Freitag, 6. Juli 2018

"Weil ich sage, was ich denke"


"Ich glaube,
dass die gesellschaftliche Mitte noch immer nicht ganz begriffen hat,
welche gewaltigen Verschiebungen gerade stattfinden.
(...)
Man kann nicht die Möglichkeit, dass das, was man tut, in irgendeiner Form auch falsch verstanden werden kann, als Grund dafür nehmen, überhaupt nichts zu tun. 
Eines unserer größten Probleme liegt darin, 
dass es vielen Menschen noch immer zu peinlich ist, sich direkt politisch zu engagieren."

Wolfgang Tillmanns, Fotograf und Turner - Preisträger 



Diesen und etliche weitere kluge Gedanken äußerte der deutsche Künstler Wolfgang Tillmans, der teilweise in Großbritannien lebt und sich schon vor dem Brexit zu Wort gemeldet und sich mit "Plakaten" eingemischt hatte, in diesem Interview mit der "Zeit". Ich hoffe, es können alle lesen, nicht nur Abonnenten des E - Papers, denn es ist meiner Ansicht unbedingt lesenswert. 

Das obige Zitat habe ich ausgewählt, weil mich eine Bemerkung in einem sehr netten Brief einer stillen Leserin darauf gebracht hat, die meinte, ich hätte Mut. 

Ich meine, allzu viel Mut braucht es in unserem Land bislang nicht, um zu sagen, was man denkt, denn niemandem droht eine Haftstrafe, geschweige die Prügelstrafe, so wie es dem Blogger Raif Badawi in Saudi Arabien ergangen ist. Der hat trotz dieser Aussichten auf Bestrafung nicht aufgehört, sich dazu zu äußern, wie er sich ein lebenswürdiges Leben für sich und seine Mitmenschen vorstellt. Das Resultat: Seit nunmehr sechs Jahren und einem Monat ist er eingekerkert, weil er gesagt hat, was er denkt, mehr Vergehen ist nicht.


So viel Mut sollte doch auch bei uns zu schaffen sein. Und einmischen könnten wir uns doch auch? Zumal "starke Männer" wie Putin, Trump, Erdoğan, Orbán ( und in gewisser Weise auch der alternde Löwe aus Bayern und der blaue Gauleiter & seine umgefärbten Spezies ) daran gehen, all die Errungenschaften und Institutionen zu zerlegen und die Werte mit Füßen zu treten, die uns siebzig Jahre guten Lebens mit vielen Freiheitsrechten ermöglicht haben. Tillmanns sagt dazu: "Sie wollen die Politik des Verhandelns und des Kompromisses durch die Gesetze des Männlichen, des Stärkeren ersetzen." Da kann ich mich nur anschließen..

Übrigens scheuen sich die Gegner unserer liberalen, gleichberechtigten Lebensformen nicht, eine extreme politische Sprache zu verwenden und ihre Agenda in jedem Medium, aber auch wirklich jedem Medium, das zur Verfügung steht, zu pushen. Zurückhaltung kennen diese Antimodernisten nicht. Und wir schweigen, um nichts falsch zu machen? Warum ertragen wir dieses vorlaute Gehabe, diesen Hassjargon?

Auch zu den Ursachen des wachsenden Unmuts unter manchen unserer Mitbürger hat sich Wolfgang Tillmanns geäußert: 
"Wenn Menschen sich abgehängt vorkommen, dann liegt das doch nicht daran, dass Flüchtlinge ins Land gekommen wären und ihnen etwas weggenommen hätten. Die Arroganz der Wirtschaft in den vergangenen 20 Jahren ist zum Beispiel ein wirkliches Problem. Nehmen Sie die Sprache der Deutschen Bank. Diese Haltung, keine Gering- und Normalverdiener mehr als Kunden haben zu wollen. Das ist nicht einfach nur eine Geschäftsstrategie. So etwas verunsichert die Gesellschaft. Für Topkunden gibt es immer mehr Services, für normale immer weniger, das war die kapitalistische Tendenz der letzten 20 Jahre. Die ständige Sichtbarkeit des Highlife gibt denen, die nicht daran teilnehmen können, das Gefühl, keine Rechte zu haben. Wer als Normalkunde bei seinem Handyanbieter anruft, wird heute schlechter behandelt als vor zehn Jahren. Privatisierte Krankenhäuser müssen Gewinne abwerfen, doch das ist nur zu erreichen durch schlechtere Behandlungen. Der Bund muss eine schwarze Null schreiben, während in den Gemeinden die Schulen verrotten oder die Schwimmbäder zumachen. Hat das etwas damit zu tun, dass Frauen gleichberechtigt wurden oder wir Kriegsflüchtlingen aus Syrien Schutz bieten?"
So viel historisches Wissen sollten wir doch haben, um uns zu erinnern, was vor den 73 Friedensjahren in unserem Land passiert ist. Das war doch kein Naturereignis, was da über unsere Altvorderen unverschuldet hereingebrochen ist, sondern etwas, das mit langsamer Vergiftung des Denkens vorbereitet wurde: "In den Zwanzigerjahren haben die Nazis nicht damit geworben, dass sie sechs Millionen Juden umbringen würden. Sie haben Ressentiments gegen Juden geschürt. Wie die Rechten heute gegen Flüchtlinge und gegen Muslime."

Da müsste es aufhorchen lassen, wenn in unseren Tagen der Chef der Blauen auf dem Parteitag in Augsburg verkündet: "Merkel muss weg, das ist ein griffiger Slogan, doch hier muss ein ganzer Apparat, ein ganzes System, eine ganze Mentalität weg." Damit sind auch wir gemeint, unsere Art zu leben in einem demokratischen Miteinander verschiedenster Meinungen, Lebensvorstellungen, Religionen.

Mehr Mut täte gut...






Kommentare:

  1. Wieder einmal fallen mir die österreichischen "Omas gegen Rechts" ein. Sie machen sich ja etwas zunutze, was viele ältere Frauen kennen: sie sind nämlich genau die "Omas", die sonst als einzelne alte Frauen gern übersehen und unterschätzt werden.
    Frau ist ja ab 60 gesellschaftlich praktisch unsichtbar. Nicht so, wenn sich viele zusammentun und öffentlich auftreten.
    Ich kenne das noch von den "Müttern gegen Atomkraft" von vor über 30 Jahren als die Katastrophe von Tschernobyl geschah. Das war auch neu für viele, dass hier sich junge Mütter ganz konzentriert gegen eine menschenfeindliche Technologie stellten. Wir haben beeindruckende Aktionen gemacht, wurden vom Verfassungschutz beobachtet und haben auch dazu mitbeigetragen, dass Wackersdorf damals verhindert wurde. Aber es hat dieses schrecklichen Auslösers bedurft.
    Heute ist es ein schleichender Prozess von Antidemokratisierung, der nicht so leicht wachrüttelt.
    Das ist das Trügerische und Gefährliche.
    Wie schaut es denn bei den Bloggerinnen über 50 aus? Gibt es da überhaupt politische Ambitionen?
    Ich kenne nicht so viele Blogs, aber Deiner ist der politischste, den ich kenne und zwar unabhängig vom Alter.
    So eine Bewegung wie die "Omas gegen Rechts", das könnte doch etwas sein...
    Nachdenkliche Grüße schickt Sieglinde

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  2. ... vor allem, weil die negativen Konsequenzen ja erst einmal nicht allzu groß sind, wie du ja auch sagst. Es passiert ja nichts Schlimmes. Jedenfalls so lange nicht, wie wir an unserem System festhalten und unsere Werte verteidigen.

    Danke für deine Posts.

    Liebe Grüße
    Sabrina

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  3. Oh ja!
    Machen wir es, seien wir mutig - wo und wann immer es geht; und das ist öfter der Fall als frau gemeinhin annehmen würde...

    Astrid, danke für Deine immer wieder aufrüttelnden Worte.

    Liebe Grüße
    Elena

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  4. Ich kann nur von ganzem Herzen zustimmen. Man fühlt sich so ohnmächtig angesichts dieses unfassbaren Wahnsinns. Ich habe heute an den hiesigen Bundestagsabgeordneten der SPD geschrieben und werde noch weitere Personen kontaktieren. Was kann man sonst noch tun? Petitionen unterzeichnen in der Hoffnung, dass man etwas bewirkt? Den Versuch ist es wert.
    LG
    Magdalena

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  5. Danke für diese Texte für Demokratie und Mut! Ich schrieb es neulich schon einmal hier: Was lassen wir uns alles gefallen? Wir werden genauso schuldig durch Schweigen, wie durch Verbreiten der Vor-urteile
    gegen Minderheiten. Wir haben es nicht nötig, weil ganz viele, besonders auch Frauen, sich für unsere Gemeinschaft engagieren.
    Sollten wir Omas und Mütter nicht wirklich eine parteiübergreifende Bürgeraktion starten? Wir verdanken unseren Wohlstand auch der Demokratie, die es zu schützen gilt. Es ist mir fast unerträglich, jetzt die Polizeigesetze gegen Kranke...

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  6. Liebe Astrid, ja es ist still geworden in Bloghausen und nicht zuletzt sicher auch ob der gegenwärtigen politischen Situation in diesem Lande. Mal abgesehen von der stets und ständig fehlenden Zeit, kämme ich mir gerade auch mächtig albern vor, wenn ich hier über das Wachsen meiner Blümchen sinnierte. Ich finde nicht Deine Ballance. Ich könnte täglich vor mich hin schimpfen - allerdings in recht groben Worten und das wäre dann auch wieder unpassend. Leider kommt bei mir nach Gelassenheit gleich Wutausbruch. Die Zwischenstufe hat man vergessen, mir beizubringen.
    Lieben Gruß und ein schönes Wochenende
    Katala

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  7. Eine echte und EHRLICHE Debatte wäre nötig, keine Verunglimpfung der anderen Meinung. Die Gesellschaft ist gespalten , das ist Fakt. Und wie bringen wir das wieder zusammen ?

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  8. Ja, es wird Zeit, dass das Affentheater das die Regierung hier aufführt, endlich aufhört und gearbeitet wird. Aber nee, die Parteienfinanzierung wird erhöht. Ha. Wofür?? Nachtgrüße, ich bin auch wieder da. Eva . Aber nicht erholt. Danke für Deine klaren Worte.

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  9. eigentlich sind wir ja so erzogen worden Respekt zu haben
    vor älteren Menschen..
    vor dem Lehrer.. der Polizei ..den Ärzten ..der Obrigkeit
    und den habe ich immer noch (mir würde nie im Leben einfallen jemanden so zu beschimpfen wie es gerade gang und gebe ist denn ich weiß auch wie schwer diese Ämter meist sind )
    trotzdem habe ich schon immer meine Meinung gesagt
    nachdrücklich aber respektvoll.. man muss nicht persönlich werde(nur bei Einem fällt mir das inzwischen sehr schwer)
    mit meinem Mann bin ich da oft aneinander gerasselt
    ich würde ihn vor seinen Freunden blamieren
    die würden alle über mich lachen usw.
    aber das hielt mich nie davon ab meine Meinung zu sagen
    ich hasste schon früh diese Stammtischparolen und die Bildzeitungsbildung
    man kann gegensetzlicher Auffassung sein und sich trotzdem anständig benehmen
    gerade habe ich etwas Berührendes gelesen ..
    Als Hellmut Kohl den schwerkranken Willy Brand besuchte empfing ihn dieser voll angezogen
    auf die Frage warum er nicht im Bett geblieben ist antwortete er:
    Wenn mein Kanzler zu Besuch kommt bleibe ich nicht im Bett liegen

    davon könnte sich ein Seehofer eine Scheibe abschneiden

    liebe Grüße
    Rosi

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  10. Es ist als hätten viele vergessen wie hart der Kampf war um an all diese Rechte, die wir heute so selbstverständlich finden, zu kommen.

    Gleichzeitig spüre ich aber schon auch, dass viele Menschen eben gar nicht mehr so ruhig sind. Es tut sich schon was ...

    Und hier in Österreich mag das wahrlich etwas heißen.

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