Sonntag, 27. September 2015

Mein Freund, der Baum: Hainbuche































Am 3. September saß ich unter diesem Baum, hörte dem Keckern des Eichelhähers zu, dem Rauschen des Windes in den Wipfeln und verfolgte die Lichtspiele der Sonne im Blätterdach und wartete. Wartete auf den Hausarzt, der den Totenschein für meine in den Frühstunden dieses Tages verstorbene Schwiegermutter ausstellen musste. 

Und ich nahm die ganze Schönheit dieses Augenblicks in mich auf, obwohl ich doch gerade so etwas Trauriges erlebt hatte. Ja, auch dieser Baum war mir ein Freund in diesem Moment. Und in meinem Kopf entstand die Idee, ihm meinen nächsten Post zu widmen....


Es handelt sich um eine Hainbuche/Carpinus betulus, die von meinen Schwiegereltern 1958 im Garten ihres neu erbauten Hauses gepflanzt worden war und die sich zum großen Hausbaum in den nunmehr fast 60 Jahren entwickelt hat. Ich erinnere mich, wie ich früher meinem Schwiegervater im Garten geholfen habe, die hunderte von kleinen Abkömmlingen aus seinem Blumenbeet  zu zupfen - keine leichte Arbeit, denn die Schösslinge waren immer sehr gut im Boden verankert.

Auch an meinem Elternhaus gab es Hainbuchen, aber in Form einer Hecke rund ums Grundstück und Jahr für Jahr sorgfältig beschnitten von meinem Vater, auch in Form eines Bogens über dem Eingangstörchen...

All das ging mir in dieser Stunde unter der Baumkrone durch den Kopf. 


Die Hainbuche wird auch Weißbuche genannt & zählt zur Gattung der Hainbuchen (Carpinus) aus der Familie der Birkengewächse. Sie ist ein mittelgroßer Baum oder Strauch, der in Europa und Westasien vorkommt, und nicht verwandt mit der Rotbuche/Fagus sylvatica, auch wenn der Namen das nahe legt.

Der Name Weißbuche betont, dass das Holz des Baumes sehr viel heller ist im Gegensatz zu dem der Rotbuche. Die Hainbuche übertrifft auch alle einheimischen Bäume in einer Eigenschaft, sie hat das härteste Holz. Daher nennt man es auch Eisenholz und den Baum Hornbaum oder Steinbuche. Ihr Holz wurde früher, als Eisen noch knapp und teuer war, für stark beanspruchte Fahrzeug- und Maschinenteile wie Zahnräder, Achsen, Speichen, Holzschrauben u. ä. verwendet.




Die Hainbuche hält die größte „Verstümmelung“ aus: Man kann sie zurechtschneiden, wie man will, sie nimmt es nicht übel. So war es ihr Schicksal, vor allem im 18. Jahrhundert, als man die Natur „ordentlich und sauber“ haben wollte, für schnurgerade Hecken um Grundstücke und Parks herhalten zu müssen. ( In Barockgärten sind es oft Hainbuchen, aus denen die absonderlichsten Formen geschnitten werden. )
Außerdem ist vorteilhaft, dass die Blätter im Winter lange am Baum/Strauch hängen bleiben und so einen Sicht-, Lärm- und Windschutz auch in dieser Jahreszeit bieten können. Eine Hainbuchenhecke zeigt im Jahreslauf ein interessantes und abwechslungsreiches Farbenspiel: hellgrün beim Austreiben, dunkelgrün im Frühsommer, dann beim zweiten Austrieb wieder heller vor dem dunklen Grün der älteren Blätter, und schließlich im Herbst zunächst goldgelb und am Ende braun. Als Hecke ist sie auch ein beliebter Brutplatz für Vögel.

Noch ein paar Daten zum Schluss: Die Hainbuche wird bis 25 Meter hoch. Ihr Stammdurchmesser erreicht bis zu einem Meter.  Das Höchstalter beträgt etwa 150 Jahre.
Die Frucht ist wie bei Ahorn, Esche und Ulme eine Flügelnuss. Gleich 3 Flügel auf einmal sorgen bei Wind dafür, dass sie bis zu einem Kilometer weit getragen werden können ( sog. Schraubflügler ). Die Nüsschen hängen meist zu acht Paaren übereinander an den Zweigen und dienen vielen Vögeln und Nagetieren als Nahrung.


Weitere Baumfreunde ( und die, die es werden wollen! ), treffen sich heute wieder bei Ghislana/Jahreszeitenbriefe.
Die Liebe hat mir im Kommentar noch ein schönes Gedicht geschickt, dass sicher meinem Schwiegervater & meinem Vater gefallen hätte ( denn es trifft auf sie zu ). Deshalb setze ich es an dieser Stelle in meinen Post ein:


Mein Kletterbaum
 

Meine Hainbuche ist ein Kletterbaum,
das Holz so hart, du glaubst es kaum !
Ein Ast wie mein Finger, der hält uns zwei,
und dick wie mein Daumen, der trägt schon drei !
 
Mein Opa, der hat mir mal gesagt,
das Hainbuchenholz war sehr gefragt
für Wagenspeichen und Hammerstiele,
für Zähne am Zahnrad der Wassermühle,
          damals, als er noch ein Junge war,
          genau wie ich, mit Wuschelhaar.
          Da hatte er noch keine Glatze
          und klettern konnt` er wie `ne Katze !
Und Du mußt mal am Abend nach Benkel gehn,
da siehst Du im Bruch Gespenster stehn !
Das sind die Reste der uralten Hecke
am Erlenbruch, an der Wiesenecke.
 
Da warten sie krumm, mit Moos auf dem Buckel,
die Arme hohl, die Haut voller Huckel .
Doch hast Du sie einmal in der Sonne gesehn,
dann weißt du : die sind märchenhaft schön!
 
Dann denkst du : Ob die wohl manchmal träumen
von damals, von Kindern in Kletterbäumen ?
Wie Opa der Kletterbaumkönig ist ?
Ich glaub, daß eine Hainbuche das nie vergißt !

Heinrich Benjes 
aus „ Wo die Büsche tanzen wollen“








Kommentare:

  1. Das liest sich einfach wunderbar. Ich stelle es mir so schön vor, einen Baum zu setzen und ihn dann wachsen zu sehen. Und wer hätte gedacht, das solch ein Baum irgendwie tröstlich kann?
    Genau diese Hainbuchenblätter waren es, die ich diese Woche zum Fimobasteln genommen habe. Allerdings aus einer Hecke. Die Struktur ist wirklich toll.
    Und nun wünsche ich dir noch einen schönen Sonntag, liebe Astrid.
    Jutta

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  2. Liebe Astrid,
    schön, dass Du Deine Erinnerungen an Deine Schwiegereltern mit uns teilst.
    Ich finde es immer spannend Bäume zu sehen, die so alt sind wie Menschen in meiner Umgebung. 1958 - ein Jahr später wurde mein Mann geboren.
    An der Hinterseite unseres Grundstückes zum freien Feld hin haben wir im Frühjahr 2011 eine Hainbuchenhecke gepflanzt, mittlerweile ist sie schon 2 m hoch gewachsen. Dass Hainbuchen die einheimischen Bäume mit dem härtesten Holz sind wußte ich nicht.
    wünsche Euch ein harmonischen Sonntag
    Judika

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  3. Liebe Astrid,

    Die Hainbuche auf deinen Fotos ist ein wunderschöner Baum! So schön gewachsen, sonnengebadet und efeuüberrankt. Sie hat im Garten deiner Schwiegereltern bestimmt viel erlebt. Und ist dabei einfach gelassen dagestanden, gewachsen. Von Vögeln umflattert, ihre Zweige bewegt vom Wind. Ein Zuhause für viele Generationen von Tieren und auch für die Menschen, die mit und unter ihr lebten.
    Liebe Grüße
    und einen schönen Sonntag,
    Veronika

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    1. Ich wäre auch glücklich, wenn der Baum samt Haus & Garten in die Hände der Menschen überginge, die zuletzt mit meiner Schwiegermutter dort gelebt haben. Ich werde alles dafür tun...
      LG

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  4. Immer wieder etwas Beeindruckendes, so ein alter Baum mit Wachstumsgeschichte. Es ist witzig, dass man erst so ein kümmerliches kleines Pflänzchen eingräbt, und dass daraus tatsächlich mal so etwas stattliches werden kann. LG mila

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  5. Ein Baum der Geschichte atmet. Ja, es wäre schön, wenn er wieder im Schutz lieber Menschen stünde.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  6. oh ja, ein baum kann sehr tröstlich sein.
    deine gedanken unter der hainbuche kann ich sehr gut nachempfinden...
    auf ibiza gibt es eine riesige pinie, an der ich immer wenn ich da bin, einen kleinen blütenkranz hinlege in gedenken an meine verstorbenen geschwister und dann sitz ich da an den dicken stamm gelehnt, schaue in die krone und fühle regelrecht beschützt!
    es tut mir sehr leid, dass ihr einen lieben menschen verabschieden musstet.
    herzlichste grüße & wünsche an dich
    amy

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  7. Was für ein toller Baum liebe Astrid!! ♥ Ja Bäume können sehr tröstlich sein.... wunderschöner Post!
    Ganz liebe Grüße und genieße den Sonntagabend
    Christel

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  8. ...was für ein schöner Baum, liebe Astrid,
    mit dem du Erinnerungen verbinden und unter dem du Trost finden kannst,

    lieber Gruß Birgitt

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  9. ich freu mich, dass du der hainbuche diesen post gewidmet hast - und dass sie dir trost spenden konnte.
    sie sind wirklich prächtige bäume, auch wenn ich sie tatsächlich eher als heckenpflanze kenne. im elm (dem größten buchenwald norddeutschlands) gibt es fast nur rotbuchen, unter denen man sich zum teil wie in einer naturkathedrale fühlt.
    dass hainbuchen wirklich alles mit sich machen lassen, hab ich mal hier in einem anderen baum-post beschrieben, vielleicht erinnerst du dich: http://manoswelt.blogspot.de/2015/02/von-liebesalleen-und-mondscheinuhren.html
    ich hoffe sehr, dass "deine" hainbuche nicht einmal dem baumfällwahn von dummen zeitgenossen zum opfer fällt.
    liebe grüße, mano

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  10. Eine Trost, eine Erinnerungs- eine Erzählbuche. Was für schöne Bilder. Was für ein schöner Text. Danke, lass es Dir gutgehen diese Woche!
    Herzliche Grüße von
    Lisa

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  11. Wie schön du deine Beziehung zu dieser deiner Hainbuche beschrieben hast. Und die Fotos lassen den Baum von innen leuchten. Vom alten Hein Benjes gibt es ein nettes Hainbuchen-Gedicht, das ich schon manchmal bei Naturerfahrungs-Seminaren oder Wanderungen mit älteren Menschen gelesen habe. Das setze ich zu deinem schönen Post passend einfach mal dazu ;-), und schicke liebe Grüße und Danke für deinen Baum - Ghislana

    Mein Kletterbaum

    Meine Hainbuche ist ein Kletterbaum,
    das Holz so hart, du glaubst es kaum !
    Ein Ast wie mein Finger, der hält uns zwei,
    und dick wie mein Daumen, der trägt schon drei !

    Mein Opa, der hat mir mal gesagt,
    das Hainbuchenholz war sehr gefragt
    für Wagenspeichen und Hammerstiele,
    für Zähne am Zahnrad der Wassermühle,

    damals, als er noch ein Junge war,
    genau wie ich, mit Wuschelhaar.
    Da hatte er noch keine Glatze
    und klettern konnt` er wie `ne Katze !

    Und Du mußt mal am Abend nach Benkel gehn,
    da siehst Du im Bruch Gespenster stehn !
    Das sind die Reste der uralten Hecke
    am Erlenbruch, an der Wiesenecke.

    Da warten sie krumm, mit Moos auf dem Buckel,
    die Arme hohl, die Haut voller Huckel .
    Doch hast Du sie einmal in der Sonne gesehn,
    dann weißt du : die sind märchenhaft schön!

    Dann denkst du : Ob die wohl manchmal träumen
    von damals, von Kindern in Kletterbäumen ?
    Wie Opa der Kletterbaumkönig ist ?
    Ich glaub, daß eine Hainbuche das nie vergißt !

    Heinrich Benjes
    aus „ Wo die Büsche tanzen wollen“

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  12. Liebe Astrid,
    dieser Post ist sehr schön.
    Bäume geben uns Ruhe und sie können trösten.
    Meine Stiefmama ist dieses Jahr im Februar verstorben. Sie wurde unter einer Eiche beigesetzt.
    Das verbindet den Baum mit ihrer Seele. So empfinde ich das.
    Ich wünsche Dir noch unbekannterweise mein herzliches Beileid.
    Es ist schön, dass Du durch den Baum von dem schmerzlichen Verlust abgelenkt wurdest.
    Ich halte oft stille Zwiesprache mit einigen besonderen Bäumen.
    Dass das Holz einer Hainbuche so hart, ist wusste ich noch nicht.
    LG lykka

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