbst zwei Jahre im österreichischen Konzentrationslager Mauthausen inhaftiert gewesen war, gesungen von der beeindruckenden, noch jungen Maria Farandouri 1966:  Άσμα Ασμάτων/Asma Asmaton/Hohes Lied/Lied der Lieder*


Τι ωραία που είν' η αγάπη μου
Με το καθημερνό της φόρεμα
Κι ένα χτενάκι στα μαλλιά
Κανείς δεν ήξερε πως είναι τόσο ωραία

O wie schön ist doch meine Geliebte 
In ihrem Alltagskleid 
Ich seh’ sie vor mir mit ihrem Kämmchen in dem Haar. 
Und keiner hat es je gewusst, dass sie so schön ist.
Ihr Mädchen von Auschwitz und von Dachau, ihr Mädchen 
Habt ihr gesehen die Geliebte mein?

Wir sahen sie auf einer weiten Reise 
Ihr Kleid trug sie nicht mehr 
Und auch kein Kämmchen im Haar.

O wie schön ist doch meine Geliebte 
Verwöhnt von ihrer Mutter 
Verwöhnt von den Küssen ihres Bruders! 
Und keiner hat es je gesehn, dass sie so schön ist.

Ihr Mädchen von Mauthausen, ihr Mädchen von Belsen 
Habt ihr gesehen die Geliebte mein?

Wir sahen sie auf einem eiskalten Platze 
Und mit einer Nummer auf dem weißen Arme 
Und einem gelben Stern auf ihrem Herzen.

O wie schön ist doch meine Geliebte 
Verwöhnt von ihrer Mutter 
Verwöhnt von den Küssen ihres Bruders! 
Und keiner hat es je gesehn, dass sie so schön ist.


Wie wichtig doch das einzelne Schicksal ist! Zahlen vergisst man doch immer. Und Musik geht unter die Haut. Das habe ich damals empfunden, als ich in den frühen 1980er Jahren die Mauthausen - Kantate gesungen habe, das ist mir wieder so gegangen, als ich diesen Post vorbereitet habe. Aber wie erreicht man die Herzen der Hartleibigen, der Leugner, der Relativierer? Ehrlich gesagt, weiß ich da manchmal nicht mehr weiter. Feiertagsreden sind es jedenfalls nicht...






* Es braucht etwas Geduld, bis der Gesangsauftritt Maria Farandouris zu hören & zu sehen ist ( ab 2.35min ). Dieses Video ist das einzige von diesem Konzert, das mir YouTube erlaubt einzubetten...

Kommentare:

  1. Geschämt habe ich mich auch jahrelang als Kind und junge Erwachsene. Erst als in unserer Stadt, die von den Nazis ja so bevorzugt wurde, eine Erinnerungskultur diesbezüglich eingesetzt hat, die dieses Namens würdig ist, wurde die Scham geringer. Man konnte sehen und hören, dass sich auch andere schämen und man konnte die Dinge beim Namen nennen. Auch wenn sie eigentlich nicht zu benennen waren, so unfassbar waren sie.
    Die Entwicklung bei uns und in vielen anderen Ländern erschreckt mich und hätte ich nie für möglich gehalten.
    Doch man muss immer alles für möglich halten, wenn man mit Menschen zu tun hat. Dennoch vertraue ich immer noch auf die 3/4 Menge der anderen und glaube an das Gute im Menschen.
    Heute jedoch denke ich an das Schlechte in ihm und die vielen Menschen, die anderen Menschen zum Opfer gefallen sind. Traurig.
    Sieglinde

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  2. Ja, Astrid, schlimm, aber man erreicht sie nicht. Und man erreicht sie nicht in Frankreich, in Italien, in den USA..Es ist eine weltweite Seuche, gegen die man noch keine Impfung erfunden hat.Und das wirklich Schlimme ist, dass man sich gar nicht darum bemüht. Das ist wie mit feigen Nichtnamensnennern. Aber die kann man wenigstens persönlich am Erstarken hindern!Herzlich, Sunni

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  3. der Mensch ist des Menschen größter Feind

    man denkt eigentlich das Entsetzen und Grauen über das was man erfahren und gesehen hat müssten alle Menschen gleich empfinden
    aber es tut es nicht
    was nicht sein darf wird einfach geleugnet
    wir doch nicht .. wir sind ein kultiviertes Volk
    die Barbaren waren vielleicht die Anderen ..aber wir doch nicht
    solche Menschen erreicht man auch nicht
    erst wenn es ihnen genau so ergehen würde ..
    dann würden sie es begreifen
    nachdenkliche Grüße
    Rosi

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  4. Liebe Astrid, dieser Konflikt wird wohl auf verschiedenen Ebenen immer bleiben. Es gibt immer die, die sich nur selbst anerkennen können, wenn sie andere erniedrigen. Meiner Meinung hat auch die Justiz in weiten Teilen versagt und vor allem die Schulen. In der Oberstufe ist die Beschäftigung mit dem Naziregime Pflicht, aber sonst?
    LG
    Magdalena

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  5. Liebe Astrid,

    ich möchte hier auch noch an die Holocoust-Überlebende erinnern - Charlotte Delbo/Dudach - Resistanc-Kämpferin und an ihr eindringliches Gedicht: Oh Ihr Wissenden:

    O ihr Wissenden

    wusstet ihr, dass Hunger die Augen glänzen lässt

    dass Durst sie trübt


    O ihr Wissenden

    wusstet ihr, dass man seine Mutter tot sehen und keine Tränen haben kann


    O ihr Wissenden


    wusstet ihr, dass man morgens sterben will und abends Angst hat


    O ihr Wissenden


    wusstet ihr, dass ein Tag länger dauert als ein Jahr eine Minute länger als ein Leben


    O ihr Wissenden


    wusstet ihr, dass Beine zerbrechlicher sind als Augen

    Nerven härter als Knochen

    das Herz widerstandsfähiger als Stahl


    Wusstet ihr, dass die Steine am Weg nicht weinen,

    dass es nur ein Wort für Entsetzen gibt

    nur ein Wort für Angst


    Wusstet ihr, dass das Leiden keine Schranke kennt

    der Schrecken keine Grenze


    Wusstet ihr es

    ihr Wissenden

    Charlotte Delbo (1913 - 1985)

    französische Künstlerin und Schriftstellerin

    Überlebende des Holocaust

    Es darf nicht vergessen werden - niemals!

    Viele Grüße Luitgard


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  6. Und am Schlimmsten finde ich, dass es immer mehr gibt, die diesen Massenmord leugnen. Denen man Beweise vorlegen kann, wie Massengräber, Augenzeugenberichte, Fotos, Filme... und die trotzdem der Meinung sind, das alles wäre nur eine Verschwörungstheorie...
    Eine entfernte Verwandte von mir wurde damals zwangssterilisiert. Weil sie aufgrund eines Unfalls geistig nicht mehr so schnell war wie andere. An sie musste ich denken, als ich letzte Woche die Doku über Studien zur Sterilisierung in Auschwitz gesehen habe.
    Furchtbar ist das alles.
    LG von TAC

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  7. Liebe Astrid,

    bei Psychopathie geht man heute von mehreren Faktoren aus, Gene und Erziehung, bei manchen ist es sicherlich auch eine cerebrale Anomalie durch eine gefährdete Schwangerschaft? Meiner Meinung nach, haben wir den lebenswerten Punkt oder Bereich (Gauß'sche Verteilungskurve, wer kann sich noch an sie erinnern?) die letzten Jahrzehnte überschritten - während er ab etwa 1870 bis 1920er unterschritten war. Damals war Armut die Regel, dafür hatte man verläßliche Freunde und Familie. Heute leben wir in einem Dauerbombardement an schlechten Nachrichten. Und sollten diese doch einmal gut sein, strotzen sie nur vor Oberflächlichkeit. Haben aber eigentlich keine echten Gespräche und solide Bindungen mehr, um damit anders umgehen zu können. Und - seien wir ehrlich: Es leben mehr Menschen, als für Umwelt und Gesellschaft gut ist. Da kann dann ein krankes Hirn schon auf die Idee kommen, die irrsinnigen Ansichten der NS sollten wieder aufleben.
    Was mir Angst macht, ist unsere schludrige Politik. Denn jetzt sitzen sie rotzfrech im Bundestag mit, versuchen wir doch mal, die Braunhemden wieder loszuwerden.
    Der Nationalsozialismus war bei uns nie ein gemiedenes Thema, meine Eltern haben es nicht ausgespart. Ein Onkel meines Vaters war evangelischer Pfarrer und sollte erschossen werden. Die Fama sagt, ihm hätte das umgehängte Kreuz das Leben gerettet. Was auch immer es war, er floh in die USA und kam meines Wissens auch nie wieder nach Deutschland zurück.
    Ich sage mal so, politische (und auch geschichtliche) Bildung hat in Deutschland einen geringen Stellenwert. Wenn da nicht ein mitreißender Lehrer vor der Klasse steht, passiert nüscht. Das habe ich an mehreren Schulen dank Umzug erlebt. Und wenn die ältere Generation lieber gegen andere stichelt, anstatt den Jüngeren ein positives Vorbild zu sein... Es kam so oft vor, wie mich Kinder in der Grundschule als Rumänin beschimpften, die Kleidung mehrfach zerfetzten - und keinerlei Ahnung hatten, was sie reden. Und ich gehe jede Wette mit Dir ein, daheim kamen Sprüche wie "früher hätte man das Problem erledigt" und so weiter.
    Ich will so eine häßliche Zeit jedenfalls nicht erleben müssen.

    Herzliche Grüße
    Franziska

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  8. Ja, man kann am Menschen verzweifeln.

    Mir persönlich ist das Grauen zweimal vor Augen geführt worden, das erste Mal als wir in Tschechien das Dorf Lidice besuchten, dessen Dorfbewohner, Männer, Frauen, Kinder, so gut wie alle grausamst ermordet wurden, das Dorf zerstört; das zweitemal als wir im Harz das KZ Mittelbau Dora besucht haben, die Verbrennungsöfen gesehen haben, die Ascheberge, auf denen Birken wuchsen, der Besuch der Tunnel, in denen die Häftlinge die V2 gebaut haben und vegetierten.

    Was habe ich mich geschämt, über uns Deutsche, selbst jetzt treten mir die Tränen in die Augen, wenn ich nur an das Geschehene (und Gesehen) erinnere. Ich war sicher, das passiert uns nie wieder.
    Auch deshalb ist es mir enorm wichtig, sofort Stellung bei jedem blöden Stammtisch-Gelabere zu beziehen.

    Jede(r) Deutsche sollte mindestens einmal in ihrem/seinem Leben eine der zahlreichen Gedenkstätten besuchen (müssen), sinnvoller als jeder Abi-Ausflug nach London oder Malle wäre es allemal.

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    1. Nachträglich veröffentlicht, da Brigitte aus dem Münsterland den Namen vergessen hat, sich aber nun bei mir gemeldet hat.
      Die Blog-Administratorin 😉

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  9. Ich fürchte, dass auch die Sicherheit auf dem Mond eine trügerische ist, sobald ein Mensch wieder den Fuß darauf setzt...
    Tragischerweise kommen die Hasstriaden in unserem Land jetzt auch noch aus verschiedenen Richtungen.
    Ja, die Scham und Wut aus Kindertage kommt wieder hoch.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  10. Auf Arte läuft gerade der Film "Lauf Junge lauf" den ich auch schon mal gesehen habe. Darin wird der neunjährige Srulik geschildert, der aus dem Warschauer Ghetto entflieht. In seinem täglichen Überlebenskampf begegnen ihm wohlgesinnte Helfer, aber auch solche die sich als Verräter entpuppen.
    Es gibt halt jederzeit immer auch ganz viele hilfsbereite und positive Menschen. Wir müssen alles tun, niemals in die Nähe von Situationen (oder gesellschaftlichen Entwicklungen hinzugleiten) die so etwas krankes, Perveres und Menschenunwürdiges ermöglichen - ich habe die Hoffnung noch nicht gänzlich verloren.
    Herzliche Grüße
    Gerda

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  11. Ich glaube, man erreicht sie immer weniger, seufz! Aber mit der verordnet-antifaschistischen Erziehung in der DDR hats ja auch nicht geklappt... wohl weil zuhause oft ganz anders geredet wurde als in den Schulen und die DDR nicht wirklich antifaschistisch war - - -
    Kann man nur auf das Gute hoffen und den Sieg der Vernunft imZeitalter von Facebook (ja, das fällt schwer!)
    Jetzt endlich, 4mal von Katze gestört...das Lied gehört, danke fürs Teilen.
    Dunkelmorgenhimmelgrüsze (und schon wieder Pfotentrommelfeuer an der Fensterscheibe - ) für einen ruhigschönen Tag
    Mascha

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