Freitag, 26. Mai 2017

Statt Raif Badawi: Heute Nuriye Gülmen & Semih Özakca und mehr


Seit dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 in der Türkei sind mehr als 115.000 türkische Staatsbedienstete per Notstandsdekret entlassen worden. Ihnen werden Verbindungen zur Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen vorgeworfen, den die türkische Regierung für den Putschversuch verantwortlich macht. Auch zahlreiche Kurden, Linke und andere Regierungskritiker sind von den Kündigungen betroffen gewesen.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International nennt die Entlassungen in einem neuen Bericht "willkürlich". Sie fordert die schnelle Einrichtung eines "effektiven Berufungsmechanismus" für die Betroffenen, denn die können sich gegen ihre Entlassung nicht zur Wehr setzen. Die Komission, die sich momentan noch mit den Einsprüchen beschäftigt, arbeite im Schneckentempo.

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Zwei Akademiker, die Literaturdozentin Nuriye Gülmen und der Grundschullehrer Semih Özakca, haben sich als Zeichen ihres Widerspruchs gegen ihre Entlassung zu einem Hungerstreik entschieden. Ab dem 11. März dieses Jahres saßen sie vor dem Menschenrechtsdenkmal ( es zeigt eine Frau, die die universelle Erklärung der Menschenrechte liest ) im Herzen Ankaras und nahmen nur Wasser, Zucker, Salz und Vitamin B zu sich. Inzwischen sind sie so stark geschwächt gewesen, dass sie ihre Wohnungen nur noch stundenweise verlassen konnten. Insgesamt 20 Mal waren sie bei ihrem Auftreten in der Öffentlichkeit verhaftet worden.

Nun wurden sie ohne Begründung in der Nacht zum 21. Mai in ihren Wohnungen festgenommen, ebenso ihre Anwälte sowie Özakcas Ehefrau Esra, die eine Festnahme verhindern wollten.

"Nieder mit dem Faschismus! Lang lebe unser Hungerstreik-Widerstand! Wir wollen unsere Jobs zurück! Wir haben uns nicht ergeben und werden uns nicht ergeben", schrieb Nuriye Gülmen auf Twitter

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Einer ihrer Anwälte, aber auch ein Abgeordneter der CHP vermuten, dass mit dieser Verhaftung verhindert werden soll, dass die Beiden sich zu Tode hungern und so zu Märtyrern werden und neue Protesten gegen die türkische Regierung anfachen...

Sie sind übrigens nicht die Einzigen, die sich gegen die Willkür der Herrschaft des Herrn E. mit einem Hungerstreik wehren:

In Malatya protestieren vier Lehrer trotz täglicher Festnahmen seit Wochen, in Düzce die Architektin Alev Şahin, auch sie hat per Dekret ihre Arbeit verloren. In Didim protestiert der Bildungsgewerkschafter Barış Bozkır seit Wochen jeden Tag. In Dersim/Tunceli hungert der 77-jährige Kemal Gün, weil er die Herausgabe der Leiche seines Sohnes fordert, der bei einer Antiterroroperation des türkischen Militärs getötet worden war.

Was die türkische Regierung mit dem Ausnahmezustand, den Verhaftungen, der Willkür erreichen will: Einschüchterung, Hoffnungslosigkeit, die Abschaffung aller Arbeitnehmer- und Menschenrechte, Angst vor dem Gefängnis, vor Misshandlungen, vor der Arbeitslosigkeit bei allen bisher Davongekommenen.

All das fordert unsere Solidarität mit jenen Menschen in der Türkei, die einen Aufschrei wagen gegen die Aussetzung ihrer Rechte.

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Es bliebe noch viel zu sagen zur Türkei auf dem Weg, sich von den allgemeingültigen Menschenrechte zu verabschieden:

Zum Beispiel zum Spießrutenlaufen der ersten zweihundert wegen des Putsches Angeklagten.
Oder der Verurteilung der beiden Chefs des Magazins "Nokta" zu 22 Jahren Haft wegen Veröffentlichung eines Erdogan-kritischen Titelblatts im November 2015.
Oder zum Basketballstar Enes Kanter, dem die Türkei seinen Pass entzogen hat, weil er Gülen - Anhänger ist.
Oder zu den Haftbefehlen gegen 260 türkische Mitbürger, die die Handy-App ByLock für verschlüsselte Kommunikation genutzt haben sollen.





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Aber zum Schluss des Posts sollte ich auch noch kurz Raif Badawi erwähnen, nämlich dass sich dieser unsägliche amerikanische Präsident natürlich nicht für ihn eingesetzt hat.

Der Kongressabgeordnete Jim McGovern betonte am 22. Mai in einer Rede im Kongress, dass die US - Regierung kein einziges Wort in der saudischen Öffentlichkeit über die Menschenrechte gesagt habe und nicht einmal im Namen der Menschen erwähnt habe, die in Gefängnissen verschwunden seien wegen der Ausübung ihrer Menschenrechte. ( Quelle hier )

Mitglieder der US-Delegation legten gar ein grundlegendes Missverständnis des Status zivilgesellschaftlicher Repression in Saudi-Arabien an den Tag: US-Handelsminister Wilbur Ross konstatierte doch tatsächlich, es hätte "in Saudi-Arabien während der ganzen Reise keinen einzigen Protestierenden gegeben mit einem kritischen Plakat." Na, wo sind die denn alle, Mr. Ross?

Stattdessen hat sein Chef dann sein Haupt vor dem fundamentalistischen Alleinherrscher gebeugt, um sich einen goldenen Orden umhängen zu lassen. Für Geld und Verehrung scheint der Erfinder des Muslim - Banns zu jeder Schandtat bereit zu sein, um seine kindischen Bedürfnisse zu befriedigen. War da nicht was im Wahlkampf, von wegen "radikalem islamischen Terrorismus"?


Hypokrisie war einst der Anlass für diesen regelmäßigen Freitagspost meinerseits...


Kommentare:

  1. Liebe Astrid,
    ich finde es gut, dass du immer wieder auf diese armen Menschen aufmerksam machst. Es ist ein Trauerspiel, dass so etwas bei uns in der Nähe passiert und wir nichts machen können.
    Trump ist viel zu selbstverliebt. Der setzt sich für niemanden ein.
    Einen guten Start ins Wochenende wünscht dir
    Irmi

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  2. Vielen Dank, liebe Astrid, für diesen Post. Ich lese hier seit einiger Zeit mit und erwische mich immer wieder heftig nickend.
    Du sprichst mir aus dem Herzen.
    Nuriye Gülmen hatte mW schon selbst keine Wohnung mehr, sondern lebte immer bei Leuten die sie aufnahmen.
    Viele Grüße von einer ansonsten stillen Mitleserin
    Katja

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    1. Ich freue mich immer, wenn stille Leserinnen aus dem Schatten heraustreten. Gerne wieder!
      GLG

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  3. es ist wirklich schlimm
    man sollte doch nur verhaftet werden können wenn man etwas verbrochen hat
    nicht weil man mit jemandem sympathisiert
    das wäre so als wenn man hier plötzlich alle evangelischen verhaften würde
    das ist zwar überzogen aber was anderes fällt mir gerade nicht ein ;)

    dieser Mensch dort hat völlig "abgehoben"
    leider passiert das oft wenn einfache Menschen Macht bekommen

    gut dass du immer wieder informierst
    und von diesem Trumpelstielzchen darf man wirklich nichts erwarten

    ich wünsche dir ein schöne Wochenende
    Rosi

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  4. Traurig, traurig und schaurig. Zum verzweifeln gut zusammengefasst, liebe Astrid....dennoch und trotzdem ein gutes Wochenende, Taija

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  5. So viel Ignoranz muss man erstmal aufbringen, um das Nichtvorhandensein von Protestierenden auf diese Weise öffentlich zu interpretieren. Wow.

    Danke einmal mehr, für diesen Post.

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende,
    Sabrina

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  6. erdowahn und trampeltier - zum ko...!
    euch trotzdem ein gutes wochenende, ich schicke liebe grüße gen westen,
    mano

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  7. Ich habe auch nicht erwartet, dass von diesem Mann irgendein Wort in S.A. fällt, dass einem Inhaftierten oder Verfolgten helfen könnte. Bleibt zu hoffen, dass er ihnen nicht auch geschadet hat.
    Was da in der Türkei passiert, ist absolut erschreckend. Sollen doch jene, die ihn hier in Deutschland wählten, zurück in ihre Heimat gehen, um die Folgen auszubaden.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  8. Ich hatte so sehr auf eine Reaktion des Amerikaners zum Thema Raif gehofft und wußte doch gleichzeitig, dass es nicht passieren wird. Wie gesehen sind Verträge mit den Saudis wichtier als Menschenrechte.< kleine Lippe< hat er riskiert, während er jetzt auf dem Gipfel wieder der Großkotz!! ist. Furchtbar und es macht mich immer wieder wütend.
    Aber die Sonne scheint heute, die stimmt mich ruhig::))
    Lieben Gruß zu dir
    heiDE

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  9. Was mich beim Thema Türkei am meisten umtreibt ist die Frage, wie mit dem Land umgehen.... Meine erste Reaktion ist, hart sein, Kontakte einschränken, kein Geld mehr in dieses Land, klare Kante! Aber dann denke ich an DDR-Zeiten zurück und erinnere mich an die Hoffnung und Dankbarkeit nichtkonformer Menschen über alle stillen und lauten Vermittlungsversuche westdeutscher Politiker. Ich bin da sehr ratlos.
    Lieben Gruß

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    1. Mir geht es ähnlich. Aber dann denke ich an die Menschen, die kämpfen und leiden. In deiner Erfahrung, da liegt vielleicht der Schlüssel...
      GLG

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  10. Was Du und Gretel schreiben, treibt auch mich um. Man muss denen Hoffnung geben, die sie brauchen und mit den anderen in Kontakt bleiben ohne ihnen zuzustimmen. Keine leichte Sache. Ich kann mich da noch an eine Gruppe junger Menschen in Leipzig erinnern, mit denen wir subversive Kontakte hatten über die Jugendorganisation der evangelischen Kirche. Die haben das damals dringend gebraucht zum Weitermachen. Wohin es zum Glück geführt hat, wissen wir ja.
    GLG Sieglinde

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