Da ich zu Beginn des Monats allerhand familiärem Trubel ausgesetzt war, wollte ich beim Lesen nicht gezwungen sein, mich besonders zu konzentrieren und habe von Laetitia Colombani "Der Zopf" ausgewählt, ein Buch, welches 2018 auf den vorderen Rängen der Spiegel-Bestsellerliste zu finden gewesen ist.
Die Autorin spinnt darin ein in Episoden erzähltes Netz zwischen drei Frauenschicksalen auf drei verschiedenen Kontinenten: Asien, Europa, Amerika. Da ist zunächst einmal Smitta, die mit bloßen Händen die Exkremente ihrer Nachbarn beseitigt, ein Job, den sie tun muss, weil sie eine Dalit, eine sogenannte "Unberührbare" in Indiens Bundesstaat Uttar Pradesh ist. Dann Giulia, die in der seit über einem Jahrhundert familiär betriebenen Perückenfabrik ihres Vaters in Palermo arbeitet und schließlich Sarah, eine äußerst erfolgreiche Anwältin, Teilhaberin einer Anwaltskanzlei in Montreal, zweimal geschieden, drei Kinder und perfekt & erbarmungslos in ihrer Lebensgestaltung. Wie beim Zopf werden diese drei Erzählstränge ineinander nach und nach verschlungen: Mutter & Tochter in Indien opfern, durchaus religiös begründet, ihre schönen, dichten Haare, damit diese in Palermo verarbeitet und der krebskranken Sarah nach einer Chemotherapie als Perücke zugeführt werden können.
Colombani versteht sich als außerszenische Erzählerin, bedient sich einer schlichten, anstrengungslosen Prosa, die ohne Schnörkel in kurzen Sätzen daherkommt, die schon mal anrühren und das, worauf es ankommt, punktgenau in den Blick nehmen, aber oftmals auch plakativ wirken und schon mal hart am Kitsch entlangbalancieren. Sie schafft damit eine Art "Feminismus light" mit einem oberflächlichen Identifikationsangebot. Das Leiden der jeweils singulären Frau wird so geschildert, dass sie aus ihrer jeweiligen Situation – wie der Phönix aus der Asche – mit einigem Widerstand herauskommen, nach dem Motto: Niemand muss sich seinem Schicksal ergeben, wenn genügend Kampfgeist vorhanden ist. Nur wird mir das zu floskelhaft nahe gebracht und hat was von Ratgebermentalität in Frauenzeitschriften. Da hat die Autorin eine Chance vertan.
Mit der Enkelin zusammen habe ich die Graphic Novel von Elisa Macellari "Kusama" gelesen. Das war eine gelungene Aufarbeitung der Ausstellung im Kölner Museum Ludwig, denn die dort ausgehangenen Erklärungen waren wegen der Besuchermassen schlecht zu lesen ( und für die Geduld einer Zehnjährigen schon eine Zumutung ). Das Buch hingegen liest sich in einem Rutsch bzw. der Lebenslauf der Künstlerin ist so spannend, dass er sich über die Bild-Text-Kombination leicht erschließt. Gestört hat mich ein wenig, dass das Werk der Künstlerin im Kern auf Angstbewältigung reduziert wird als Reaktion auf beängstigende Erfahrungen von Entgrenzung und Depersonalisation in der Kindheit ( Kusamas Eltern züchteten Blumen ). Der ungeheure psychedelische, ästhetische und auch philosophische Reiz ihrer Werke bleibt damit außen vor.
Das nächste Buch hat mir Sunni zu Ostern geschenkt: Helga Schubert: "Luft zum Leben", eine Sammlung von 38 Texten, 2025 herausgekommen, aber zwischen 1960 und 2025 entstanden und so das ganze Erwachsenen- und Schriftstellerleben der Autorin umfassend, eine Biografie in ihren Wendungen und Erfahrungen, wenn auch chronologisch ungeordnet. Ich fand für mich lange keinen roten Faden, der die einzelnen Texte miteinander verbunden hätte, manches fand ich informativ, manches berührend, vieles düsterer als mir das freundlich-lebensbejahende Gesicht der über achtzigjährigen Schriftstellerin auf ihren Fotos suggeriert hat. Meine Reise hat dann auch die Lektüre unterbrochen und hinterher fehlte mir erst einmal die Lust, den Faden wieder aufzunehmen.
Fürs Reisen finden ich den E-Reader schon sehr praktisch, denn schweres Gepäck missfällt mir immer mehr. Außerdem sind darauf immer noch etliche Lektüren meines Mannes selig abgespeichert, die ich noch nicht kenne. Dabei habe ich Stewart O‘Nan immer gerne gelesen, "Westlich des Sunset" war aber noch nicht darunter. Das ist eine Romanbiografie, die von den letzten Lebensjahren F. Scott Fitzgeralds handelt, als der Schriftsteller als Drehbuchschreiber nach Hollywood gegangen ist, um seine Schulden, den Klinikaufenthalt seiner Frau Zelda & das Internat seiner Tochter zahlen zu können. Mit dieser Lebensgeschichte bin ich schon etwas in Berührung gekommen, als ich das Great-Women-Porträt über Zelda Fitzgerald geschrieben habe.
Vom einstigen Glanz des spektakulären Paares des amerikanischen jazz age ist zum Zeitpunkt, zu dem O’Nan's Roman einsetzt, also nichts mehr übrig geblieben. Auch literarisch hat Fitzgerald Durchhänger, schreibt nur noch Kurzgeschichten. Doch die Zeit für diese literarische Form ist bei den Printmedien so gut wie vorbei. Jetzt soll er schlechte Drehbücher filmreif machen. In Hollywood trifft er auf Freunde in ähnlicher Lage wie Dorothy Parker ( siehe dieser Post ), die wie er dem Alkohol verfallen sind, ebenso wie sein alter Saufkumpan Ernest ( Hemingway ) oder "Bogie" ( Humphrey Bogart ).
Die Hoffnung auf einen Neustart wird Fitzgerald bis zu seinem "letzten hilflosen Gedanken" nicht verlassen, den O'Nan seinem sterbenden Helden eingegeben hat: "Aber ich bin noch nicht fertig." Grund zur Hoffnung bietet die Liebe zur britischen Klatschkolumnistin Sheila Graham, die ihm der jungen Zelda ähnlich scheint. Eine fragile Beziehung, die O‘Nan einfühlsam beschreibt und die so kontrastiert mit der immer poröser werdenden, einstmals "Großen Liebe" Zelda. Die wird immer mal besucht bzw. Kurzurlaube mit ihr unternommen, aber die Schuldgefühle und die Anspannung dabei auf Seiten des Schriftstellers - wird sie wieder aus der Rolle fallen? - sind eine Qual, auch für mich als Leserin und daher nachvollziehbar.
O'Nan erzählt also wieder einmal - angenehm unpathetisch - die tieftraurige Ballade vom Scheitern des "amerikanischen Traumes", diesmal eines Mannes, der in seinem Leben nichts mehr wollte, als Erfolg und Zugehörigkeit zur Welt der Reichen und Schönen und Gebildeten, der aber immer ein Emporkömmling geblieben, innerlich zerrissen und für den jetzt nur noch „eine aus der Vergangenheit zusammengestückelte Zukunft" übrig ist…
„Ganz ohne gelehrte Anspielungen gelingt es Stewart O'Nan hier, das barocke Vanitas-Motiv neu zu bebildern und aus Illusionen, haltlosen Hoffnungen und falschen Träumen Wahrheit zu destillieren“, meint Ulrich Baron in seiner Kritik am Buch. Dem stimme ich voll zu.
Auch der Roman "Patria" des in Hannover lebenden Basken Fernando Aramburu von 2018 befand sich, von mir noch ungelesen, auf dem Reader. Darin spürt er den geplatzten Träumen und Illusionen der vom Separatisten-Krieg der ETA seinerzeit geprägten Menschen im Baskenland nach. Ich fand lange sehr spannend zu lesen, was diese politische Auseinandersetzung mit zwei dicken Freundinnen, deren Ehemännern, die ebenfalls gemeinsame Leidenschaften teilten, ihren befreundeten Töchtern und den drei Söhnen, ja, mit einem ganzen Dorf nahe San Sebastian gemacht hat. Denn der Ehemann der einen, ein kleiner Fuhrunternehmer, der sich den finanziellen Forderungen der Terroristen nicht beugt, wird zunächst Opfer von Verleumdungskampagnen und schließlich ermordet, der Sohn der anderen geht in den Untergrund und schließt sich der ETA an. Die Gräben zwischen den beiden Familien bilden sich nicht so eindeutig, wie man meinen sollte, die Isolation der Witwe des Ermordeten ist allerdings allumfassend. Und besonders verhärtet & feindselig ist die ehemalige Freundin, die von ihr nur als der Verrückten spricht.
Verwässert wurde die Erzählung durch Kapitel, in dem es um die Entwicklung des Lebens der Kinder der Protagonistinnen ging - mit Ausnahme der der Tochter mit Locked-in-Syndrom nach einem Schlaganfall und der des Sohnes, der für die ETA Anschläge & Ermordungen begeht & letztendlich ins Gefängnis kommt. Deren Schicksal konnte mich noch fesseln. Manches andere erschien mir aber nicht notwendig, um die Frage zu klären, ob und wie – über alle erlittenen Schrecken hinweg – eine Aussöhnung mit denen möglich ist, die einst ihre Urheber gewesen sind. Wahrscheinlich ist das Ziel des Autors gewesen, über 750 Seiten eine Familiensaga auf entsprechendem Tableau zu schaffen. Mir ist dabei etwas die Puste ausgegangen.
Danach war mir nach einem sprachlich vergnüglicherem Text. Christine Wunnicke scheint mir da immer die erste Wahl. "Der Fuchs und Dr. Shimamura", ein weiteres Exemplar ihrer weltliterarischen Reihe an Erzählungen über exzentrische Gelehrte, ist herrlich verschroben. Ihre Sätze sind voller medizinischer Fachbegriffe, und Wunnicke nimmt damit die Neigung der Ärzteschaft, Erscheinungsformen des Alltags mit Fremdwörtern zu belegen, kräftig aufs Korn. Mitunter formuliert sie etwas umständlich und entspinnt auf engstem Raum eine kuriose Geschichte um die Erforschung der menschlichen Psyche. Man hat zwischenzeitlich den Eindruck, einen Originaltext aus dem 19. Jahrhundert vor sich zu haben. Auf jeden Fall schafft es die Autorin mal wieder, in meinem Kopf viele Bilder, ganz im Stil japanischer Holzschnitte, zu evozieren.
Dr. Shimamura, ein historisch verbriefter japanischer Arzt, ist dank seines in Deutschland ausgebildeten Professors von der westlichen Medizin angetan. Die in Japan heimische Besessenheit vom Fuchsgeist muss – das steht für ihn fest – ein Synonym für eine andere Krankheit sein. In der japanischen Mythologie treten Füchsinnen als Zauberinnen und Verführerinnen auf, die Männer vom rechten Weg abbringen. Zeigen Frauen auffälliges Verhalten, gelten sie als vom Fuchsgeist besessen.
Da es im Land mit der Neurologie noch nicht weit her ist, reist Dr. Shimamura, finanziert durch ein kaiserliches Stipendium, nach Europa, trifft dort u.a. in Paris auf Jean-Martin Charcot, dem er in der legendären Salpêtrière bei seinen Versuchen mit Hysterikerinnen assistiert, in Berlin dann auf Ernst von Leyden an der Charité und zuletzt in Wien auf Josef Breuer & Sigmund Freud. Danach fällt er das Urteil, das therapeutische Gespräch sei keine geeignete Behandlungsmethode für Japaner, da es zu lange dauere und mit der japanischen Höflichkeit nicht vereinbar sei.
Nach Shimamuras Heimkehr nach Japan ist er wissenschaftlich kaum mehr aktiv und hat nur einen Ruf wegen eines einzigen Beitrags in seinem Fach, nämlich der Erfindung gepolsterter Wände für tobsüchtige Geisteskranke. Ansonsten lebt er zurückgezogen, bleibt ein erfolgloser Gedächtnisforscher, umsorgt von den vier Frauen seiner Familie, gönnt sich ab und an ein wenig pharmakologische Entspannung mit Scopolamin und nutzt die Angewohnheit der wissenschaftlichen Welt aus, die ihre Zunft schützt, selbst wenn ein Mitglied schlechter als mittelmäßig ist, um wiederum die eigene "Mädchenseele" zu retten. Da ist Christine Wunnicke wieder einmal eine amüsante subtil-ironische Schilderung eines gescheiterten Lebens gelungen, fand ich.
Das liest sich zunächst so süffig, wie wohl auch die Weine schmecken, die die Protagonistin Lily, eine Studentin der Kunstgeschichte, Tochter chinesischstämmiger Wissenschaftler, mit dem wohl mehr als gut betuchten Matthew Allen (Maier), Spross einer Pharma-Dynastie, bei ihren Treffen trinkt ( überhaupt wird viel getrunken im Buch ). Manchmal hatte das was von Instagram, als der Algorithmus mir noch lauter seichte Lifestyle-Posts untergejubelt hat, die Geschichte gleicht also eher einer trivialen Romanze. Viele Beschreibungen der Lebensumstände Matthews & seiner Familie könnten gleich dem Moodboard #oldmoney bei Pinterest entnommen sein.
Tatsächlich kommt es zur Heirat der beiden auf den Hamptons, ein Sohn wird ihnen nach einigen Fehlgeburten in Peking geboren, wo Lily auch etwas über ihre Mutter in Erfahrung bringen kann. Auch entdeckt sie, dass diese gestrenge Mutter, die wohl von der Karriere der Tochter enttäuscht ist, ihren Schwiegervater, den superreichen Pharma-Unternehmer wohl schon von früher kennt. Warum Lilys Ehe so abrupt geendet hat, blieb mir zunächst ein Rätsel.
Dann ein Zeitsprung vom Jahr 1999 ins Jahr 2020: Der Sohn Lilys mit Namen Nick wächst mit ihr alleine auf einer abgeschiedenen Insel im Pazifik bei Seattle auf. Weil ihm die Mutter den Namen seines Vaters verschweigt und ihm das Rätsel um sein Aussehen - er sieht perfekt aus, wie ein real american, groß, blond, blauäugig, wird aber als Asiate kategorisiert - keine Ruhe lässt, macht er bei einer Genealogie - Plattform einen DNA-Test. Hinter dem Rücken seiner Mutter stößt er auf Matthew, inzwischen der mächtige Boss der Maier-Familienstiftung. Den trifft der Junge wiederholt, aber heimlich.
Eine wichtige Rolle spielt zunächst der gleichaltrige Freund, mit dem Nick beschließt an einer Universität der ivy league an der Ostküste ein Studium aufzunehmen - gegen den Wunsch der Mutter. Er landet in Yale, wohl weil die sanfte Gewalt des Kapitals, verkörpert in seinem Vater, ihm, einem sehr mittelmäßigen & unengagierten Schüler, die Türen geöffnet hat. Da die väterliche Familie als Stifter ihren Namen längst an den Wänden von Bibliotheken und Museen verewigt hat, entgeht Nick ihr nicht, unterlässt aber zunächst den weiteren Kontakt. Als Leserin befindet frau sich plötzlich in einem waschechten Campusroman mit allem Drum & Dran: sexuelle Kontakte, Verliebtsein, kurze Beziehungen, Alkohol, Drogen, kleine Jobs.








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