Auf die heutige Great Women bin ich 1980 aufmerksam geworden, als mir, der Provence-Liebhaberin, mein jüngster Bruder das Bändchen "La Pagerie" zum Geburtstag geschenkt hat und ich - angelockt von den mir bekannteren Namen der Mitautorinnen - mir selbst "Geschlechtertausch: drei Geschichten über die Umwandlung der Verhältnisse" gekauft hatte. Damit "betrat" Sarah Kirsch meinen literarischen Kosmos. Heute wäre sie 91 Jahre alt geworden.
"Niemand darf natürlich glauben was ich so sage.
Am wenigsten ich.
Es könnte ganz herrlich sein so aufm Deich zu sitzen
und über Gott und die Welt zu plaudern
und doch zu wissen: daß es die beiden nicht gibt."
In
Limlingerrode am südlichen Harzrand, einem Örtchen, das heute zur Stadt Bleicherode im Landkreis Nordhausen gehört, kommt Sarah Kirsch also am 16. April 1935 als Ingrid Hella Irmelinde Bernstein im Pfarrhaus zur Welt und wird einen Monat später von ihrem Großvater Paul Bernstein in seiner Kirche nebenan mit Hilfe des barocken hölzernen Taufengels getauft. Dessen Sohn Hermann, ein "
Eigenbrödler", abgebrochener Student der Ingenieurskunst, der nun Uhren & Elektrogeräte repariert, ist Sarahs Vater, verheiratet mit ihrer Mutter Elisabeth "Lisa" Johanna Becker, die - wie das unter den Nazis so erwünscht ist - als Hausfrau wirkt.
Der "brisante Familienname " hat unbedingt einen Ariernachweis eingefordert. Der Großvater schafft es, den bis zum Dreißigjährigen Krieg zu dokumentieren. Darunter viele Samuels, Davids, Korsettmacher, Pferdehändler - aber alle getauft.
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Die junge Familie (1935) |
Der Großvater ist vorher lange Zeit in der Nähe von Breslau als Pfarrer tätig gewesen, hat dort die Tochter eines Breslauer Diakons geheiratet und mit ihr dreizehn Kinder bekommen. Er sammelt Literatur und dichtet selbst vielstrophige Kirchenlieder. Die Mutter, jung zur Halbwaise geworden, ist als "Haustochter" in der Verwandtschaft herumgereicht worden - "eine Art Ausbeutung mit Familienanschluss" -, ist über eine Schwester ihres Zukünftigen, mit der sie befreundet ist, ins Pfarrhaus gelangt, wo sie die vielen Bücher, die Musikinstrumente & Schallplatten, der Trubel & die große Toleranz begeistern. Später ist Teil der Wandervogelbewegung gewesen, eine begeisterte Leserin und Kennerin der Natur:
"Für mich war ganz wichtig meine Mutter, die ein glücklicher Mensch war, obwohl es ihr nicht immer so glänzend gegangen ist. Von der habe ich sämtliche Pflanzennamen gelernt, mit der bin ich immer unterwegs gewesen.[...] sie hat immer auf meiner Seite gestanden. Das ist ein tolles Gefühl." (Quelle hier )
Dem Vater bescheinigt sie später "null Empathie, während meine Mutter fast zu viel davon hatte." Weil die Großeltern gestorben sind und der Vater auf dem Flugplatz im 70 Kilometer entfernten Halberstadt Arbeit als Mechaniker gefunden hat, zieht die Familie dorthin und wohnt im Mietshaus des Großvaters mütterlicherseits. 1939 wird noch ein Sohn geboren, der 1942 an Diphterie stirbt, da der Vater als Theosoph etc. ( er glaubte "an das Leben nach dem Tode in sieben Etagen" ) gegen Impfungen eingestellt ist. Sarah trauert sehr um diesen verlorenen Bruder.
Man lebt in einem eindrucksvoll verlotterten Haus mit 13 Familien, Nazis, Kommunisten, anfangs noch Juden. "Es war großartig! Ein soziales Durcheinander, ein Abklatsch der Welt." Dazu eine "herrliche räudige Gegend" in der Unterstadt, dem Armeleuteviertel, in der Nähe des Güterbahnhofes, von der sich das Mädchen angezogen fühlt, auch von den Schmuddelkindern, deren Mutter das Mutterkreuz bekommen hat. Es herrscht ein gutes Klima in der Gemeinschaft, vor allem unter den Frauen, die unter Getratsche gemeinsam große Mengen Gemüse verarbeiten, zum Einkochen - Vorratswirtschaft in Kriegszeiten! Die Mutter drängt das Kind bemerkenswerterweise nicht in diese Rolle der Hausfrau hinein. Sarah übernimmt häusliche Aufgaben freiwillig und freut sich über wachsende Kräfte.
1941 wird Sarah eingeschult in einem Backsteinbau, der einfach nur nach Schule gerochen hat: nach Leinöl, Kreide, Pissoir. Der Unterricht in NS-Manier schüchtert sie ein: Vierzig Kinder in einer Klasse, der Lehrer schlägt mit dem Rohrstock auf die Köpfe der Schüler. "
Ich war schüchtern und fand alles grauenhaft." Sie hat Schwierigkeiten mit Mathe, wird aber von der Mutter deshalb nicht drangsaliert. "
Bei uns gab es ein Leben außerhalb der Schule, und dafür bin ich heute noch dankbar", wird sie 2006 in "
Kuckuckslichtnelken" schreiben.
Das Beste sei noch der Schulweg gewesen. Ab und zu sieht sie unterwegs in der Stadt KZ-Häftlinge, die ihrer gestreiften Kleidung wegen Zebras genannt werden. Immerhin, schreibt Sarah Kirsch in "Kuckuckslichtnelken", habe ihre Familie nicht die Meinung geteilt, "dass es sich bei den Gefangenen um Verbrecher handelte". Der Vater ist in keiner Partei, wird sich aber auch in Zukunft immer gern nach der herrschenden Klasse richten.
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| Halberstadt am 8. April 1945 vom Westen aus gesehen |
Den für Halberstadt vernichtenden Bombenangriff vom Sonntag, dem 8. April 1945, erlebt das Mädchen gemeinsam mit der Mutter auf der Chaussee nach
Quenstedt, wohin beide gerannt sind, um sich dort in den bereits ausgehobenen Panzerlöchern zu verstecken.
"Wir sind nicht mehr zurückgekehrt. Wir sahen diesen ungeheuren Brand, das hörte ja tagelang nicht auf."
Das Haus der Familie bleibt unerklärlicherweise stehen, doch der Angriff senkt sich als "ein weltanschaulicher Schock" in das Gedächtnis des Mädchens zusammen mit dem Wissen, "dass ich zufälligerweise am Leben geblieben war". Auch als Erwachsene wird sie immer wieder träumen, "dass Fliegeralarm ist, und ich stehe mit meinem Kind, meinem Freund da und weiß nicht, wohin ich mich wenden soll."
Aber erst ist es für die nunmehr Zehnjährige ein "zauberhafter Sommer, bevor die Schule wieder begann." Bereits am 11. April ist der Krieg für Halberstadt vorbei. Am 18. Mai übergeben die Amerikaner die Stadt an die Briten und diese Ende Juni 1945 an die Rote Armee. So wird Halberstadt Teil der SBZ. Sarah wächst nun weiter in "halbwilden Zuständen" auf. In dieser Übergangszeit wird vieles möglich. Sie kommt im Herbst 1945 in eine Mittelschule mit Koedukation. Die Neulehrer "schlichen durchs Dasein", die alten Pauker hatten keine Autorität mehr: "Schon weil wir wussten, welche Lehrer kurz zuvor Nazis waren". Und: "noch hatten sie nichts im Griff."
"Die alte Ideologie war verbrannt, die neue noch nicht fertig. Unsere Seelen durften sich strecken. Wir waren übermütig, weil es uns auf der Schule so gut ging, der Unterricht interessant war, es keinen Fliegeralarm gab. Und es gab viele Ideen, wenn man a bisserl clever war."
Nach der 8. Klasse besteht sie die Prüfung für die Oberschule, schafft es aufgrund ihrer Lernerfolge, ihres Einfallssreichtums, ihrer Schlagfertigkeit zu denen zu gehören, die den Ton angeben. "Gelernte Abneigung hat mich auch vor der DDR-Ideologie gerettet", nimmt sie aus dieser Zeit auch mit in ihr weiteres Leben. Zu ihrer literarischen Prägung meint sie mal in einem Interview:
"Es gab bei meinen Eltern ein Doppelpack im Bücherschrank, und das eine war 'Menschen aus Moor und Heide', und eins war 'Bergwelt'. Zwischen diesen beiden habe ich mich als Kind lange bewegt."
Da es in ihrer Familie eine noch recht umfangreiche, den Krieg überstandene Bibliothek gibt, wird Sarah von der Schule auserkoren, in den Gedichtanthologien Gedichte für den Unterricht herauszusuchen. "Bücher bedeuteten für mich Glück und Wahnsinn." Mit vierzehn beginnt sie auch, eigene Gedichte zu verfassen. Nach dem Schulabschluss streift sie erst einmal durch die sommerlichen Berge & Täler des Harzes und bekommt so nichts von den Ereignissen des 17. Juni in Berlin mit.
Da Sarah auch intensiv
Adalbert Stifter, gelesen hat, nimmt sie dann zunächst eine Forstarbeiterlehre auf, die sie jedoch bald wieder aufgibt: ".
.. ständig Bäume fällen, ... das habe ich nicht ausgehalten. Ich sah von meinem Wald nichts mehr übrigbleiben." Anschließend ab 1954 geht sie zum Studium der Biologie - angeregt durch die fundierten Kenntnisse der Mutter - nach Halle an der Saale, das sie mit einer Arbeit über Parasiten von Mäusen vier Jahr später abschließt. Zwischendurch arbeitet sie in einer Zuckerfabrik, in der Heimerziehung und in einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG).
Ab 1958 nennt sie sich in Abgrenzung zur Elterngeneration, vor allem gegen ihren antisemitischen Vater gerichtet und aus Solidarität mit den im Holocaust ermordeten Juden "Sarah", was die Familie Bernstein durchaus verstimmt. Im gleichen Jahr macht sie die Bekanntschaft mit dem fast gleichaltrigen Lyriker
Rainer Kirsch, der zu diesem Zeitpunkt zur "
Bewährung" in der Produktion tätig ist - eine "
herzzertrümmernden Liebesgeschichte". 1960 wird "
Prinz Herzlos" - so wird er in späteren Werken immer tituliert
- geheiratet.
Von 1963 bis 1965 studieren sie dann gemeinsam am Literaturinstitut "Johannes R. Becher" in Leipzig
"Das war großartig", schwärmt sie Jahrzehnte später in einem Gespräch mit der deutschen Literaturkritikerin Iris Radisch. "Die vielen verbotenen Bücher, die wir dort lesen durften! Camus' Sisyphos, das war das Größte von der Welt. In der DDR ging es ja immer so: Die Geschichte geht in Zickzackbewegungen, und bei Zack heißt es Kopf einziehen. Und nach dem elften Plenum war ziemlich viel Zack. Leute flogen aus der Schule, bekamen keinen Abschluss."
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Ganz rechts mit dem Lyriker Rainer Kirsch (1963/64) |
Ihr erster unter eigenem Namen veröffentlichter Lyrikband 1967 trägt den Titel "
Landaufenthalt". Der Themenschwerpunkt liegt auf dem angestrebten Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur. 1965 hat sie gemeinsam mit ihrem Mann "
Gespräch mit dem Saurier" veröffentlicht, für den sie beide die Erich-Weinert-Medaille, den Kunstpreis der FDJ, erhalten. Ihre Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Halleschen "
Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntniss" hat sie da schon längst aufgegeben, um sich ganz der Dichtung zu verschreiben. Sie ist auch in den Schriftstellerverband der DDR aufgenommen worden, trotz ihrer einigermaßen aufmüpfigen Haltung. "
Mit Sarahs Gedichten war ein neuer, bisher ungehörter Ton in der deutschen Lyrik zu hören", so wohlwollende Kritiker. Von den kulturellen Autoritäten der SED wird sie mit Misstrauen beäugt, allerdings als wichtiges Talent anerkannt, das Preise erhält und ins Ausland reisen darf.
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| 1972 |
Dabei sind für Sarah jene Jahre auch in privater Hinsicht alles andere als einfach: Die Ehe mit Rainer Kirsch wird im August 1968 geschieden, und Sarah verlässt Halle in Richtung Ost-Berlin. Es folgt eine äußerst komplizierte Beziehung mit dem Schriftsteller
Karl Mickel und im März 1969 wird der mit ihm gemeinsame Sohn Moritz geboren. Dieses Verhältnis beschreibt sie in einem Brief an Christa Wolf einmal so:
"Ich sehe überhaupt keinen Sinn mehr in mir... Ich sitze in einem innerlichen und äußerlichen Chaos, ... was ich mir von Karl hab gefallen lassen, wie er mich fortwährend als Dreck beschimpft hat, auch zuletzt, als ich hier richtig zusammengerutscht war und man sehen mußte, daß michs nicht interessierte warf er mir 2 Stunden meine Schlechtigkeit vor + ich konnte mich nicht wehren. Alles in Allem hab ich 7 Jahre ein rechtes Schwein geliebt..." (Quelle hier)
Ihren Sohn zieht sie alleine auf, zuletzt im 17. Stock eines 20-stöckigen Hochhauses auf der Fischerinsel. "Die beiden Nachbarwohnungen waren, wie sich dann viel später herausstellen sollte, konspirative Wohnungen. Die überwachten sich gegenseitig, ob sie uns auch richtig überwachten.", so der Sohn später in einem Interview.
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Verleihung Heinrich-Heine-Preis, links Klaus Höpcke, Stellvertreter des Ministers für Kultur, |
1973 wird Sarah Kirsch der Heinrich-Heine-Preis verliehen, sie wird Vorstandsmitglied im Schriftstellerverband der DDR und ihr Lyrikband "
Zaubersprüche" sowie die Prosabände "
Die Pantherfrau" und "
Die ungeheuren bergehohen Wellen auf See" kommen heraus. Der Lyrikband wird als "
in sexueller und erotischer Hinsicht freiester Gedichtband aus der ganzen bekannten deutschsprachigen Frauenlyrik" beurteilt.
1976 bringt sie den Lyrikband "
Rückenwind" heraus, der von den Motiven Liebe, Trennung und Einsamkeit dominiert wird. Darin spiegeln sich ihre Erfahrungen aus der Beziehung zu dem West-Berliner Lyriker
Christoph Meckel wieder, der durch die Mauer von ihr getrennt lebt.
"Das Leben ist eben politisch, und man kann sich dem gar nicht mehr verschließen. Man wird ja dauernd mit irgendwelchen Problemen konfrontiert, mögen sie nun innenpolitischer oder außenpolitischer Art sein. Es ist gar nicht anders möglich." (Quelle hier)
In der Tat, Sarah Kirsch ist nie eine "
politische Dichterin" gewesen, jedenfalls nicht so, wie das ein Herwegh oder Freiligrath im 19. Jahrhundert gewesen sind. Dennoch ist sie eine politische Autorin in einem umfassenderen Sinn, indem bei ihr Poesie und Politik, Menschlichkeit und Bürgerlichkeit nicht getrennt sind. Im November 1976 unterschreibt sie dann auch die Petition gegen die Ausbürgerung
Wolf Biermanns und wird 1977 aus der SED sowie aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen. Im August des Jahres erhält sie sogar die Erlaubnis zur Ausreise innerhalb weniger Tage, man will sie einfach loswerden. Mit der S-Bahn fährt sie mit Sohn, ein paar Koffern und einer Schildkröte bis Friedrichstraße und kommt bei Freunden in Charlottenburg unter. Schon Anfang 1978 kann sie weiter nach Rom ziehen, denn die mittlerweile 42jährige hat ein Stipendium der Villa Massimo erhalten: "
Rom war ein großes Glück für uns."
Sarah lernt dort in der Villa Massimo
Wolfgang von Schweinitz kennen, einen Komponisten und Mitstipendiaten. 14 Jahre lang werden sie zusammenbleiben. "
Ich gewöhn mich ins Glück" heißt es in dem Band "
Drachensteigen" von 1979. Schweinitz wird ihren Gedichtzyklus "
Papiersterne" 1980/81 vertonen.
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Rechts Wolfgang von Schweinitz (ohne Jahr) |
Nach einem Zwischenspiel in der Charlottenburger Witzlebenstraße - das Berliner Leben wird Sarah Kirsch einfach zu viel - und in Niedersachsen zieht die Dichterin 1983 mit Sohn und Partner nach Dithmarschen. Der Dichterfreu(n)d Günter Kunert hat sie auf eine ehemalige Schule in
Tielenhemme, einem kleinen Ort in Schleswig-Holstein, aufmerksam gemacht. Tielenhemme besteht aus einer einzigen Straße, zehn Kilometer lang, auf die sich die 150 Einwohner verteilen. Das Schulhaus in Eidernähe - in vielen journalistischen Miniaturen idyllisch beschrieben - sagt den Dreien sofort zu.
Sarah hat sich schon länger nach einem weit mehr zurückgezogenen und daher kreativeren Leben in der Natur gesehnt und lebt jetzt mit dreizehn Schafen, fünf Katzen, zwei Schildkröten und einem Esel, beginnt mit Aquarellmalerei und schreibt jeden Tag ab fünf oder sechs Uhr bis mittags. Seit den achtziger Jahren zahlt ihr der Verlag ein monatliches Fixum, bis zuletzt. Sie kann also von ihrer Dichtkunst leben.
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Mit Christa Wolf in Hamburg (1985) |
Dabei sucht sie auch literarisch den Einklang zwischen Mensch und Natur einzufangen, den sie in ihrem 1988 erschienenen Prosaband "Allerlei-Rauh" beschreibt – ein malerischer, leicht idyllischer Alltag fernab von der urbanen Unruhe der jungen Jahre. Vor allem der gemeinsame Sommer 1975 in der legendären DDR-Künstlerkolonie Neu Meteln in Mecklenburg mit Christa Wolf kommt darin vor. Der Band gilt als autobiografisch, auch wenn die Autorin dem Leser darin weiß macht, alles sei frei erfunden. Im Jahr darauf folgt der Lyrikband "Schneewärme", der von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) als "pessimistisch und menschenscheu" bezeichnet wird.
Die Wende durchlebt die Dichterin als kritische Beobachterin aus ihrem selbstgewählten Rückzugsort. Ihr Tagebuch "Ich will nicht mehr höflich sein" reflektiert ihre zwiespältige Haltung, gekennzeichnet von politischer Skepsis & der Sorge um die deutsche Einheit, ergänzt mit Naturbeobachtungen. Ihre Gefühlslage ist eben geprägt durch die Sicht einer, die der DDR den Rücken gekehrt hat, die aber auch das sich formierende neue Deutschland nicht kritiklos hinnehmen mag.
Die Wende & ihre Auswirkungen führen zudem zum Bruch mit Christa Wolf, mit der sie ja seit 1960 freundschaftlich verbunden gewesen ist. Ihre unterschiedlichen Positionen zur DDR und der Wende machen Sarah nun diese Freundschaft unmöglich. Das Bemühen Christa Wolfs, den Konflikt zu bereinigen, bleibt erfolglos. Die letzte Karte von Sarah an sie wird im Dezember 1990 geschrieben.
Als sie 1992 in der Gauck-Behörde Einblick in ihre Akten bekommt, erfährt sie von 15 inoffiziellen Mitarbeitern, die sie bespitzelt haben. "Ein 'IM' von mir ist 'Hölderlin'. Und welches Schwein sich hinter 'Hölderlin' verbirgt, das möchte ich wissen!" Denn dass der Name eines ihrer Lieblingsdichter so missbraucht worden ist, empört sie zusätzlich. Tatsächlich bestätigt sich auch, dass unter den Spitzeln der deutsch-griechische Schriftsteller und Übersetzer Thomas Nicolau, enger Freund von Christa Wolf, gewesen ist.
Als die Zusammenführung der beiden deutschen Akademien der Künste in Berlin ansteht, winkt Sarah ab und verwahrt sich gegenüber dem Präsidenten Walter Jens gegen dieses Zumutung. Das sei "unter waltenden Umständen weiß Gott! keine Ehre. Ich lehne ab. Wird diese Akademie doch in absehbarer Zukunft eine Schlupfbude für ehemalige Staatsdichter und Zuträger der Staatssicherheit sein".
Für ihren im selben Jahr erscheinenden Gedichtband "Erlkönigs Tochter" wird sie 1993 mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet und sie erhält außerdem den erstmals vergebenen Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung in Weimar. Es verwundert nicht, dass eines der ersten Gedichte in diesem Band "Mauer" heißt. Mit ihrem Sohn hat sie die nach ihrer Ausreise von ihrer "bunten" Seite betrachtet.
Diese beiden Ehrungen sind übrigens nicht die einzigen: eine umfassende Liste ist bei
Wikipedia zu finden. Immer wieder wird erwähnt, dass sie in den 1980er Jahren die Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz wegen der NS-Vergangenheit des damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens abgelehnt hat.
Bisher habe ich in diesem Porträt noch wenig zu dem Werk Sarah Kirschs geschrieben, dass so einen „ungehörten Ton" angeschlagen hat, als sie seinerzeit die literarische Bühne betreten hat. Als typisch für den herben, mitunter sperrigen Schreibstil von Sarah Kirsch gilt die Kopplung eines saloppen, zum Teil auch mundartlich eingefärbten Tones mit antiquierten Wörtern und Schreibweisen. Grammatische, syntaktische und ortografische Konventionen bricht sie gerne; kurze, stakkatohafte Zeilen stehen nicht selten neben prosaisch ausholenden Versen. Ihre Prosa klingt nach Berliner Schnauze, ist ätzend, lyrisch, scharf und ziemlich witzig.
"
... nur sie hat ein rabiates, ein Parlando, ein heutiges Sprechen da einfach so sehr reingebracht, das ist das Tolle. Sie war für mich, als ich als junger Mann das gelesen habe, sie war so, als ob jemand direkt mit mir spricht. Und das im Gedicht, es war fantastisch!", äußert sich
der mehr als zwanzig Jahre jüngere Ost- Berliner
Uwe Kolbe und nennt die Kollegin eine
"solitäre Erscheinung". (Quelle
hier)
Andere, wie Günter Kunert, sprechen von der ungeheueren Sanftheit in ihrer lyrischen Sprache, in der eine zersetzende und eine aufklärerische Kraft zugleich am Werk sind.
Dass diesen Gedichten "zwar keineswegs die Festigkeit der Form, wohl aber jede Härte und Schärfe fehlt. Sie sind ungeheuer sanft. Und in ihrer Sanftheit sprechen sie Erschreckendes, ja, das Schreckliche mit schöner Naivität aus, als bestände es in Wirklichkeit nicht, sondern sei eigentlich eine Erfindung unseres Kollegen Hans Christian Andersen". (Quelle hier)
Peter Hacks meint es spöttisch, wenn er von ihrem unverwechselbaren "Sarahsound" spricht. Tatsächlich tritt die Dichterin in einen Dialog mit den Geschwistern aus dem 19. Jahrhundert, mit "der Droste" etwa, als deren "jüngere Schwester" sie Marcel Reich-Ranicki betrachtet hat. Auch Bettina von Arnim ( siehe dieser Post ) gehört dazu, teilt sie doch deren Enttäuschung mit den "Königen des Herzens".
Charakteristisch für die Metaphorik der Sarah Kirsch sind Bilder, die in Alltags-, Natur- oder Landschaftsbetrachtung ihren Ausgangspunkt nehmen, aber eine Verbindung eingehen mit gesellschaftskritischer Subjektivität, die oft Melancholie mit Momenten des Staunens verwebt. Sie nutzt Natur- und Landschaftsbilder auch als Symbole für innere Zustände, Liebe, Vergänglichkeit und politisch-gesellschaftliche Verhältnisse und gibt all dem gerne eine überraschende Wendung.
1996 gibt sie ihre dichterischen Erfahrungen an Studierende im Rahmen ihrer Brüder-Grimm-Professur an der Universität Kassel und 1996/97 als Gastdozentin an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main weiter. "Langweilig ist es mir nie", schreibt Sarah Kirsch 2003. "Immer ist was zu denken. Hoffentlich macht mir Sir Alzheimer keenen Strich durch die Gedanken."
Sarah Kirsch gilt als eine der bedeutendsten deutschen Lyrikerinnen ihrer Zeit. Im Jahre 2005 zu ihrem siebzigsten Geburtstag wird ihr der Bayerischen Literaturpreis ( Jean-Paul-Preis ) als Würdigung ihres literarischen Gesamtwerks verliehen, im Jahr darauf die Ehrenprofessur des Landes Schleswig-Holstein und der Thüringer Verdienstorden. Es ist auch das Jahr, in dem das kleine,feine biographische Bändchen "Kuckuckslichtnelken" in Göttingen erscheint.
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| 2006 |
Am 5. Mai stirbt Sarah Kirsch im Alter von 78 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit in Heide. Ihre Grabstätte wird in ihrem Garten eingerichtet, was in Schleswig Holstein möglich ist. Kein Stein, keine Tafel verweisen auf auf sie. Nur eine purpurfarbene Keramikblüte markiert die Stelle, unter der die Urne begraben ist: "Für Sarah isses genau das Richtige, also es ist kein Dorotheenstädtischer Friedhof, es ist kein Ehrengrab oder irgendwie so was, sondern sie ist wirklich hier im Garten begraben, umgeben von etlichen Katzen", meint ihr Sohn Moritz, der wieder in ihrem Haus lebt und ihren Erbe verwaltet. Der Nachlass liegt im Deutschen Literaturarchiv Marbach, Teile davon sind im "Literaturmuseum der Moderne" in Marbach in der Dauerausstellung zu sehen.
"Nicht mein Inneres fortwährend betrachtend, wenn das die Feder natürlich auch lenkt, aber ich will nicht mein Inneres abfotografieren weil ich mich nicht preisgeben will oder mich außerordentlich finde höchstens den Blickwinkel noch ein gewisses zärtliches Schielen aber das ist bloß das Lachen zwischen den Zeilen."
Weitere Biografien von Frauen in meinem Blog,
die in den vergangenen Tagen einen Gedenktag hatten,
habe ich euch wieder hier aufgelistet:
Vanessa Bell
Leonora Carrington
Sophie Freud
Marlen Haushofer
Jutta Hipp
Nora Joyce
Adelaïde Labille-Guiard
Carmen McRae
Laura Nyro
Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach
Melitta Gräfin von Stauffenberg
Suzanne Valadon
Anna Walentynowicz
Vivienne Westwood
An Sarah Kirsch kommt man ja eigentlich nicht vorbei, wenn man etwas Lyrik mag. Einiges wußte ich von ihrem (öffentlichen) Leben, allein durch die Konflikte vor und nach dem Mauerfall. Ich glaube, zu der Zeit war sie immer mit einem Buch in den meisten Buchhandlungen vertreten.
AntwortenLöschenLiebe Grüße und Dankeschön
Nina
Liebe Astrid,
AntwortenLöschendanke für's Vorstellen von Sarah Kirsch.
Der Bruch mit Christa Wolf und die schwierigen Beziehungen, die sie hatte.
Mir wär solch ein Leben zu kompliziert gewesen.
Liebe Grüße,
Claudia