Es schien immer leicht, sich über das "mittelalterliche" Denken und staatliche Vorgehen in Saudi - Arabien zu erheben, werden doch bei uns in Europa die freiheitlichen Rechte des Individuums geachtet und geschützt. Doch es ist nicht alles Gold, was bei uns glänzt. Und seit den Ereignissen in Hamburg sollten wir mal von unserem hohen Ross herunterkommen, denn auch hierzulande fanden auf einmal Beschneidungen statt, die nicht zu rechtfertigen sind:
"Das Recht des Bürgers, durch Ausübung der Versammlungsfreiheit aktiv am politischen Meinungs- und Willensbildungsprozeß teilzunehmen, gehört zu den unentbehrlichen Funktionselementen eines demokratischen Gemeinwesen. Die staatlichen Behörden sind gehalten, versammlungsfreundlich zu verfahren und nicht ohne zwingenden Grund hinter bewährten Erfahrungen zurück zu bleiben."
Zur Aushöhlung des Versammlungsrechts hat sich Heribert Prantl so geäußert ( und ich schließe mich ihm an ) :
"Das Versammlungsgrundrecht gehört geschützt vor den Steinewerfern, vor den Brandstiftern und vor den Plünderern. Es gehört aber auch geschützt vor denen, die dieses Grundrecht für ein verfassungsrechtliches Larifari halten oder gar für ein Grundrecht, das mit Steinewerfern sympathisiert."
Grodotzki & Kietzmann waren im Oktober 2014 bei der Berichterstattung über den Syrienkonflikt gemeinsam kurzzeitig in der Türkei festgenommen worden - der Verdacht, dass türkische Geheimdienste hinter der Aktion stecken, ist schon aufgekommen, wurde aber von unserer Regierung dementiert. Die - angeblich erläuternde - schriftliche Erklärung an Heygster ist auf dieser Seite einsehbar und eine echte Frechheit.
Nachdem am Dienstag die Sache allerorten mediale Aufmerksamkeit erregt hatte, gab die Bundesregierung am Abend eine Erklärung ab: Nicht erst in letzter Minute, sondern von Beginn an hätten gegen diese 32 Journalisten Bedenken bestanden, "Staatsschutzerkenntnisse" deutscher Behörden. Man habe sich vorerst aber mit dem BKA für einen Kompromiss entschieden, die 32 Journalisten zuzulassen, sie gleichzeitig aber zu beschatten. Erst als die Lage sich zugespitzt hätte, so das BKA, habe man diese "Begleitung" nicht mehr leisten können und zum Ausschluss gegriffen. Die weiteren Erklärungen offizieller Stellen werfen inzwischen mehr Fragen auf als sie Antworten geben...
Jetzt begreife ich langsam auch, weshalb die Bundesrepublik auf der jährlichen Rangliste von "Reporter ohne Grenzen" nicht auf den ersten Plätzen liegt. Manchmal drängt sich der Eindruck auf, dass der Umgang mit "Freunden", die eine sehr fragwürdige Einstellung zur Meinungs- und Pressefreiheit an den Tag legen, auch immer mehr abfärbt. Der Autoritätsverlust von Medien wird ja weltweit, aber auch bei uns, von vielen Seiten betrieben. Da finde ich diese Geschichte alarmierend.
Zum Schluss aber noch etwas Erfreuliches:
Die Opposition in der Türkei hat mit einer beeindruckenden Aktion, dem "Marsch der Gerechtigkeit" gezeigt, dass nicht die ganze Bevölkerung des Landes hinter dem Herrn E. steht, und der Vorsitzende der kemalistischen CHP-Partei, Kemal Kılıçdaroğlu, hat all jenen ein Gesicht gegeben, die mit der Entwicklung in ihrem Land in Richtung Autokratie nicht einverstanden sind. Das hat mich beeindruckt, und Kılıçdaroğlu ist für mich eine Art Hoffnungsträger geworden und Anstoß, mich mit jenen "anderen" Türken zu solidarisieren:
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| © Osman Orsal/Reuters |
Die Reaktion des Herrn E. darauf: Zuerst machte er den Politiker lächerlich. Und als immer mehr Menschen sich ihm anschlossen, beschuldigte er die Teilnehmenden natürlich wiederholt der Unterstützung von terroristischen Organisationen und behauptete, die CHP habe ihre Befugnisse als politische Opposition überschritten und sich mit "terroristischen Organisationen und Kräften, die zur Gewalt gegen unser Land anstiften", verbündet.
Frau Jule hat sich am Montag mit dem Thema "Protestkultur" befasst - die Türkei hat da ein imposantes Beispiel geliefert...


danke für die verlinkung. sehr schön, wie du das immer alles recherchierst. für mehr fehlt mir gerade ein bisschen die energie. ich werde das mal morgen noch bei meinen samstagsfunden reinpacken.
AntwortenLöschenliebst,
jule*
ich hab auch nur mit den ohren geschlackert, als ich einen bericht im radio zum akkreditierungsentzug der journalisten hörte und wie damit auch jeglicher datenschutz verhöhnt wurde. der beitrag von nora burgard-arp bestätigt meine meinung dazu nochmal deutlich. ich bin sehr gespannt, wie die bundesregierung sich da noch aus der affäre ziehen wird!
AntwortenLöschengut zum schluss dein positiver bericht über den marsch der gerechtigkeit. hoffentlich landen von den mitwirkenden nicht allzuviele im knast!!
liebe grüße
mano
Ja, wir sind hier immer sehr stolz auf unseren scheinbar so offenen, freien, demokratischen Staat - und dann passieren solche Dinger. Besonders dieser Umgang mit Journalisten entsetzt mich ziemlich...
AntwortenLöschenAber schön, dass du mit einem hoffnungsvollen Thema aussteigen konntest! Ich habe mich sehr darüber gefreut, von diesem Protestmarsch zu lesen und dass alles friedlich abgelaufen ist.
Liebe Grüße,
Sabrina
Gut, dass Du hinter die Dinge schaust.
AntwortenLöschenDer laute Krawall vorne lässt leicht übersehen, was dahinter leise passiert. Die Art und Weise und überhaupt die Tatsache der Nicht-Akkreditierung von Journalisten ist auch eine Form von (struktureller) Gewalt. Wie eine junge Polizistin im TV naiv die Liste hin und her wendet um die Namen in aller Öffentlichkeit zu lesen, das hatte schon was... Und dass was an solchen Journalisten hängenbleibt, kann ich mir gut vorstellen. Ob berechtigt oder nicht.
Der Marsch in der Türkei war eine mutige und kräftezehrende Aktion. Wer weiß welche Folgen sie haben wird? Ich hoffe, die guten und gewünschten.
Dafür gestern Macron und Trump auf Schmusekurs, ne, das muss ich so nicht haben.
Schwierige Zeiten.
Liebste Grüße von Sieglinde
Ja, dieses Macron - Trump - Ding ist für einen Deutschen schon merkwürdig. Aber ich weiß auch nur zu gut, wie die äußeren Umgangsformen in diesem Land so gar nichts aussagen über das, was dahinter steckt. Da kann durchaus ein Plan sein...
LöschenLG
Umgangsformen, hat ja auch das Wort Um-gang in sich. Dein Wort also in Macrons Ohr....
LöschenLG
Toleranz = Gleichgültigkeit?
AntwortenLöschenLG
Astrid rechtsrheinisch
Danke für diese zusammenfassenden Worte. Lieben Gruß Ghislana
AntwortenLöschenAuch ich bedanke mich für deine zusammenfassenden Worte.
AntwortenLöschenBei diesem Protestmarsch habe ich mich vor allem gefreut, dass alles friedlich abgelaufen ist - so müsste es immer sein!
Nur - kürzlich wurden ein Jahr nach dem Putschversuch schon wieder Tausende vom Dienst suspendiert :(.
LG Gerda
Hallo Astrid, ich bin zufällig über deinen Blog gestolpert und finde ihn sehr interessant. Mir gefällt es, dass du über den Tellerrand hinausschaust und die für Menschenrechte und Meinungsfreiheit einsetzt. Ich habe auch vor, in Zukunft solche Themen öfter auf den Blog zu bringen. Ursprünglich wollte ich das Thema Politik heraushalten, aber das macht irgendwie auch keinen Sinn. Liebe Grüße, Amely
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