Vor einem Dreivierteljahr hatte Barbara/barbarabee die Idee, Posts über großartige Frauen zu veröffentlichen. Begeistert bin ich auf diesen Zug aufgesprungen und veröffentliche heute mein 29. Porträt:
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| Nitzkydorf, in der Mitte das Elternhaus, rechts die Dorfschule Source |
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| Herta Müller als Prinzessin auf einem Schulfest Source |
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| Die 8. Klasse in Nitzkydorf Source |
Herta Müller verdient sich von nun an ihren Lebensunterhalt mit Aushilfsstunden am deutschsprachigen Lyzeum, in Kindergärten, als private Deutschlehrerin und anderen Gelegenheitsarbeiten.
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| „Schriftstellervereinigung Adam Müller-Guttenbrunn“ Source |
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| Herta Müllers Securitate - Akte Source |
Begründet wird das Anlegen der Akte mit "Tendenziöse Verzerrungen der Realitäten im Land, insbesondere im dörflichen Milieu«, in meinem Buch Niederungen. Textanalysen von Spitzeln untermauern dies. Und dass ich zu einem »Zirkel deutschsprachiger Dichter« gehöre, der »bekannt ist für seine feindseligen Arbeiten", berichtet Herta Müller in diesem Artikel, nachdem sie 2004 endlich Einsicht in ihre Akte erhalten hat. Und weiter: "Jetzt ( nach der Entlassung, Anmerkung von mir ) kamen die Verhöre. Die Vorwürfe: dass ich keiner Arbeit nachgehe, dass ich von Prostitution, Schwarzhandel lebe, als »parasitäres Element«. Man nannte Namen, von denen ich nie im Leben gehört hatte. Und Spionage für den BND, weil ich mit einer Bibliothekarin des Goethe-Instituts und einer Dolmetscherin der deutschen Botschaft befreundet war. Stundenlang erfundene Vorwürfe."
1987 kann Herta Müller mit ihrem Ehemann Richard Wagner endgültig nach Deutschland ausreisen. Das deutsche Durchgangslager in Nürnberg empfindet sie als „sehr bedrückend“:
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| 1987 im Durchgangslager mit Richard Wagner Source |
In den folgenden Jahren erhält sie eine Reihe von Lehraufträgen an Universitäten im In- und Ausland, trennt sich von ihrem Mann und lernt ihren zweiten Ehemann, Harry Merkle, kennen, mit dem sie 1993 das Drehbuch zum Spielfilm "Der Fuchs – Der Jäger" schreibt. Die Hauptfigur ist ein Lehrer, der von der rumänischen Geheimpolizei schikaniert wird und - als Folge der Angst - eine Fragmentierung des eigenen Selbst erlebt.
Bis 1997 gehört Herta Müller dem P.E.N.-Zentrum Deutschland an, beendet diese Mitgliedschaft jedoch, weil sie sich Kungeleien bei der Wiederzusammenführung der Akademien der Künste bzw. des PEN-Zentren strikt verweigert - Strenge, Gravität, eine eindeutige Position gegenüber jedem, der sich totalitären Regimen angepasst hat, ist einer ihrer Charakterzüge, der nicht allen im wiedervereinigten Deutschland zu eigen ist.
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| 1994 Source |
In jedem der folgenden Jahre gelingt ihr die Veröffentlichung eines neuen Buches, erhält sie Preise über Preise ( u. a. den bedeutenden Kleist-Preis 1994, Interessierte können die Listen hier nachlesen ).
Besonders bemerkenswert finde ich den 2009 erscheinenden Roman "Atemschaukel", durch ein Stipendium der Robert Bosch Stiftung gefördert, für den Deutschen Buchpreis nominiert und unter den besten sechs Romanen des Jahres gelistet:
In dem Lyriker und Georg-Büchner-Preisträger Oskar Pastior hatte Herta Müller einen gefunden, der als 17jähriger das Schicksal der Mutter geteilt und zwangsverschleppt worden ist. Und - im Gegensatz zur Mutter - er spricht über das Erlebte! Herta Müller trifft sich mit Pastior regelmäßig und unternimmt mit ihm eine gemeinsame Reise an die Lagerorte in der Ukraine, denn sie wollen diesen Roman zusammen schreiben, doch Pastior stirbt 2006 plötzlich. Und so erscheint seine Geschichte in ihrer Sprache, eine Geschichte von den Drangsalen und Entwürdigungen, denen die Zwangsarbeiter in den sowjetischen Lagern ausgesetzt gewesen sind. Eine Geschichte, in der es auch um die totalitäre Erfahrung unter dem sozialistischen Regime des Nicolai Ceausescus geht. Denn Oskar Pastior war ein zweifach Stigmatisierter: als Homosexueller ( der das in der Kleinstadt verheimlichen muss ) und als Rumäniendeutscher in einem Land, in dem diese bloße Herkunft schon ein Makel ist. 1968 ist er deshalb in den Westen geflohen.
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| Source 1 Source 2 |
Mit einem Schlag wird die Schriftstellerin einem breiten Publikum in Deutschland ein Begriff. Sie ist aber auch der Kritik ausgesetzt, dass sie einen Themenwechsel in Richtung "Gegenwart der Bundesrepublik Deutschland nach der Wende" versäumt habe.
Doch Herta Müller geht es in ihrem Schreiben um nichts Wesentlicheres als Leben und Tod - und das in einer Sprache voller Poesie, Präzision und Wucht. Sie bleibt in ihren Romanen und Essays gefangen in der Welt des Terrors. In ihrer Preisrede in Stockholm sagt sie dazu unter anderem: "Das Thema Diktatur ist von sich aus dabei, weil Selbstverständlichkeit nie mehr wiederkehrt, wenn sie einem fast komplett geraubt worden ist. Das Thema ist implizit da, aber in Besitz nehmen mich die Wörter. Sie locken das Thema hin, wo sie wollen. Nichts mehr stimmt und alles ist wahr." ( Hier nachzulesen ) Anderen Autoren wie Primo Levi, Imre Kertész oder Jorge Semprún wird auch nicht vorgeworfen, dass es bei ihnen immer um die Nazizeit geht...
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Herta Müller als eine der drei Nobelpreisträgerinnen in deutscher Sprache steht seitdem im Blickpunkt des öffentlichen Interesses. Zahlreiche Preise hat sie noch bekommen, u.a. den Franz-Werfel-Menschenrechtspreis (2009), den Hoffmann-von-Fallersleben-Preis für zeitkritische Literatur (2010) oder den Bayerischer Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst (2012). Auch das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland wird ihr 2010 zuerkannt. Am 20. November 2015 wird sie im Historischen Rathaus von Köln auch den Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln erhalten. Auf ihre Rede dort bin ich schon gespannt...
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Da ist sie wieder, die Kindheit auf dem Dorf nach jenem furchtbaren Krieg, was auch in mir Spuren hinterlassen hat und der mein Lebensgefühl bis heute bestimmt, obwohl ich es mir in den Vorzügen der Freiheit so gemütlich machen kann. Und da ist sie, die so einfach scheinende, schöne Sprache. "Schönheit und Wehtun, für mich gehört das zusammen, ja" , hat Herta Müller einmal gesagt ( Quelle hier ). Auch das etwas, dass ihre Literatur für mich so anziehend macht...












Vielen Dank für dieses Porträt...es war wieder sehr interessant zu lesen. Bisher habe ich um die Autorin einen Bogen gemacht, warum, kann ich nicht genau sagen...vielleicht sollte ich das jetzt ändern...LG Lotta.
AntwortenLöschenwie gut, dass ich heute grad den pc angeschaltet habe - so ein interessanter artikel!! dein textauszug aus "mein vaterland war ein apfelkern" hat mich sehr fasziniert! bisher habe ich nämlich noch nichts von hertha müller gelesen, da geht es mir wie lotta.
AntwortenLöschenherzliche grüße aus meiner sommerpause!
mano
Liebe Astrid, ich lese deine Porträts immer wieder sehr gerne. Hertha Müller ist mir vom Namen ein Begriff gewesen, wusste aber nicht, was alles hinter dieser Frau steht. Ein Buch von ihr hatte ich auch noch nie in der Hand, dachte immer, zu hoch für mich. Ich werde es ändern, muss es ändern! Danke, das du mir diese Schriftstellerin näher gebracht hast.
AntwortenLöschenLiebe Grüße
Andrea
Mag ich sehr die Frau und habe mich gefreut, als sie den Nobelpreis bekommen hat.
AntwortenLöschenGanz großartig finde ich auch ihre Collagen mit den wie zufällig zusammengewürfelten Wörtern aus Zeitungen, die dann doch irgendwie einen Sinn ergeben und mich zum Lächeln bringen. Würde ich mir sofort an die Wand hängen.
Liebe Grüße
Mir geht's wie Lotta. Weiß auch nicht warum.
AntwortenLöschenLieben Gruß
Katala
Ihr Lieben, ich kann euch nur ermutigen, es zu tun: Herta Müller lesen oder wenigstens das Hörbuch hören! Es ist so wichtig, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, vor allem, weil es immer wieder droht, in solch unseelige Zeiten zurückzufallen. Und außerdem ist ihr Blick eine echte Horizonterweiterung!
AntwortenLöschenDanke für eure Kommentare!
Was für eine Frau, was für ein Leben !!! Wir wissen ja gar nicht, wie gut wir es haben...also, ich schon...
AntwortenLöschenHörbuch...gute Idee :-)
Vielen Dank liebe Astrid für dieses interessante Portrait einer großartigen Frau !!!
Herzliche Grüsse , hier gewittert es gerade , der Himmel ist schwarz und die Fotos für morgen sind noch nicht im Kasten...
Ach, Astrid, wieder einmal ins Schwarze getroffen, dabei wollte ich doch gerade konzentriert arbeiten... Ich habe Herta Müller letztes Jahr auf der Litcologne erlebt mit ihren grandiosen Collage-Gedichten. "Vater telefoniert mit den Fliegen", grandios, tiefsinnig und trotzdem lustig. Wirklich eine große Frau, Danke für den Artikel
AntwortenLöschenLiebe Grüße
von Michaela, jetzt aber arbeiten....
Das glaube ich dir gerne! Auf diese Gedichte wollte ich jetzt nicht auch noch eingehen. Ich habe immer Angst, die Posts werden zu lang...
LöschenLitcologne ist bei uns inzwischen ein No-Go nach unschönen Erlebnissen und nachdem es für unsere schulgeschädigten Ohren akustisch oft sehr schwierig war. Aber es entgeht einem schon Einiges...
Frohes Schaffen!
Danke, liebe Astrid, für das Neugierigmachen. Bislang kannte ich nur ein paar ihrer Collagen. Ein Hörbuch, das wäre eine tolle Idee!
AntwortenLöschenLiebe Grüße
Andrea
Ich habe Herztier von ihr gelesen. Ich habe mich durchgequält. Ein sehr düsteres Buch, sie erschafft so reale Bilder im Kopf.
AntwortenLöschenAuch ich gebe zu, dass ich um so manchen zeitgenössischen Künstler einen großen Bogen mache - gerade was mir nach "schwerer Kost" aussieht. Ich fühle mich noch nicht intellektuell genug ...
AntwortenLöschenHerzliche Grüße
Astrid rechtsrheinisch
Oh, ganz berührend, ich kenne bisher nur Reden und Collagen und hatte immer Angst mich ihren literarischen Texten auszusetzen, aber ich sollte es dennoch tun. Ich glaube auch, jetzt bin ich soweit. "Landschaften der Heimatlosigkeit" (Nobelpreis-Laudatio), was für ein höchst aktueller Begriff für soviele Menschen und wie "glücklich" dann doch eine Hertha Müller, die es so verdichten, ausdrücken, in diese Welt tragen kann, wo es wahrgenommen wird, jedenfalls in Ansätzen. Wie viele leben in ihren Landschaften der Heimatlosigkeit und niemand nimmt sie wahr.... Hörbücher - ich komme nicht dran, das wartet noch auf Zeiten, wenn ich nicht mehr lesen kann, vielleicht. Manchmal höre ich "gezwungenermaßen" im Auto mit, aber selten bin ich richtig dabei. Mit einer Bukarester Rumänien-Deutschen hatte ich eine Kinder-Brieffreundschaft in den ersten Schuljahren. Dann reiste sie Mitte der 60er aus in die BRD zu enfernten Familienangehörigen, nie wieder etwas von ihr gehört. Macht mich heute noch irgendwie traurig. Sie hatte so eine wunderbar kunstvolle Handschrift. Lieben Gruß (und nun weiß ich schon, wer morgen dran kommt ;-)) - Ghislana
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