Donnerstag, 8. Februar 2018

Great Women # 130: Annette Kuhn


Heute möchte ich euch wieder einmal eine Frau vorstellen, der ich persönlich in jungen Jahren begegnet bin, denn ich habe bei ihr studiert. Nach dieser Zeit hat sie sich maßgeblich um die Frauengeschichtsforschung verdient gemacht und in der Stadt meiner Jugend und Studentenzeit ein Haus für Frauengeschichte ins Leben gerufen. Aber richtig interessant fand ich, als ich später ihre Familien- und Lebensgeschichte erfahren habe, die so viel aussagt, über unsere besondere, grausame Vergangenheit & die Auswirkungen des Antisemitismus. Annette Kuhn ist mein heutiges Porträt gewidmet.

Annette Veronica Kuhn kommt am 22. Mai 1934 in Berlin zur Welt. Ihre Mutter Käthe Lewy ist Philologin, der Vater Helmut Kuhn Philosophiedozent an der Berliner Universität, und Annette ist ihr zweites Kind. Beide Eltern sind jüdischer Herkunft, haben aber den protestantischen Glauben angenommen. Die Tochter wird gar durch Martin Niemöller, dem führenden Vertreter der Bekennenden Kirche unterm Nationalsozialismus, getauft, ihre Taufpatin ist die Frau des deutschen Historikers Friedrich Meinecke - ob dies nur Familienüberlieferung ist oder ein Fakt, das muss ich dahingestellt sein lassen, denn in den Taufakten der St. Anna - Kirche in Berlin- Dahlem ist nichts dazu zu finden. 

Helmut Kuhn
Käthe Lewy
Die Mutter stammt aus einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie in Breslau und hat ohne Sondergenehmigung an der Hochschule dort Altphilologie studieren können - damals erstmalig für Frauen möglich. Der Großvater väterlicherseits ist ein ebenfalls assimilierter Jude gewesen, Rechtsanwalt in Lüben ( Niederschlesien ), die Großmutter Martha Hoppe hingegen eine Diakonisse evangelisch-lutherisch christlichen Glaubens, "Arierin", preußisch & deutschnational eingestellt, was sie auch gegenüber der künftigen Schwiegertochter herauskehren wird ( "bessere jüdische Dame" tituliert sie die Auserwählte ihres Sohnes ) . Annettes Vater ist ebenfalls vom Deutschtum beseelt und nimmt - er ist noch Schüler - als fünfzehnjähriger Kriegsfreiwilliger am 1. Weltkrieg teil, was ihn aber als "Mischling 1. Grades" später nicht vor den Übergriffen der Nazis schützen wird. Käthe hingegen wird nach ihren Erfahrungen als Rote-Kreuz- Helferin in einem Lazarett zur überzeugten Pazifistin.

Die Beiden heiraten 1925 in Potsdam, Käthe studiert weiter und betreibt ein Dissertationsvorhaben über Kinderspielzeug im antiken Rom, bis sie 1930 ihren Sohn Reinhard zur Welt bringt. Schon in der Weimarer Zeit verbirgt sie ihre jüdische Identität, denn als Frau ist sie so einer zweifachen Diskriminierung unterworfen ( siehe auch diesen Post ) und führt vor ihrer Eheschließung den Namen Lanke. Ihr Mann "vergisst" seine jüdische Herkunft, um eine Behinderung seiner Karriere zu vermeiden.

Käthe ist überzeugte Demokratin und lehnt den Nationalsozialismus ab. Ihr Mann berichtet nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten von Entlassungen, scheint die Gefährdungen aber nicht wirklich ernst zu nehmen. Es gibt keine Hinweise, ab wann die Familie sich mit konkreten Fluchtgedanken getragen hat. Mit den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 und der Beurlaubung Helmut Kuhns im Januar 1936 von seiner Tätigkeit als Privatdozent an der Berliner Universität spitzen sich Lebensumstände allerdings zu. Da bietet sich eine Einladung zu einem Philosophiekongress in Frankreich geradezu als Chance an. Helmut Kuhn knüpft dort Kontakte zu einer US-amerikanischen Kollegin, die sich für seine Berufung an eine amerikanische Universität einsetzt. 

1937, als ihm die Lehrerlaubnis endgültig entzogen wird, gelingt der Familie die Ausreise nach Frankreich, wo sie in der Abbaye de Pontigny in Nordburgund unterkommen. Wohl fühlen sich die Kuhns dort nicht. Helmut Kuhn nutzt die Zeit & die Möglichkeit seine Kontakte zu pflegen und neue aufzubauen. Über seinen Bruder - schon seit 1933 in London - gelangt zuerst er, dann, nach einem Zwischenaufenthalt in Berlin, seine Frau mit dem älteren Sohn im Juli 1937 nach Großbritannien. Die dreijährige Annette wird von der "Omi" Martha Kuhn später gebracht.
"Was zu meinem plötzlichen In-England- Sein führte, das war mir völlig unbekannt. Ich war ja drei, dreieinhalb dann. Da sind auch nur schöne Erinnerungen. (... ) Alle Bilder aus dieser Zeit sind auch wirklich so glückliche englische Kinderbilder. Und auch nachträglich.... konnte ich die Details nicht wieder herstellen."
Zuerst zieht Helmut Kuhn weiter in die USA, Käthe Kuhn und die Kinder warten bis September 1938 in England auf die Überfahrt - im letzten Moment, wie sie es erinnert. In den Staaten hat die Familie ein Auskommen, weil Helmut Kuhn als Gastprofessor, später als ordentlicher Professor für Philosophie an der University of North Carolina/ Chapel Hill angenommen wird.

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( auf dem Titel ein Foto aus der
Heidelberger Studiezeit )
Dass sie einen jüdischen Familienhintergrund haben, verschweigen die Kuhns auch gegenüber ihren Kindern ( was sie ja schon seit Anfang der 1920er Jahre systematisch getan haben, indem sie die entsprechenden Unterlagen weitgehend vernichtet haben ). Annettes Kindheit steht also auch im Zeichen dieses Schweigens und der Lüge, so dass sich das Kind durchaus hin und her gerissen fühlt. Die Mutter baut eine "Märchenwelt" auf mit der arischen Großmutter in der Rolle der alten Hexe, die das kleine Mädchen in ein "Hitlerküken" verwandeln wollte. Auch über ihre Sorgen wird nicht geredet - "Über Geld wurde in der Familie nie gesprochen, das gehörte sich nicht." -  so dass sich Annette Kuhn später nur an eine glückliche Kindheit im Exil erinnert, in der die Mutter sie nicht nur vor der wahren Identität, sondern auch vor der grausamen Realität auf dem europäischen Kontinent im Unklaren gelassen hat. Auch die in der neuen Heimat praktizierte Rassentrennung irritiert das kleine Mädchen, schätzt sie doch die afroamerikanischen Menschen in ihrem Haushalt sehr.

In den Staaten wird sie eingeschult und kommt gut zurecht:
"Annette ist am meisten amerikanisch angepasst, vor allem was Manieren (oder die Abwesenheit von Manieren) und den südlichen 'drawl' anlangt. Sie ist sehr populär und am Maitage hat sie der Maikönigin die Schleppe tragen dürfen,“ schreibt die Mutter in einem Brief.
Den "drawl" - das langsame, schleppende Sprechen der Südstaatler - wird sie auch beim Sprechen ihrer Muttersprache nicht mehr verlieren und ist mir auch als Erstes aufgefallen, als ich mein Studium begonnen habe. Die USA werden für sie auch immer ein Heimatland bleiben.

Das gute Verhältnis zur Mutter, die für sie Freundin und Vorbild ist, wandelt sich in diesen Jahren in den USA zu einer engen Vater-Tochter- Beziehung, denn immer stärker schätzt die Heranwachsende im Vater den konservativen philosophischen Denker, der sie in die Geheimnisse seines wissenschaftlichen Denkens, in die griechische Sprache und Philosophie einführt.

Es scheint konsequent, dass die Familie nach dem Ende des Krieges dann alsbald in "das gute Deutschland" zurückkehren will, zu all denen, die im Dritten Reich Widerstand geleistet und überlebt haben. Im Juli 1949 kommt Annette mit den Eltern zurück: Der Vater hat in der Zwischenzeit einen "Wiedergutmachungslehrstuhl", eine Professur für Philosophie an der Universität Erlangen, erhalten. Der Bruder hingegen bleibt zurück, will er doch mit der Aussicht auf wohl dotierte Stipendien in den USA und an der Sorbonne studieren ( später wird er Professor in den Vereinigten Staaten werden ).

Zurück in Deutschland wird die Mutter sich im "Hilfswerk des 20. Juli" engagieren und zusammen mit Reinhold Schneider und Helmut Gollwitzer das bis heute erfolgreiche Erinnerungsbuch "Du hast mich heimgesucht bei Nacht" über den deutschen Widerstand herausgeben. Das "Schweigegebot" über den Holocaust hält sie auch nach der Rückkehr strikt ein, so, wie es ihre nichtjüdischen Mitbürger im Lande eisern tun. Annette ist in der Schule in Erlangen, einem humanistischen Jungengymnasium mit militärischer Attitude, die Fremde mit dem komischen Akzent und dem lockeren Umgangsstil der Amerikaner. Sie rebelliert gegen den Drill der Lehrer dort und wird schließlich von der Mutter 1951 in der "Elisabeth-von-Thadden-Schule", einem privaten, protestantischen Internat in Heidelberg untergebracht. Doch auch dort macht Annette die Erfahrung, dass es eine "merkwürdige, für mich unerklärbare Verknüpfung noch mit dem Nationalsozialismus auch an dieser Schule" gibt. Später muss sie sich von einer Lehrerin anhören, dass ja jetzt die Juden "wie die Ratten aus den Löchern kriechen" und alles viel schlimmer geworden sei als im Krieg.

Die mit dem "Schweigegebot" verbundenen Konflikte agiert der Vater zunehmend in der Familie aus, gegen alles, was er als Gefahr für die Familienharmonie ansieht. Die Mutter flüchtet sich in ihren Qualen und Verletzungen in eine intensive Auseinandersetzung mit Gott und identifiziert sich u.a. auch mit Edith Stein, ebenfalls jüdische Studentin der Philologie in Breslau wie sie damals ( siehe dieser Post ). 1953 wird Helmut Kuhn als Professor nach München berufen, wo er nach und nach etliche wichtige Funktionen übernehmen wird. Im Freundeskreis der Familie finden sich nun Katholiken wie Josef Ratzinger, der spätere Papst, oder Romano Guardini, und beide Eltern treten zum katholischen Glauben über. Die Mutter entfernt sich in diesem, vom konservativen Katholizismus geprägten Umfeld weg von den Anschauungen ihres Ehemannes und setzt sich selbst und ihr Gewissen als alleinigen Maßstab für ihr Tun. Die Tochter im Internat versorgt sie mit einer selbst gestalteten Hauspostille, um ihr ihren Glauben zu vermitteln, ihr Kraft und Vertrauen zu geben.

Annette selbst macht 1954 Abitur und studiert anschließend Geschichte, Germanistik, Anglistik und Philosophie – zuerst in München, dann Heidelberg, dann am "Connecticut College for Women" in New England, später wieder in München.

Die "explosive Mischung" ( Barbara Degen ), die sich aufgrund der familiären Schweigepolitik im Elternhaus entwickelt hat, entlädt sich über Annette, als diese, volljährig geworden, sich in einen englischen Kommilitonen, John Kander, verliebt. Vor allem der Vater lehnt diese Beziehung geradezu fanatisch ab ( und verpasst dem jungen Mann gar eine Ohrfeige, als er Annette an seinem Krankenbett antrifft ). Der junge Mann wiederum charakterisiert das Verhalten der Eltern Kuhn als "Parodie von Gesundheit und Ehre aus der wilhelminischen Zeit", ein Freund spricht gar von der Familie als "Olymp des Scheins". Der Vater beharrt auf seinem Dominanzanspruch, die Mutter fürchtet den Verlust der oberflächlich sichtbaren Familienharmonie - in meinen Augen typisch für jene Nachkriegszeit, denn das Konzept, das erlebte Grauen für alle Zukunft vergessen oder gar ungeschehen zu machen in der Überhöhung der Bedeutung der Familie als einzig wahrem Schutzraum, habe ich so und nicht anders selbst im Loslösungsprozess von der Familie erfahren.

Da Annette im Nachkriegsdeutschland einen großen "spirituellen Mangel" empfindet, konvertiert auch sie, beeinflusst durch die Eltern und deren Umgang, zum Katholizismus, findet die Beziehung von Wissenschaft und Religiosität allerdings auch verwirrend. 1959/60 promoviert sie in München bei dem Historiker Franz Schnabel. Anschließend bekommt sie ein Habilitationsstipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft und kann sich materiell vom Vater unabhängig machen - da hört sie von einer Professorenstelle für eine katholische Geschichtsdidaktikerin an der Pädagogischen Hochschule in  Bonn...

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Weil der Vater deutlich gemacht hat, eine Professur an einer PH sei unter Niveau, weiht sie nur die Mutter in ihre Bewerbung ein. Ihr Habilitationsverfahren ist noch nicht abgeschlossen, als sie im Mai 1963 als wissenschaftliche Assistentin, ein Jahr darauf als Dozentin für "Politische Bildung und Didaktik der Geschichte" berufen und im Mai 1967 zur Professorin für "Didaktik der Geschichte und Rheinische Landeskunde" in Bonn ernannt wird. Damit ist Annette Kuhn mit ihren dreiunddreißig Jahren die jüngste Professorin der Bundesrepublik, was ihr große öffentliche Aufmerksamkeit einbringt. Erst kurz vorher waren 1964 die ersten beiden Frauen - Edith Ennen und Ruth Altheim-Stiehl -  überhaupt auf Universitätsprofessuren in Geschichte berufen worden...

In dieser Zeit stellt sie fest, dass sie Ehe und Monogamie für sich nicht passend findet, Beziehungen zu Männern sie in ihrer Entwicklung eher behindern und beginnt eine "Lebens- und Wohngemeinschaft" mit Valentine Rothe, gleichaltrig, ebenfalls Tochter aus gutem Hause, Lehrerin ( von der sie sich drei Jahrzehnte später dann erst wieder trennen wird ). Gemeinsam beziehen sie später ein Haus auf dem Rodderberg mit Blick auf das Siebengebirge. Sie unterstützt ihre Gefährtin bei deren weiterer wissenschaftlicher Karriere und führt mit ihr ein sehr gastfreundliches Haus.

Gebäude der ehemaligen
Pädagogischen Hochschule
Rheinland, Abteilung Bonn
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Ihre Aufgabenbereiche an der Hochschule sind zu Beginn ihrer Professur noch nicht klar umrissen und zentrale Fragestellungen müssen von ihr erarbeitet werden. Mehr und mehr wird ihr deutlich, dass Frauen das Doppelte und zusätzlich etwas ganz anderes leisten müssen, und dass sie "mit dem patriarchalen Gepäck, das ich mit mir herum schleppte kritischer, selbstbewusster umgehen" muss. In der männlich dominierten Welt der Universität fühlt sie sich lange als "Gliederpuppe und Hampelmann".
"Ein erstes Nachdenken über Frauengeschichte begann mit der 68er Bewegung. Als ich im Wintersemester 1971 mein Seminar zur NS-Zeit eröffnete, wollten die Studierenden etwas über Frauen in der NS-Zeit wissen. Ich war überrascht, willigte zwar sogleich ein, begriff jedoch noch nicht, wozu ich Ja gesagt hatte. Schnell bemerkte ich, dass in den Standardwerken Frauen in der nationalsozialistischen Zeit überhaupt nicht erwähnt wurden.
Der Tod der Mutter 1971 ist eine weitere Zäsur, die ihre Erfahrung von Zeit ändert. Sie erkennt, dass "Geschichte: eine Beziehungsgeschichte" ist. Und sie erfährt, als sie den Haushalt der Mutter auflöst, und ihre Liebesbriefe findet, endlich von dem, was immer unerklärlich im Raum gestanden hat: ihrem eigenen Jüdischsein: "Plötzlich war alles klar."

In der Hochschule hat sie 1970 die Aufgabe der Prodekanin übernommen, ab 1972 bis 1974 ist sie gar die Dekanin und sicher aufgrund ihrer Art dafür verantwortlich, dass Konflikte in jener studentenbewegten Zeit dort nicht eskalieren. 1973 holt sie gegen den Widerstand der Hochschule den norwegischen Friedens- und Konfliktforscher Johann Galtung nach Bonn ( für mich eine entscheidende Begegnung, was meine Studien- & Arbeitsschwerpunkte anbelangt ), 1974 gibt sie ihre Einführung in die Geschichtsdidaktik heraus, zu einem Zeitpunkt, als die Bundesländer beginnen, über Rahmenrichtlinien Schulreformen einzuleiten, und begründet damit die Geschichtsdidaktik als Wissenschaft vom historischen Lernen. ( Es ist die Zeit, in der ich beginne, mein an der Uni erworbenes theoretisches Wissen in der Schule praktisch umzusetzen: Der (Geschichts-)Unterrichts soll die Schüler zur "Selbst- und Mitbestimmung" befähigen, ganz im Sinne des "Demokratiegebots" unseres Grundgesetzes ).
"Nicht Diplomatie- und Herrschergeschichte, nicht Geschichte der großen Persönlichkeiten, sondern Geschichte der sozialen Veränderungen, der Erfolge und Mißerfolge der Demokratisierung und der Sozialisierung und der Bedingungen von Emanzipationsbewegungen sind demnach primäre Unterrichtsgegenstände", so ihre Forderung ( die ich hier einmal, auch für Nicht-Pädagogen, aufschreibe, um deutlich zu machen, wie sie mich und meine Arbeit geprägt hat ). 
Vor allem die Hinwendung zur Frauengeschichte setzt bei Annette Kuhn ( bis heute ) ein kreatives Arbeiten und eine fast unübersehbare Aktivität frei. Man kann zu Recht sagen, die Geschichte der Akademisierung und Professionalisierung von Frauengeschichte ist zu einem nicht unerheblichen Teil an der Universität Bonn geschrieben worden. 

Annette Kuhn ist allerdings der Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität gleich doppelt ein Dorn im Auge: Erstens, weil sie sich bei der 1980 bildungspolitisch veranlassten Integration der Pädagogischen Hochschule (PH) in die Universität nicht auf eine untergeordnete Rolle als "Lehramtsausbildnerin" festschreiben lassen will, und zweitens, weil sie sich für die Anerkennung von frauengeschichtlichen Themen in Studien- und Prüfungsordnungen einsetzt. 

Die Auseinandersetzungen zwischen ihr und der Universität gipfeln in einer Dienstaufsichtsbeschwerde der Professorin beim Wissenschaftsministerium und werden zur "Kabinettsache", als die sozialdemokratische Ministerin Anke Brunn gegen die Universität eine Umwidmung des Kuhn-Lehrstuhls in "Didaktik der Geschichte, mittlere und neue Geschichte, sowie Frauengeschichte" veranlasst - zu einem Zeitpunkt, als die Universität eigentlich die Stellenstreichungsvorgaben des Wissenschaftsministeriums kreativ in eigener Sache nutzen will, um die eigenwillige Streiterin für die Sache der Frauen loszuwerden. 

Es folgen zermürbende Jahre, in denen sie  beharrlich um die Anerkennung frauengeschichtlicher Prüfungsthemen kämpft, bis ihr 1985 die staatliche Prüfungserlaubnis entzogen wird. Die Begründung u.a.: Arbeiten mit frauengeschichtlichen Erkenntnisinteressen bewegten sich in einem "Korsett", sind "überflüssig" und als geschichtliches Fach "zu eng" bis "zu unwissenschaftlich". Frauengeschichte, wie sie Annette Kuhn lehrt, versäume angeblich die Einordnung in den geschichtlichen Gesamtzusammenhang. Erst nach zwölf Jahren, kurz vor dem Ende ihrer akademischen Tätigkeit, wird die Professorin wieder in den Prüfungsausschuss berufen. ( Wie sehr das männliche Beharrungsvermögen, eine verkrustete Berufszunft die Forschung dominiert, zeigt, dass nach der Eremitierung Annette Kuhns 1999 der Lehrstuhl nicht mehr besetzt wird, und die Frauengeschichtsforschung in Bonn sich heute über Drittmittel finanziert. )

Auf Wunsch ihrer Studierenden holt Annette Kuhn 1985 das letzte Historikerinnen-Treffen in der Bundesrepublik  nach Bonn. Doch das Treffen fördert zu Tage: Die unterschiedlichen lebensweltlichen, fachwissenschaftlichen und akademischen Interessen, die historisch interessierte Frauen, Lehrerinnen, Nachwuchswissenschaftlerinnen und Akademikerinnen an Geschichte herantragen, passen zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zusammen: Frauenbewegung und Frauengeschichtsforschung fallen zunehmend auseinander.

Eva Glees
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Als versierte und erfolgreiche Herausgeberin zahlreicher Sammelbände zur Frauenforschung trägt sie aber maßgeblich dazu bei, dass "der feministische Blick" unter den Studierenden mehr und mehr zur Selbstverständlichkeit wird und bis heute eine Fülle verschütteter historischer Frauenerfahrungen ans Tageslicht bringt. Eine solche Lebensgeschichte hat auch die nach England emigrierte Zahnmedizinstudentin Eva Glees, geborene Löb, aufzuweisen, zu der Annette Kontakt aufnimmt, sie besucht und sich in sie verliebt, was das Ende ihrer Beziehung zu Valentine Rothe bedeutet. Ihre wissenschaftliche Zusammenarbeit mit der einstigen Partnerin endet dann 2003.

Ihre Emeritierung - von ihr anfangs gefürchtet, von den Studierenden mit Protest begleitet - kommentiert sie im Nachhinein so:
"Jetzt hast du's geschafft, jetzt kannst du wirklich hinschauen. Ich dachte, ach das tut weh, aber im Grunde ist es so beglückend, dass ich dieses etwas Ängstlich - Schmerzhafte als auch was Gutes, was dann passiert, sehr akzeptiert habe (... ) die eigentlichen Früchte genieße ich jetzt erst."
Haus der Frauengeschichte
in Bonn
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2000 gründet sie den Verein "Haus der FrauenGeschichte e.V.". Der Plan, ein eigenes frauengeschichtliches Museum, nimmt Gestalt an und 2009 gründet sie die "Annette - Kuhn - Stiftung" und das "Haus der Frauengeschichte", ganz in der Nähe des Bonner Frauenmuseums mit dem Schwerpunkt Kunst.

Im Jahre 2003 bringt sie ihr persönlichstes Buch heraus: "Ich trage einen goldenen Stern". Darin beleuchtet sie den schwierigen Weg ihrer Identitätssuche als Deutsche, Jüdin und feministische Wissenschaftlerin.

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Heutige Generationen junger Frauen wissen wohl nicht mehr so genau, unter welchen Bedingungen sich Frauen-, Geschlechter- und Genderforschung überhaupt in der heutigen Form etablieren konnte. Sie argumentieren kritisch und vehement mit Judith Butler, dass die Frauen- und Geschlechterforschung die Heteronormativität  nur weiter geschrieben hat. Diese, oft vehement geführte Debatte erleben viele Feministinnen ihrer Müttergeneration, zu der ich mich auch zähle, als kränkend, weil wir dafür gekämpft haben, dass "Geschlecht" als soziale und historische Kategorie überhaupt in der Gesellschaft und der akademischen Welt anerkannt wurde. Vielleicht trägt dieser, zugegeben lange Post, zu einem besseren Verständnis der Geschichte bei. 

Ich würde es mir wünschen...



Kommentare:

  1. Kein Wort zu lang, Dein Post, und ich sitze hier mit Ganzkörpergänsehaut. Wunderbar, meine Liebe, danke für diese wunderbare Serie toller Frauen!
    Liebe Grüße,
    Katrin

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  2. Liebe Astrid, das ist wieder ein sehr interessantes Porträt! Was für eine Lebensgeschichte! Und immer wieder finde ich es besonders bemerkenswert, wie unterschiedlich die Entwicklung von Frauen in der Wissenschaft/Forschung und die damit gesellschaftspolitisch verbundenen Wege in den ehemals beiden Teilen Deutschlands verlaufen sind. Herzlich, Sunni

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  3. Ich lese ja kaum Blogbeiträge auf dem Handy - außer Deine Great Women schon morgens beim Frühstück. Jetzt nochmal und in Ruhe. Wieder spannend und erschütternd, diese Verleugnung der eigenen Wurzeln durch die Eltern...
    Liebe Grüße
    Andrea

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  4. Die Geschichte der Frauenbewegung in der Bundesrepublik ist für mich immer wieder sehr spannend. Eigentlich sind es ja böhmische Dörfer für mich und oft hatte ich Schwierigkeiten, mich da reinzudenken und manchmal fehlt mir da und dort auch das Verständnis. Gerade wenn sich an Begrifflichkeiten abgearbeitet wird, aber die Praxis von Alleinerziehenden keinen interessiert.
    In der Verfassung der DDR von 1949 stand "Alle Gesetze und Bestimmungen, die der Gleichberechtigung der Frau entgegenwirken, sind aufgehoben." Die Lohnlücke zwischen Mann und Frau war viel geringer, Frauen in Männerberufen waren normal, ebenso die Vollbeschäftigung für Frauen, Kinder waren von der Geburt bis zum Ende der Grundschulzeit staatlich betreut, Abtreibung ein Grundrecht. Es waren quasi alle Forderungen der westdeutschen Frauenbewegung Alltag. Nun war das ja in der DDR nicht so, dass der Staat die Frauen besonders geliebt und geschätzt hat, sondern es war politisch so gewollt - zum Nutzen des Staates und nur deshalb.
    Aber ich bin eben so hineingewachsen. Deine Posts zum Thema zwingen mich dann immer zur Auseinandersetzung damit und helfen sehr beim Verstehen.
    Liebe Grüße

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  5. Vielen Dank für diesen spannenden Beitrag. Ich lese diese Reihe (und auch andere Posts von Ihnen) sehr gern und finde Ihr Engagement sowie Stil und Informationsgehalt der Artikel großartig. Oft denke ich beim Lesen an meine Mutter (Jahrgang 1924, gest. 2006), der die Frauenbewegung sehr am Herzen lag (und die ihre Haltung an mich weiter gegeben hat) und der Ihre Texte bestimmt ebenso gefallen hätten. Mit herzlichen Grüßen aus dem Bergischen Land
    Juliane

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  6. Mir geht es da etwas wie Gretel. Doch besonders spannend an diesem Post finde ich, wie sich Biografien manchmal gleichen. Das verschweigen der jüdischen Herkunft bis zur Vernichtung aller Unterlagen, die darauf schließen lassen könnten, den totalen Rückzug in die Familie uws. Sehr interessant.
    Lieben Gruß
    Katala

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  7. Lang mag er sein, dein Post, aber keinesfalls zu lang. Ich glaube, bei Annette Kuhn hätte ich gerne studiert.

    Und ja, ich würde gerne in einer Welt leben, in der das Geschlecht keine Rolle spielt und die Aufteilung absurd ist. Aber solange Unterschiede gemacht werden und sie für viele so schmerzhaft spürbar sind, ist es halt noch nicht so weit und man muss hingucken.

    Liebe Grüße
    Sabrina

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  8. Liebe Astrid,
    ich kann mich da Gretel nur anschließen. Allerdings bin ich ja schon seit 1990 in Erlangen und mir ist das schon ein Begriff. Denn ich musste teilweise miterleben, dass es in Westdeutschland schlechter bestellt war um Kinderbetreuung und Anerkennung von Frauen in Männerdomänen etc. Mich erstaunt, dass Annette Kuhn noch 1985 die Prüfungserlaubnis entzogen worden ist und niemanden das Thema interessierte...Frauen in der Geschichte.
    Ich glaube, dich hat es aber sehr geprägt, dass du sie als Professorin hattest, sonst würden wir nicht die vielen Frauenberichte hier auf deinem Blog lesen. Es ist zu bewundern, dass A. Kuhn nicht aufgegeben hat, sondern immer weiter an ihrem Thema dran geblieben ist und es nun sogar ein Museum gibt.
    Ich bin etwas erstaunt, dass sie in Erlangen auf einem Jungengymnasium mit militärischem Hintergrund war. Das klingt ja gar nicht, als wenn es für Mädchen gedacht war. Wäre mal interessant, ob es die Schule unter anderem Namen heute noch gibt. Die Schule von meinem Sohn ist es wahrscheinlich nicht.
    LG Sigrun

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    1. Jungen- & Mädchengymnasien sind erst nach 1980 in koedukative Schulen umgewandelt worden ( aber auch nicht alle, die in kirchlicher Trägerschaft blieben, was sie waren, so z.B. mein altes Gymnasium ). Ich war auch noch in einer Grundschule mit getrennten Klassen für Jungen & Mädchen.
      Ich weiß aber auch nicht, ob Frauengeschichte in der DDR so angesagt war. Auf jeden Fall war Annette Kuhn auch eine Zielscheibe für viele junge linke Mitstudenten. Im Nachhinein kriege ich noch so einen Hals ob dieser Anmaßung. Sie hat mich aber nicht auf das Frauenthema gebracht, bei ihr bin ich zur Friedenserziehung gekommen, wie ich erwähnt habe.
      Frauengeschichte habe ich erst als ausgebildete Lehrerin nach und nach erlesen.
      LG

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  9. Soviel Familiengeheimnis, das muss sich ja wie ein Schatten auf einen legen. Zum Glück hat sie es entdeckt, wenn das auch natürlich schmerzhaft war und erschreckend.
    Die Sache der Frauen zu vertreten hat sich auch noch nie sonderlich positiv auf Karrieren ausgewirkt. Aber für die eigene Entwicklung ist es sehr befreiend und befriedigend. Und wir verdanken solchen Frauen viel. Nicht nur Stiftungen, Forschung und Museen, sondern auch persönliche Achtung und Selbstverständnis, die nicht von Männern abgeleitet sind.
    Ohne Frauen wie Annette Kuhn wäre ich nicht die, die ich heute bin.
    Danke, dass Du die Zusammenhänge so gut darstellst und diese Frauen uns zur Seite gibst.
    Heute ist Weiberfasching, das könnte doch nicht passender sein. Frauen übernehmen den ihnen zustehenden Teil der Welt. Möge es über Fasching hinausgehen...
    Herzlichst, Sieglinde

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  10. Wieder ein guter Beitrag von dir. Du wählst dir deine Protagonisten sehr gut aus und ich bin immer wieder erstaunt darüber, was ich da lese. Ich freue mich, dass ich deinen Blog gefunden habe. Und ich habe noch nicht mal alles gelesen. Beste Grüße von Rela

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  11. Ein spannendes Porträt, das nicht nur von Annette Kuhn, ihrem Leben, Leiden und Arbeiten erzählt, sondern auch von dir und deiner Haltung. Ihr musstet wohl zusammentreffen 😃. Herzlich danke, liebe Astrid

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  12. als ich ende der 1980er jahre als frauenbildungsreferentin gearbeitet habe, gehörten natürlich ihre bücher zur standardlektüre. ihre eigene geschichte hingegen kannte ich nicht. unglaublich, was noch in den 1980er jahren an den unis passierte!! und heute womöglich in teilen immer noch so...
    danke für deinen ausführlichen bericht, ich hab ihn voller spannung gelesen.
    liebe grüße
    mano

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  13. sehr interessant zu lesen. Vielen Dank für Deine Mühe und die wunderbaren Texte!

    sei lieb gegrüßt
    Anja

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  14. Liebe Astrid,
    vielen Dank für das ausführliche Porträt einer sehr interessanten Frau.
    Unglaublich, dass die Eltern ihre Wurzeln vor der Tochter geheim hielten.
    Ich beneide Dich um Deine Gabe solche Texte zu verfassen.
    Viele Grüsse Margot

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  15. Kein Wort zu lang und wie immer sehr interessant. Ich kann mich an keine einzige Professorin in meinem Studium erinnern. Es gab keine. Da ist ne ganze Menge feministischer Blick an mir vorbeigegangen. LG Eva

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