Dienstag, 10. September 2013

Welttag der Suizidprävention





Zum allerersten Mal im Jahr 2003 hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den 10. September als Welttag der Suizidprävention ausgerufen. 
Das war das Jahr, in dem auch ich und meine Familie die schwärzesten Sommertage unseres bisherigen Lebens erlebten, weil ein von uns geliebtes Familienmitglied sein Leben aus eigenem Antrieb beendet hatte - einer von einer Million jährlich auf dieser Welt, einer, der uns sehr nahe stand, den wir liebten und zu kennen glaubten...
Ich selbst habe damals geschwankt zwischen dem Selbstvorwurf, ich hätte es doch merken müssen, denn wir haben uns doch regelmäßig gesehen, und der Wut, dass so vielen Menschen - die Eltern, den Geschwistern, unseren Kindern, aber auch dem Lokführer, dem Notarzt, den Rettungsleuten - ein solch traumatisches Erlebnis aufgezwungen worden war.
Ich wurde lange verfolgt von Träumen, in denen ich im letzten Moment eingriff & alles verhinderte, und von dem Gefühl, vollkommen versagt zu haben, nicht auf meinen Bruder aufgepasst zu haben, wie ich es mir bei seiner Geburt damals mit acht Jahren geschworen hatte. Größenwahn und völlige Niedergeschlagenheit bestimmten mein Wechselbad der Gefühle.
In der ganzen Familie drehte sich die Kommunikation nur noch um dieses Erlebnis. Wir redeten auch im Freundeskreis darüber & kamen letztendlich zu dem Schluss, offen mit diesem Schicksalsschlag umzugehen ( das war früher in der Familie nicht der Fall ). Diese Offenheit hat dazu geführt, dass wir von sehr vielen Menschen erfuhren, die Ähnliches erlebt hatten & die uns, unsere Gefühle & Reaktionen verstehen, uns beistehen konnten. All diese Gespräche haben bewirkt, dass wir aus dem Wust der Selbstvorwürfe allmählich herausfanden. Für mich persönlich war außerdem wichtig, ganz viel Wissenschaftliches, aber auch Literarisches zum Thema zu lesen und selbst zu schreiben. 
Nach und nach wurde so ein Perspektivwechsel möglich, und ich konnte mich in die Rolle desjenigen hineinversetzen, der seinem Leben ein Ende gesetzt hatte. Immer deutlicher konnte ich sehen, welche Krisenfaktoren wohl zu diesem Entschluss geführt hatten ( und die ich nun auch nachvollziehen konnte ). Ich selbst in meinem Leid wurde immer unwichtiger, immer deutlicher wurde mir hingegen, dass hinter einem Suizid grenzenlose Einsamkeit steckt, der Versuch, massive Selbstzweifel, Scham, persönliche Verunsicherung zu überwinden.  
Wichtig wäre gewesen, dass sich mein Bruder wieder selbst als Teil der Welt, der Familie hätte empfinden können ( so wie es sich in dem Buch "Der wunderbare Massenselbstmord" von Arto Paasilinna entwickelt hat, das ich damals auch gelesen habe ). In unserem Fall ist uns dies nicht geglückt, mit dieser Schuld müssen & können wir inzwischen leben.

Mit meinem heutigen Post möchte ich aber dazu beitragen, dass diejenigen, die durch den Suizid eines wichtigen Menschen belastet sind, ermuntert werden, auch die Mittel & Wege zu ergreifen, die wir gegangen sind, & sich Hilfe in der Trauerarbeit zu suchen. Adressen gibt es zum Beispiel hier zu finden. 

Noch mehr möchte ich allerdings dafür werben, bei den ersten Anzeichen einer Suizidgefährdung bei einem nahestehenden Menschen, sich schnell zu informieren, schnell zu reagieren, schnell Rat & Hilfe zu holen. Informativ ist dazu die Seite der  Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

Vielleicht bietet der heutige Tag, mein Post, ein Suizid im Bekanntenkreis Anlass, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen und es so aus der Tabuzone zu holen. Denn es kann jeden einmal betreffen, schließlich sterben mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle in diesem Land.
Astrid

Kommentare:

  1. Liebe Astrid, zum großen Glück, blieb uns ein solch schwerer Schicksalsschlag bisher fern, aber ich folge gerne deinen Links, es ist nie verkehrt informiert zu sein und ganz vielleicht erkennt man so eventuelle Anzeichen, bevor wirklich etwas schlimmes geschieht!
    Ich finde es großartig, wie offen du hier über so ein sensibles Thema schreibst!

    Ganh herzliche Grüße und alles Liebe
    Martina

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  2. Liebe Astrid, als du vor längerem über deinen Bruder schriebst, da schnürte es mir bei der Vorstellung des ganzen die Kehle zu, und ich war garnicht in der Lage auch nur eine einzige Zeile zu jenem Post zu hinterlassen. Heute möchte ich dir sagen, wie gut ich es finde, daß du und ihr alle beschlossen habt, offen mit so einem Schicksalsschlag umzugehen. Ich bin mir sicher, daß diese Offenheit für viele Menschen eine größere Hilfe sein kann, als darüber zu schweigen.

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  3. Mein Cousin hat sich vor 20Jahren mit gerade mal 18Jahren das leben genommen und ich weiß noch ganz genau, wie es mir ging, als ich die Nachricht damals bekommen habe. Wir hatten immer ein sehr gutes Miteinander auch wenn wir weiter voneinander entfernt wohnen, doch es war mehr wie ein Schock!!!

    Wie Du weißt habe ich Pflegekinder, denen im Leben auch schon einiges passiert ist ... Ich denke es ist für Aussenstehende immer am schwierigsten zu begreifen, wieso, weshalb und warum ein Mensch manchmal so handelt.
    Ich weiß auch, das es eigentlich ein Thema ist, über das man nicht spricht, Du schreibst so schön Tabuthema, deswegen finde ich es persönlich sehr klasse, das Du es ansprichst!!!

    *Knutscha
    scharly

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  4. Zu diesem Thema war als Beilage der *Süddeutschen* das Magazin *Chrismon* mit folgendem Artikel.

    http://chrismon.evangelisch.de/artikel/2013/er-warf-sich-vor-einen-gueterzug-19621

    Herzlichst
    Franka

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  5. Gut, dass du inzwischen so offen darüber schreiben und anderen dadurch vielleicht helfen kannst. Es ist tatsächlich ein Tabuthema und etwas, in das man sich als Außenstehender schlecht hineinversetzen kann.
    Alles Liebe dir.

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  6. Liebe Astrid, danke für diese Offenheit bei einem so sensiblen Thema. Wer auch immer dabei eigentlich "abblockt", Worte von einer selbst Betroffenen zu lesen wirkt anders, unmittelbarer, weil es echt ist. Und das ist gut! Lieben Gruß Gh

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  7. Liebe Astrid,
    ich finde es auch toll, dass Du hier über Deine schrecklichen Erfahrungen so offen schreibst und das Thema offen ansprichst. Es ist so unglaublich wichtig, dass sich jeder mit dem Thema auseinandersetzt. Nur so können wir gefährdeten Menschen helfen, wieder zurück ins Leben und zurück zur Gesellschaft zu finden.
    Klem
    Alice

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  8. liebe astrid - so vielen herzlichen dank für diesen post!!!
    warum, schreib ich dir extra.
    lieben gruß
    dania

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  9. Hallo Astrid,
    ich bin entsetzt ! Das hört sich schrecklich an ! Da fehlen mir die Worte ! Hauptsache, Du hast es irgendwie halbwegs verarbeitet.

    Wünsche trotzdem einen schönen Tag
    Dieter

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  10. Liebe Astrid,
    vielen Dank für diesen offenen und ehrlichen Post. Ich finde es wichtig zu wissen, dass es so viele Suizide gibt in Deutschland. Dieser Fakt ist wahnsinnig traurig, aber zeigt auch, dass es viele Millionen Betroffene gibt, die sicher oft mit den Fakten alleine sind.
    Ich wurde in meinem Leben erst einmal direkt von diesem Thema getroffen, als sich der Vater einer lieben Freundin in unserem Abi-Jahr das Leben nahm. Die ganzen Umstände waren damals recht gruselig und haben einen ganzen Teil meines Heimatdorfes mitgenommen. Der Friedhof war übervoll von Menschen bei seiner Beerdigung und ich muss immer wieder an diese Zeit denken. Ich merke auch, dass der Tod dieses Menschen so viel bewirkt hat bei den Hinterbliebenen. Zumindest habe ich den Eindruck...

    Viele liebe Grüße dir und danke noch mal!
    Steffi

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  11. Danke!
    Es gab Momente in meinem Leben, da war ich nur einen Schritt davon entfernt, aber irgendwo in meinem Herzen war wohl immer ein noch größerer Lebenswille.
    Heute danke ich Gott für meine damalige, wie ich sie nannte, "Feigheit".

    Ich drück' Dich
    Astrid

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  12. liebe astrid, für diese liebevoll kämpferischen posts bist du mir ganz besonders ans herz gewachsen im bloggerland. es grüßt dich ganz von herzen birgit

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  13. vielen Dank für dein Wachrütteln und ein so ernstes Thema als Blogpost....ich weiß selbst sehr genau wie solche Menschen sich fühlen und wie wichtig Hilfe ist !!!
    herzlichst Uli - die Kramerin

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  14. Liebe Astrid,

    ich melde mich aus Venedig, von wo ich eben deinen Post gelesen habe. Selbstmord - ja, auch in meiner Familie gab es einige - war bei uns nie ein Tabuthema. Ich habe es meiner Mutter und ihrer Erziehung zu verdanken, dass wir eine offene Familie sind, in der eigentlich alles angesprochen werden kann.

    Es gibt viele Gründe für Selbstmord. Nicht immer ist es Einsamkeit/ Isolation.

    Für den Selbstmord deines Bruders drücke ich dir mein Beileid aus.

    Bei uns gab es auch den Fall, dass jemand schwer und unheilbar Krebs erkrankt war und den selbstbestimmten Weg gehen wollte, bevor ihn der Krebs auffrisst. Ich finde diesen Weg ehrlich gesagt sehr mutig, wenn man noch Herr seiner Sinne ist. Er hat es ausgesprochen, es wurde diskutiert...aber letztendlich ist es seine Entscheidung gewesen. Niemand kann einem andren aufzwingen weiter zu leben, um unseretwegen, wenn wir doch wissen, was ihn erwartet hätte.

    Danke für den Post!
    Liebe Grüsse.

    Barbara

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  15. liebe astrid, herzlichen dank für diesen post! es ist so wichtig, darüber zu reden, zu informieren und sich damit auseinander zu setzen.
    liebe grüße von mano

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  16. Liebe Astrid,

    dein Post hat mich sehr berührt, weiß ich doch erst seit Kurzem, was euch wiederfahren ist.

    Es gehört viel Mut, Reife und emotionale Intelligenz dazu, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, sich zu informieren, sich von anderen helfen zu lassen, und ich freue mich, dass du und deine Familie diesen Schritt getan und geschafft haben.

    Fühl dich ganz fest umarmt.

    Liebe Grüße

    Rebekka

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