Freitag, 8. Mai 2015

8. Mai 1945



Heute vor siebzig Jahren
ging der 2. Weltkrieg
zu Ende.


Kölner Rathaus
Source



         Aufgewachsen mit lauter Menschen,
deren Leben durch den Krieg massiv verändert worden war, wuchs ich als Kind in dem Glauben auf, dass Kriege wie Naturereignisse über die Menschen hereinbrechen…


Dann, 1963, entdeckte ich in einer Illustrierten einen Bericht über die Auschwitzprozesse
und mir wurde schlagartig klar
( ich sehe die Bilder und Überschriften bis heute vor mir ), 
welche Ungeheuerlichkeiten für immer mit dem Namen meines Landes verbunden sein werden.

Eine schwere Last, das Gefühl von Schuld & Scham,
legte sich für immer auf die Schulter der Elfjährigen.
Und - anders als die Erwachsenen um mich herum -
erschien mir der Tag der Kapitulation 
als ein Tag der Befreiung,
da den Schandtaten endlich ein Ende gesetzt worden war.
Dankbarkeit
empfinde ich auch, bis heute.



In den letzten Tagen & Wochen konnte ich mich
den unzähligen Reportagen, Berichten, Lesungen
nicht entziehen,
auch wenn es mich viel Kraft kostet.
Es geht mir wie
Nora Hespers, die in ihrem ( unbedingt lesenswerten ) Blog "Die Anachronistin" schreibt:

"Geschichte ist nicht einfach vorbei. Da gibt es kein Anfang und kein Ende, nur weil es ein historisches Datum gibt wie das Kriegsende. In den Menschen leben die Geschichten weiter. Die Geschichte meines Großvaters hat nicht mit seinem Tod geendet. Sie atmet sich durch die Zeit. Ich hab sie nur geerbt. Aber sie beschäftigt mich. Weil sie mich beeinflusst – mein ganzes Leben schon. Was wir heute tun, kann Generationen nach uns noch beeinflussen. Wir sollten uns gut überlegen, welchen Einfluss wir da nehmen wollen…"


Ich kann das nur bestätigen: Obwohl sieben Jahre nach diesem Krieg geboren, den Krieg also nicht erlebt habe, habe ich ihn erlebt. Er prägt mich, meine Einstellungen, meine Ängste, meine Aktivitäten. Und es macht mir vieles, was heute in unserem Land entschieden & gehandelt wird, unerträglich… "Wir sollten uns gut überlegen, welchen Einfluss wir da nehmen wollen…"

Und:
»Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.« ( George Santayana  )








Meinen Freitagspost zu Raif Badawi veröffentliche ich aus gegebenem Anlass morgen früh.

Kommentare:

  1. Liebe Astrid,ich kann dir und Nora Hespers sooo zustimmen.

    Ich wurde erst 30 Jahre nach dem Krieg geboren und trotzdem habe ich das Gefühl bei Kriegsbildern bzw Bildern von Kriegsgreuel innerlich berührt zu werden. Auf eine furchtbar unangenehme Art und Weise. Es ist wie eine fremde-eigene Erinnerung in Seele und Herz. Und ich kann die Augen nicht abwenden.
    Viele Träume meiner Kindheit handelten von Tod und Krieg. Auch mein Mann, 13 Jahre älter als ich, kennt dieses Gefühl.
    Wir denken,das liegt an den weitervererbten Traumata unserer Familien. Bis auf ein Mitglied wurden alle vertrieben bzw mussten flüchten. Hatten hohe Verluste zu beklagen.

    ABER wir sind NICHT schuldig! Wir lehnen diese Art ewiger Kollektivschuld ab. Wir sind der festen Meinung, dass durch diese lavierende Ausweichpolitik und das ewige Schuldgefasel Konflikte wohl eher nicht vermieden werden.
    Dieses Gebaren kann ich bei keinem anderen Land der Welt entdecken, die ähnlich große Greuel begangen haben. Bei uns im Osten bzw nach dem Krieg gingen diese weiter. Mehr will ich dazu nicht sagen.

    Wir dürfen natürlich nicht vergessen und sollten aus den Fehlern endlich lernen. Nach vorne und nicht zurück schauen. Aber mal ehrlich, Astrid, gelingt "uns" das?

    Sei herzlich gegrüßt!

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  2. Diese Scham empfinde ich auch, obweohl '69er Jahrgang! Das geht nicht vorbei! In den 80ern wurde ich in Dijon noch von Jugendlichen als 'boche' beschimpft und wenn ich in Leuven an der Unibibliothek vorbeigehe und daran denke, dass sie von uns Deutschen ( ich sage das ganz bewusst) zweimal vollständig mit Stumpf und Stiel zerstört worden ist, erlebe ich diese Scham als eiskalte Hand in meinem Nacken!
    Meine Tochter nimmt das Thema Nazideutschland gerade in der Schile durch und in Ihrer Geschichtsklasse sitzen 10 Nationen, die außer den Spaniern und den Italienern alle unter uns zu leiden hatten. Und dieses mutige Mädchen stellt die Frage, an einen österreichischen Mitschüler ob er es richtig findet, wenn sie, die deutschen Jugendlichen, immer noch Scham empfinden. Interessanterweise, war meine Tochter die Einzige, die es so sieht, die Jugendlichen der anderen Nationen meinten, es sei nicht nötig!
    Sie hat damit eine Diskussion in der Klasse ausgelöst!
    Gros bisou
    Sandra

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  3. Das Gefühl von Schuld und Scham, das teile ich vollkommen mit dir, und es vergeht nicht. Sollte es auch nicht. Es lähmt mich nicht, aber es bleibt ein Stachel. Und immer wieder ist da auch Sorge zu wenig zu tun, zu sagen... Du hast das wieder so treffend getan. Auch jetzt fühle ich mich dir sehr verbunden. Lieben Gruß Ghislana

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  4. heute morgen, 8. Mai 11h00 war die fanfare vor der Mairie hier und habe gerade den bus genommen, es kamen mir Tränen in den Augen... aus Wut dass es Kriege gibt, dass soviele daran gelitten haben und noch leiden müssen aber kein schuldgefühl nur weil meine Familie deutscher herkunft ist, denn wir haben zuhause oft über die kriegzeit geredet und es war klar dass wir gegen diese "atrocités" waren. heute denke ich verantwortlich für die gegenwart zu sein (le présent) und dass ich nach meine möglichkeiten handeln soll. natürlich sind narben da und dass ich nicht vergessen kann was meine Eltern und viele andere erlebt haben und diese Gedanken bei meinen Kindern ... weiter existiert.
    abendgrüsse
    monique

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  5. Ich habe es schon als Kind immer mit Erleichterung aufgenommen, dass meine Eltern den Krieg noch als Kinder erlebt haben, die Großväter nicht Waffen in der Hand tragen mussten (sondern z.B. unter Tage schufteten) und alles andere als braune Gesinnung in den Köpfen trugen.
    Trotzdem empfinde ich diese Last der Geschichte (die ja eigentlich nicht erst mit dem Nationalsozialismus begann, sondern dort ihren Höhepunkt fand) als Stachel in der Haut, die an eine Verantwortung erinnert.
    Wie wahr Nora Hespers da geschrieben hat, kaum ist es besser zu formulieren.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  6. Kennst du das Buch "Die vergessene Generation" von Sabine Bode? Ich habe lange nach einer Antwort gesucht, warum meine Mutter so tickt wie sie tickt...jetzt habe ich zumindest eine Ahnung. Über den Krieg haben meine Großeltern und meine Mutter nur sehr wenig erzählt...warum weiß ich auch nicht. LG Lotta.

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    1. Hallo Lotta,
      ich kenne dieses Buch und wir haben auch das Buch von S. Bode "Kriegsenkel". Es waren zum damaligen Zeitpunkt, wie bei dir, nahezu die einzigen Antworten die wir bekommen haben.
      Im letzten Jahr hatte ich einen wirklich guten Abend mit meiner 82 jährigen Oma. Ich habe mich getraut, und sie nach der Flucht und dem "danach" gefragt. Sie sagte,sie redet nicht darüber weil es weht tut. Weil alles wieder hoch kommt. Weil sie nicht schlafen kann und Angst hat. Keiner, der DAS erlebt hat, redet mehr darüber. Es wurde auch untereinander größtenteils geschwiegen- und wenn überhaupt, ganz früher mal verschämt nachgefragt.
      Aber dennoch fing sie an, mir alles zu erzählen. Danzig, die Werft, ihre Eltern und Geschwister. Die W. Gustloff, die Flucht über den Landweg. Über meinen kommunistischen Urgroßvater und "seine Russen" von der Werft, die er bis Anfang 1945 durchgebracht hat, nur um dann mit ihnen von den Befreiern... Er war ein einfacher Mensch und gab sein Bestes.
      Ich bin meiner Oma dankbar, dass sie den Mut hatte zu berichten, obwohl sie sicher keine gute Nacht mehr hatte. Aber sie hat mir und unseren Kindern ein kleines Stück Familiengeschichte geschenkt. Und sooo viele Teile fehlen, sind unwiederbringlich verloren.
      Das, was vor 70 Jahren mehr oder weniger endete, darf sich nie nie wieder wiederholen. Nicht in Deutschland, nicht in Europa oder sonst wo. Ich dachte immer, heutzutage sollte es doch möglich sein, "Kriege" am "Runden Tisch" diplomatisch zu lösen. Was habe ich mich geirrt. Die Menschen werden wohl immer in
      Extreme fallen... rechts oder links. Beides ungesund....und das lehrt uns die Geschichte. Wir müssen nur zuhören.

      Sei lieb gegrüßt, Antje

      PS Eine feine Ergänzung zu den beiden Büchern von S. Bode war auch das Buch "Stasikinder". Wir entstammen offensichtlich Familien, in den nicht geredet wird...

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  7. Ein tolles Zitat, das du anführst. Wir haben die Geschichte geerbt. Und deshalb müssen wir verantwortungsvoll damit umgehen. Übrigens kann ich einen Satz nicht mehr hören: "Es muss doch auch mal gut sein..." Denn zum ersten Mal habe ich ihn vor über dreißig Jahren zu hören bekommen, als ich als Mädchen vor der nach einem Nazi-General-benannten Kaserne in der Nähe meines Wohnortes stand und versuchte, die Leute auf diesen Umstand mit Flugblättern aufmerksam zu machen. Und seitdem höre ich ihn immer und immer wieder. Deshalb ist der 8.Mai so ein wichtiges Datum, denn er erinnert uns daran, nicht zu vergessen... LG mila

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  8. ich habe lange überlegt, ob ich zu diesem jahrestag auch einen beitrag schreiben soll. über meinen onkel, den ich nie kennenlernen durfte und über den ich gerade nachforschungen anstelle. er ist 1944 als 18jähriger in frankreich gefallen und sein tod hat so viel leid über unsere familie gebracht. ich habe das seit den 1950er jahren immer wieder miterleben und miterleiden müssen, wie sehr so ein "einzelfall" zu geschichte wird und es beschäftigt mich heute wie damals immer wieder.
    deshalb danke ich dir für deinen post. ich habe es nicht fertig gebracht, weil ich wieder einmal das große heulen bekam.
    lg, mano

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  9. Vielen Dank für's Zitieren!

    Und vor allem: Danke, dass du das aufgeschrieben hast. Und dass du deine Gefühle teilst. Es ist wichtig zu erzählen, dass uns auch heute noch berührt, was damals passiert ist. Und warum es uns berührt. Was es mit uns als Menschen macht - auch Generationen nachdem die letzten Waffen zum Schweigen gebracht wurden.

    Erst wenn wir begreifen und darüber sprechen können, wie lange sich das, was wir tun, in dieser Welt hält, erst dann werden wir hoffentlich die Kraft finden alles daran zu setzen, dass so etwas nie wieder passiert.

    Ich weiß, das ist utopisch. Aber ich würde mir wünschen, dass sich an einem solchen Gedenktag alle Menschen, alle Staaten versprechen, sich einander so etwas nie wieder anzutun. Es gibt nur Verlierer - auch wenn sich ein "Sieg" leichter feiern lässt. Aber auch der ist teuer erkauft - viel zu teuer.

    Es sind viele kleine Schritte - das hier ist ein Anfang :)

    Ganz herzliche Grüße


    Nora

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  10. Mein Schwiegervater wurde als 17jähriger in den Krieg nach Frankreich geschickt, seine beiden älteren Brüder sind gefallen, wie mein Schwiegervater aus der Gefangenschaft zurückkam war seine Mutter gestorben - an gebrochenen Herzen. Geredet hat er kaum über die Zeit, die Geschichte erzählte mir die Schwiegermutter, nicht er.
    Judika

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