Donnerstag, 13. Oktober 2016

Great Women # 77: Charlotte Kerr


Natürlich hing auch ich wie viele meiner Generation ab September 1966 samstagabends nach der Tagesschau vor der Glotze, um "Raumpatrouille – Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion", die bekannteste deutsche Science-Fiction-Fernsehserie zu sehen. Die Titelmusik gefällt mir immer noch:

Auch die Schauspieler dieser Serie habe ich bis heute wohlwollend im Gedächtnis. Vor allem die Frauen unter ihnen mit ihren innovativen Frisuren ( einem "Bob", den ich natürlich auch nachmachte ). Eine von ihnen, Lydia van Dyke, General & Befehlshaberin der "Schnellen Raumverbände" (SRV)  der geeinten terrestrischen Armee, fand ich besonders beeindruckend in ihrer analytisch - kühnen Art, einer ganz anderen Rollenvorstellung verhaftet, als es damals gang und gäbe war. Die Schauspielerin, die sie spielte, war für mich damals völlig eins mit dieser Rolle. Es war Charlotte Kerr, der ich später noch in einem ganz anderen Zusammenhang begegnen sollte...


Charlotte Kerr kommt am 29. Mai 1927 in Frankfurt am Main zur Welt. Bis heute hält sich im Netz die Information, ihr Vater sei der berühmte Berliner Theaterkritiker Alfred Kerr ( auch wenn dies dann gleichzeitig dementiert wird ). Fakt ist, dass über Charlottes Kindheit &  Jugend nichts in Erfahrung zu bringen ist.

Ins Licht der Öffentlichkeit gerät sie erst als 24jährige, als sie in einer Inszenierung von Schillers „Don Carlos“ am Berliner Hebbel - Theater durch Fritz Kortner aufgrund ihrer schauspielerischen Leistung auffällt. Ab 1960 tritt sie regelmäßig in deutschen Filmproduktionen in Erscheinung, beginnend mit den "Heldinnen" von  Dietrich Haugk ( nach dem Lustspiel "Minna von Barnhelm" von Gotthold Ephraim Lessing ), einem Film, für den sie auch das Drehbuch geschrieben hat, und der von ihrem damaligen Ehemann Henri Sokal für die UFA produziert wird. 

Sokal hat in München eine eigene Produktionsfirma, kann aber nicht mehr an seine Erfolge vor der Naziherrschaft anknüpfen, als er 1929 mit dem Regisseur Arnold Fanck den international sehr erfolgreichen Streifen "Die weiße Hölle vom Piz Palü" produziert hat.

"Das Wunder des Malachias"
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1961 spielt Charlotte in dem mehrfach ausgezeichneten ( und in meinen Filmclub - Kreisen geschätzten ) Film "Das Wunder des Malachias" des deutschen Regisseurs Bernhard Wicki die Rolle der Dr. Renate Kellinghus.

Auch das Fernsehen wird auf sie aufmerksam und sie erhält in einer Folge der Serie "Alarm in den Bergen" eine Rolle.

1966 übernimmt sie dann die Rolle der Lydia van Dyke in der bis heute populären Fernsehserie "Raumpatrouille – Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion":

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Martin Blumenau schreibt über diese Figur:  

"Der Van Dyke-Charakter ist den großen stoischen Heldinnen der 30er, 40er und vielleicht noch 50er nachempfunden, Katherine Hepburn, Bergmann, Garbo, Dietrich, später Flickenschildt; Fatale Femmes, die in kriegsbedingter Abwesenheit ganzer Männergenerationen das Leben selbstständig gestemmt hatten, ehe sie in den Fifties wieder an die Herde zurückgedrängt wurden.
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Van Dyke ist die Chefin des Helden der Raumpatrouille-Reihe, die Chefin von Orion-Kommandant Cliff Allister McLane alias Dietmar Schönherr .... Und reine Fiction war auch die Rolle der Befehlshaberin. Eine Frau als General - 1966 unvorstellbar."

Und weiter: 

"Die massiv in die Zukunft gedachte Orion-Serie, die in Teilen übermilitaristisch war und in anderen Bereichen noch stark im West/Ost-Machtdenken festhing, war in Gender-Fragen hingegen weit vorne. Der zentrale Konflikt zwischen Ratio und Instinkt, zwischen Regel und Improvisation, der im SF-Bereich seit jeher dominiert, wird auf der Orion zwischen McLane (Herz) und Sicherheits-Offizierin Jagellovsk (Hirn) durchexerziert; entgegen aller Geschlechter-Klischees."  ( Quelle hier )

"Heisser Sand auf Sylt"
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Einen weiteren populären Auftritt hat Charlotte Kerr 1967 zusammen mit Horst Tappert im Unterhaltungsfilm „Heisser Sand auf Sylt“, in dem sie die Gattin des Unternehmers Bergmann ( Tappert ) verkörpert. Ansonsten sorgt dieser Film auch für Skandale, "denn man sah Brustwarzen und Schlimmeres, weshalb er auch nicht vor zwei Uhr morgens ausgestrahlt werden durfte. Wer diesen Film heute sieht wird sich prächtig amüsieren.“ ( Quelle hier )


"Die Antwort kennt nur der Wind"
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In der Verfilmung einer Geschichte, die von erster sexueller Erfahrung handelt ( "Peter und Sabine", 1968 ), spielt sie dann eine Frauenärztin, in "Deine Zärtlichkeiten" ( 1969 ) die Mutter eines Geschwisterpaares, das sich von einander angezogen fühlt - beides Filme, die zur damaligen Zeit reichlich Kritik einstecken müssen wegen ihrer Inhalte, die bestimmten gesellschaftlichen Kreisen zu freizügig sind.

Dazwischen übernimmt sie immer wieder Fernsehrollen. Dann, 1974, ist sie gefragt für die Verfilmung des Johannes -Mario - Simmel - Bestsellers "Die Antwort kennt nur der Wind". Sie wird als Darstellerin der Hilde Hellmann eingesetzt, der Frau des ( ermordeten ) Bankiers, dessen Fall der Versicherungsdetektiv Robert Lucas an der Côte d'Azur aufklären soll.

Es folgen weitere Auftritte in der Serie "Der Alte" und Rollen in zwei Fernsehfilmen von Rainer Erler im Stil der kritischen Reportage: 1978 "Plutonium" und 1979 "Fleisch".

"Plutonium" (links ), "Fleisch" ( rechts)
Immer öfter arbeitet Charlotte nun aber auch als Journalistin, z.B. bei "Fred Zinnemann - Ein Hollywood-Regisseur", schreibt Drehbücher, führt Regie.  1983 dreht sie einen Film über die griechische Filmschauspielerin Melina Mercouri. Auch für das Theater interessiert sie sich immer noch, weshalb sie im Zusammenhang mit der Inszenierung des Stückes  „Achterloo“ den Schweizer Dramatiker Friedrich Dürrenmatt interviewt & filmt. 

Dürrenmatt, 62jährig, hat zu Beginn des Jahres 1983 seine erste Frau Lotti verloren, ist gesundheitlich angeschlagen und nicht frei von Alkohol- und Tablettensucht. Während der gemeinsamen Arbeit verlieben sie sich ineinander. Verena Dürrenmatt, seine Schwester, sagt später darüber: „Er war schon so alt, aber da wurde er wieder jung.

Charlotte Kerr und der Dramatiker heiraten am 8. Mai 1984. Viele meinen, Charlotte habe den Dichter so schnell in eine nächste Ehe gelockt. Dürrenmatts Biograf Peter Rüedi widerspricht dem aber: "Die treibende Kraft hinter dieser Ehe war Fritz selbst. Es ist, als ob sich seine frei gewordene erotische Valenz sofort wieder habe binden wollen."

Es ist auch das Jahr, in dem Charlotte zum letzten Mal in einem Film in Erscheinung tritt, nämlich in der Verfilmung von Marcel Prousts „Un amour de Swann“ durch Volker Schlöndorff. Darin mimt sie eine Bordellchefin, eine Figur, die auch in das eine oder andere Dürrenmatt-Stück gepasst hätte. 

1986
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Charlotte scheint nun ihre Aufgabe darin zu finden, Ehefrau & Muse zu sein. Wider Erwarten seines Umfelds, gelingt es ihr, den "Dichterfürsten" aus seiner großen Krise nach dem Tod seiner ersten Frau zu befreien und so aufzubauen und zu stützen, um ihm noch "zu einem fulminanten und einzigartigen philosophisch-poetischen Spätwerk" ( Pirmin Meier ) zu verhelfen. Sie lebt mit ihm in seinem Anwesen im Vallon de l’Ermitage, oberhalb von Neuenburg ( Neuchâtel ), fährt ihn mit dem legendären roten Maserati spazieren und strukturiert seinen Alltag so, dass Dürrenmatt wieder zu kreativer Disziplin gelangt, statt sich mit alkoholisierten Schriftstellerkollegen nächtlich auszutauschen.

Zusammen bringen sie das Theaterstück "Rollenspiele" heraus und 1984 den Dokumentarfilm "Porträt eines Planeten". Charlotte hat das Material für diesen mehr als vierstündigen Film über Dürrenmatt noch vor ihrer Eheschließung gedreht. Das Porträt bietet einen direkten und fesselnden Einblick in die Arbeitsweise und Gedankenwelt des Schriftstellers und Malers. 

Porträt Charlotte Kerr ( Gouache 1983)
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Sieben Jahre steht Charlotte dem "Schweizer Heiligtum" zur Seite, das zuletzt physisch & psychisch immer mehr abbaut.  Am 14. Dezember 1990 stirbt Friedrich Dürrenmatt kurz vor seinem 70. Geburtstag in Neuenburg an Herzversagen.

"Bei allen ihren unbestreitbaren Vorzügen entwickelte sich Charlotte Kerr zu einer Berufswitwe, wie sie ihr verstorbener Mann wohl nicht besser für ein absurdes Theater hätte phantasieren können." ( Pirmin Meier )

Nach Ansicht mancher Feuilletonisten spielt sie diese Rolle "eifernd, unbeliebt, virtuos". Alleine ihre gerichtliche Auseinandersetzung mit dem Schriftsteller Hugo Loetscher um seine bissige Beschreibung der Totenfeier für Dürrenmatt in einem Essayband kostet sie viele Sympathien.

Als Charlotte  Kerr ihre Erinnerungen an die gemeinsame Zeit in ihrem Buch "Die Frau im roten Mantel" verarbeitet & 1992 veröffentlicht, schreibt "Der Spiegel":

"So ziemlich jeder Mann hinterlässt etwas, das gegen ihn verwendet werden kann: eine Witwe. Verschärft wird das Unheil, wenn der Verblichene eine Berühmtheit war und die erinnerungsschwere Witfrau des Schreibens kundig und willens ist. Dann entsteht leicht jenes vielseitige Ding, das Buch heißt, und die schönste Seite daran muss nicht immer der Text sein."

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Es ist sicher kein literarisch wertvolles Werk, was sie da verfasst hat, denn oft verfällt Charlotte in einen journalistischen Notizzettel-Stil, in dem bloß Wortgruppen aneinandergereiht werden. Es gibt aber einen interessanten Einblick in das Spätwerk Dürrenmatts oder zu den Filmen Charlotte Kerrs, enthüllt aber auch Intimes, das man nicht unbedingt wissen will. Wohl aus diesem Grund habe ich das Buch zwar gelesen, aber auch so verkramt, dass ich es jetzt nicht mehr wiedergefunden habe.

Das "alpine Grollen" erhebt sich auch wieder, als Charlotte 1993 die theatralische Exekution eines späten Dürrenmatt-Textes, "Midas", per einstweiliger Verfügung verhindert. Der Rechtsstreit zwischen Witwe und dem Diogenes-Verlag schwelt lange.

So richtig zum Glühen bringt sie die Alpen schließlich, als sie verkündet, auf dem Gelände der Neuchatel-Eremitage ein Museum für Dürrenmatts Malereien einzurichten. Die zehn Millionen Franken für Bau und Betrieb, meint sie, müsse der Schweiz ihr Dichter wert sein. In Schweizer Augen ist sie fortan Dürrenmatts "herrischer Landvogt und Stellvertreter auf Erden".

Charlotte Kerr ist eine unglaublich facettenreiche Persönlichkeit und sicherlich unbequem fürs überkommene Establishment, da kritisch, klar, kompromisslos. Nach Meinung ihr nahestehender Menschen wird sie aber zu Unrecht gerne von der Presse angegriffen. Infam ist meiner Meinung nach, bei einem Artikel zum Dokumentarfilm "Dürrenmatt – eine Liebesgeschichte" von Sabine Gisiger hervorzuheben, dass in diesem nicht viel von ihr die Rede ist. Kein Wunder: 68 von 75 Filmminuten bestehen aus Material, das Charlotte Kerr selbst gedreht hat. Da kann frau sich doch wohl nicht selber filmen ( an dieser Stelle ).

Pirmin Meier würdigt hingegen ihre "dynamische(r) Mitwirkung" bei der Einrichtung des ehemaligen Wohnsitzes zum „Centre Dürrenmatt“, der Dauerausstellung von Dürrenmatts malerischem und zeichnerischem Werk mit den entsprechenden Dokumentationen zu Dürrenmatts Karriere als Schriftsteller.  Das "Centre" ist eine der bestmöglichen Einführungen in das Leben und Werk des Autors. Im September 2000 wird es schließlich eröffnet, und seither finden Ausstellungen und Veranstaltungen zu seinem Schaffen dort statt.

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Am 28. Dezember 2011 stirbt Charlotte Kerr, 84jährig, in einem Berner Spital. Ihre Urne wird auf ihren Wunsch auf dem Gelände des "Centre" unter derselben Trauerbuche begraben wie ihr Mann. Nicht ohne Häme wird später immer wieder kolportiert, dass dort auch die Urne der ersten Ehefrau bestattet ist ( z.B. hier ), was Charlotte wohl nicht gewusst hat. Selbst über ihren Tod hinaus können manche Schweizer nicht ihren Frieden machen mit ihr...

Das spiegeln auch die Berichterstattungen über ihr Testament wider: Immer wird gefragt, wer ihren Tantiemen-Anteil erhält? Und was passiert mit den Dürrenmatt-Manuskripten und -Bildern in ihrem Besitz? Oft kommen Befürchtungen zum Ausdruck, sie könne die Heimat des "Schweizer Heiligtums" schädigen. Tatsächlich hat sie die von ihr gegründete Charlotte-Kerr-Dürrenmatt-Stiftung als Haupterbin eingesetzt, die im In- und Ausland Projekte rund um Dürrenmatts Werk unterstützt - ein weise Lösung, meiner Meinung nach, vor allem, da Projekte gefördert werden, um Kinder & Jugendliche ins Theater zu bringen ( z.B. im Jungen Schauspielhaus Zürich oder am Deutschen Theater Berlin ).


Ich habe mich beim Recherchieren & Lesen immer wieder gefragt, ob Charlotte Kerr und Lydia van Dyke nicht doch irgendwie identisch waren, so, wie ich es als Jugendliche empfunden habe: Offensichtlich hat sie als Frau ein Verhalten an den Tag gelegt, dass in der Öffentlichkeit als zu bestimmt & selbstbewusst, also eher unweiblich, wahrgenommen wurde. Anders kann ich mir manche mediale Bissigkeit nämlich nicht erklären. Noch immer ist die Zeit also nicht reif für Lydia van Dyke...






Kommentare:

  1. Jessas Astrid, das ist ja fein, dass du die Kerr ausgegraben hast.
    Finde ich toll, ich fand aber Eva Pflug noch besser und natürlich den Dietmar Schönherr, den möchte ich total gerne und Raumpatroullie Orion gehörte bei uns zum Pflichtprogramm, ich mochte die Serie gerne und schau sie auch heute immer wieder gerne an. Die technischen Möglichkeiten waren damals ja noch nicht so groß und trotzdem ist es heute immer wieder eine feine Sache.

    Lieben Gruß Eva

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  2. ich glaube solche Frauen..die ja irgendwie immer ihrer Zeit voraus sind
    haben es immer schwer..
    sie machen vor allem den Männern "Angst"
    ich kannte sie nicht..
    schön dass ich etwas über sie erfahren durfte
    liebe Grüße
    Rosi

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  3. Kurzweilig zu lesen, informativ vielleicht amüsant. Raumpatrouille sehen, mochte ich nicht. Dagegen die Dürrenmatt'schen Inszenierungen...

    ...Bravo, Astrid!

    Mit sonnigen Grüßen, Heidrun

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  4. Herzlichen Dank für diesen tollen Beitrag (inklusive Musik), das weckt Erinnerungen (die Bewunderung für die starken Frauen, aber auch das Amüsieren über die Ausstattungsideen).
    Du bist unterwegs? Da wünsche ich dir eine schöne Zeit!
    Liebe Grüße
    Christine

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  5. Ein wirklich toller Beitrag, liebe Astrid, rund um all diese starke Frauen, hier insbesondere Charlotte Kerr, einer großartigen Schauspielerin in vielen unterschiedlichen Rollen.:-)

    Allzu oft habe ich die Sendung des Raumschiffes Enterprise jedoch nicht gesehen.

    Liebe Grüße
    Christa

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  6. Ein toller Beitrag wieder, liebe Astrid,
    von einer sehr interessanten Frau.
    Ganz liebe Grüße von Urte

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  7. Sehr gut. Es ist immer noch so: Männer, die kompliziert und dominant sind, zeigen Kante, Frauen nennt man dann Zicken.
    LG
    Magdalena

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  8. natürlich hab ich die titelmelodie noch im ohr und wollte immer so eine frisur haben, was bei meinen fitzelhaaren gar nicht ging...
    was später alles kam, wusste ich nicht - hochinteressant! ich muss gleich nochmal alles nachlesen.
    liebe grüße, mano

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