Dienstag, 1. Mai 2018

Lieben Sie Lyrik VI?





Börries von Münchhausen
Weißer Flieder 

Naß war der Tag – die schwarzen Schnecken krochen -,
Doch als die Nacht schlich durch die Gärten her,
Da war der weiße Flieder aufgebrochen,
Und über alle Mauern hing er schwer.
 
Und über alle Mauern tropften leise
Von bleichen Trauben Tropfen groß und klar,
Und war ein Duften rings, durch das die Weise
Der Nachtigall wie Gold geflochten war. 
 

Börries von Münchhausen (  1874-1945 ) hat einige Balladen geschrieben, die sicherlich bei einigen unter uns unauslöschlich im Gedächtnis geblieben sind, wenn man sie kennengelernt hat. In den Büchern für die Grundschule meiner Zeit fand sich allenfalls "Das alizarinblaue Zwergenkind". "Jenseits des Tales" wurde besonders populär als Lied in der Vertonung durch Robert Götz in den 1920er Jahren. Damals verbreitete es sich durch mündliches Weitergeben am Lagerfeuer oder auf Wanderungen und wurde ein Standard, wie wir heute sagen würden, der Jugend- und Wandervogelbewegung. In die Liederbücher der Nazis schaffte es das Lied wegen seiner homoerotischen Anmutungen allerdings nicht, dafür in das Lagerliederbuch der Insassen des KZ Sachsenhausens. 
Die Geschichte jenes "Liedes" scheint mir in gewisser Weise symptomatisch für den Dichter zu sein: Im Jahr der Machtübernahme schloss er sich den Nationalsozialisten an und wurde einer der von der NS-Literaturpolitik am meisten geförderten Autoren. Allerdings ging er mit dem Bekanntwerden der Judenverfolgung auch wieder auf Distanz zum Regime. 
Sein ambivalentes Verhalten in jener Zeit erschwert seine Rezeption heutzutage. Dieses Gedicht hat mich angesprochen, weil es meinen Erlebnissen gestern nach drei Gewittern und einem Wolkenbruch so sehr ähnlich war ( nur Nachtigallen haben wir nicht, dafür meine Lieblinge, die Mauersegler )...




Kommentare:

  1. Oh ja, schön! Und Nässe macht die Düfte so intensiv - deswegen gehe ich auch oft im/nach dem Regen gerne raus... Wir hatten allerdings seit Ewigkeiten hier keinen mehr, das hat alles wieder "der Westen" abgefaszt - jaja, wir armen Ossis ;-)
    "Das alizarinblaue Zwergenkind" kenne ich übrigens, davon war ein Schreibmaschinendurchschlag in eines von Mutters alten Kinderbüchern eingeklebt - persönliche Weiterhgabe eben.
    Liebe Grüsze und einen schönen ersten Mai
    wünscht Dir
    Mascha

    Bei us schallten an dem Tag früher die Arbeiterlieder aus hunderten von Lautsprechern durch alle Straszen und wir sammelten uns morhgens in der Frühe an den Stellplätzen zur groszen organisierten "Demonstration", in der Schule wurden vorher Transparente und Spruchbänder beklebt, natürlich mit vorgegebenen Losungen. Eine lautete "Was der 8. Parteitag beschlosz wurde wahr"
    Ich legte die ausgeschnittenen Buchstaben so auf: der 8. Parteitag beschlosz. Was wurde wahr?
    Das gab mächtig Ärger...

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  2. Liebe Astrid,
    auch bei mir blüht der weiße Flieder und ich freu mich ihn bei dir mit
    dem Text von Börries von Münchhausen zu finden, den ich noch nicht kannte.
    Danke auch für deine wissenswerten Aufführungen dazu!

    Hab einen schönen Maianfang und sei herzlichst gegrüßt
    von Monika*

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  3. Von hier einen Fliedergruß mit H. Löns. Sonst nicht mein Geschmack (der Dichter, nicht der Flieder, der hier auch schon blüht und sich im Sturme biegt), aber hier geht es:

    Der blaue und der weiße Flieder ...

    Der blaue und der weiße Flieder
    Umduftet unsere Laubenbucht,
    Goldregen pendelt auf uns nieder
    Der blütenschweren Zweige Wucht.

    Viele weiße Schmetterlinge fliegen,
    Der Spötter singt im Rosendorn,
    Ganz langsam sich die Zweige wiegen.
    Ein warmer Wind geht über das Korn.

    Die Sonne spielt auf deinen Händen,
    Die lässig ruhn auf deinem Kleid,
    Mein Blick will sich davon nicht wenden,
    Mein Herz denkt lauter Zärtlichkeit.

    Habt einen guten Mai! Sunni

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  4. Gestern erst bin ich nach einem feinen Regen durch einen Flieder-Duft-Schwall geradelt. Der kam ganz unvermittelt und ich roch den Flieder früher als ich ihn sah. Solche Erlebnisse liebe ich.
    Und Lyrik auch. Dieses so schön beschreibende Gedicht kannte ich noch nicht (und den Dichter und seine politische Lebensgeschichte auch nicht). Auch wenn es eher eine Nachtatmosphäre beschreibt, so freue ich mich auch am Morgen darüber!
    Und Deine Stimmung dazu kann ich mir sehr gut vorstellen.

    Danke für Mitlesenlassen, sagt Sieglinde

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  5. Liebe Astrid, das Lied < Jenseits des Tales< habe ich in meiner jungen Pfadfinderzeit kennen gelernt und habe mich immer damit schwer getan es zu singen, denn die abgeänderte Form des Textes hat es sehr wohl in die Liedermappe der NS gebracht-http://www.pfadfinder-treffpunkt.de/include.php?path=forum/showthread.php&threadid=8771 ein Link.Seit ich das wußte ist es in meinem Liederrepertoire gestrichen. Da gibt es bessere Lieder fürs Lagerfeuer!!
    einen Maigruß zu dir mit Fliederduft
    heiDE

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    1. Interessanter "thread", gibt mir einen Einblick in Einstellungen & Denkungsart in puncto Homosexualität und ihre Wandlung über die letzten Jahrzehnte.
      Du hast recht, es wurde textlich modifiziert, weil es zu schwul erschien, das habe ich auch gelesen. Ich habe mich nur auf das Original von Münchhausen bezogen. In der Nachkriegszeit ist es von Heino wieder sehr populär gemacht worden, wobei der die anstößige Strophe auch ganz weggelassen hat.
      Ich persönlich kannte es gar nicht, war ich ja in keinster Weise jugendbewegt und auch nicht gerade der Lagerfeuerromantik zugeneigt. Mein Mann erinnert sich, dass ihm als Jugendlicher von einem Lehrer das Lied durch Hinweis auf die Nazis madig gemacht wurde, und es in seiner Jugendgruppe ab da als Kitsch galt.

      Schon der Titel "Jenseits des Tales" klingt für mich sehr nach "vom anderen Ufer", wie in den Nachkriegszeiten von Schwulen geredet wurde.

      Jetzt habe ich mich die ganze Zeit mit diesem Lied beschäftigt, obwohl mir doch nur einfach das Frühlingsgedicht gefiel, weil es in dem Moment meine Stimmung erfasste...
      LG

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  6. Der weiße Flieder scheint in unserem Veedel nicht so beliebt zu sein - nur sein blauer Verwandter steht an vielen Ecken. Muss mal schnuppern gehen.

    Liebe Grüße
    Astrid rechtsrheinisch

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  7. Das passt gerade auch hier, denn ein paar zarte Tröpfchen sind gefallen, auch ist die Nachtigall bei uns noch ansässig.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  8. Hach, weißer Flieder...den gibt es hier in der Gegend seltener. Weitverbreitet ist der blass fliederfarbene - den Duft find ich einfach betörend und unwiderstehlich.
    Heute auf der Maitour hatte ich Glück ... am Wegesrand ein weißer Fliederbusch und der GG hat einige Dolden für die Vase geschnitten. :-))
    Und wieder was gelernt, liebe Astrid...den Dichter kannte ich noch nicht.
    Einen schönen Abend und lieben Gruß, Marita

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  9. Das passt wunderbar, Astrid. Vor ein paar Tagen ist der weisse Flieder aufgegangen. Schöner und üppiger als die Jahre zuvor und die Amsel vertritt die Nachtigall auf's beste.
    Liebe Grüße
    Sabine

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  10. gerade eben sind habe ich zwei im maienwind vorbeizischen sehen! schön, dass sie jetzt auch bei euch sind, diese wunderbaren flugkünstler!
    und gerade gestern ging ich an zwei fliederbüschen vorbei, deren duft so betörend war, dass ich länger dort verweilt habe.
    liebe maiengrüße,
    mano

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