Montag, 11. Februar 2019

Lieben sie Lyrik? IX


Else Lasker - Schüler
Wir drei
(1917)

Unsere Seelen hingen an den Morgenträumen 
Wie die Herzkirschen, 
Wie lachendes Blut an den Bäumen.

Kinder waren unsere Seelen, 
Als sie mit dem Leben spielten, 
Wie die Märchen sich erzählen.

Und von weißen Azaleen 
Sangen die Spätsommerhimmel 
Über uns im Südwindwehen.

Und ein Kuß und ein Glauben 
Waren unsere Seelen eins, 
Wie drei Tauben..


Heute vor 150 Jahren wurde die bedeutendste deutsche expressionistische Lyrikerin Else Lasker-Schüler in Elberfeld, heute zu Wuppertal gehörig, in eine gut bürgerliche Familie geboren. 

Sie war Anfang des 20. Jahr­hun­derts ein Para­dies­vogel des Berliner Kultur­be­triebs, denn sie trug bunte Kostümierungen, gab sich Phantasienamen und erklärte, aus dem wunder­­samen Reich "Theben" zu kommen. Sie inszenierte sich als Prinz Jussuf oder Fakir, mit Pluder­hosen, Dolch im Ge­wande und Flöte, und konnte doch gar keine Flöte spielen. Hajo Jahn, Gründer der Wuppertaler "Else Lasker-Schüler-Gesellschaft" hält sie deshalb gar für "die Urgroßmutter von Lady Gaga, Madonna, Elton John und solchen Leuten. "


Ihre Gedichte, auch wenn man sie zum ersten Mal hört, glaubt man zu kennen, denn sie sind auf raffinierte Weise schlicht. Ihre Reime, ihre Bild- und Wortfindungen beeindrucken und bleiben im Gedächtnis hängen wie beispielsweise die ersten Zeilen von "Gebet":

Ich suche allerlanden eine Stadt,
Die einen Engel vor der Pforte hat. 
Ich trage seinen großen Flügel 
Gebrochen schwer am Schulterblatt 
Und in der Stirne seinen Stern als Siegel. ...

Auch ihre Zeichnungen haben einen ganz besonderen Reiz, märchenhaft geradezu. 

1933 musste Else Lasker - Schüler als Jüdin vor den Nazis in die Schweiz fliehen, wurde dort mehr als hässlich behandelt und hatte Arbeits­verbot. Schließlich blieb sie in Jeru­sa­­lem, krank, und alt, wie sie war, und starb dort 1945. 

Nun ist mein Leben verschneit, 
Erstarrt meine Seele,

Die lächelte sonntäglich dir 
Friede ins Herz.

Ich suche das Glück nicht mehr. 
Wo ich auch unter hochzeitlichem Morgen saß,

Erfror der träumende Lotos 
Auf meinem Blut.
( Ausschnitt aus: "Das Wunderlied" )


Im Netz sind viele Sammlungen ihrer Lyrik, Interpretationen und Bewertungen zu finden. Vielleicht eine Gelegenheit, heute einmal eines zu lesen ( und ich bin sicher, es bleibt nicht dabei ).






Da immer wieder von Märchen die Rede ist, verlinkt mit Andreas Monatsmotto

Kommentare:

  1. So schön! Lieben Dank für so schöne Lyrik am Morgen. Franz Marc hat ihr viele wunderschöne Postkarten gemalt. Irgendwann haben sie sich dann, glaube ich, zerstritten...ich mag ihre Gedichte, den Klang, den Zauber und die Leidenschaft darin. Und oft bleiben sie mir im Ganzen ein "exotisches Rätsel" ;-). Schöne Montagsgrüße, Taija

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    1. Nein, die Beziehung ging durch den frühen Tod im 1. Weltkrieg zu Ende, sie hat dazu auch geschrieben ( "Der blaue Reiter ist gefallen, ein Großbiblischer, an dem der Duft Edens hing.") Ja, sie hat für mich die leidenschaftlichsten Liebesgedichte geschrieben, die ich kenne, und so bewunderungswürdige Bilder gefunden. Ihr Ende macht mich so traurig.
      LG

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    2. Ach schade, ich finde die Radiosendung nicht mehr...es war glaube ich " Bayerisches Feuilleton" vor einigen Jahren. https://www.franz-marc-museum.de/?seite=lasker

      Sehr interessantes Feature.

      Liebe Grüße!

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  2. Lyrik ist toll, wir haben unsere Bücher sogar mit in die Unterkunft Lignano genommen weil wir auch über den Tag viel lesen :)

    Liebe Grüße

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  3. Danke, dass Du das Märchenhafte in diesen herrlichen lyrischen Kontext stellst. Ich lese ihre Gedichte immer wieder so gerne.
    Ja, ein so trauriges Schicksal: "aber nirgendwo ein Licht im verirrten Märchen"
    Liebe Grüße
    Andrea

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  4. Wie schön! Ich kann mit Lyrik gar nicht so viel anfangen, normalerweise, aber irgendetwas rühren ihre Worte an. Danke für's Vorstellen!

    Liebe Grüße
    Sabrina

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  5. Lyrik ist was wunderschönes ! Und die von Else vorneweg! Danke, da´ß Du an SIE erinnerst!

    Liebe Grüße Luitgard M.

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  6. "Ihre Gedichte, auch wenn man sie zum ersten Mal hört, glaubt man zu kennen, denn sie sind auf raffinierte Weise schlicht."
    Das hast Du so treffend und schön beschrieben.
    Ihre Gedichte sind fremd und vertraut zugleich.
    Auf jeden Fall immer wundersam und ausdrucksvoll.
    Auch ich bedauere ihre letzten Jahre und ihr Ende. Ich finde es immer besonders traurig, wenn Menschen, die soviel Kreativität hatten und anderen Menschen damit viel geschenkt haben, so allein und armselig enden müssen.
    Sie war etwas ganz Besonderes.
    Danke für die überraschenden Gedichte, die Du mir heute auf den Weg gegeben hast,
    sagt Sieglinde

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  7. Danke fürs Erinnern an diese wunderbare Dichterin, der Du einen besonders schönen Post gewidmet hast. Und das Blau... - - -
    Einen musikalischen Grusz sendet Dir
    Mascha
    https://www.youtube.com/watch?v=sfHp1YJwS-4
    (ich hatte früher diese LP als besonderen Schatz aus dem "Westen")

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    1. Ach wie schön, lange nichts mehr von ihm gehört. Und sehr schön "blue" ( auch wenn das Klavier weiß ist 😉
      LG

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  8. Ihr Name ist mir nicht fremd, ihre Texte kenne ich leider nicht.
    "Wir drei" gefällt mir jedenfalls.
    Mit lieben Grüßen
    Sigi

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  9. Liebe Astrid, den Namen kannte ich bisher nicht. Schade eigentlich. Aber was du uns da mitteilst hat mich neugierig gemacht und ich habe gleich bei Wikipedia nachgelesen. Sie hatte ja kein einfaches Leben. Respekt, dass diese Frau dann zu solchen Worten fähig war. Danke für den Wissenszuwachs. Beste Grüße von Rela

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  10. Lyrik am ganz frühen Morgen... Hat was 💛. Und von ihr ohnehin. Liebe vorfreudige Grüße, wir sehen uns bald 😊 Ghislana on tour, nun in Speyer...

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  11. Danke für diesen wunderschönen Beitrag. Ich mag ihre eigenwilligen und starken Texte und Bilder seit je. Und ihre unerschütterliche Liebe zum Leben, zu Benn und überhaupt...
    Herzlichen Gruss,
    Brigitte

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  12. danke fürs erinnern!!
    liebe grüße
    mano

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  13. So eine faszinierende Frau, die Fähigkeit, das Märchenhafte in der Welt zu entdecken, ist immer wieder beeindruckend. Was wäre unsere Welt ohne solche Menschen, und die werden verjagt. Da packt mich immer noch die Wut.
    LG
    Magdalena

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