Donnerstag, 11. April 2019

Great Women # 177: Rachel Carson

1962 war für mich ein beunruhigendes Jahr, das mir viel von meiner kindlichen Unbeschwertheit auf Dauer genommen hat: Die Kubakrise barg eine echte Kriegsgefahr, der Conterganskandal erschütterte das Vertrauen in die Medizin, in Hamburg gab es eine  Bedrohung durch Hochwasser sondergleichen. Und wir hörten von einem Buch, dass uns einen Frühling ohne Vogelgesang voraussagte, was zum Gesprächsthema in meiner Familie voller Vogelfreunde wurde: "Silent Spring" von Rachel Carson. Ihr ist mein heutiges Porträt in dankbarer Erinnerung gewidmet, denn sie hat meine Augen für ökologische Zusammenhänge geöffnet.



"The real wealth of the Nation 
lies in the resources of the earth 
— soil, water, forests, minerals, and wildlife."


Rachel Carson kommt am 27. Mai 1907 in einem Dorf namens Springdale, nahe der Industriestadt Pittsburgh gelegen, zur Welt, auf einer 64 Hektar großen Farm mit einem Obstgarten voller Apfel- und Birnbäumen und einem Stall mit Schwein, Pferd und etlichen Hühnern und Schafen - ein Ort, ganz wie er in den Eingangszeilen von "Silent Spring" mehr als fünfzig Jahre später aufscheinen wird...

Rachels Geburtshaus in Springdale, heute Museum
Rachel ist das jüngste der drei Kinder des Ehepaares Maria McClean Carson und Robert Warden Carson. Die Eltern sind 1900 von Washington in die Gegend gezogen und haben Ländereien erworben, aber nicht die Absicht, diese als Farmer zu bewirtschaften. Vielmehr will der Vater, der sich als Grundstücksmakler versucht, der Stadt Pittsburgh dieses Land gewinnbringend verkaufen, wenn diese weiter wachsen sollte. Das erweist sich aber als glatte Fehlspekulation. Überhaupt ist dem Vater in all den Berufen, die er während seines Lebens ausübt, das Glück nicht gerade hold. Die Familie erlebt dadurch immer wieder Zeiten finanzieller Anspannung und ist im Dorf isoliert, weil der Vater als Versager gilt. Die Familie macht das zu Außenseitern, verhindert auch die Teilnahme der Kinder an Aktivitäten ihrer Altersgenossen und erschwert es, Freunde zu finden.

Stabilisierender Faktor in der Familie ist Mutter Maria, aus einer presbyterianischen Pfarrersfamilie stammend, für eine Frau jener Zeit überdurchschnittlich gut ausgebildet und Lehrerin - ein Beruf, den sie nach ihrer Heirat aufgeben muss, denn auch in den USA gibt es also das berüchtigte "Lehrerinnen - Zölibat"!

1925
Früh schon nimmt die Mutter Rachel mit in die Wälder der Umgebung, ins Tal des Allegheny, einem Quellfluss des Ohio Rivers im Osten der USA, wo sie Pflanzen bestimmen und Vögel beobachten. In den strengen Wintern, in denen die Schule geschlossen bleibt, oder bei Kinderkrankheiten praktiziert die Mutter "home - schooling". Uneingeschränkt fördert sie die Wissbegier und die Talente der jüngsten Tochter - Rachels Geschwister sind zehn bzw. acht Jahre älter - die gerne liest und schreibt und bald ein höheres Ausbildungsniveau als die anderen Kinder in ihrer Klasse hat. 

Mit elf verfasst sie für das "St. Nicholas for Boys and Girls" - Magazin kleine, mit zehn Dollar honorierte Geschichten, die sie auch mit Zeichnungen versieht und in denen die Tiere anthropomorphisiert dargestellt werden. Die letzte Geschichte für das Magazin schreibt sie, als sie schon fünfzehn ist, über einen Ausflug in die Hügel von Pennsylvania.

Das Magazin bringt nicht nur Geschichten unbekannter & namhafter Schriftsteller wie Mark Twain oder Rudyard Kipling, sondern ist Teil des "nature-study movements", einer damals sehr populären Bewegung in der amerikanischen Pädagogik, die fordert, durch wissenschaftliche Beobachtung in der Natur das Wissen über diese zu erlangen, nicht über Bücher. Diese Bewegung wird damals vor allem von Frauen getragen, weshalb männliche Kritiker sie gerne als "romantisch" und "sentimental" abtun. Geprägt ist die Bewegung von einer Ethik des Bewahrens der den Menschen umgebenden Natur, was auch als göttliche Verpflichtung angesehen wird.

Erzählt wird, dass Rachels besondere Liebe zum Meer, das sie persönlich bis dahin nie gesehen hat, ausgelöst wird, als sie eine große versteinerte Muschel an den Felsvorsprüngen des elterlichen Hügellands gefunden hat. Mit Verve macht sie sich daran, das alles zu klären.

Bis zum zehnten Schuljahr ist sie Schülerin der lokalen Bildungseinrichtung in Springdale und besucht anschließend die Highschool im nahe gelegenen Parnassus. 1925 schließt sie diese als Klassenbeste ab und erhält ein Stipendium für das "Pennsylvania College for Women" in Pittsburgh.

Anders als ihre Geschwister, die die Schule ohne Abschluss verlassen haben, nimmt sie ein Studium auf - Literaturwissenschaften, mit dem Ziel Lehrerin zu werden. Die Eltern verkaufen auch Land, um das Studium für Rachel zu ermöglichen. Ihre Mutter gibt Klavierstunden und übernimmt öde, ungeliebte Tätigkeiten für andere Leute im Dorf. Und am Wochenende reist sie von der Farm in die große Stadt, um die Referate der Tochter zu tippen ( später wird sie das auch noch mit Rachels Büchern so halten ), nicht zuletzt, weil sie wie viele Mütter damals, sich nach mehr Bildung sehnt.

Rachel erfüllt tatsächlich alle Erwartungen und ist eine exzellente Studentin. Von ihren Mitstudentinnen wird sie allerdings als kühl und unverbindlich erlebt. Außerdem finden die es seltsam, dass Rachel ihre Wochenenden mit der Mutter oder zu Hause verbringt, für sie eher eine fade Sache, weshalb sie sich über sie lustig machen. Es ist also auch an diesem Ort schwierig für die junge Frau, Freunde zu finden. Mit der Zeit ändert sich das ein wenig, weil Einige bei gemeinsamen Studien sie als zugewandt und überhaupt nicht blasiert erfahren. In den Lehrveranstaltungen selbstbewusst auftretend, ist & bleibt Rachel in persönlichen Beziehungen und Freundschaften hingegen sehr schüchtern.

Beim Sommerkurs im
Woods Hole Biological Laboratory, Massachusetts (1929)
1928 wechselt sie von der eher weiblichen Literaturwissenschaft zur eher männlich empfundenen Naturwissenschaft, was die wenig gut situierte Familie auf eine harte Probe stellt, so dass Rachel nebenher arbeitet, um sich zu finanzieren. 1929 schließt sie dieses Studium mit  "magna cum laude "ab .

Nach Studienabschluss nimmt sie an einem Sommerkurs an einer auf Meeresbiologie spezialisierten Forschungseinrichtung in Massachusetts teil und beginnt anschließend mit 22 Jahren ein Studium in Zoologie und Genetik an der "Johns Hopkins University" in Baltimore (Maryland), was erneut durch ein Stipendium möglich wird.

Als im zweiten Studienjahr das Stipendium aber von einem Vollzeitstudium abhängig gemacht wird, allerdings nur ein Drittel der mittlerweile gestiegenen Studiengebühren abdeckt, nimmt Rachel einen Job als Assistentin im Labor von Raymond Pearl an und führt Untersuchungen an Ratten und Fruchtfliegen durch. Sie unterrichtet auch zeitweise selbst an ihrer eigenen Universität, ab September 1931 auch an der von Maryland. Ihre ganze Familie - Mutter, der kränkliche Vater, ihre geschiedene Schwester mit zwei kleinen Nichten - sind inzwischen zu Rachel nach Baltimore gezogen.

1932 beendet sie das Studium mit einem Master in Zoologie. Ihr Vorhaben zu promovieren muss Rachel 1934 aufgeben, um mit einer Lehrtätigkeit ihre Familie finanziell zu unterstützen, besonders nachdem ihr Vater 1935 plötzlich verstirbt und sich die Lage der Familie nochmals deutlich verschlechtert, auch, weil die Schwester Marian schwer erkrankt. Es ist die Zeit der Großen Depression mit ihrer Arbeitslosigkeit ungeahnten Ausmaßes. Eine wissenschaftliche Karriere steht einer Frau in jenen Tagen ohnehin kaum offen. Auf Anraten einer ihrer Lehrerinnen legt sie aber noch die  "American-civil-service"-Prüfung ab, um vielleicht einmal bei einer staatlichen Behörde arbeiten zu können...

Da sich also keine weitere, für sie passende Tätigkeit finden lässt, arbeitet Rachel erst einmal freiberuflich für die Fischereibehörde des Innenministeriums. Für die schreibt sie Radiomanuskripte für eine Serie mit dem Titel "Romance Under the Waters" ( es werden 52 jeweils siebenminütige Sendungen zum  Leben im Wasser ). Für die "Baltimore Sun" verfasst sie kleine Artikel, ebenfalls über Meeresfauna und -flora, die sie mit "R.L.Carson" markiert, um ihr Geschlecht zu kaschieren.

1936 - da ist sie gerade 29 Jahre alt  - wird sie Junior - Biologin bei der US - Fischereibehörde. Sie ist dort die zweite Frau mit einem Vollzeit - Job. In ihrer Freizeit schreibt sie weiterhin Artikel für verschiedene Zeitschriften. 1937 stirbt dann ihre Schwester Marian und hinterlässt ihre zwei Töchter,  gerade elf und zwölf, deren Unterhalt Rachel mit den Einkünften aus der schriftstellerischen Tätigkeit gewährleistet. Ihre familiären Verpflichtungen - besonders gegenüber den Kindern - sind eine Bürde, die sie eines eigenen Privatlebens beraubt und physische und psychische Energie kosten. Doch Rachel Carson hat da ihre eigene Logik, was das Sorgen für andere betrifft: Ihr Naturverständnis betrifft auch das häusliche Leben, und dazu gehört auch, einem Sterbenden die Augen zu schließen, mutterlose Kinder ins Bett zu bringen oder das Essen für einen kleinen einsamen Jungen aufzuwärmen.

Es ist auch das Jahr, in dem ein Artikel von ihr - "Undersea"- in der "Atlantic Monthly" besondere Aufmerksamkeit erregt. Schon bald wird sie gefragt, ob sie diesen nicht zu einem Buch erweitern könne..

Rachel Carson besitzt vielfältige Fähigkeiten: Sie hat ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein für die Gesellschaft & ihre Menschen, sie ist hoch diszipliniert und eine völlig unabhängig denkende Wissenschaftlerin. Sie zeichnet sich aus durch eine absolute Unabhängigkeit von materiellem Besitz wie sozialer Anerkennung. Und ihre umfassenden Kenntnisse der  Meeresbiologin kann sie mit den Fertigkeiten einer guten Schriftstellerin verbinden, deren Stil gleichermaßen präzise, gefühlvoll und lebendig ist. Das ist für das Buchprojekt entscheidend.

1941
1941 kommt es unter dem Titel "Under the Sea-Wind – A Naturalist’s Picture of Ocean Life" ( auf deutsch 1947 in Zürich unter dem Titel "Unter dem Meerwind" ) heraus und erhält lobende Besprechungen. Dabei wird vor allem ihre unsentimentale, aber niemals langweilige Prosa und ihre wissenschaftliche Genauigkeit hervorgehoben. Ein Verkaufserfolg wird es nicht, was einen in jenen Zeiten voller anderer Sorgen nicht verwundert: Kurz nachdem es erscheint, greifen japanische Marineeinheiten Pearl Harbor an. Im darauf folgenden Aufruhr verliert die amerikanische Öffentlichkeit ihren Appetit auf Bücher über die Natur. So gerät Rachels Buch in Vergessenheit.

Ab 1942 steigt sie in der Hierarchie der US - Fischereibehörde als kenntnisreiche Spezialistin weiter auf und hat inzwischen ein solides Einkommen. Und trotzdem hat sie mit den Jahren das Gefühl, etwas zu vermissen, und sie beginnt ab 1945 über einen Wechsel nachzudenken.

Damals schnappt sie im "Reader's Digest" auch einen Artikel über DDT auf. Während des Krieges haben die chemischen Unternehmen das Pestizid ans Militär verkauft, um die Ausbreitung von Typhus zu stoppen, indem man damit die Läuse gekillt hat. Nun, nach Kriegsende, beginnt man das Mittel an Farmer und Gärtner zu verkaufen, obwohl es niemals für den zivilen Gebrauch getestet worden ist. "Better Living Through Chemistry" wird eine unumstößliche Wahrheit in der Werbung für die Produkte der Mobiles, Downs, DuPonts, Stauffers, von Shell, American Cyanamid, Union Carbide und anderer...

Rachel schlägt dem "Reader's Digest" vor, einen Artikel über DDT für sie zu schreiben, in dem sie darlegen will, wie das Mittel die ganze wohl austarierte Balance in der Natur durch unsachgemäßen Gebrauch zerstört. Das Magazin ist desinteressiert...

1951
Und während sie zwischen 1946 und 1948 Broschüren für die Behörde schreibt, die der Bevölkerung die Funktion und Bedeutung von Naturschutzreservaten erläutern sollen, beginnt sie über ein weiteres Buch nachzudenken & zu recherchieren.

Zu dieser Zeit wird bei ihr eine erste Zyste in der linken Brust entfernt, 1950 eine zweite. Nach der Operation reist sie zur Rekreation ans Meer, nach Nags Head, North Carolina, und beendet ihr Buch "The Sea Around Us". 1951 veröffentlicht der "New Yorker" einen Auszug daraus.

Das Buch eröffnet der Nation einen Einblick in eine Welt, den Menschen so fremd wie der "outer space", und doch so vertraut wie die alte Eiche vor dem Haus. Es schlägt ein wie eine Bombe: "The Sea Around Us" gewinnt den "National Book Award" und steht auf der Bestsellerliste der "New York Times", alle Rekorde brechend, 87 Wochen lang.  Sie erhält den "National Book Award" und die "John Burroughs Medaille" sowie zwei Ehrendoktortitel. "Wer ist der Autor?", fragen die Leser des Vorabdrucks im "New Yorker". Ihr Stil scheint zu suggerieren, dass die Autorin doch ein halber Mann sein müsse. Dass es eine Frau mit eher leiser Stimme, kastanienbraunem Haar und polierten Nägeln ist, die da über die sieben Meere schreibt wie ein rauer Kerl, ist wohl nicht vorstellbar. Rachel quittiert das mit einem Achselzucken.

1952 entscheidet sie sich - sie ist jetzt 45 Jahre alt - Vollzeit - Schriftstellerin zu werden und verlässt die Behörde. Es fällt ihr leicht, denn die Politik beginnt, Wissenschaftler durch Parteifreunde zu ersetzen. 1953 wird ihr erstes Buch wieder veröffentlicht, 1955 folgt der dritte Band der Triologie, "The Edge of Sea".

Dieses Buch hat nun einen etwas anderen Charakter: Rachel beschreibt nun das Leben am Strand als ein ganz genau aufeinander eingespieltes Gebilde, ein Ökosystem - ein Wort, dass nun ganz langsam seinen Weg nimmt in die Hirne der Menschen...

Stanley & Dorothy Freeman mit Rachel Carson (rechts)
In der Zwischenzeit  ist sie mit ihrer Mutter nach nach Southport Island, Maine, gezogen, wo sie im Juli 1953 Dorothy Freeman kennenlernt, die dort mit ihrem Mann alljährlich die Sommerferien verbringt und als begeisterte Leserin der Bücher Rachels ihr einen Begrüßungsbrief geschrieben hat.

Über die Art der sich nun entwickelnden Beziehung wird bis heute spekuliert. Fakt ist, dass sich nach dem ersten Besuch ein Briefwechsel entspinnt, der in einer solch romantischen Sprache gehalten ist, die man sich bei einer Frau mit einem solch intellektuell geprägten Leben wie das der Rachel Carson nicht vorstellen kann.

Die enge Beziehung ist keineswegs geheim: Rachel gibt die Briefe ihrer Mutter zu lesen, Dorothy ihrem Mann. Und bei jedem Brief entscheiden sie: Kommt er in die "strong box" oder nicht, denn offensichtlich ist den Beiden klar, dass diese Briefe einmal in fremde Hände fallen könnten ( Tatsächlich werden hunderte von Briefen vor Rachels Tod verbrannt, aber es gibt noch genug, die Dorothys Enkeltochter 1995 veröffentlichen kann ).

Im Februar 1954 schreibt Rachel Carson an die Freundin einen Brief, der einen Aspekt der Beziehung beleuchtet:
"I don’t suppose anyone really knows how a creative writer works (he or she least of all, perhaps!) or what sort of nourishment his spirit must have. All I am certain of is this; that it is quite necessary for me to know that there is someone who is deeply devoted to me as a person, and who also has the capacity and the depth of understanding to share, vicariously, the sometimes crushing burden of creative effort, recognizing the heartache, the great weariness of mind and body, the occasional black despair it may involve — someone who cherishes me and what I am trying to create…" ( Quelle hier )
Reklame für DDT von Dow (1947)
Dann 1957 - Rachel befasst sich mit einem neuen Buch - schlägt das Schicksal ein drittes Mal in der Familie zu: Rachels Nichte Majorie stirbt im Alter von 31 Jahren an einer Lungenentzündung und lässt einen vier Jahre alten Jungen, Roger Christie, zurück. Wieder nimmt sie diese Aufgabe an, adoptiert das Kind, pflegt nebenher ihre greise Mutter, zieht um nach Silver Spring, Maryland und benötigt den Rest des Jahres, um ihr Leben neu zu organisieren, aber auch, um sich auf ein neues Umweltthema zu fokussieren...

1958 wendet sich eine Vogelbeobachterin mit einem Brief an Rachel, nachdem immer öfter Leserbriefe in Zeitungen aufgetaucht sind, die das großflächige Besprühen von Insektiziden aus der Luft im Auftrag von Bundes- und Staatsbehörden und seine Folgen anprangern: Die Insekten sterben nicht, aber alles andere. Man hat deshalb in New York eine Klage eingereicht gegen das Besprühen von Grundstücken auf Long Island zur Bekämpfung des Schwammspinners mit DDT und hofft, die Wissenschaftlerin  für sich zu gewinnen.

Rachel Carson hat seit der ersten Begegnung mit dem Thema, spätestens aber seit dem Bombenabwurf über Hiroshima, im Kopf, über die Zerstörung der Umwelt, besonders durch DDT zu schreiben. Sie sieht sich aber aufgrund ihrer familiären Situation dazu nicht in der Lage, wohl aber einen kritischen Artikel zu schreiben, für den ihre Agentin den "New Yorker" gewinnt.

Ein in der Folge zum Thema geplantes Buch soll sie mit einem Einleitungs- und Schlusskapitel versehen. Doch die Zusammenarbeit mit anderen Autoren stellt sich als unproduktiv heraus, und sie entscheidet sich, es alleine zu schreiben:
"... während des letzten Winters bin ich auf Zusammenhänge aufmerksam geworden, die mich so sehr verstören, dass ich mich entschieden habe, alle anderen Verpflichtungen zu verschieben und mich [einem Thema] zu widmen, das ich als sehr dringliches Problem begreife."
Doch weitere persönliche Schicksalsschläge - die Mutter stirbt nach einem Schlaganfall im Dezember 1958 im Alter von 98 Jahren, bei ihr selbst wird Krebs vermutet und sie leidet unter diversen anderen Erkrankungen - erschweren die Arbeit am Buch.

"Over increasingly large areas of the United States, spring now comes unheralded by the return of the birds, and the early mornings are strangely silent where once they were filled with the beauty of bird song," notiert sie im Frühjahr 1959. Und sie treibt ihre Recherchen weiter, auch als ihr 1960 ein bösartiger Tumor aus der Brust entfernt wird ( worüber sie aber in Unkenntnis gehalten wird von ihren Ärzten ) und sie erst zwei Kapitel fertig geschrieben hat. Ihre Freundin Dorothy warnt sie, dass die Chemiekonzerne sie bösartig & unbarmherzig verfolgen werden. Rachel: "Ich weiß, was ich tue. Ich würde in Zukunft keinen Frieden finden, wenn ich mich ruhig verhielte."
"Sie hatte beschlossen, das in den USA damals dominante Paradigma des wissenschaftlichen Fortschritts infrage zu stellen. Das war mutig. Selbst legitime Kritik an der Regierung war in den USA damals ein riskantes Unterfangen", sagt ihr Biograf Mark Hamilton Lytle später dazu.
Und sie wird tatsächlich als Kommunistin gelabelt, vom FBI beschattet und von Männern in schwarzen Anzügen gestalkt, angeheuert von der Chemieindustrie.
"So tief gespalten die Welt nach dem Krieg auch war – in einem blieben Ost und West, Nord und Süd sich einig: in dem unerschütterlichen Glauben an den technischen Fortschritt, an die Beherrschung der Natur. Ingenieuren und Biologen, Physikern und Chemikern, so wusste man, würde es gelingen, Not und Elend zu überwinden. Sie waren dabei, der Menschheit neue Räume zu öffnen. Umso größer war der Schock, als man begriff, dass für diesen Fortschritt ein Preis zu bezahlen ist und wie hoch dieser Preis tatsächlich war", schreibt Charlotte Kerner hier 45 Jahre nach Erscheinen des Buches "Silent Spring".
1961
Als Rachel Carson diese Rechnung aufmacht und die Auswirkungen der Eingriffe in unsere Ökosysteme verdeutlicht, enttäuschen die Chemiegiganten Amerikas nicht die Erwartungen: 

Als sie mit einer Klage gegen Rachel Carson, den "New Yorker" und den Verleger des Buches, Houghton Mifflin, keinen Erfolg haben, starten sie mit einer Viertelmillion Dollar eine Kampagne, um Carson und ihre Botschaft  unmöglich zu machen. Hysterie und Unwissenschaftlichkeit wird ihr unterstellt, sie wird von einem Ex-US-Landwirtschaftsminister als "kinderlose alte Jungfer" diffamiert, die sich doch gar nicht um Genetik zu scheren brauche. Ihr wird vorgeworfen, dass sie schuld sei am Tod von Millionen durch Malaria ( dabei hatten die Mücken schon nachweislich eine Resistenz gegen DDT entwickelt ). Sie würde die Menschheit ins Mittelalter zurückversetzen, in eine von Krankheiten und Ungeziefer dominierte Zeit. Andere meinen, eine Meeresbiologin könne kein wissenschaftlich fundiertes Buch über biochemische Themen verfassen. Eines ihrer schlimmsten Vergehen ist allerdings, dass sie den ihr zugewiesenen Platz als Frau verlassen hat.

Da der Krebs metastasiert hat, muss sie sich einer Strahlentherapie unterziehen. Dennoch wehrt sie sich öffentlich und richtet ihre Kritik auch an ihre eigene Spezies: "Wenn eine wissenschaftliche Organisation spricht, wessen Stimme hören wir dann? Die der Wissenschaft oder die der Industrie, die sie unterstützt?“ 

Doch der Wind beginnt sich langsam zu drehen im Land: Schon vor Beginn des Buchverkaufes nimmt John F. Kennedy Bezug darauf und reguliert im September 1963 den Pestizidgebrauch. Da ist Rachel Carson schon schwer krank, sitzt schließlich im Rollstuhl. Sie bittet aber darum, die Tatsache nicht sehr publik zu machen. An Dorothy schreibt sie:
"I have had a rich life, full of rewards and satisfactions that come to few and if it must end now, I can feel that I have achieved most of what I wished to do. That wouldn’t have been true two years ago, when I first realized my time was short, and I am so grateful to have had this extra time." ( Quelle hier )
Am frühen Morgen des 14. Aprils 1964, vor 55 Jahren also, schreibt Dorothy an ihre Freundin, sich fragend, ob diese noch schläft oder schon die Schönheit des Frühlings erlebt: "Ich bin sicher du bist vom Vogelgesang aufgeweckt worden." Da war Rachel Carson schon tot, gestorben an den Folgen eines Herzinfarkts, bevor die Vögel die Morgendämmerung begrüßen konnten...

Drei Wochen später streut Dorothy Freeman auf "ihrer Insel" die Asche von Rachel ins Meer: "Every living thing of the ocean, plant and animal alike, returns to the water at the end of its own life span the materials which had been temporarily assembled to form its body", hat sie dereinst geschrieben.

Als sich Rachel Carson während ihrer Krankheit manchmal besser gefühlt hat, hat sie sich auch mit der Idee für ein weiteres Buch beschäftigt: "We live in an age of rising seas", hat sie da notiert. "In our own lifetime we are witnessing a startling alteration of climate.” 

Diesen heutigen Great -Women-Beitrag widme ich deshalb all denen, besonders den ganz Jungen, die sich jeden Freitag für die Zukunft des Planeten einsetzen. Rachel Carsons Geschichte zeigt, mit welchen Methoden, mit welcher Heftigkeit sich zukunftsweisenden Erkenntnissen immer wieder entgegengestellt wird. Das möge alle auf diesem Weg stärken!





Kommentare:

  1. Liebe Astrid, deine/meine Lektüre am Morgen war wieder sehr interessant, aber auch Grund zu Nachdenklichkeit. Aber dies ist ja der Zweck deiner Post´s. Vielen Dank. Es ist bemerkenswert, welche Frauen du immer auswählst. Rachel Carson passt aktuell perfekt. Eine starke Frau. Beste Grüße von Rela

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  2. Liebe Astrid, ich muss Dir auch an dieser Stelle noch ganz herzlich danken, dass Du das GREAT WOMEN-porträt Rachel Carson gewidmet hast. Eine bewunderswerte Frau, die wir nicht vergessen dürfen. Ganz toll Deine Informationen über sie. Liebe Grüsse, Thea

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    1. Ich habe es nicht so mit Helden, aber bei ihr sage ich ganz bewusst: Sie ist meine Heldin.
      LG

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  3. Danke für die Frauenbiografien! Warum gibt es diese nicht als Buch, ich würde sie gerne meinen Enkelinnen schenken? Das Buch von Rachel Carson hätte auch heute noch mehr Leserinnen und Leser verdient, vorallem aber Konsequenzen im wirtschaftlichen und politischen Handeln.

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    1. Es gibt ein solches Buch für junge Mädchen & Jungen, ich werde es am Montag im Blog vorstellen...
      LG

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  4. Liebe Astrid,

    wieder eine Frau, die uns schon vor Jahren aufzeigte, wohin der Weg der beständigen Gier des Menschen nach "mehr"führt.
    Ich werde das Buch wieder lesen, werde sehen, ob ich Carsons andere Bücher beizeiten lesen kann.

    Wir wissen alle, wohin das beständige (künstliche) Wachstum führt, alle, Politiker, Wirtschaftsbosse, wir Normalos, aber wer verzichtet? Muß den wirklich jede/r eine SUV fahren, 4x im Jahr in Urlaub fliegen, und falls das nicht gelingt, sind die Anderen schuld?

    Ich hoffe, die Jugendlichen bleiben bei ihren Protesten, ich hoffe, die Bewegung wächst.
    Und wir denken endlich um. Was wirklich wichtig ist, gibt es sowieso nicht für Geld oder für Macht.

    Beste Grüße - Brigitte

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  5. Du hast Erinnerungen geweckt an diese deprimierenden 60ger Jahre, an den Pestizidunsinn, der in den Gärten veranstaltet wurde und erschreckenderweise immer noch wird. Du hast uns wieder eine großartige Frau vorgestellt. Was die Jugendlichen betrifft - ich unterstütze sie nach Kräften.
    LG
    Magdalena

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  6. Ich hab meinen heutigen Tag mit deinem tollen Portrait von Rachel Carson begonnen (smartphone an Müslischale), komme aber jetzt erst zum Kommentieren. Was für ein tapfere, kluge Frau, viel zu früh gegangen... Wir bräuchten sie doch heute noch dringender denn je.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  7. Und ich beende meinem Tag mit diesem Porträt... Wenn ich nicht auf Familienzeitreise wäre, hätte man mich heute auf der ersten fridays-for-future-Demo gefunden, die heute endlich auch in KW stattfand. Der stumme Frühling, das Buch ist mir erst vor 10 Jahren während meines Fernstudiums begegnet, und hat mich sehr berührt. Seit der Lektüre lausche ich dem Frühlingssingen der Vögel noch viel aufmerksamer, begrüße jede einzelne vertraute Stimme und bin froh, wenn ich keine vermisse... Liebe Grüße Ghislana

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  8. Wie verfemt schnell jemand wird, weil sie/er die Wahrheit erkennt und ausspricht und danach handelt. Dabei hatte sie soviel Weitsicht und Klarheit. Und Mut.
    Danke, dass Du Deinen Post heute den ganz jungen Friday-Demonstranten widmest.

    GlG Sieglinde

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  9. ein weitergeleiteter Kommentar von meiner Mama:

    Liebe Astrid,

    Ja, diese Frau paßt ganz wunderbar zur derzeitigen Lage. Du hast das wieder toll gemacht und ich habe inzwischen schon mehrere der Büchlein von den kleinen Gasen mit der großen Wirkung verschenkt. Zwei durfte mein Sohn im Gymnasium Höchstadt/Aisch im Lehrerzimmer ablegen, einfach so für interessierte Schüler und auch für Lehrkräfte. Meine Enkelin hat auch zwei von mir bekommen für ihre Schule. Sie meinte ihre Schulbibliothek sei nicht gut bestückt. Also her damit, daß Aufmerksamkeit erregt wird. Mein Enkel hat sich mit einem begnügt, er ist schon in der Ausbildung. Allerdings das Buchgeschäft hatte etwas Probleme sie zu bekommen, nun hat es geklappt und sie hat 10 Stück für sich mit bestellt, und auch schon einige verkauft sagte sie mir.
    Ich erwarte dann mal mit Spannung das avisierte Buch am Montag.

    Grüße von der Helga

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  10. es ist bedrückend wie man für den vermeintlichen Fortschritt damals
    mit der Natur umgegangen ist und es auch heute noch tut
    und dass die Mahner und Warner lächerlich gemacht und verunglimpft werden passier auch immer noch (Beispiel Greta )
    ein beeindruckendes Portrait

    ich wünsche dir ein schönes Wochenende

    Rosi

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  11. Die Wahrheit wollen viele Menschen nicht gern hören.
    Dann müsste man bei sich selbst anfangen und das ist unbequem.
    Eine mutige Frau!
    LG Urte

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  12. Ich verneige mich vor deser klarsichtigen Frau! Danke Astrid für diesen Artikel. Herzensangelegenheit. Herzlich, Eva

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  13. Auch ich danke dir für ein weiteres spannendes Frauenporträt. Ich kannte Rachel Carson und ihr bekanntestes Buch nur dem Namen nach - als es erschien, war ich fünf und die Welt war für mich noch heil...Da habe ich also was nachzuholen. Wahnsinn, dass sie damals schon den Klimawandel gesehen hat - und fünfzig Jahre später gibts immer noch Unbelehrbare, die es nicht glauben wollen.
    Je älter ich werde, desto pessimistischer werde ich... leider.
    Herzliche Grüße,
    Brigitte

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  14. Liebe Astrid,
    vielen Dank für das außerordentlich informative Great-Women Portrait. Die Schilderungen ihres bewegten Lebens haben mich sehr berührt.
    Liebe Grüße aus dem hohen Norden,
    Lydia

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  15. Ein ganz und gar wunderbarer Beitrag, vielen Dank!Die Kraft, die es braucht um bei sich zu bleiben, trotz familiärer Rückschläge und sich zu behaupten, wenn die Industrie schweres Geschütz auffährt, ist enorm. Da kann man nur den Hut ziehen.
    viele Grüße, Karen

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  16. Liebe Astrid,
    als ich die Fotos dieser wunderbaren Frau sah war ich fast erschrocken. Welche Ähnlichkeit mit einer meiner Omas! Die Großmutter, die mich mit in die Natur nahm, mir soviel Wissen mitgab. Dieses Wissen pflegte ich zwar nicht, aber ich habe seit der Kindheit immer einen Stoffbeutel in der Tasche dabei. Leider starb auch sie viel zu früh und es brauchte erst die Ausbildung zur Kräuterpädagogin um die Gedächtnisschubladen zu öffnen.
    Danke für diesen sehr lesenswerten Bericht.
    Mit vielen lieben Grüßen,
    Karin

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  17. Liebe Astrid,
    vielen Dank für deinen Beitrag über diese wunderbare Frau und deine Great-Women-Portaits. Ich habe alle gelesen.
    Rachel Carson habe ich bis jetzt nicht gekannt, das wird nachgeholt/gelesen.
    Bei dem Satz ...ich bin sicher , du bist vom Vogelgesang aufgeweckt worden .... und ihrem frühen Tod .... sind mir die Tränen gekommen.
    Auch ich genieße es morgens vom Vogelgezwitscher geweckt zu werden, einfach wunderschön , so in den Tag starten zu dürfen.
    Frohe Ostern wünscht dir
    Tine

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