Anna Who? Jeder, der die Heimatfilme der 1950er Jahren gesehen hat, kennt diese Frau, allerdings unter einem ganz anderen Namen:
Die Filme habe ich auch gesehen, mit der Patentante am Fernseher damals... Jahrzehnte später musste ich mich von solchen Schmarren natürlich ironisch distanzieren. Und das ging nirgends besser als in der Kölner "Filmdose". Dort zog Wally Bockmayer die gefühlige Geschichte ordentlich durch den Kakao und später auch in einer abstrusen Filmversion...
... wo er alle Klischees des deutschen Heimatfilms grotesk übersteigerte. Beide Filme hatten so gar nichts gemein mit der tatsächlichen Geier-Wally. Die war nämlich als Anna Stainer - Knittel wirklich eine rundum beeindruckende Frau.
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| Joseph Anton Koch (1830) |
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| Anton Falger, gezeichnet von Anna Steiner-Knittel (1861) |
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| Selbstporträt um 1857 |
1863 ist aber auch das Jahr, in dem der Mythos der Geier-Wally seinen Ursprung nimmt...
Die Bergbauern des Lechtales kontrollierten damals stets den Adlerbestand. Das machten sie, um zu verhindern, dass die Greifvögel Lämmer rissen. Der Verlust eines einzigen Schafes konnte nämlich darüber entscheiden, ob eine Familie hungern oder satt sein würde. Anton Knittel sicherte sich darüberhinaus durch den Verkauf von Adlern und anderen wilden Tieren einen Teil des Lebensunterhaltes für die Familie. Die Folgen dieser Methode: Ende des 19. Jahrhunderts war der Bart- oder Lämmergeier in den Alpen ausgerottet und blieb es rund 100 Jahre lang. Erst Ende der 1980er-Jahre gab es erste erfolgreiche Versuche der Wiederansiedelung.

"Alle Augen sahen auf mich, ob mir auch noch wohl sei, allein, ich verspürte keine Angst ... grausig kalt wehte der Wind vom Abgrund herauf. Bald darauf sah ich mich ... frei in der Luft schweben. Das Seil fing an, sich zu drehen, sodass ich nunmehr mit dem Gesicht willenlos der schrecklich schönen Aussicht zugekehrt war ... Ich fand den Gesuchten und neben ihm ein halb verzehrtes Lamm ... Zuerst griff ich mit der Hand nach dem jungen Adler ... ich kniete nieder und liebkoste ihn", wird sie es später aufschreiben.Von dieser Tat berichtet die "Tiroler Volks- und Schützenzeitung" am 22. Juni 1863, der deutsche Schriftsteller Ludwig Steub wird so aufmerksam, verfasst und veröffentlicht die Geschichte "Das Annele im Adlerhorst" und Matthias Schmid illustriert. ( Anna hat das Ereignis selbst auch später aufgeschrieben - hier nachzulesen! )
Der Maler, mit dem sie eigentlich in gutem Briefkontakt steht, hat sie nicht mit ihrem Gesicht, sondern mit ihrem Rücken zum Betrachter dargestellt. Sie will aber als ganze Person gesehen werden und nicht als Hintern!
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| Ausschnitt aus: "Selbstporträt im Adlerhorst" (1864) |
Also fertigt sie ihre eigene Version des Abenteuers an: "... so entstand dann das große Ungetüm [...], welches mir soviel Strapazen, Kosten und Sorge verursachte."
Die Präsentation dieses Bildes ist ihr wirklich sehr wichtig, lässt sie ihren Vater doch auch noch einen kunstvollen Rahmen dafür schnitzen, der symbolisch den Bildinhalt erweitert - hier in voller Größe zu sehen, nämlich plus Rahmen ca. 165 × 215 cm ! Damit übersteigt das Werk bei weitem das in der bürgerlich - spätbiedermeierlichen Kunst übliche Format, wird auch nicht verkauft und nimmt eine einzigartige Position im Œuvre der Künstlerin ein.
1867 heiraten die Beiden in Annas Heimatort und gründen ein Geschäft in der Innsbrucker Maria-Theresien-Straße, wo sie ihre Arbeiten ausstellen und verkaufen, Bilder und Bemaltes von ihr, Gipsfiguren, Skulpturen und Madonnen von ihm. Selbstbewusst wie Anna ist, behält sie im Doppelnamen ihren Mädchennamen und besteht auf einem eigenen Bankkonto. Im Jahr 1868 bekommt sie ihren ersten Sohn, Karl, 1870 den zweiten, Leo, und 1871 eine Tochter, Rosa, die sie im Verlaufe der nächsten Jahre oft porträtieren wird und die sie nicht hindern, weiter zu malen und zu unterrichten ( 1873 gründet sie ihre eigene "Zeichen- und Malschule für Damen" in Innsbruck, die sie bis in ihr hohes Alter betreiben wird ). Von ihrem Verdienst kann sie stets eine Hauswirtschafterin bezahlen.
Im Laufe der Jahre bekommt sie viel Anerkennung, so dass die Familie gut leben kann. An die 130 Porträts malt sie, darunter die von Erzherzog Karl Ludwig, Feldmarschall Radetzky und Kaiser Franz Joseph I., den sie für ein großes Schützenfest in Innsbruck innerhalb einer Woche malt. Auch wenn Anna zu jenen Frauen gezählt werden kann, die den traditionellen Rollenzwängen mit etwas Geschick und Diplomatie entkommen können, ist sie bei ihrer Porträtmalerei zahlreichen, durch die Gesellschaft und das akademische System vorgegebenen Einschränkungen unterworfen. Wirkliche Freiheit hat sie nur bei ihren Selbstbildnissen - sechs finden sich später davon in ihrer Hinterlassenschaft.
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| Wilhelmine von Hillern |
Wilhelmine von Hillern verlegt die Geschichte allerdings aus dem Lechtal in das touristisch bekanntere Ötztal und erfindet eine Liebesgeschichte hinzu. Was also als Erzählung über eine starke Frau beginnt, endet wieder mit der Unterordnung, weil im Geist jener Zeit eben nur so beide Geschlechter glücklich werden können - eine alpenländische Variante der "Widerspenstigen Zähmung" Shakespeares quasi ist dieser Roman.
Er wird schon kurz nach seinem Erscheinen in Buchform 1875 in acht Sprachen übersetzt und ist nach dem Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) der erste deutsche Roman, der in Frankreich in der "Revue des Deux Mondes" auszugsweise und später bei Hachette unter dem Titel "La fille au Vautour" herauskommt. Anna/Geier- Wally beschreibt Wilhelmine von Hillern darin so:
"'s is das schönste und stärkste Madel in Tirol' erzählte der Gemsjäger,"aber spröd wie a wilde Katz – die Buab'n lassen sich von ihr heimjagen, daß es a wahre Schand is. Freili kann sie nix dafür: der Vater hat das Madel lasterhaft viel geschlagen und aufzog'n wie'n Buab'n.'"Es ist dieser Roman, dem Genre der Unterhaltungsliteratur zugerechnet, die sich besonders an eine weibliche Leserschaft wendet, der den Grundstein für die Kunstfigur mit dem bis heute geläufigen Namen "Geier-Wally" legt, ein Image, welches zu Lebzeiten der Künstlerin aber keinen wesentlichen Einfluss auf deren eigenes Leben hat.
1892 wird der Roman sogar adaptiert für eine Oper: "La Wally" von Alfredo Catalani. Die Arie der Wally aus dem ersten Akt "Ebben? Ne andrò lontana" wird von der Bühne aus später auch die Kinoleinwand erobern.
Doch zurück zum realen Leben Annas:
Als die Porträtmalerei Mitte der Siebzigerjahre des 19. Jahrhunderts durch die aufkommende Fotografie zusehends ins Hintertreffen gerät und weniger Aufträge eintrudeln, verschlechtert sich die finanzielle Situation der Familie. Auf Anraten ihres Mannes wendet sich Anna nun der Blumenmalerei zu. Sie verziert erst nur Geschirr mit Blumenbildern, später dann, nach reichlichem Üben, malt sie Bilder verschiedenster Größe mit Blumen aller Arten für das gemeinsame Souvenirgeschäft, so genannte unvergängliche Blumensträuße - eine echte Geschenkalternative! Die finden reißenden Absatz. Anna befasst sich auch mit der heimischen Blumenwelt, und ihre botanischen Blätter werden sogar Grundlage für wissenschaftliche Studien.
1891 werden ihre Werke im "Ferdinandeum" ausgestellt und 1911 widmet ihr das Landesmuseum eine Retrospektive.
Anna Stainer - Knittel malt bis zu ihrem Lebensende. Ihr letztes Selbstbildnis beginnt sie noch im Jahr 1915, kann es aber nicht mehr vollenden. Das späte Werk zeigt die Künstlerin, diesmal nicht in Tracht, sondern in einem blauen Kleid mit ovaler Halsschließe an einem Tisch, umgeben von den für ihr Schaffen charakteristischen Elementen. Im Hintergrund ist eine Ansicht ihres Heimatdorfes Untergiblen zu entdecken, ebenso die Staffelei mit einem halbfertigen Gemälde, auf dem Tisch sind eine Vase sowie ein Körbchen mit diversen Blumen. In ihrer linken Hand hält die Malerin eine rechteckige Palette oder ein Skizzenbuch - für mich eine Darstellung dessen, was ihr Leben tatsächlich ausgemacht hat, eines als selbstständige, berufstätige Malerin, das so gar nicht der im Roman propagierten gezähmten Weiblichkeit entspricht.
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| Selbstporträt ( um 1900 ) |
Obwohl sie sich zu ihren Lebzeiten großer Bekanntheit erfreut hat, gerät ihr Schaffen im Lauf der Zeit nach ihrem Tod in Vergessenheit. Trotzdem ist sie heute vielen Menschen ein Begriff als Figur der Populärkultur - das weibliche Tiroler Gegenstück zu Andreas Hofer sozusagen. Da ist sie dann ein Weibsbild mit Eigenschaften, wie sie nur die besten Mannsbilder des Alpenvolkes vorweisen.
Dabei hätte die wahre Geier-Wally dieser Mythologisierung gar nicht bedurft, weil sie ihr Leben bewusst gelebt hat, selbstbestimmt und eigenwillig - eine echte "Femme vitale", wie sie Evelyn Kain sie im Gegensatz zu den in jener Zeit populären "Femmes fatales" treffend charakterisiert .









Danke wieder einmal für einen interessanten Lebenslauf. Das die *Geier Wally* nicht dem Frauenbild des Filmes entsprach, wusste ich schon, aber da hörte es so ziemlich auf. Dabei hatte die echte Anna ein wirklich interessantes Leben. Aber wie so oft, PortraiMalerinnen, HeimatMalerinnen, geraten schneller in Vergessenheit, vor allen Dingen, als weibliche KünstlerInnen.
AntwortenLöschenLiebe Grüsse
Nina
Wunderbar, wie du diese zu unrecht außerhalb Österreichs vergessene Künstlerin wieder zu Bekanntheit verhilfst. Was für eine interessante, selbstständige und tatkräftige Frau. Imponierend, wie sie ihren ganz eigenen Weg gegangen ist.
AntwortenLöschenLiebe Grüße
Andrea
Alfredo Catalani hat der ihr sogar eine Oper geschrieben. Allerdings nach dem Roman von Wilhelmine von Hillern.
AntwortenLöschenDie Oper ist wunderbar und vor allem " Ebben Ne andro lontana" eine wunderbare Arie, mit der die Callas sehr große Erfolge feierte.
https://www.youtube.com/watch?v=-pkNpl-tZIw
Dank für den Lebenlauf.
Grüßle Eva
Hat der Link zu dieser Arie im Post nicht geklappt? Es ist derselbe, den du erwähnt hast...
LöschenLG
Sehr beeindruckend, wie sie schon als Mädchen ihr Leben versucht zu beeinflussen und wie glücklich, dass dann ein verdienter Zufall weiterhilft und die richtige Begegnung. Am Anfang bedurfte es der Männer, aber im Verlaufe kam die Hilfe von Frauen hinzu, die auch auf einmal dazu fähig waren (Mutter, Damen, die bei ihr Zeichenunterricht nahmen) - die Emanzipation nahm ihren Lauf.
AntwortenLöschenDass sie die Geier-Wally war, wusste ich nicht. Aber Angst hatte sie so leicht nicht, das hat ihr im Leben sicher viel weitergeholfen.
Danke für dieses Portrait einer mutigen Frau und großartigen Malerin!
GlG Sieglinde
Ohh, das habe ich nicht gelsen, entschuldige bitte.
AntwortenLöschenAber egal, ich bin von der Oper aber begeistert und dank meines Bruders habe ich sie sogar mit Callas als CD. Sie wird nur ganz selten gespielt.
Lieben Gruß Eva
von Helga:
AntwortenLöschenLiebe Astrid,
Na das ist Dir ja wieder voll gelungen. Dinge existieren von denen man nie was wußte.
Dank Deiner Recherchen werden wir hier, Deine Leser, wieder etwas gescheiter. Ich bin immer aus Neue erstaunt, wieviele Frauen sich durch Jahrzehnte boxten und nicht aufgaben. Da ist Frau eben Frau, ausgestattet mit den Muttergenen stets für ihre Kinder kämpfen zu müßen, während Männer da eben anderen Genen nachgehen.
Meine Schwiegertochter wird sich wieder freuen über diese Geschichte, haben sich mein Sohn mit Familie in Sachrang im schönen Chiemgau eine Ferienwohnung gekauft und eine kleinere für zwei Personen die man mieten kann. Dort haben sie auch solcher Urgesteine in nächster Umgebung, den Müllner Peter und die Mare vom Geigelstein, die nie im Leben ihre Alm verlaßen hat und im Tal war. Kerstin hat dort jetzt geurlaubt und demnächst wird sie uns berichten.
Wie sagt man so schön, Wunder gibt es überall man muß sie nur erkennen.
Schöne liebe Grüße in den Tag von der Helga
....und der Herr Kunstlehrer hat natürlich einen Original Mehlsack vom Müllner Peter
Liebe Astrid,
AntwortenLöschenwieder ein interessantes Porträt einer selbstbewussten Frau, die engagiert und zielstrebig ihren Weg als Malerin gegangen ist.
Danke dir für die Vorstellung - lieben Gruß, Marita
Hallo Astrid,
AntwortenLöschenich kannte zwar die Geschichte von der "Geier-Wally" aus dem Lechtal-Reiseführer, aber das war nur ein kleiner Abriss.
Die ganze Lebensgeschichte ist viel interessanter als zu vermuten war.
Danke für Deinen Bericht und die Callas-Arie habe ich mir auch angehört - eine wunderbare Arie von einer ganz besonderen Frau vorgetragen.
Liebe Grüße
Gudrun
Was eine tolle Malerin! Das Selbstportrait in Lechtaler Tracht! Ich bin sehr überrascht, ausser geierwally wusste ich nichts, schon garnicht, dass sie Malerin war und ihren Weg sehr selbstbewusst und ziemlich erfolgreich ging. Danke für ein sehr aufschlussreiches Frauenportrait. Nachtgrüße, Eva
AntwortenLöschendu hast mich zum lachen gebracht mit den film-ausschnitten ! liebe grüsse
AntwortenLöschenwieder sehr informativ
AntwortenLöschenden Fil kannte ich natürlich
aber nicht den Hintergrund dazu
eine durchsetzungsstarke Frau ..
man sieht dass es mit einem starken Willen möglich war sich auch früher aus manchen Zwängen zu befreien
danke für das Portrait
Rosi
Die Geierwally zum zweiten Mal in meinen Gedankengängen in diesem Monat - das Foto zu Frage fünf bei den fünf Fragen am Fünften dieses Monats ist aus einer kabarettistischen Geierwally-Interpretation.
AntwortenLöschenIch kann mich nicht mehr erinnern, wie wir als Studenten auf Anna Stainer-Knittel aufmerksam wurden. Doch sie war Inspiration in vielen Bereichen.
Jetzt weiß ich durch Dich noch mehr über diese starke Frau. Danke.
Mit vielen Grüßen,
Karin