Mittwoch, 18. September 2019

Auf meinem Stehpult VII { Buch des Monats }

"Die Angst saß uns immer 
in den Knochen."
Peggy Parnass

 "Denn immer wieder überfielen sie diese Ängste,
etwas falsch zu machen, Unpassendes zu sagen
und dafür ausgelacht zu werden."
Seemann/Müller


Mal wieder zwei Monate Pause bei meinen Buchvorstellungen...

Da ich immer sehr gezielt für meine Frauenposts lese und keine fiktionale Literatur, habe ich nicht oft für die Allgemeinheit wirklich Interessantes an dieser Stelle zu bieten - wer liest schon so wie ich gerne dauernd Biografien?

Die beiden heutigen Bücher sind dann eher auch ein "Abfallprodukt" meiner Recherchen zu den tollen Frauen, die ich donnerstags so in meinem Blog vorstelle. Und weil meine Enkelin so einen Gefallen an den beiden Bänden von "Good Night Stories for Rebel Girls: 100 außergewöhnliche Frauen" ( hier eines davon vorgestellt ) gefunden und sie sogar als Lesemepfehlung in ihrer  Klasse vorgestellt hat, schaue ich so nebenbei auch immer nach Lektüre über besondere Frauen, die für Kinder & Jugendliche geeignet ist.

Das erste Buch "Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete" von Peggy Parnass,  erstmals in einem kleinen Hamburger Kunstverlag erschienen und damals von der Stiftung Buchkunst als eines der "schönsten Bücher" 2013 ausgezeichnet, hat der Fischer Verlag dankenswerter Weise neu aufgelegt und damit dauerhaft einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Dankenswerterweise, weil das ein Buch ist "Gegen das Vergessen", welches ohne erhobenen Zeigefinger über die Opfer des Holocausts erzählt. Es ist die Geschichte der Peggy Parnass selbst, die sie erzählt, so, wie ich es von ihr durch ihre Gerichtsreportagen gewohnt bin, unverfälscht, dass es schmerzt. Und dennoch schreibt sie auch so, dass das elfjährige Mädchen zu einem spricht, das Peggy gewesen ist, als sie mit ihrem vierjährigen Bruder von der geliebten Mutter in letzter Minute zum Bahnhof gebracht und in einen Zug nach Schweden gesetzt wird, um sie vor der Judenverfolgung im Dritten Reich zu retten.



Die Mutter trennt sich von ihren Liebsten, und es ist ein Abschied für immer. Für die Kinder beginnt eine Odyssee. Auf die Mutter und den Vater, einen leidenschaftlichen polnisch-jüdischen Spieler, wartet das unweigerliche Todesurteil im Nazi-Deutschland: Simon & Hertha Parnass kommen über einen Aufenthalt im Warschauer Ghetto nach Treblinka, wo sie ermordet werden.

Peggy Parnass Buch  handelt von der Liebe, der Eifersucht, der Angst und den vielen, vielen schönen Momenten, die ihre Familie ausgemacht haben. Eine Familie, die am Ende zerstört und so gut wie ausgelöscht ist.

Ganz besonders sind die Illustrationen der Brasilianerin Tita do Rego Silva, die in der Nachbarschaft von Peggy Parnass im Hamburger Stadtteil St. Georg wohnt, insofern besonders, als sie mit ihren Farben so gar nicht zum sonst gemalten Bild des Holocausts im Nazi-Deutschland passen. Außerdem ist die Technik -  Holzschnitt, der mit der verlorenen Form arbeitet - eine, die aus Vergänglichem ein bleibendes Bild schafft.

Eine eindringliche Erzählung, eine Hommage an ihre Eltern, die mich aufgewühlt zurückgelassen hat. Für Kinder in Sprache und Bild sicher geeignet, und dennoch wäre es schön, wenn Erwachsene mitlesen, um zu erklären und aufzufangen.

Das zweite Buch "Das Mädchen im Schloss - Anna Amalia I: Lebensgeschichten der Herzogin Anna Amalia (1739-1807)" von Annette Seemann & Ulrike Müller ist im Knabe Verlag Weimar erschienen und erzählt vom Leben der noch jungen Prinzessin Anna Amalia ( ja die mit der wunderbaren Bibliothek! ) am Hof ihrer Familie, der Herzogsfamilie von Braunschweig - Wolfenbüttel - Lüneburg, vor mehr als 250 Jahren. 

Das Leben des intelligenten Mädchens ist so gar nicht märchenhaft, denn selbst die bewunderte Mutter hält es für einen "Ausschuss der Natur". Wie Anna Amalia mit dieser Zurücksetzung umgeht - dass dazu eine Fantasiefigur wie die Nixe Amalunde eingeführt wird, hat mich persönlich eher gestört - und sich selber findet und behauptet, wird in detailverliebten Episoden beschrieben, die einen Einblick ins höfische Leben im 18. Jahrhundert geben und auch mit sprachlichen Besonderheiten - in einem Glossar erklärt - bekannt macht.

Das Buch beginnt mit der siebenjährigen Amélie und endet, als sie 16-jährig nach Weimar verheiratet wird ( zur Zeit danach soll  ein zweiter Band folgen ). Die Quellenlage zu Anna Amalias Kindheit und Jugend ist dünn, so dass vieles der Fantasie und Fabulierfreude der Autorinnen überlassen blieb. Die Illustratorin Brigitte Geyersbach hatte es da einfacher, in aufwendigen und detailreichen Illustrationen ein Bild der Zeit wiederzugeben.

Wie hat eine Prinzessin im 18. Jahrhundert eigentlich wirklich gelebt? Auf diese Frage antwortet das Buch umfassend und gleichzeitig kindgerecht, ob es kindliche oder jugendliche Leser wirklich zu faszinieren vermag, mag ich selbst nicht zu beurteilen, denn ich tue mich bei historischen Stoffen schwer, wenn man sich zu sehr in Einzelheiten verliert und neige dazu, solche Stellen zu überfliegen. Also werde ich demnächst das Buch an die junge Leserin weitergeben...

Verlinkt mit Andrea Karminrots Lesezimmer

Kommentare:

  1. Schöne Buchvorstellungen, auch wenn Du meinst, es wäre eher "Abfallprodukte". Es gibt doch wunderbare Bücher, die so Geschichte und schwierige Lebenswege von mehr oder weniger berühmten Persönlichkeiten für Kinder und Jugendliche vermitteln, Die *Gute Nachtgeschichten* haben übrigens eine Fortsetzung und auch für *Boys* ist ein Buch erschienen. Leitbilder, Vorbilder, ...sehen, dass es anderen Menschen vielleicht auch mal so ergangen ist, wie einem selber oder dass ihr Leben noch viel schwieriger war, das ist doch ein guter Ansporn.
    Liebe Grüsse
    Nina

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  2. Auch ich lese gerne Biographien, immer sehr gerne zu vergangenen oder bevorstehenden Reisen oder Ausstellungen oder ich bin sonstwie auf die Thematik aufmerksam geworden.
    Da ich zum Geburtstag "Der Berg ruft", eine Eintrittskarte zu der Installation zu den Bergen dieser Welt im Gasometer Oberhausen, geschenkt bekam, mittlerweile auch besucht habe, lese ich aktuell viel von/über/zu Bergen, Bergsteigern etc..

    Ich war mit meinen Eltern sehr oft in Weimar zu Besuch, allerdings nicht auf den Spuren Goethes oder Schillers, sondern meine Mutter war ein großer Liszt-Fan, das schloss dann die Bayreuther Sippe ein. Die Bibliothek konnte ich tatsächlich bei meinem ersten Besuch noch durchschreiten und bewundern, mittlerweile bestaunt man sie ja nur noch durch Glaswände.

    Danke für den Lesetip zu Anna Amalia, wird geordert, und wenn´s nix für mich ist - es stehen ja zwei Enkelinnen und zwei Enkel parat.

    Liebe Grüße aus dem Münsterland - Brigitte

    PS: Wir gehen am Freitag zu der FfF Demo, ein 1,5 Jahre alter Enkel, zwei 3 Jahre alte Enkelin und Enkel, meine Tochter und ich.


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  3. von Helga:

    Liebe Astrid,

    schön mal wieder an Dein Stehpult treten zu dürfen. Keine verstaubte Literatur, sondern diese Vorkommnisse werden stetig wach bleiben. Mein Enkelsohn ist immer interessiert an der Vergangenheit, darum ein Danke für die Vorstellungen, wer? wenn nicht in den Blogs liebe Menschen wären, die gerne auch mit Unbekannten aus Bayern kommunizieren würden. Seit nicht ganz so streng mit den Bayern, ich bin eine Fränkin, also eine halbe Portion nur von dem bay. Schweinsbraten, gehöre halt dazu, weil ich muß, aber eigenständig in meiner Persönlichkeit und mit meiner Meinung bin ich absolut und den FC Bayern mit seinem Anhang mag ich gar net. Da bin ich dann lieber der Club Fan, weil der mein Papa schon vor 100 Jahren war, allerdings in der Schwimmabteilung, auch gerne in der zweiten Liga dann, wenns sein muß. Gruß zur Geißbockelf nach Köln von der Helga

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    1. Ich mag die Bayern ( und die Franken auch ), habe immer nette kennengelernt. Aber zwei Sachen mag ich nicht: dass ich als Kind für bayrisch-doof gehalten wurde, wo ich doch Badenerin bin. Und dass ich als Lehrerin immer die bayrischen Schulen als Vorbild vor die Nase gesetzt bekommen habe, und mehrmals ganz arme Würstchen aus Bay. Schulen wieder aufpäppeln durfte zu Schülern, die sich wieder was zutrauen.
      Erfahrungen, die prägen...
      LG

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  4. Ich lese ebenfalls gerne Biografien, sogar in der Hauptsache und das finde ich immer wieder etwas. Heute war ich auf den Spuren dieser Frau mit dem Rad und ich stelle sie gelegentlich mal vor.
    Ich bin begeistert.

    Mich entsetzt es allerdings auch heute wieder ganz schlimm, dass Kinder und Eltern in der Geschwister-Scholl-Straße wohnen und nicht mal wisser, wer diese Geschwister waren.
    Man kann nicht alles wissen liebe Astrid, aber wer die Geschwister Scholl waren, zumal man in der Straße wohnt, sollte man doch wissen.
    Es ist nicht das erste Mal, dass ich hier fast in Ohnmacht gefallen bin. Das ist aber nicht nur Sache der Schule, sondern auch ein Großteil vom Elternhaus.

    Lieben Gruß Eva

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  5. Danke für die Vorstellung der interessanten Kinderbücher. Das Eintauchen in vergangene Zeiten (vor allem wenn sie sehr dunkel waren) sollte immer gut begleitet sein, da hast du vollkommen recht.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  6. Ich finde zwei tolle Bücher! Bücher die vom Holocaust handeln, sollten Kinder ohnehin nicht alleine lesen.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  7. Ohhhhh, danke dir du Liebe, Peggy Parnass, wie großartig. Ich habe ihre Gerichtsreportagen nahezu verschlungen.
    Das Buch muss her :).
    Ganz ganz liebe Grüße und eine wundervolle Zeit
    Elisabeth

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    1. Da darfst du dich auf mehr bei mir im Blog freuen....
      GLG

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  8. gut, dass es solche bücher gibt, die man als erwachsener mit kindern gemeinsam lesen und besprechen kann/sollte (auch wenn ich gerade keine gelegenheit dazu habe.) von peggy parnass reportagen waren wir immer begeistert, deshalb werde ich mir das buch besorgen, denn ich kenne ihre kindheitsgeschichte nicht. obwohl ich holzschnitte sonst sehr mag, sprechen mich die illustrationen absolut nicht an, eher das gegenteil ist der fall - diese maddrigen farben mag ich überhaupt nicht.
    das anna-amalie-buch findet sich sicher hier in der bibliothek. mal sehen...
    liebe grüße
    mano

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    1. Was sind maddrige Farben, liebe Mano? das Wort habe ich so noch nicht gehört...😄
      GLG

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  9. Zwei interessante Bücher, wobei ich das über Anna Amalia schon gelesen habe, wie Du Dir denken kannst. Ich finde auch die Nixe nicht so ganz gelungen und eher störend. Aber sonst ein feines Buch. Bin gespannt, was Deine junge Leserin dazu sagt.
    Das Buch von Peggy Parnass ist bestimmt keine leichte Lektüre und bedarf einer gewissen Begleitung, denke ich. Ich kann mich noch gut dran erinnern, dass ich als ca. 12jährige das "Tagebuch der Anne Frank" gelesen habe und darüber schwer erschüttert war. Das hat lange vorgehalten.
    Die farbigen Holzschnitte finde ich interessant, zumal einem aus dieser Zeit fast nur schwarz-weiß Fotos unter die Augen kommen. Man hat gar keinen richtigen Farbenbezug dazu.
    Danke fürs Vorstellen und herzliche Grüße von
    Sieglinde

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