Freitag, 25. März 2016

Raif Badawi, Saudi- Arabien & in dieser Woche: Brüssel



Mein 63. Post für Raif Badawi ist das heute. Und wieder kann ich, wie seit Wochen, nichts Neues berichten. 

Die englischsprachige Welt hat eine Dokumentation aufgewühlt, die gestern im englischen Fernsehen zu sehen war. Die Dokumentation, betitelt "Saudi - Arabia Uncovered", wurde mit geheimen Kameras über einen Zeitraum von sechs Monaten im Land gedreht und bietet einen Einblick in das Gefängnissystem, zeigt bittere Armut auf den Straßen, den herabwürdigenden Umgang mit Frauen und die Rigorosität der Religionspolizei sowie verschiedene Formen öffentlicher Hinrichtungen. In diversen Publikationen wurde die Frage gestellt, warum die Politik nach wie vor mit diesen "Schlächtern" auf Schmusekurs geht.
"Yet Saudi Arabia remains one of Britain’s closest allies, not just in the Middle East but worldwide, as it has for nearly a century. We sell them arms. They sell us oil. The royal families of each country are close. Prince Charles has made numerous trips to the kingdom and, when King Abdullah died last year, flags at Westminster flew at half-mast in a highly unusual tribute to a foreign ruler.

Our leaders conveniently overlook the truth about the desert kingdom", schreibt Peter Oborne in der "Daily Mail", dem eher konservativen Blatt im Inselreich.

Ich tu mir allerdings einen solchen Film nicht an ( wer das möchte, kann es hier tun ), denn meine Fantasie ist ausreichend genug, um meine Sorge um den Blogger und all die Menschen, die sich kritisch äußern oder verhalten, wie es dem Regime nicht passt, erneut zu nähren...


Markt im Brüsseler Stadtteil Molenbeek
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Kritische Fragen und ähnliche Vorwürfe müssen sich nun auch die Politiker im belgischen Königreich nach den Anschlägen dieser Woche in Brüssel erneut gefallen lassen. Und in diesem Zusammenhang muss auch ich wieder Saudi - Arabien & seine Rolle in der Welt ins Spiel bringen:

Das finanzschwache Belgien erhält seit den 70er-Jahren Öl aus Saudi-Arabien zum Vorzugspreis. 1967 kam es zwischen dem damaligem König Baudouin und dessen saudischem Königskollegen Faisal Ibn Abd al-Aziz al-Saud zu einer Abmachung, in der im Gegenzug für die Lieferung preiswerten Öls eine völlig freie Hand beim Aufbau islamischer Glaubenszentren in Brüssel bzw. Belgien garantiert wurde. Dafür erhielt SA den orientalischen Pavillion im Park Cinquantenaire per Pachtvertrag für 99 Jahre und richtete dort die "Große Moschee" ein, nunmehr seit Jahrzehnten das westliche Mekka für radikal-islamische Prediger. Bezahlt werden die Imame und der Direktor der Moschee natürlich mit saudischem Geld von der islamischen Weltliga.

Eine Kernverfehlung des Landes, so ein Jugendminister Belgiens: "Es geht um eine fatale politische Weichenstellung, fast ein halbes Jahrhundert alt, zu deren Langzeitfolgen die zunehmende Radikalisierung marokkanischer und algerischer Einwanderer in Belgien gehört." ( Quelle)

Denn Saudi-Arabien finanziert nach Erkenntnissen des belgischen Geheimdienstes nicht nur die Moschee, sondern seit Jahren auch mehrere radikale Schulen zur Verbreitung der saudischen Staatsreligion, des Wahabismus. Allein in den 22 Moscheen Molenbeeks haben die salafistischen Imame großen Einfluss gewonnen. Der Brüsseler Stadtteil ist damit das Zentrum des salafistischen Islams in Belgien, die "Große Moschee" spielt eine Schlüsselrolle in der internationalen Verbreitung des Wahabismus* und des Salafismus. Einige der Imame der „Großen Moschee“ haben sich übrigens vor einiger Zeit in Richtung Syrien abgesetzt. Noch nach den Anschlägen in Paris taten sich die Imame & der Direktor allerdings als Hüter der kulturellen Verständigung und Vertreter einer friedliebenden Religion hervor ( siehe hier ).

Die kritischen Frage belgischer Medien nach der Infiltration des Landes durch die Wahabiten werden von der Regierung in Brüssel nicht gerne gehört, schon gar nicht beantwortet, will sie es sich mit dem Regime in Riad nicht verderben, denn die Saudis liefern nicht nur jederzeit günstiges Öl, sondern kaufen auch gerne belgische Waffen - rund die Hälfte der belgischen Waffenproduktion ist im letzten Jahr nach Saudi-Arabien exportiert worden.
Auch auf die Wichtigkeit des sonstigen Handels und der diplomatischen Beziehungen verweisen Politik und Wirtschaft immer wieder gerne.  Derzeit investiert z.B. ein saudisches Unternehmen im Hafen von Antwerpen, was 900 Jobs bringen soll.

Jetzt ist das Land Opfer geworden seiner liberalen Haltung und Tolerierung radikaler Lehren & gesetzesfreier Räume, um Konflikte mit Zuwanderern zu vermeiden, aber auch seiner Politik der bloßen Re-Aktion, der sozialen Benachteiligung und der mangelhaften Kooperation aufgrund des flämisch - wallonischen Konflikts, der selbst die Kommunikation der Polizeidienststellen in der Hauptstadt behindert. ( In Brüssel mit seinen 19 Gemeinden oder Bezirken hat jede Gemeinde ihre eigene Polizei - ein logistischer Unsinn in einer Stadt mit 1,4 Millionen Einwohnern. )

Schon nach den Anschlägen von Paris sprachen politische Journalisten wie der Brite Tim King von Belgien als "failed state", von der Dyskunktion des belgischen Staates angesichts der Gesetzlosigkeit, die im Stadtteil Molenbeek, mitten im Herzen Brüssels, herrscht.

Respekt gegenüber den Toten der Anschläge würde es eigentlich gebieten, sich endlich mit den Defiziten im Land tatkräftig auseinanderzusetzen. Auch für ein Umdenken in der westlichen Außenpolitik ist es höchste Zeit - denn die hat meiner Meinung nach im Nahen Osten auf ganzer Linie versagt.

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Doch bevor jetzt hierzulande die einen wieder folgen- & hilflos bekennen "Je suis Bruxelles" und die anderen die Schuldige schon längst wieder ausgemacht haben, nämlich Angela Merkel, die "alles dafür getan ( hat ), dass der Terror in Europa Fuß fassen kann", wie es Vera Lengsfeld unmittelbar nach den Attentaten in die Welt setzte, sollten wir uns auch selbst überlegen, wie wir den Druck auf unsere Regierungen erhöhen können, ihren bisherigen Umgang mit den Finanziers des Terrors aus der Golfregion endlich zu ändern ( alle anderen Verlautbarungen nach den neuesten Anschlägen, alle Lippenbekenntnisse, auch bundesrepublikanischer Politiker, erfüllen da wieder eher den Tatbestand der Scheinheiligkeit ). Oder wie wir die europäische Idee weiterbringen ( statt sie nur beim bequemen Reisen zu nutzen und sonst dauernd daran herumzumäkeln ), denn nur so werden wir ein größeres politisches Gewicht in der Welt haben. Ja, wie wir generell aktiver an unserem gesellschaftlichen Leben teilnehmen, als das in den letzten zwanzig Jahren vielleicht der Fall war. Das spießige Wohlbehagen, wie es der olle Goethe im "Faust" in der Szene des Osterspaziergangs karikiert hat, funktioniert unter globalen Bedingungen einfach nicht mehr:

Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus,
Und segnet Fried und Friedenszeiten.








*Zur Information: Die meisten Wahhabiten leben in Saudi-Arabien und in Katar, wo diese Form des Islam auch die Politik bestimmt. Das internationale Al-Qaida-Terrornetzwerk steht den Wahhabiten nahe und auch die Lehren der Taliban sind dem Wahhabismus nicht fern. Der IS mit seinem Kampf für ein Kalifat beruft sich ebenfalls auf die strengsten Formen des Islam.

Kommentare:

  1. Liebe Astrid,
    wieder ein aufwühlender Bericht.
    Unsere Regierungen müssen enger zusammenarbeiten und
    Eitelkeiten beiseite legen. Nur ein geeintes Europa ist stark.
    Einen besinnlichen Karfreitagabend wünscht dir
    Irmi

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  2. Liebe Astrid,

    von ganzem Herzen Dank für diese klaren Worte inklusive der Ursachen Benennung. Ausnahmsweise hatte ich mir den KStA gekauft, wegen Brüssel und bin sehr enttäuscht über die Berichterstattung: Bla Bla Bla. Das übliche was ich erwarten darf, aber keine Analyse wie es zu diesem Hass kommt, der sich gegen "Ungläubige" richtet. Ich gestehe, ich bin sehr schlecht informiert, vielleicht wird dazu in anderen Medien ausführlicher aufgeklärt . . . Wenn ich etwas verstehen möchte, was ich nicht verstehe, gibt es eine gute Methode: folge der Spur des Geldes. Scheint sich hier wieder zu bewahrheiten.

    Lieben Gruss von pipistrello

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  3. von den Abmachungen zwischen Belgien und Saudi Arabien wußte ich gar nichts, und du hast Recht: dieses < blöde< Geld macht alle, bzw. die meisten Politiker und Machthaber abhängig.!! <und der Wolf im Schafspelz flieht!!!! Welche IRONIE:
    im Moment merke ich meine Wut und Ohnmacht
    Gruß zu dir
    heiDE

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  4. Liebe Astrid,
    ich schätze deine aufklärungsarbeit sehr und danke dir für deine mühe für diesn post.
    herzlich margot

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  5. Wohl wahr, so wahr!! Du hast es auf den Punkt gebracht, und auch die Spießbürger im Faust funktionieren hier nicht mehr. Mir fehlen die Worte ...
    Liebe Grüße,
    Gina

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  6. Dein Bericht lässt mich erschaudern... Ein Filz aus Macht, Geld, Dummheit, Fanatismus, politischer Unfähigkeit und Ignoranz. (Und wieder beschleicht mich die Frage, ob sich in den letzten Jahrhunderten irgendetwas verändert hat, außer der Durchschlagskraft der Waffen...).
    Wer soll/ will diesen Sumpf ausheben?
    Liebe Grüße
    Andrea

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  7. Das Goethezitat passt so wunderbar. Die Mischung aus Gier, Infantilität und Sattheit ist der Wind, dessen Sturm nun so viele ernten. Und die Infantilität ist es auch, die Frau Längsfeld so unglaublich dumme Dinge verlautbaren lässt und die Leute nach einfachen Lösungen, schwarz-weißen Weltbildern und martialischen Tönen lechzen lässt.
    Danke wieder für Deine informative Zusammenfassung und Dein "Dranbleiben".
    Trotz allen Schreckens, trotz der Wartezeit, wünsche ich Dir und Deinen Lieben ganz frohe Ostern
    Lisa

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  8. Dieses Abkommen zwischen den beiden Staaten war mir bislang unbekannt. Es erklärt einiges.
    Dein Goethezitat ist so passend.
    Lieben Gruß
    Katala

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  9. Als stille, jedoch häufige Leserin - Danke!
    Immer wieder! So oft lese ich hier mir Neues.
    Danke und herzlichen Gruß, Martina
    Schöne Feiertage und alles Gute.

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  10. Vielen Dank für die Arbeit, die du dir mit diesem aufklärerischen Artikel gemacht hast. Ich wusste vage über die saudi-arabischen Verbindungen in westliche Staaten Bescheid, aber nicht über diese Einzelheiten, die du hier angeführt hast.
    Das macht wirklich schaudern, vor allem wegen der heuchlerischen Worte (bestürzt, man müsste, man sollte ...) der Politiker, die doch genau wissen, welchen Charakters diese 'Allianzen' sind. Ich befürchte nur, das Ganze wird statt zu vermehrtem Engagement zu stärkeren Ohnmachtsgefühlen führen.
    Ratlose Grüße, Ingrid

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  11. Liebe Astrid,
    vielen Dank für die ausführliche Darstellung! Ich möchte gerne noch etwas beisteuern:
    http://www.lalibre.be/actu/belgique/des-initiatives-pour-contrer-la-mosquee-du-cinquantenaire-55cb723735708aa4377f42f4
    Wir haben in Deutschland auch ein Saudisches Zentrum, das 2004/2005 in die Schlagzeilen geraten ist: Die König-Fahd-Akademie in Bonn
    http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/islamismus-koenig-fahd-akademie-verherrlicht-kampf-gegen-unglaeubige-1162549.html
    http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2006/erste8262.html
    Die Polizei in Brüssel ist übrigens in sechs lokale Einheiten unterteilt die unter der integralen Polizei zusammen gefasst sind und ihrerseits mit der Federalen Polizei (unserer Bundespolizei) dem Innenministerium unterstehen.
    http://www.lokalepolitie.be/portal/fr/zones-de-police-liste/brussel-hoofdstad-bruxelles-capitale.html
    Aber ich gebe dir Recht, dass der flämisch-wallonische Hickhack der Eitelkeiten viele Energien bindet, die man anderweitig nutzen könnte!
    Gros bisou
    Sandra

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    1. Liebe Sandra, du tust gut, noch einmal auf die König - Fahd - Akademie in Godesberg hinzuweisen, die ja schon dem Verfassungsschutz aufgefallen war. Ich selbst habe mit den Auswirkungen in den Köpfen junger Menschen zu tun gehabt, als ich in unmittelbarer Nachbarschaft eine Einrichtung für das Jugendamt der Stadt Bonn geführt habe. Die Schüler waren damals aber noch in der arabischen Vorläuferschule dieser Akademie.
      Angeblich hat der Kölner Regierungspräsident seinen Einfluss auf die Lehrpläne der Schule geltend gemacht und sich von daher Einiges geändert. Auffällig ist und bleibt, dass Bonn & Godesberg ein salafistisches Zentrum ist.
      Siehe auch dieser Beitrag der Deutschen welle dazu ( was sich mit meinen Beobachtungen und der Familienmitglieder deckt, die in Godesberg ganz in der Nähe wohnen ):
      http://www.dw.com/de/von-der-bundesstadt-zur-salafistenhochburg/a-18060455
      Danke für die Korrektur zur Anzahl der Brüsseler Polizeidienststellen.
      LG

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    2. Freunde von uns, die in Bonn wohnen, erzählen von seltsamen Auswüchsen dieser Menschen, die wohl auch als Erwachsene die Gegend um Bad Godesberg bevölkern: Männer, die in Läden einkaufen und sich weigern von Verkäuferinnen bedient zu werden, Mißachtung der Straßenverkehrsordnung auf das Übelste mit riesigen verdunkelten Karossen.....! Als Gäste führen sie sich nicht auf, scheint's!
      Ich wünsche dir auch alles Gute zu deinem Osterhäschen! Ich habe jetzt erst so richtig mitgekreigt, dass ihr Zuwachs bekommen habt! Auf das es gesund und fröhlich groß wird und das in einer Welt auf die wir stolz sein können! Das wünsche ich euch!
      Gros bisou
      Sandra

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