Sie ist DAS Gesicht der Goldenen Zwanziger Jahre Deutschlands, denn ihr Foto, aufgenommen von Lotte Jacobi ist weltberühmt. Nicht minder berühmt ist ihre Interpretation des Liedes der Seeräuber - Jenny, an der ich bis heute alle Interpretinnen messe. Wenn ich es höre, wünschte ich mir, in jenen Jahren in Berlin dabei gewesen zu sein. Gestern war ihr 119. Geburtstag. Mein heutiger Post ist der unvergleichlichen Lotte Lenya gewidmet.
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| 1914 |
In der Schweiz eröffnet sich der 15-Jährigen jedoch auch eine neue Welt: Sie nimmt Ballett- und Schauspielunterricht und von 1914 bis 1920 tritt sie zunächst als Statistin und Choristin, später in kleinen Rollen am Stadttheater Zürichs auf. Ab Herbst 1916 ist sie gar vollwertiges Mitglied des Corps de Ballet.
Dort lernt sie auch die damals ebenfalls noch unbekannte, später legendäre Elisabeth Bergner kennen, die sich von ihr angezogen fühlt und später erzählen wird:
"Sie wurde immer mit Offizieren gesehen und von Offizieren abgeholt, und immer von anderen, und der Tratsch um ihre Lasterhaftigkeit war enorm. (...) dann war um sie eine Atmosphäre von etwas Verbotenem, also sehr interessant. Das war also die Blamauer."
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| 1923 |
Doch so einfach ist es nicht, in Berlin Fuß zu fassen. Anfangs lebt Lotte vom Verkauf des Schmucks, den ihr ein reicher Liebhaber in der Schweiz geschenkt hat. Erst 1923 findet sie in einer Theatergruppe Arbeit, für die auch Révy tätig ist. Über Révy lernt sie auch den Dramatiker Georg Kaiser kennen, der sie nach Beendigung ihres Engagements in seinem Haus in den Berliner Vorort Grünheide als Haus- und Kindermädchen aufnimmt.
Dort trifft sie im Frühling 1924, als sie ihn mit dem Boot über den Peetzsee von der Bahn abholen muss, auf den Komponisten Kurt Weill. Aber eigentlich es ist nicht ihre erste Begegnung, wie Lotte Lenya zu berichten weiß:
"Eines Tages stieß Révy auf eine Zeitungsannonce, in der man "junge Tänzer, Sänger" für das Ballett die "Zaubernacht" eines jungen Komponisten namens Kurt Weill suchte. Révy begleitete mich, denn auch er suchte Arbeit. Ich kam also zum Vorsingen (...) Es war einfach schrecklich. (...) Ich hörte nicht, wie sie mich aufriefen, denn ich war den neuen Namen, Lotte Lenya, noch nicht gewöhnt. (...) Dann gab mir der Produzent, ein Russe namens Boritsch, das Startzeichen. Ich muss völlig verloren gewirkt haben, bis ich aus dem Orchestergraben eine sanfte Stimme vernahm, die fragte: "Was soll ich für Sie spielen, Fräulein Lenya?" Boritsch drehte sich um und erläuterte: "Oh, das ist Herr Weill, unser Komponist." Ich sah ihn kaum, er war halb unter dem Vorsprung des Orchestergrabens verborgen. Ich fragte ihn, ob er "An der schönen blauen Donau" spielen könnte. In leicht amüsiertem Ton erwiderte er: "Ich denke schon." Sobald ich zu dieser Melodie, die ich praktisch seit meiner Geburt gehört hatte, zu tanzen begann, waren alle meine Ängste verflogen. Nach einigen Minuten sagte der Produzent: "Das reicht!" - mir erschien das zu kurz. Er fragte mich, was ich sonst noch zeigen könnte, und ich imitierte einen seiltanzenden Clown und sang, diesmal ohne musikalische Begleitung, das Lied einer Straßensängerin. Noch immer hatte ich den Komponisten nicht gesehen und würde ihm erst ein Jahr später, unter ganz anderen Bedingungen, wieder begegnen."Eine geradezu magnetische Anziehungskraft herrscht von Anfang an zwischen der Arme-Leute-Tochter aus Wien, die sich mit Gelegenheitsjobs und kleinen Bühnenrollen über Wasser hält, und dem gefeierten Wegbereiter moderner Musik, aus einer jüdischen Kantorenfamilie in Dessau stammend. Sie zieht alsbald zu ihm in seine kleine Wohnung. Um dem Gerede ein Ende zu machen, heiraten die Beiden im Januar 1926. Weill über seine Frau:
"Sie ist ein miserable Hausfrau, aber eine sehr gute Schauspielerin. Sie kann keine Noten lesen, aber wenn sie singt, dann hören die Leute zu wie bei Caruso. (Übrigens kann mir jeder Komponist leid tun, dessen Frau Noten lesen kann.) Sie kümmert sich nicht um meine Arbeit. (Das ist einer ihrer größten Vorzüge.) Aber sie wäre sehr böse, wenn ich mich nicht für ihre Arbeit interessieren würde."Als Lotte Lenya im Juli 1927 beim Deutschen Kammermusikfest in Baden-Baden in Kurt Weills Songspiel "Mahagonny" auftritt, ist die Kritik begeistert, und eine erfolgreiche, wenn auch äußerst schwierige Zusammenarbeit ihres Ehemannes mit Bertolt Brecht beginnt...
Der Text des berühmten "Alabama Songs" stammt aus Brechts Gedichtesammlung "Hauspostille", die heute üblicherweise gesungene englische Fassung ist von Elisabeth Hauptmann, von Kurt Weill die Neuvertonung einer Melodie von Franz S. Bruinier.
Am 31. August 1928 spielt Lotte dann die Rolle der Jenny in der Premiere der "Dreigroschenoper" mit enormem Erfolg, die sie bis heute berühmt macht und sie als "die größte Sängerin aller Zeiten ohne Stimme" ( "eine Oktave unter der Kehlkopfentzündung" sagt sie selbst ) in die Theatergeschichte eingehen lässt. Klar, dass sie dann 1930/31 die Jenny auch in der G.W.-Pabst-Verfilmung der "Dreigroschenoper" spielen darf:
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| Kurt Weill und Lotte Lenya (Mitte) bei der Ankunft in New York im Oktober 1935 mit Francesco von Mendelson , Eleanor von Mendelson (links) und Meyer Weisgall (rechts) Source |
"Sie hat stets einige Freunde, was sie damit begründet, dass sie sich mit Frauen so schlecht verträgt. (Vielleicht verträgt sie sich aber auch mit Frauen darum so schlecht, weil sie stets einige Freunde hat.) Sie hat mich geheiratet, weil sie gern das Gruseln lernen wollte, und sie behauptet, dieser Wunsch sei ihr in ausreichendem Maße in Erfüllung gegangen."Ihr informeller Ehevertrag schließt wie im alten Europa erotische Affären mit anderen Partnern ein, die teils amüsiert toleriert werden, teils die Beziehung bis zum Zerreißen spannen. Was aber steckt dahinter, dass diese turbulente Ehe bestehen bleibt?
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| Das Ehepaar Lenya - Weill in den 1940er Jahren Source |
"Das einzige was mich hier zurückhält ist seine Musik und der einzige Wunsch, den ich habe, alles was ich in den letzten 25 Jahren durch ihn gelernt habe, diese Musik zu verteidigen, sie am Leben zu erhalten, was immer in meiner Macht steht alles dafür zu tun. Wirklich wenige wissen von seiner Bedeutung, besonders hier, wo man ja nur einen Teil seiner Werke kennt. Und ich glaube, darin werde ich meine Lebensaufgabe finden, diese Musik bekannt zu machen."
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| 1951 Source |
1954 kommt der erneute künstlerische Durchbruch, als sie wiederum die Seeräuber-Jenny spielt, über sieben Jahre in 2707 Aufführungen, eine Dreiviertelmillion Zuschauer. Gleichzeitig trägt sie durch Funk- und Schallplattenaufnahmen zur Wiederverbreitung der Brecht/Weillschen Werke in Deutschland und Europa bei.
1955 reist Lotte Lenya dazu gemeinsam mit George Davis wieder nach Deutschland. Auch in den folgenden Jahren kommt sie immer wieder ins Land für Musikaufnahmen. Während eines solchen Aufenthaltes im Herbst 1957 stirbt George Davis, 51-jährig, ebenfalls an einem Herzinfarkt, in Berlin.
Ende der 50er Jahre bahnt sich in ihrer Karriere eine Veränderung an: Sie wird nun auch für ihr ungewohnte, ungewöhnliche Produktionen gecastet. 1960 spielt sie an der Seite Vivien Leighs in "The Romans Spring of Mrs. Stone" eine adelige Kupplerin. Dafür erhält sie sogar eine Oscar-Nominierung. Einem breiteren Kinopublikum wird sie bekannt mit ihrer beeindruckenden Darstellung der Rosa Klebb in dem James Bond- Film "Liebesgrüße aus Moskau" von 1963.
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| Mit Russell Detwiller Source |
Im Sommer 1965 eröffnet sie in der Rolle als Mutter Courage die Ruhrfestspiele in Recklinghausen unter der Regie von Harry Buckwitz. Der Vertrag läuft etwa sechs Wochen.
Doch zum ersten Mal nach vielen Jahren bekommt "die Lenya" überwiegend negative Kritiken. In Deutschland ist diese Rolle eng mit Helene Weigel verbunden, Brechts Witwe und Lottes Gegnerin in all den Auseinandersetzungen zwischen Weill und Brecht. Die deutschen Kritiker bevorzugen einfach deren - berühmte -Interpretation der Rolle. Die Aufführung wird aber im 2. Fernsehprogramm in Deutschland gezeigt.
Im Herbst 1966 übernimmt sie die Rolle des Fräulein Schneider im Musical "Cabaret". 1165 Aufführungen werden folgen. Die Figur der Zimmerwirtin wird extra für sie leicht retuschiert: Die braunen Phrasen fehlen, sie hat einen jüdischen Verehrer, tanzt Quickstep mit Matrosen und singt mit sandiger Stimme: "Wenn man so alt ist wie ich ..." Dafür wird sie 1967 als beste Musicaldarstellerin für den Tony Award nominiert. Der Erfolg befreit sie innerlich: "Sechzehn Jahre lang war ich die Witwe von Kurt Weill. Jetzt bin ich ich!"
Doch der berufliche Erfolg wird überschattet von den Problemen mit ihrem trunksüchtigen Ehemann, der schließlich Ende Oktober 1969 aus seinem Atelierfenster springt und stirbt.
Wieder sind schwere Depressionen die Folge, aber Lotte versucht trotzdem ihre Aktivitäten für Weills musikalisches Erbe fortzusetzen. Sie heiratet sogar noch einmal: 1971 den Filmemacher Richard Siemanowski, wieder ein schwuler Alkoholiker, wie die beiden Ehemänner zuvor, der nach der Trauung gleich in eine Entzugsklinik muss. Das einzige, was sie gemeinsam haben, ist das Kartenspielen. 1973 lässt sie sich wieder scheiden. Auf ihre Weise bleibt Lotte Lenya ihrem Kurt treu...
1973 führt sie die Feier zu Bertolt Brechts 75. Geburtstag am Schauspiel Frankfurt wieder nach Deutschland. Dort singt sie die "Ballade vom ertrunkenen Mädchen", "Seeräuberjenny" und den "Bilbao-Song":
Als Lotte Lenya an Krebs erkrankt, ist sie überzeugt, wieder völlig genesen zu können - ihre tödliche Krankheit will sie einfach nicht wirklich wahrhaben: "Ich bin und bleibe Optimist. Ich liebe das Leben und ich glaube ans Überleben."
1978 hat sie ihren letzten Auftritt in der Avery Fisher Hall. 1979 wird sie in die "Hall of Fame" aufgenommen und besucht in der Metropolitan Opera die Aufführung von "Mahagonny" mit Teresa Stratas in der Rolle der Jenny, von der sie begeistert ist und die sie ihre "Traum Jenny" nennt und ihr eine Reihe von unveröffentlichten Weill-Songs schenkt.
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Am 27. November 1981 erliegt sie ihrem Krebsleiden in New York. Ihre letzte Ruhe findet sie neben Kurt Weill im Mount Repose Cemetery.
Wenn sie im Bilbao - Song so sehnsuchtsvoll gurrt: "Joe, mach noch mal die Musik von damals nach", dann, ja dann, wünschte auch ich mir noch einmal jene goldenen Jahre der deutschen Theaterkultur zurück...









Soviel Stoff wie dieses Leben hergibt, kann ein Musical gar nicht erfinden. Unglaublich, diese Frau.
AntwortenLöschenUnd unvergessen.
Vor vier Jahren waren wir in einer Kurt-Weill Revue im Theater am Schiffbauerdamm. Musik und Texte, alles so lange her und doch so aktuell.
Danke für den höchst interessanten Lebenslauf von Lotte Lenya
sagt Sieglinde
danke fürs erinnern an diese tolle künstlerin!
AntwortenLöschenund auch ich seufze immer wieder mal dass wir ja schon viel weiter waren - in der kunst und gesellschaftlich......... wann werden endlich mal alle chauvinisten ausgestorben sein????
xxx
...wieder eine interessante Frau, liebe Astrid,
AntwortenLöschendie ich bisher nicht kannte...ich komme mit dem Lesen deiner Frauenbiografien kaum hinterher, habe noch ein paar aus der Urlaubszeit fürs später lesen gespeichert ;-)...ich bewundere, wie du das alles recherchierst und so gut lesbar aufbereitest,
liebe Grüße Birgitt
Wie schön, dass Du dieses Mal Lotte Lenya ausgewählt hast. Ich kenne ihre Stimme und Interpretationen, aber die ganze Biographie so ausgebreitet zu sehen, ist wunderbar. Herzlichen Dank, liebe Astrid.
AntwortenLöschenLiebe Grüße
Andrea
Das war ein intensives Abtauchen, danke. Vieles wußte ich, vieles nicht.Ich habe enorme Lust mal wieder die Dreigroschenoper zu sehen.Schiffbauerdammm und Volksbühne waren als Berliner Studentin oft besuchte Adressen.
AntwortenLöschenBei dieser Biografie wird einem so extrem wieder bewußt wie zeitig, also wie jung man sich aufmachen mußte ohne Bildung, wenn man nicht die Möglichkeiten der entsprechenden Schicht hatte und wieviel Kraft in den Frauen steckt, Wege, Umwege zu gehen, aber unbeirrt zu glauben an sich.
Ich laß letztens "Männer scheinen Frauen oft als Muße zu brauchen , um überhaupt aktiv kreativ bleiben zu können, bei Frauen kommt das kaum vor."
viele Grüße, Karen
Das mit den Musen kommt oft vor, aber Weill - Lenya sind mir eher ein Beispiel dafür, wie Mann & Frau auch Synergien bündeln und beide erfolgreich sein können.
LöschenLG
Sie war eine tolle Frau. Ich mag ihre Stimme. Als Mädchen hatte ich eine Schallplatte mit all den bekannten Songs. Leider habe ich keine Ahnung, wo die Scheibe abgeblieben ist. Schade eigentlich.
AntwortenLöschenLieben Gruß
Katala
wunderbar und lebendig geschrieben, vielen Dank für diese Hommage an Lotte Lenya
AntwortenLöschenMartine
Manche Geschichten sind so spannend, da möchte man einfach immer weiter lesen.
AntwortenLöschenIch bin ja doch eher mit der "Konkurrentin" aufgewachsen, jedenfalls offiziell.
Liebe Grüße
Die war auch gut, egal wenn du meinst, ob HW oder GM...
LöschenLG
Ach, war das jetzt schön, diese Klänge wieder mal zu hören und soviel mehr von dieser Frau zu erfahren. Im elterlichen Plattenschrank gab es eine Schallplatte mit den berühmten Songs, die ich gern gehört habe. Diese so besondere Stimme! Danke, Astrid 💛. Meine Stimme ist gerade zwei Oktaven unter Kehlkopf, eher Krähenkrächzen. Meine Güte, da hat mich was erwischt... Gute Nacht aus dem Wald Ghislana
AntwortenLöschenvoller spannung hab ich deinen artikel gelesen und bin tief beeindruckt von ihrer biografie - und wieder von ihrer stimme. was habe ich dieses "surabaya johnny" geliebt und hab es sooo lange nicht mehr gehört.
AntwortenLöschenvielen dank für deinen beitrag und deine ausführliche recherche - du hast mir viele erinnerungen beschert.
liebe grüße
mano
mano