Donnerstag, 20. April 2017

Great Women # 98: Lucie Mannheim


Eigentlich weiß ich nicht wirklich, warum mir der Name meiner heutigen großartigen Frau - Lucie Mannheim - immer geläufig war, denn ich kann mich auch an keinen der Filme erinnern, in denen sie mitgespielt hat. Wahrscheinlich war es ihr außergewöhnlicher Ruf als Schauspielerin & Soubrette, der meine Mutter von ihr sprechen ließ. Als ich dann diese, ihre Version des Schlagers "Lili Marlen" und jene Episode aus ihrem Leben kennen lernte, war meine Neugier geweckt, und ich machte mich daran, über sie zu forschen:



Lucie Mannheim wird am 30. April 1899 als jüngstes Kind in eine großbürgerliche jüdische Familie im Berliner Osten, in der Königsberger Straße 15, geboren, "dort wo die Häuser drei Hinterhöfe hatten und sich das Leben so abspielte wie auf den berühmten Zille - Bildern. Auch wenn man im Vorderhaus wohnte, hörte man doch jeden Tag das Gebrüll eines Betrunkenen, der seine Frau schlug. Wir wohnten gegenüber dem Memeler Park, der im Winter eine Eisbahn war und im Sommer ein Kinderspielplatz", erinnert sie sich am Ende ihres Lebens im Gespräch mit Rolf Lehnhardt.

Dort verbringt sie ihre ersten acht Lebensjahre und das "Miljöh" formt nach eigenem Bekenntnis die Lucie Mannheim, die sie später sein wird. Sie lernt Tanzen zum Leierkasten im Hinterhof und macht die Erntefeste dort mit, liest aber auch sehr früh "die richtigen Bücher" die ihr "bedeutende Menschen" in die Hand geben und die ihre Entwicklung vom Zille weg hin "zum Menzel oder Liebermannbewirken.

Später zieht Lucie mit der Familie in den Berliner Vorort Hirschgarten um, wo sie dann als Dreizehnjährige ( mehrere weibliche Familienmitglieder gehörten zur Schauspieltruppe ) in einem Tanzsaal  im Stück "Alt - Heidelberg" von Wilhelm Meyer - Förster ( einem "alten Schmachtfetzen", so Tucholsky ) als Käthi auftritt. Von der Mutter anfangs ins Rampenlicht geschubst, leckt sie bald Blut und spielt dann noch in Arthur Schnitzlers "Liebelei" und Max Halbes "Jugend".  Nicht verwunderlich, dass sie, kaum der Schulbank entflohen, die Reichersche "Hochschule für dramatische Kunst" in Berlin besucht. 

Nach Abschluss ihrer Ausbildung dort bekommt sie ein Engagement im lettischen Libau, wo es ihr - trotz Ersten Weltkriegs - paradiesisch geht, denn neben der knappen Gage wird ihr eine große Wohnung und ein Dienstmädchen zur Verfügung gestellt, während sie im Berlin ihrer "Theaterschulzeit" von den Eltern keine Unterstützung erhalten hat. Doch bleiben will sie nicht, denn ihr Traum ist die "erste Theaterstadt der Welt", Berlin.

Nächste Station ist 1916 aber erst einmal das Königsberger "Neue Schauspielhaus" unter Leopold Jessner, wo sie sich gleich in Rollen von Ibsens "Wildente" bis Wedekinds "Lulu" bewähren darf. Vor allem die Übertragung der letzten Rolle auf die achtzehnjährige Lucie wird als bedeutendes Ereignis vermerkt. Ludwig Goldstein schreibt in der Königsberger "Hartungschen Zeitung" über ihren Auftritt:
"Erscheint es doch schon als eine Kühnheit, die Wirkung des Abends auf die beiden schönen Augen des Fräulein Lucie Mannheim zu stellen. Wir haben das Vergnügen diese Begabung aus dem Schatten der Unbeschäftigten auf die Sonnenseite der Publikumslieblinge rücken sehen, und es gibt für ein Theater wirklich keine weisere Maßregel, als für einen leistungsfähigen Nachwuchs zu sorgen."
Aufgrund ihrer verblüffenden Sicherheit wird die junge Lucie bereits auf eine Stufe mit der berühmten Gertrud Eysoldt gestellt.

In "Die armseligen Besenbinder"
von Carl Hauptmann (1918)
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Ein anderer Theaterkritiker empfiehlt die junge Aktrice an Friedrich Kayssler in Berlin, der dort gerade die Freie Volksbühne übernommen hat - fünfzig der besten Schauspieler deutscher Sprache will er dort um sich versammeln. Und die junge Lucie überzeugt ihn beim Vorsprechen und erhält das "Patent für große Fahrt" 1918.

Doch der Start verläuft in schauspielerischer Hinsicht nicht so, wie es sich Lucie immer erträumt hat, denn ihre erste Rolle in Anton Tschechows "Der Kirschgarten" verdammt sie, viel in den Kulissen herumzustehen. Was sich auf ihr Privatleben positiv auswirkt, denn dort steht ebenso häufig der junge Schauspieler Jürgen Fehling ( den Gustav Gründgens später als "Gulliver unter den Zwergen" bezeichnen wird ). Und beide verlieben sich rettungslos und eine sieben Jahre lange, sehr lebhafte Beziehung beginnt, die in eine Ehe gemündet wäre, hätte Lucie nicht einen Rückzieher gemacht.

Zwar ist die Bühne Lucies eigentliche Domäne, doch sie macht schon in ihren Anfangsjahren in Berlin mit "Zwischen zwei Welten" (1918) und "Jungmädchenstreiche" (1920) Ausflüge in die - damals noch stumme - Filmwelt.

Fehling wird aufgrund bestimmter Umstände nach zwei Jahren Oberregisseur an der Volksbühne und damit die "elementarste Kraft des deutschen Theaters", und ist der Grund dafür, dass das Berliner Theater seine Glanzzeit zwischen den Weltkriegen erlebt. Die um vierzehn Jahre jüngere Lucie ist ganz Medium seiner Theaterbesessenheit, später aber auch eine echte Partnerin seines Genies. Sie bringt in die erfolgreiche Zusammenarbeit einmal ihr Berlinertum, das Sachlich - Volkstümliche, ein, aber auch ihre überquellende Phantasie, ihren Sinn fürs Tragische wie das Poetische. Fehling selbst erlebt sie als "Elementar - Ereignis auf der Bühne". Über ihre Zusammenarbeit äußert sie sich später so:
"Wir haben uns gegenseitig kontrolliert, und zum Schluss verstanden wir uns wirklich so, daß es auf der Probe keiner Worte mehr bedurfte."
Dreißig gemeinsame Premieren werden sie miteinander erleben, weit über ihre private Beziehung hinaus.

"Die steinernen Reiter" (1923)
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Als Leopold Jessner die Leitung des ehemals "Königlichen Schauspielhauses", nun "Staatstheater Berlin" übernimmt, fragt er Lucie, ob sie nicht an seine Bühne kommen will. Sie stellt die Bedingung: nur mit Jürgen Fehling.

1923 debütiert sie in Kleists "Käthchen von Heilbronn" - ein Desaster! Das erste Mal hat Lucie Mannheim schlechte Kritiken, auch die Berliner Kritikerpäpste Alfred Kerr & Herbert Ihering sind sich einig: Das junge Talent sei noch zu berlinisch, zu sachlich. Das trifft sie hart, zumal sie erschöpft von Filmarbeiten an "Die steinernen Reiter" ist, wo sie die weibliche Hauptrolle innehat.

Auch das nächste Stück - "Hanneles Himmelfahrt" von Gerhart Hauptmann -  ist eher ein Fehlschlag, denn das Hannele ist zu wenig schlesisch, zu sehr berlinisch.

"Der Schatz" (1923)
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Im selben Jahr ist sie auch in G. W. Pabsts erstem Film "Der Schatz" als Tochter des Glockengießers zu sehen.

Eine Offenbarung für das Theaterpaar Mannheim - Fehling ist dann die Begegnung mit dem Theater des russischen Realisten Konstantin Stanislawski, der in Berlin u.a. einen sehr modernen "Hamlet" vorstellt. Dass man so Theater spielen kann, mit den Füßen fest auf der Erde und gleichzeitig mit dem Griff nach den Sternen! Diesem Vorbild gilt es ab sofort nachzueifern...

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Meilensteine in ihrer schauspielerischen Entwicklung sind für Lucie dann die Rolle der Marie in Büchners "Woyzeck" und die der anderen Marie in Lenz Drama "Die Soldaten". Typisch für ihr Spiel ist, dass sie den tragischen Gestalten auch immer noch eine Portion Lebenslust, einen Schimmer von Frechheit und Koketterie mitgibt.

Zu Silvester 1923 überrascht Fehling sein Berliner Publikum mit Alt - Berliner Possen, auf die ihn Lucie aufmerksam gemacht hat. Damit beginnt die große Popularität der Lucie Mannheim als volkstümliche Schauspielerin, und sie wird aufgrund ihrer kecken Anmut nun von einem viel breiteren Publikum geliebt. Dazu trägt auch bei, dass sie ein musikalisches Naturwunder ist ( sie verfügt über ein absolutes Gehör ).

Eigens für sie komponiert Walter Wilhelm Goetze das Singspiel "Henriette Sonntag" (1929), inspiriert vom Leben der Berliner Sängerin Henriette Sonntag, genannt "Die göttliche Jette". Mit dieser "Göttlichen Jette" bringt sie sogar bei ihrem Gastspiel 1932 das Kunststück fertig, die Wiener vor dem Charme einer Preußin kapitulieren zu lassen: "Sie wird auf Verehrerschultern auf die Bühne getragen", schreibt die "Wiener Allgemeine Zeitung". Hier das Auftrittslied der Jette ( Aufnahme von 1932 ):


Neben dem Theater - für das sie inzwischen auch selbst  Regie führt - spielt sie weiterhin in Filmen wie "Die Hose" (1927) und "Atlantik" (1929) mit, sie macht Kabarett bei Rudolf Nelson und ist an den satirisch gepfefferten Revuen von Friedrich Hollaender beteiligt. Und doch ist die Bühne ihr nicht alles: Als ihr die Chance geboten wird, "Die Dreigroschenoper" mit aus der Taufe zu heben, will sie lieber mit einem geliebten Menschen  Ferien machen.

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Spektakulär ist ihr Verhalten bei den Proben zu Ibsens "Nora" 1930 mit Lothar Müthel unter der Regie von Jürgen Fehling: Sie überzeugt ihren Partner, auf zwei Drittel seines Textes zu verzichten, um den Zwischentönen mehr Raum zu verschaffen. Auch der Regisseur ist von ihrer Konsequenz beeindruckt. Wo gibt es das, dass man einer Schauspielerin mit dem Gespür für eine Rolle nachgibt?

In Film "Danton" kann sie sich 1930 neben Fritz Kortner & Gustaf Gründgens behaupten, 1931 macht sie bei der Verfilmung der heiteren Geschichte "Der Ball" mit. Im Remake von "Madame wünscht keine Kinder" (1933) durch Hans Steinhoffs wirkt sie in der Rolle der Luise dann für viele Jahre letztmalig in einer deutschen Kinoproduktion mit.

Wie Lucie Mannheim sich später erinnern wird, sind die sogenannten goldenen Theaterjahre in Berlin "ein Konzentrat der Illusion. Die Künstler lebten... wie unter einer Glasglocke." 

Auf ihrer Reise 1932 nach Wien hat sie - unfreiwillig & eher unangenehm - die Bekanntschaft mit Joseph Goebbels gemacht. 1933 macht sie dann die Bekanntschaft mit den harschen Auswirkungen der von diesem Herrn betriebenen Politik, als ihr als Jüdin die Vertragsverlängerung am Staatsschauspiel verwehrt wird. Es trifft sie wie ein Blitz: Ihr Jüdischsein hat in ihrem bisherigen Leben noch nie eine Rolle gespielt! Lucie folgt schnell dem Drängen ihres damaligen englischen Verlobten und reist nach Großbritannien aus.

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Doch die Kollegin Käthe Dorsch kann sie noch einmal zu einem gemeinsamen Auftritt in Leo Falls Operette "Die Kaiserin" an der Berliner Volksbühne zurückholen ( die Dorsch hat vorher ihren Jugendfreund Hermann Göring zu einer Sonderregelung veranlasst ). Selbst Hitler wohnt einer Aufführung bei, und Göring gewährt Lucie auf Betreiben der Dorsch eine Audienz ( "Wer Jude ist, bestimme ich" ). Die Amputation am Berliner Theaterleben aufgrund der Nazigesetze ist brutal wie folgenschwer und zieht einen ungeheuerlichen Substanzverlust nach sich, den selbst die Nazis fürchten. Denn für das, was sie vorhaben, brauchen sie neben Brot auch Spiele, um das Volk bei Laune zu halten...

Bei Lucie verfehlt das Beschwichtigungsmanöver allerdings seine Wirkung.

Erst als sich immer mehr Kollegen von ihr zurückziehen und ihr der Ratschlag gegeben wird, ihren auffälligen Wagen nicht mehr vor Fehlings Haus zu parken, um diesen nicht zu gefährden, reicht es ihr: Sie packt ihre Siebensachen und fährt mit dem Auto über die tschechische Grenze. Dort fängt die vom Verfolgungswahn Geplagte erst einmal der Psychotherapeut Josef Löbel auf, bis sich Lucie zu einer endgültigen Übersiedlung nach England entscheiden kann.

Filmarbeiten zu "39 Stufen"
mit Robert Donat & Alfred Hitchcock
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Fortuna bleibt ihr im Exil jedoch treu: Sie trifft auf den Regisseur Alfred Hitchcock, der ihr ohne Probeaufnahmen eine Chance in seinem Spionagethriller "39 Stufen" und ihr eine kleine, aber markante Rolle gibt.

Die gute Gage bildet den Grundstein für eine neue Unabhängigkeit und weitere Rollenangebote folgen und machen aus der Mannheim eine Femme fatale der Filmgeschichte ( wie das entsprechende Starfoto aus jener Zeit dokumentiert ). "The High Command" mit James Mason ist 1936 der nächste Film:


"The High Command"
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Ein Dreivierteljahr später steht sie auch wieder auf der Bühne, und zwar in einer Doppelrolle im Stück "Nina" von Bruno Frank: Einmal als eleganter schöner, perfekt Englisch sprechender Hollywoodstar, zum anderen als komisches, radebrechendes Double. Acht Monate läuft das Stück en suite. Und nur der Tod des Königs führt zur generellen Absetzung aller Komödien...

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Nach dem Erfolg von "Nina" sucht Lucie einen Partner für ihr nächstes Stück: "Das unbekannte Mädchen" von Franz Molnar. Sie entscheidet sich für Marius Goring. Und der wird dann auch ihr Partner fürs Leben, der einzige Mann, der sie zur Heirat überreden kann ( allerdings erst 1941 auf dem Höhepunkt der Schlacht um England ).

Mit finanzieller Hilfe englischer & ausländischer Freunde gelingt es ihr auch in England, eine eigene feste Theatercompanie mit festem eigenen Haus durchaus sehr erfolgreich zu installieren - bis der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges alles beendet. Aber Lucie Mannheim hat wieder einmal bewiesen, dass sie allen Hemmnissen zum Trotz wie fremde Sprache & fremde Mentalität wieder die Spitze erklimmen kann.

Die Bombenangriffe auf London setzen ihr dann aber so zu, dass sie nicht mehr in der Lage ist aufzutreten. Hinzu kommt die Sorge um die Berliner Freunde & Verwandte.

In "Hotel Reserve"
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Ihr Ehemann Marius Goring, inzwischen Produktionsleiter der deutschsprachigen Abteilung der BBC, kann sie schließlich motivieren, ihn zu unterstützen, wenn es um Unterhaltung geht. So singt sie die bekannte, obige Persiflage auf Lale Andersens "Lili Marleen" und wirkt schließlich in einem Propagandafilm  - "The True Story of Lilli Marlene" - mit. 1944 folgen die Filme "The Tawny Pipit" und "Hotel Reserve". 

Da es nach dem Zweiten Weltkrieg noch einige Zeit dauert bis die deutschen Rundfunksender reorganisiert sind, versorgt die BBC die deutschen Hörer mit gediegenem Unterhaltungsstoff mit Hilfe deutscher Kräfte, darunter auch Lucie Mannheim. Und abends steht sie wieder auf der Bühne. Doch irgendwann ist sie nicht mehr zu halten, will ihre Freunde & Verwandte in Berlin wiedersehen. Die britische Militärregierung erlaubt ihr und ihrem Mann im Rahmen der Truppenbetreuung eine Tournee durch die britische Besatzungszone. Sie setzen durch, dass sie auch vor deutschem Publikum auftreten und in den zerstörten Städten Lebensmittel und andere Hilfsgüter verteilen dürfen. Vor der ausgebrannten Ruine ihrer langjährigen Wirkungsstätte am Gendarmenmarkt bricht Lucie dann in Tränen aus. Der Empfang, den ihr die Berliner bereiten, ist überwältigend...

Doch aus dem Versprechen des Berliner Bürgermeisters Ernst Reuter, bei der Wiedereröffnung des Schiller - Theaters dabei zu sein, wird dann nichts ( nur einmal, 1958, wird sie dort in "Schau heimwärts, Engel" von Thomas Wolfe einen großen Erfolg feiern ). Doch andere Berliner Bühnen ( und viele in Westdeutschland ) geben der großen Schauspielerin die ihrem Alter angemessenen Rollen zu spielen. Auch als Regisseurin ist sie erfolgreich.

Mit Hans Albers in "Nachts auf den Straßen"
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Ihrer Mitwirkung beim deutschen Film der Nachkriegszeit misst sie selbst keine große Bedeutung bei.

Doch nach Meinung der Kritiker verdankt der Streifen "Nachts auf den Straßen" mit Hans Albers in der Hauptrolle, dem 1952 der Bundesfilm-Preis zuerkannt wird, alleine ihrem Auftritt diese Auszeichnung. Ihr Spiel habe die Mängel des Films aufgewogen. Lucie erfährt davon allerdings erst durch Zufall. Man habe Albers nicht brüskieren wollen...

In den 50er Jahren taucht sie recht häufig in Filmen auf, u.a. "Ich und du",  "Gestehen Sie, Dr. Corda!", "Der Eiserne Gustav" sowie "Der letzte Zeuge" an der Seite von Martin Held und Hanns Lothar. 1965 wird "Bunny Lake ist verschwunden" ( "Bunny Lake is Missing" ) ihr letzter Leinwandauftritt.

Mit Lieselotte Pulver in "Ich und du", mit Heinz Rühmann in "Der Eiserne Gustav" und Martin Held in "Der letzte Zeuge"



Als sie 1967 eine Einladung zu den Internationalen Filmfestspielen in Berlin bekommt - Reisekosten werden nicht nur für sie, sondern auch ihren Mann übernommen, denn beide leben nach wie vor auch in Hampton Court in Surrey - ahnt sie nicht, worum es geht und kommt auf den letzten Drücker in die Veranstaltung in der Deutschen Oper. "Für langjähriges und hervorragendes Wirken im deutschen Film" erhält sie dort zum Schluss der Veranstaltung das Filmband in Gold.

Im Oktober 1959 ist ihr bereits das "Große Bundesverdienstkreuz" verliehen worden, 1963 der Titel "Berliner Staatsschauspielerin". 

In "Bunny Lake ist nicht zu fassen"
Ihre letzte Rolle als 71jährige hat sie als Krückstock schwenkende Theaterlöwin Carlotta in der Fernsehinszenierung von Jean Anouilhs "Cher Antoine oder Die verfehlte Liebe".

Am 18. Juli 1976 stirbt Lucie Mannheim in Braunlage im Harz - das ist alles, was über das Ende einer der größten deutschsprachigen Schauspielerinnen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts herauszufinden ist.

Überhaupt gibt es bis auf das kleine Büchlein von Rolf Lehnhardt von 1973 keine Veröffentlichungen über sie - für mich eigentlich nicht nachvollziehbar  bei einer Schauspielerin, die der große Theatermann Jürgen Fehling "ein Unikum" genannt hat. "Ich habe in meiner langen Bühnenbahn kein so originelles Wesen erlebt.( ... ) Hier hat Gott ein kleines Welttheater geschaffen."

Sie wäre es wirklich wert, wenn man ihrer angemessen gedächte.


Kommentare:

  1. Meine Güte, was für eine lebendige Kurz-Biografie du da wieder verfasst hast über diese quicklebendige Frau..., von der ich mal wieder keine Ahnung hatte... Es wird früher hell, dann stehe ich früher auf und komme in den Genuss nach dem Frühstück deinen Frauen pünktlich zu begegnen. Ein guter Tagesbeginn. Herzlich Ghislana

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  2. Liebe Astrid,
    diese kleinen Biographien machen mir immer wieder Freude, ich lese sie gerne. Danke, dafür dass Du Dir die Mühe machst und alles so gut recherchierst.
    Nach allem, was Du über Lucie Mannheim schreibst wundert es mich auch, dass sie so wenig Würdigung erfährt und es nur diese eine kleine Büchlein über sie gibt, sie hat eindeutig mehr verdient.
    Ich wünsche Dir einen schönen Donnerstag.

    Viele liebe Grüße
    Wolfgang

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  3. Auch ich hatte keine Ahnung von dieser Schauspielerin und Sängerin.
    Wieder mal so ein spannender Lebenslauf einer großen Künstlerin.
    Perplex macht mich, dass ihr Judentum für sie anscheinend keine Rolle spielte und sie von den heftigen Reaktionen der Gesellschaft und Politik so überrascht wurde. War das bei den männlichen, jüdischen Künstlern auch so?
    Es ist ja ein persönlicher, riesiger Abgrund, der sich da auftut, zwischen dem Hofiertwerden als Künstlerin und dann plötzlich von allen fallengelassen werden. Mich freut es, dass sie es in England geschafft hat, sich wieder ein erfüllendes künstlerisches Leben aufzubauen. Verblüffend finde ich aber, dass sie in Braunlage im Harz gestorben ist. Wie das wohl kam?
    Danke Dir für diese Biografie am Morgen. Immer wieder lehrreich und dennoch unterhaltsam geschrieben!
    Herzlichst, Sieglinde

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  4. Liebe Astrid, ich hing gerade wie verzaubert an Deinen Worten. Ich hab nämlich nur geklickt, weil ich Mannheim gelesen habe und in Mannheim wohne. Ich kenne die Schauspielerin nicht, noch nie von ihr gehört.Eine sehr bewegte und bewegende Biografie. Sie lebte in Hampton Court ( dort ist es sehr schön) starb aber im Harz? Das ist wirklch verblüffend.
    Danke für die tolle Unterhaltung. Jetzt weiss ich auch wer Lucie Mannheim war.
    Liebe Grüße Tina

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  5. Verstehen ohne Worte- was muss das für ein gorßatiges Vertrauen gewesen sein. Und doch ist sie trotz ihres Talentes nicht bekannt genug geworden, da tun sich für mich viele Fragen auf- auch ihr Tod im Harz.
    Gruß zu dir
    heiDE

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  6. Da hast Du recht, so bekannt,erfolgreich und einflußreich sie im Theaterleben in Deutschland und England war, ist es wirklich verwunderlich, dass sie so rasch in Vergessenheit geriet.
    Deshalb mag ich Deine Reihe auch so, du entdeckst die verborgenen Schätze...
    Liebe Grüße
    Andrea

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  7. Zweiter Versuch.
    Die Lektüre dieses Frauenportraits machte mein Frühstück heute zu einem perfekten Ferienmorgen.
    Mir sagt der Name Lucie Mannheimer auch etwas in meinen tiefsten Tiefen. Auf jeden Fall ist es ein neuer Gesprächsfaden mit meinen Eltern. Danke!
    Viele Grüße,
    Karin
    Nachtrag von heute Abend: Ich weiß jetzt, dass ein Großvater Stummfilme am Klavier begleitet hat.

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  8. was für eine interessante frau hast du da wieder für uns ausgesucht!! den namen kannte ich - mehr aber auch nicht! und das ist mal wieder höchst bedauerlich - in braunlage weiß man bestimmt auch nichts mehr von ihr!! weißt du, wo sie begraben ist?
    ich danke dir jedenfalls für dieses sehr aufschlussreiche portrait - und für eine andere lili marlen!!
    liebe grüße
    mano

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